Transkript: Michael Köhlmeier beim Gedenkakt des Parlaments gegen Gewalt und Rassismus

Transkript von Dieter Zirnig am 05.05.2018

Transkript: Michael Köhlmeier beim Gedenkakt des Parlaments gegen Gewalt und Rassismus

Freitag, 4. Mai 2018

tvthek.orf.at

Transkriptstatus: Samstag, 5. Mai 2018

Quelle: tvthek.orf.at

Bildquelle: ORF


Zum Stream auf tvthek.orf.at


neuwal


Dieter Zirnig

Dieter Zirnig (neuwal.com)

Transkript


Moderation und TeilnehmerInnen

Michael Köhlmeier

Michael Köhlmeier

Autor

 


Bildquellen
Michael Köhlmeier: Wikipedia/Dieter Zirnig, CC BY 2.0
Bildquelle Header: tvthek.orf.at

Person Zeichen Worte

Michael Köhlmeier

4.537 763

Gesamt

4.537 763








Michael Köhlmeier

Sehr geehrte Damen und Herren, Präsident Sobotka hat mir Mut gemacht, als er gesagt hat, man muss die Dinge beim Namen nennen. Und bitte erwarten Sie nicht von mir, dass ich mich dumm stelle. Nicht an so einem Tag und nicht bei so einer Zusammenkunft.

Ich möchte nur eines: Den Ermordeten des NS-Regimes von deren Leben die jungen Damen und Herren vorhin so unglaublich eindringlich berichtet haben in die Augen sehen können. Und sei es auch nur mit Hilfe Ihrer und mit Hilfe meiner Einbildungskraft.

Und diese Menschen h√∂re ich fragen: Was wirst Du zu jenen sagen, die hier sitzen und einer Partei angeh√∂ren, von deren Mitgliedern immer wieder einige nahezu im Wochenrhythmus naziverharmlosende oder antisemitische oder rassistische Meldungen abgeben. Entweder gleich in der krassen √Ėffentlichkeit oder klammversteckt in den Foren und Sozialen Medien. Was wirst du zu denen sagen?

Willst du so tun, als w√ľsstest du das alles nicht. Als w√ľsstest du nicht, was gemeint ist, wenn sie ihre Codes austauschen. Einmal von gewissen 'Kreisen in der Ostk√ľste' sprechen. Dann mit der Zahl '88' spielen. Oder wie eben erst den Namen 'George Soros' als Klick verwenden zu Verschw√∂rungstheorien in der unseligen Tradition der Protokolle der 'Weisen von Zion'. Der Begriff 'stichhaltige Ger√ľchte' wird seinen Platz finden im W√∂rterbuch der Niedertracht und der Verleumdung.

Gehörst du auch zu denen, höre ich fragen, die sich abstumpfen haben lassen. Die durch das gespenstische immer wieder dieser Einzelfälle nicht mehr alarmiert sind, sondern im Gegenteil, das häufige Auftreten solcher Fälle als Symptom der Landläufigkeit abtun, des Normalen, das kennen wir eh schon, des einschläfernden 'ist nichts Neues'.

Zum gro√üen B√∂sen kamen die Menschen nie mit einem Schritt. Nie. Sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien f√ľr eine gro√üe Emp√∂rung. Erst wird gesagt, dann wird getan.

Willst du es dir - so höre ich fragen - des lieben Friedens willen widerspruchslos gefallen lassen, wenn ein Innenminister wieder davon spricht, dass Menschen konzentriert gehalten werden sollen.

Willst du feige die Zähne zusammenbeißen, wo gar keine Veranlassung zur Feigheit besteht. Wer kann dir in deinem Land, in deiner Zeit schon etwas tun, wenn du die Wahrheit sagst.

Wenn diese Partei, die ein Teil unserer Regierung ist, heute dazu aufruft, dass Juden in unserem Land vor dem Antisemitismus mancher Muslime, die zu uns kommen, gesch√ľtzt werden m√ľssen, so w√§re das recht. Und richtig. Alleine - ich glaube - den Aufrufen nicht.

Anti-Islamismus soll mit Philosemitismus begr√ľndet werden. Das ist genauso verlogen wie ehedem die neonkreuzfuchtelnde Liebe zum Christentum. S√ľndenb√∂cke braucht das Land.

Braucht unser Land wirklich S√ľndenb√∂cke?

Wer traut uns solche moralische Verkommenheit zu?

Kann man in einer nahestehenden Gazette schreiben 'die befreiten H√§ftlinge aus Mauthausen seien eine Landplage gewesen' und zugleich zu Verteidigern und Besch√ľtzern der Juden aufschwingen?

Man kann. Ja man kann.

Mich best√ľrzt das eine - das andere glaube ich nicht.

Und wer das glaubt, ist entweder ein Idiot oder er tut so, als ob. Dann ist er ein Zyniker. Und beides möchte ich nicht sein.

Meine Damen und Herren, Sie haben diese Geschichten geh√∂rt, die von den jungen Menschen gesammelt wurden. Und sicher haben Sie sich gedacht, h√§tten diese armen Menschen damals doch nur fliehen k√∂nnen. Aber Sie wissen doch, es hat auch damals schon Menschen gegeben, auf der ganzen Welt, die sich damit br√ľsteten, Fluchtrouten geschlossen zu haben. Ich habe lange dar√ľber nachgedacht, was ich heute vor Ihnen sagen soll. Und mir w√§re lieber gewesen, man h√§tte mich nicht gefragt, ob ich sprechen will. Aber man hat mich gefragt und ich empfinde es als meine staatsb√ľrgerliche Pflicht es zu tun.

Es w√§re so leicht, all die Standards von 'Nie wieder' und bis 'Nie vergessen', diese zu Phrasen geronnen Betroffenheiten aneinander zu reihen wie es f√ľr Schulaufs√§tze vielleicht empfohlen wird um eine gute Note zu bekommen.

Aber dazu m√ľsste man so tun als ob.

Und das kann ich nicht und das will ich nicht.

Schon gar nicht an diesem Tag, schon gar nicht bei dieser Zusammenkunft. Ich möchte den Opfern, die mit Hilfe der Recherchen und der Erzählungen dieser jungen Menschen und mit ihrer und mit meiner Einbildungskraft zu mir und zu Ihnen sprechen und mir zuhören. Ihnen möchte ich in die Augen sehen können. Und mir selbst auch.

Und mehr habe ich nicht zu sagen. Danke.