'FrĂŒhstĂŒck bei mir' mit Ulrike Lunacek und Claudia Stöckl

Transkript von Dieter Zirnig am 02.07.2017

Transkript: 'FrĂŒhstĂŒck bei mir' mit Ulrike Lunacek und Claudia Stöckl, 02.07.2017

Sonntag, 02. Juli 2017

Ö3/FrĂŒhstĂŒck bei mir

Transkriptstatus: Freitag, 07. Juli 2017

Quelle: oe3.orf.at

Bildquelle: -


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neuwal


Dieter Zirnig

Dieter Zirnig (neuwal.com)

Transkript, Fakten, Quellen


Moderation und TeilnehmerInnen

Claudia Stöckl

Claudia Stöckl

Moderatorin FrĂŒhstĂŒck bei mir, Ö3

 
Ulrike Lunacek

Ulrike Lunacek

Spitzenkandidatin der GrĂŒnen #NRW17

 


Bildquellen
Claudia Stöckl: facebook.com/claudia.stockl.33/
Ulrike Lunacek: gruene.at
Bildquelle Header: oe3.orf.at

Audiofile 'FrĂŒhstĂŒck bei mir'

Quelle: http://files2.orf.at/vietnam2/files/oe3/201727/00012193_532349.mp3



'Frühstück bei mir' Feed

orf.at/podcast

itunes.apple.com



Tracklist: Frühstück bei mir



Person Zeichen Worte

Claudia Stöckl

10.490 1.769

Ulrike Lunacek

37.492 6.539

Gesamt

47.982 8.308








Claudia Stöckl

Einen schönen guten Morgen.

Ulrike Lunacek

Schönen guten Morgen, Frau Stöckl.

Claudia Stöckl

Sie haben eine turbulente Zeit hinter sich. Sehr viel in Ihrem Leben hat sich geĂ€ndert mit diesem 18. Mai, an dem GrĂŒnen-Chefin Eva Glawischnig ĂŒberraschend zurĂŒckgetreten ist. Und Sie mussten sich innerhalb von 48 Stunden entscheiden, ob Sie grĂŒne Spitzenkandidatin bei den Nationalratswahlen sein wollen oder nicht. Wie oft haben Sie sich denn in diesen letzten sechs Wochen gedacht, eigentlich hĂ€tte ich gerne mein altes Leben zurĂŒck?

Ulrike Lunacek

Vielleicht ein zwei Mal. Aber es war eine Entscheidung, die mir nicht leichtgefallen ist. Ich habe auch erst... Das war am Mittwoch in der Nacht, als es dann in den Medien stand... Ich war in Straßburg, wir hatten Europaparlaments-Plenum. Ich war mit zwei Kollegen gemĂŒtlich Abendessen. Und bin dann um halb zwölf ins Hotel zurĂŒck und mach das Internet auf und sehe: 'Eva Glawischnig RĂŒcktritt steht bevor.' (rĂ€uspert sich). Ich habe dann den BundesgeschĂ€ftsfĂŒhrer angerufen und gesagt: ' Ehm, stimmt das?' Er hat gesagt: 'Ja, es ist so.' Mein Name wurde auch genannt und ich wusste dann: 'Okay, das muss ich mir jetzt ĂŒberlegen.' Und dann bin ich zurĂŒck nach Wien geflogen. Und dann am Abend nach Salzburg gefahren und dann war erweiterter Bundesvorstand. Und das war dann schon: Okay, wenn das jetzt so ist, dann mache ich es.

Claudia Stöckl

Aber weil Sie gesagt haben 'Es hat jetzt schon ein, zwei Momente gegeben, in denen sie diese Entscheidung bedauert haben. Was waren das fĂŒr Momente?

Ulrike Lunacek

Na, bedauert nicht wirklich. Dass ich mir gedacht habe... (schnauft auf) Ich habe mir es leichter vorgestellt. Ja, ich muss tatsĂ€chlich schon sagen, wie Peter Pilz jetzt mit seiner Nicht-auf-den-vierten-Platz-gewĂ€hlt-sein umgeht, das irritiert schon. Ich habe schon vorher des Öfteren mit ihm - also einmal ganz lang - mit ihm geredet. Und dann noch versucht - wie viele andere auch ihn dazu bewegen -, dass er nicht nur um den vierten Platz, sondern auch den sechsten antritt. Das ist fĂŒr die Arbeit im Nationalrat... ist das völlig egal, welchen Platz du hast, wenn es ein sicherer ist. Ich hatte auch gehofft, dass er sich noch anders entscheidet, wie schon frĂŒher ein paar Mal.

Das war vorher auch schon ein paar, wo er gesagt hat: Er will nur den und dann doch den anderen. Und dann gab es den Vorschlag mit dem Vorzugsstimmen-Wahlkampf. Das habe ich ihm dann am Montag auch in einem persönlichen GesprĂ€ch auch gesagt. Das hat er abgelehnt. Und ich habe ihn dann gefragt: Naja, aber, weil du ja auch gesagt hast, dass du mich schĂ€tzt, dass ich das auch mache, wĂŒrdest du mich dann im Wahlkampf unterstĂŒtzen? Er hat gesagt: 'Ja, das können wir uns durchaus anschauen. Treffen uns nach Ende der Parlamentssitzungen und auch das Eurofighter-Ausschusses. Und ich habe dann auch im Falter sein Interview gelesen, wo er gemeint hat: 'Also, er wird jetzt nicht da von der Seite hineinkeppeln.

Claudia Stöckl

Genau, das war am Dienstag diese Woche noch.

Ulrike Lunacek

Ja, das war dann am Dienstag. Und er hat auch auf die Frage hin, wen er wĂ€hlen wird: 'NatĂŒrlich die Ulrike'. Und ich war dann schon sehr irritiert - ganz ehrlich gesagt -, als dann am Mittwoch und jetzt im Laufe dieser Woche klar wurde, er sagt: 'Ich will eine eigene Liste machen.' Ich habe ihn auch angerufen und gesagt: 'Peter, was haben wir jetzt ausgemacht? Was heißt das jetzt? Kann ich mich verlassen, auf das, was Du gesagt hast?' 'Nein, ich habe jetzt eine zweite Option.' Also, das habe ich schon sehr irritierend gefunden und das macht fĂŒr mich diese Situation nicht leichter. Aber ich bin eine KĂ€mpferin.

Claudia Stöckl

Aber man kann sagen, Sie sind von Peter Pilz persönlich enttÀuscht.

Ulrike Lunacek

Ja, in dem Fall ganz sicher. Mir sozusagen etwas zu sagen und zu sagen 'Ja, reden dann drĂŒber' und dann zu sagen 'Nein, das ist jetzt nur eine von zwei Optionen'. Oder zu sagen auch dem Falter, nicht nur mir gegenĂŒber. Sondern sage 'Ich wĂ€hlen natĂŒrlich die Ulrike'... Das wird dann nicht gehen, wenn die eigene Liste macht. Dann wird er sich wohl selbst wĂ€hlen. Ja, das ist, das finde ich enttĂ€uschend. Aber ist so, ich kĂ€mpfe weiter.

Claudia Stöckl

Ich starte wie immer in den SommergesprĂ€chen mit einem Musikwunsch meines Gastes. Und der soll ausdrĂŒcken, wie es Ihnen derzeit geht. Was wĂŒnschen Sie sich denn?

Ulrike Lunacek

Also ich hĂ€tte gerne von den Beatles 'Here comes the sun'. Das ist so ein Lied, das gerade in Zeiten, wo Du in der FrĂŒh aufwacht und einmal rausschaust und dann ist es nicht so schön... Wo es vielleicht nicht so leicht, ist es etwas, das hilft, nach vorne zu schauen und zu sagen: 'Ja, die Sonne kommt immer wieder. Die geht immer wieder auf.'

Beatles - Here comes the sun



youtube.com
Quelle: youtube.com (abgerufen am 07.07.2017)

Claudia Stöckl

SchafskĂ€se auf dem Teller. Getrocknete Tomaten. Mediterran angehaucht. Unser FrĂŒhstĂŒck hier mit der GrĂŒnen Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek. Sie haben jetzt gerade gesagt, dass der Abgang von Peter Pilz und seinen Plan, eine eigene Liste zu grĂŒnden, eine persönliche EnttĂ€uschung war. Und die Kommentatoren sehen eben besonders seit diesem Bundesparteikongress vergangenen Sonntag eine ganz große Krise der GrĂŒnen. Zum Beispiel in ÖSTERREICH war zu lesen: 'Die GrĂŒnen taumeln wie Lemminge dem Abgrund entgegen. Der Parteitag hĂ€tte zu einer Manifestation des Neubeginns werden sollen. Herausgekommen ist ein Scherbenhaufen.' Oder im Standard: 'Die GrĂŒnen demontiert sich selbst. Sie fahren den Karren richtig an die Wand.' Wie sehr schmerzt es Sie persönlich, diesen Scherbenhaufen zu sehen?

Ulrike Lunacek

Also, ich sehe das nicht so. Das klingt ja oft so, dass das volle Absicht war. Es ist ja so, dass bei uns das wirklich demokratisch ablĂ€uft. Dass Leute sich vorstellen und dann gewĂ€hlt werden. Und du verlierst das manchmal und manchmal gewinnst du es. Und das wusste auch Peter Pilz. Also, ich muss auch sagen, ich habe den Eindruck - und nicht nur ich -, dass er schon noch ein bissl kokettiert hat mit dem, dass er eventuell etwas anderes macht. Also er hat schon viel bessere Reden gehalten. Und insofern sehe ich, dass jetzt wir sozusagen die sind, die ihn da draußen haben: Das stimmt nicht.

Claudia Stöckl

Peter Pilz hat auf jeden Fall in den letzten Tagen auch die Partei sehr kritisiert. Hat gesagt: 'Es ist mittlerweile eine Altpartei geworden.' Der Blick ist nur nach innen gerichtet. Und er hĂ€tte dafĂŒr plĂ€diert keine verengte Sicherheitspolitik, verengte AuslĂ€nderpolitik zu machen. Die Partei hĂ€tte sich einbetoniert auf bestimmte Standpunkte. Können Sie da ein bisschen Wahrheit erkennen?

Ulrike Lunacek

Ich finde nicht, dass wir hier eine enge Sicht haben. Ja, wir diskutieren Dinge, wir haben auch unterschiedliche Positionen, ja. Und deswegen, weil, wenn er vielleicht mit manchem nicht wirklich durchkommt: Ja, das ist so in einer Partei. Da gibt es Mehrheitsentscheidungen. Wir diskutieren das zumindest. Was ĂŒbrigens diese Frage der innerparteilichen Demokratie betrifft: Einige der deutschen konservativen Abgeordneten im Europaparlament von der CDU, als Sebastian Kurz gesagt hat: Da gibt es jetzt keine Wahlen mehr innerhalb der ÖVP, sondern er entscheidet, wen er nominiert. Die haben mich wirklich verwundert gefragt: 'Was ist denn da los bei euch in der ÖVP?'. In Deutschland ist es nĂ€mlich verboten, dass Parteispitze Leute einfach nominieren. Da muss jede Partei - verfassungsmĂ€ĂŸig vorgeschrieben - demokratische Wahlen machen. Ja, Peter Pilz - ich hoffe immer noch, dass er vielleicht doch mit mir WahlkĂ€mpfen wird.

Claudia Stöckl

Also, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ulrike Lunacek

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Es ist ja auch noch nicht ganz entschieden. Schau'ma'einmal.

Claudia Stöckl

Werden Sie um ihn werben?

Ulrike Lunacek

Ich habe das getan bisher. Ich meine...

Claudia Stöckl

Also, ist genug geworben worden?

Ulrike Lunacek

Ich habe auch angerufen, ich habe mit ihm gesprochen. Wir haben ausgemacht - auch am Mittwoch noch einmal -, dass wir uns Mitte, Ende Juli noch einmal zusammensetzen. Ich werde es versuchen. Werde sehen, was er mir dann sagt.

Claudia Stöckl

Die GrĂŒnen stehen derzeit in den Umfragen bei 8 Prozent. Im Gegensatz zu den 12.1 Prozent, die sie bei der letzten Nationalratswahl in Österreich erreicht haben. Und viele meinen, das Antreten der Liste Pilz wĂ€re existenzbedrohend fĂŒr die GrĂŒnen. Sehen Sie das auch so?

Ulrike Lunacek

Ich glaube, das ist derzeit immer noch ziemliches Kaffeesud lesen. Man weiß ĂŒberhaupt noch nicht... Es ist noch ĂŒberhaupt noch klar, ob Pilz das wirklich machen wird. Ja, es gab schon bessere Zeiten. Aber wie gesagt: Ich bin eine KĂ€mpferin. Wir GrĂŒne sind das auch. Und wir sind - um das ganz klar zu sagen: Wir sind die einzigen, die klarmachen, dass wir nicht mit den Freiheitlichen in eine Regierung gehen wĂŒrden.

Claudia Stöckl

Aber was ist jetzt so Ihr Fazit nach dieser Woche. Auf wen ist eigentlich noch Verlass? Kann man sich in der Politik ĂŒberhaupt auf irgendjemanden verlassen, außer auf sich selbst?

Ulrike Lunacek

Nein, also, ich habe schon ein super Team um mich herum. Ja, auch die Zustimmung, die ich auch von den GrĂŒnen ja auch am Bundeskongress fĂŒr die Tatsache, dass ich da jetzt Spitzenkandidat bin... Ich bereit bin, etwas zu machen, die Zustimmung bekommen habe: 96.5 Prozent. Das stĂŒtzt schon sehr. Darauf kann ich mich schon verlassen. Und, ja, es ist auch mein Lebensmotto. Ich weiß, es gibt manchmal TĂ€ler im Leben aber es geht auch immer wieder bergauf.

Claudia Stöckl

Wir frĂŒhstĂŒcken hier im Haus Ihrer Mutter in Klosterneuburg. Interessanterweise war ich letzte Woche in der NĂ€he bei Heinz-Christian Strache zu Hause. Wenn Sie ihm auf der Straße zufĂ€llig begegnen wĂŒrden und er wĂŒrde Sie zum FrĂŒhstĂŒck einladen: Was wĂ€re denn so die dringendste Frage, die Sie mit ihm besprechen mĂŒssten? WĂŒrden Sie ĂŒberhaupt die Einladung annehmen?

Ulrike Lunacek

Ich wĂŒrde sagen: Machen wir das mal im Parlament bei einem Kaffee, wenn wir uns dann spĂ€ter sehen. Aber die dringendste Frage, die ich an ihn hĂ€tte wĂ€re: Warum denn seine FPÖ immer noch nicht bereit ist, die Ehe fĂŒr alle zu akzeptieren. Weil es gibt auch innerhalb der Freiheitlichen Lesben und Schwule. Und es ist wirklich völlig unverstĂ€ndlich, wie so eine Partei - die sich noch dazu 'Freiheitlich' nennt -, diese Freiheiten nicht akzeptiert.

Claudia Stöckl

Zu dem Thema kommen wir noch. Was ich gerne hier besprechen wĂŒrde ist einfach auch der Wahlkampf, der - wie man schon gemerkt hat in den letzten Wochen - sich ganz stark um diese drei MĂ€nner dreht. Also um Kern. Kurz, Strache, die alle drei um die Kanzlerschaft rittern. Aber wie leicht ist es gegen diese drei MĂ€nner aufzuzeigen?

Ulrike Lunacek

Also, ich sehe das sportlich. Denn es geht hier nicht um die Frage - sozusagen - um Wettbewerb 'Österreich sucht den Superstar'. Das wird zurzeit so inszeniert, das soll so werden. Es geht nicht darum, wer erster wird. Es geht darum, welche Mehrheiten es in diesem Land gibt. Ob es eine Mehrheit gibt, die ein zweites Mal schwarzblau macht? Da sind jetzt immer noch die Gerichte dran - von den TrĂŒmmern dieser schwarzblauen Politik. Oder gibt es Mehrheiten die pro-europĂ€isch sind, die diesen Zusammenhalt stĂ€rken will und nicht spalten will.

Claudia Stöckl

Aber in der Aufmerksamkeit ist doch das Rampenlicht vor allem auf diese drei gerichtet. Was ist Ihre Strategie?

Ulrike Lunacek

Ich werde versuchen - das ist keine Strategie, sondern ich bin eine Frau. Ich bin die einzige Frau hier an der Spitze. Das ist etwas, was mir schon helfen wird. Auch als Feministin als Frau, die die vor knappen vierzig Jahren das Frauenhaus in Innsbruck mit aufgebaut hat. In Zeiten von katholisch und konservativ. Also, ich bin hier einiges gewohnt - auch an HĂ€rte. Und gleichzeitig, wir werden eine Kampagne machen, wo wir die Themen in den Vordergrund stellen. Wo ich schon zuversichtlich bin, dass ich hier nicht diesen Dreien das Feld ĂŒberlassen werde.

Claudia Stöckl

Ich hat ja alle drei in den letzten drei Wochen zu Gast. Und wĂŒrde gerne wissen - auf der persönlichen Ebene - wo Sie vielleicht Ähnlichkeiten haben. Zum Beispiel: Kurz, Kern, Strache haben alle drei bestĂ€tigt, dass Sie dreimal in der Woche trainieren gehen. Wie ist das bei Ihnen?

Ulrike Lunacek

Also, ich fahre - so gut wie geht - immer mit dem Fahrrad, als Verkehrsmitte. Und ich schwimme sehr viel. Aber das Schwimmen schaffe ich derzeit nicht mehr als einmal pro Woche. Das ist durchaus etwas, wo ich sagen kann: Ja, ich bin sehr wohl auch sportlich. Das ist etwas, was wir anscheinend alle haben.

Claudia Stöckl

Christian Kern und Heinz Christian Strache zeigen auch jetzt schon ihre Frauen sehr prÀsent im Wahlkampf. Sebastian Kurz lehnt sich gegen diese Inszenierung des Privatlebens auf. Wo stehen Sie da: Bei Kern oder Kurz?

Ulrike Lunacek

Ich bin da sicher eher vorsichtiger. Außerdem ist es so, dass meine LebensgefĂ€hrtin in BrĂŒssel lebt und arbeitet. Die wird auch nicht die ganze Zeit hier sein. Die ist da ja sehr zurĂŒckhaltend.

Claudia Stöckl

Heinz-Christian Strache hat gesagt, sein großes Laster ist das Rauchen. Er hat ja versucht sich abzugewöhnen, hat zehn Kilo zugenommen und hat dann wieder begonnen. Was ist denn Ihr Laster?

Ulrike Lunacek

Hm, mein Laster... Das Rauchen sicher nicht. Ich habe mal, wie ich 25 Jahre war drei Jahre geraucht. Konnte ich auch nicht mehr aufhören. Das ist mir dann gelungen. Mein Laster ist eher, das hat schon mein Bruder kritisiert als wir noch Kinder waren, dass ich oft zu spÀt komme und mir immer glaube, es geht sich alles aus. Weil ich viel zu viel tun will - gleichzeitig am besten.

Claudia Stöckl

Im Falter haben Sie aber auch gesagt: 'Sie haben auch Joints geraucht.' Gehört das fĂŒr eine richtige GrĂŒne dazu?

Ulrike Lunacek

Ja, irgendwann einmal. Einmal, ja. Einmal.

Claudia Stöckl

Einmal gezogen.

Ulrike Lunacek

(schnauft) Ja, wenn wer will, also, das irgendwie auszuprobieren... Das machen ganz viele... Aber, ich rauche weder Zigaretten noch Joints noch sonst irgendwas.

Claudia Stöckl

Ich möchte zurĂŒck gehen in Ihre Geschichte. Es gibt da viele Stationen, die wirklich sehr interessant sind. Sie sind wĂ€hrend Ihres Dolmetsch-Studiums in Innsbruck neun Monate durch SĂŒdamerika gereist. Sie haben in einem Frauenhaus gearbeitet. Sie haben politischen FlĂŒchtlingen Deutsch-Stunden gegeben und waren auch Journalistin beim SĂŒdwind. Was war die prĂ€gendste Zeit, wĂŒrden Sie sagen vor der Politik?

Ulrike Lunacek

Das war sehr wohl diese Reise durch SĂŒdamerika. Ja, also im Rucksack. Mit einem Freund zuerst die ersten fĂŒnf, sechs Monate und dann die letzten drei Monate alleine. Bis hin zu Autostoppen habe ich mir eingebildet, das muss ich auch probieren. Ja, gut gegangen. Aber da war diese Erkenntnis, dass dort diese Unterschiede zwischen arm und reich eine Dimension haben, wie es bei uns damals nicht war und heute nicht ist. Armut: Zum Beispiel im Zug von Lima nach MANCAI... hat mir eine Frau ihr Kind angeboten. Ob ich es nicht kaufen will.

Claudia Stöckl

Kaufen.

Ulrike Lunacek

Kaufen. Also, da ist mir die Luft weggeblieben.

Claudia Stöckl

Weil sie gesagt hat, sie kann sie nicht durchbringen.

Ulrike Lunacek

Also das waren so Ereignisse. Oder zu Weihnachten waren wir wo auf einem Markt, wo dann die Frauen mit den Kindern gekommen sind aus den Dörfern und so getrocknetes Gras und so verkauft haben fĂŒr die Krippen. Und wo die Kinder, die verkĂŒhlt waren, weil es kalt war in den Anden... Die sind des Nachts auf diesem Platz gewesen und haben diese Sachen verkauft und hatten kein Zuhause. Das war das eine und das zweite war: Ich war dann auch in Chile und das war kurz nach dem Putsch. Also ein 1978. Der Putsch war 1973. Pinochet - MilitĂ€rdiktatur. Und ich lernte Leute kennen, deren Verwandte oder Bekannte beim Putsch oder nach dem Putsch umgebracht wurden, die gefoltert wurden oder die im Untergrund waren gegen diese brutale Diktatur. Und diese beiden Dinge - diese Unterschiede zwischen Arm und Reich und eine MilitĂ€rdiktatur zu erleben, wo Leute Angst haben auf der Straße mit mir zu reden... Wo ich in eine Demonstration kam - zufĂ€llig -, wo nicht klar war: Kommen Sie jetzt mit den Panzern oder mit den Wasserwerfern oder mit Gewehren und fangen an in die Menge zu schießen? Das waren Situationen, wo ich mir gedacht habe: Da muss sich was Ă€ndern. Und das war dann der Moment, wo ich beschlossen habe: Okay, ich mache mein Studium fertig - es ist immer gut Studium fertig zu haben. Und ich liebe die Sprachen. Aber ich halte sie nicht aus, die Gedanken anderen Leute durch mein Hirn zu jagen und nichts dazu sagen zu dĂŒrfen, wenn ich nicht einverstanden bin damit. Und das habe ich dann auch gemacht. Ich habe Studium fertiggemacht, habe aber dann begonnen mich eben in einer - in Innsbruck war das - eine SolidaritĂ€tsgruppe Lateinamerika zu engagieren. FĂŒr den Aufbau des Frauenhauses in Innsbruck. Also, das war wirklich so... Diese Reise hat mich sehr geprĂ€gt. Und ich bin eben noch drei Monate lĂ€nger geblieben als Stefan, der zurĂŒckmusste. Und fĂŒr mich war das so: Ich fahre nicht zurĂŒck, bevor ich nicht weiß was ich will im Leben. Da war ich teilweise auch manchmal wirklich verzweifelt. So im Sinne von: Kann doch nicht sein, dass die Welt so aussieht. Aus einer heilen Welt kommend.

Claudia Stöckl

Aber haben Sie jetzt - so viele Jahre danach - das GefĂŒhl, etwas verĂ€ndert zu haben? Ich habe ja Jean Ziegler zum Beispiel auch schon mehrmals zu Gast gehabt in 'FrĂŒhstĂŒck bei mir', der noch immer wettert und sagt: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird eigentlich immer grĂ¶ĂŸer.

Ulrike Lunacek

Ja, das stimmt. Ich muss heute feststellen, dass die Armut zum Teil schlimmer wird. Dass sich Probleme, die wir damals noch nicht einmal ahnten - so wie den Klimawandel, der Lebensgrundlagen zerstört, das auch bei uns zum Teil. Wenn wirklich diese KlimaerwĂ€rmung so weitergeht, wenn sich auch die Luft sich erwĂ€rmt und das Wasser dadurch steigt, dann wird es die Lebensgrundlagen von Millionen von Menschen zerstören. Das war damals nicht vorhersehbar. Also, insofern, es ist schon so, ich kenne auch Leute, die aufgegeben haben. Die finden: Ändert sich eh nichts mehr. Aber mein Engagement geht immer in die Richtung zu sagen: 'Es ist möglich. Wir könnten das, wenn wir nur wollten.' Es ist nĂ€mlich der politische Wille, der ganz oft fehlt.

Claudia Stöckl

Ein Schluck vom Tee, den trinken Sie. Ich habe hier Kaffee und wir haben sehr schön aufgedeckt. Ein wunderschöner Teller mit Erdbeeren und Heidelbeeren und einigen BlĂŒten auch hier. Wir sind im Haus Ihrer Mutter. Sie haben eben gesagt, das ist in Österreich so ein wirkliches Zuhause fĂŒr Sie. Können Sie sich noch an den Zeitpunkt erinnern, als Sie ihren Eltern gestanden haben, dass sie eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft bevorzugen?

Ulrike Lunacek

Jaja, sehr gut kann ich mich daran erinnern. Ich habe es Ihnen alleine gesagt: Ihm alleine und ihr allein. Weil ich auch dachte, dass sie unterschiedlich reagieren werden. Meinen Vater habe ich gesagt und der hat gesagt: 'Ja, Du musst das tun womit du glĂŒcklich wirst.'

Claudia Stöckl

Sie waren damals 20 - glaube ich.

Ulrike Lunacek

Ja, so ungefĂ€hr. Also etwa Anfang zwanzig, als ich dann auch meine erste wirkliche Freundin hatte. Es hat lange gedauert, bis ich auch wusste, was ich wollte. Ich war auch in MĂ€nner verliebt, aber es hat auch nicht funktioniert. Es hat ein paar Jahre gedauert, bis das klar war. Also, mein Vater war da unterstĂŒtzen. Meine Mutter, deren Reaktion war eher so: Sie hat gemeint, sie sei daran schuld. Habe ich gesagt: Na, Mutti, das hat nichts damit zu tun, dass du schuld bist. Es ist einfach so. Und das gibt es im Leben. Und es war am Anfang fĂŒr meine Eltern sicher nicht leicht. Ich komme aus einem durchaus konservativen Elternhaus.

Claudia Stöckl

Eben, Ihr Vater hat bei Raiffeisen gearbeitet.

Ulrike Lunacek

Am Anfang war er Molkereidirektor in Niederösterreich. Also, so, er war Bauernbund-Mitglied, ÖVP. Und war dann zum Schluss war er Raiffeisen Ware Generaldirektor. Da eben aus Niederösterreich, also schwarzes Urgesteinsland. Insofern war es schon nicht ganz so einfach. Aber meine Eltern haben mir schon - mir und meinem Bruder - als Kinder beigebracht, dass wir das, was wir tun mit einer SelbstverstĂ€ndlichkeit tun sollen. Und dass das dann auch im Leben leichter macht. Und das hat sehr geholfen. Und es war ja, ich meine, wie ich zwanzig war, das war Ende der 70er Jahre, Anfang der 80er Jahre - so irgendwie. Also, da gab es in Österreich niemanden weit und breit, der offen damit umgegangen ist. Da ist auch gerade erst 1971 das Totalverbot von HomosexualitĂ€t abgeschafft worden in Österreich.

Claudia Stöckl

Und wie leicht war es fĂŒr Sie, es sich selber einzugestehen?

Ulrike Lunacek

Das war ĂŒberhaupt kein Problem. Also das war zurzeit feministische Frauenbewegung in Innsbruck. Es war da sehr viel Aufbruchsstimmung. Ich kann mich noch so gut erinnern. Das war einmal bei einem Frauenfest. Und da saßen dann zwei und schmusten miteinander. Und ich habe so hingeschaut und habe mir gedacht: Warum bin ich nicht frĂŒher auf die Idee gekommen? Also ich habe fĂŒr mich selber so eine SelbstverstĂ€ndlichkeit dabei gehabt auch mit dem UnverstĂ€ndnis, wo irgendjemand Probleme damit haben könnte. Und das hat mir auch sehr geholfen. Ich verstehe bis heute nicht, warum wer ein Problem damit hat. Also...

Claudia Stöckl

Also, wenn der Herr Strache im Parlament sagt, dass eine Ehe nur geschlossen werden sollte um Kinder zu zeugen. Und er will nicht SexualitÀt fördern, dann denken Sie sich was?

Ulrike Lunacek

Ich habe ich im Europaparlament einmal einen Abgeordneten, der genau das gesagt hat... habe ich mich dann mit der blauen Karte zu Wort gemeldet und ihn gefragt: Haben Sie immer nur Sex, wenn Sie Kinder wollen? Es hat mir so etwas wie einen leichten Ordnungsruf verpasst. Aber die Frage wĂŒrde ich auch dem Herrn Strache stellen. Es ist absurd heutzutage. Und es hat Lesben und Schwule ĂŒberall, in jeder Epoche, in jeder Kultur - immer schon gegeben. Und fĂŒr die, jetzt eher die ÖVP, die sich in Österreich immer noch wehrte dagegen. Und der junge Herr Kurz, der aufgewachsen ist mit Regenbogenparaden, den wĂŒrde ich schon auch - oder habe ich auch schon immer - aufgefordert: Er soll einfach 'Ja' sagen dazu. Das tut nicht weh, kostet nichts. Also 'Ehe fĂŒr alle' wĂ€re jetzt endlich Zeit. Jetzt ist sogar in Deutschland durchgegangen. Und die Frau Merkel hat ihre Meinung geĂ€ndert - auch wenn sie jetzt nicht dafĂŒr gestimmt hat. Aber sie hat es freigegeben. Soll Kurz das doch auch tun. Er soll sich ein Beispiel nehmen an der um einiges Ă€lteren Frau Merkel.

Claudia Stöckl

Wenn man sie googelt, dann ist fast in jedem Artikel darauf Bezug genommen. Also, dass Sie die erste offen lebende Lesbe im Nationalrat sind und waren. Haben Sie nicht das GefĂŒhl, das ĂŒberlagert dann manchmal andere Themen?

Ulrike Lunacek

Ich habe das GefĂŒhl, es war am Anfang so. Es war ja auch, als ich damals kandidiert habe fĂŒr die GrĂŒnen, 1995, war dann das Hauptthema dennoch: Ich bin eine Lesbe. Ja, so irgendwie. Weil ich war der erste in der Politik mit diesem Hintergrund. Ich verstehe nicht, was das Problem ist. Du entscheidest dich nicht in wen du dich verliebt. Das passiert dir. Mittlerweile ist es nicht einmal mehr ein Thema. Also, da hat sich schon viel zum Positiven verĂ€ndert. Und das finde ich schön. Auch in Österreich.

Claudia Stöckl

Wir blicken in einen schönen Garten mit einem Feigenbaum und Oleander und einer großen Wiese. Wie wichtig ist das GrĂŒn fĂŒr die GrĂŒne?

Ulrike Lunacek

Ja, schon sehr. Ich komme nicht so oft ins GrĂŒne. Aber ich... Einer meiner schönsten Urlaube, dass waren die zum Beispiel mit dem Fahrrad auch durch Österreich zu fahren. Wir sind das ganze Murtal zum Beispiel gefahren. Das mit dem Wandern ist bei mir nicht so einfach. Ich hatte als Kind HĂŒftluxation und zwei Operationen. Das heißt Gehen oder Laufen geht nicht so wirklich. Aber eben Radfahren und so, das geht. Und das mache ich schon sehr gerne.

Claudia Stöckl

Sie haben Ihre LebensgefÀhrtin vor mittlerweile 24 Jahren kennengelernt.

Ulrike Lunacek

Noch viel lÀnger her.

Claudia Stöckl

Noch lÀnger? Dann sind die Artikel nicht ganz aktuell. Wie lange ist es denn her?

Ulrike Lunacek

Na, wir sind... Also, kennengelernt haben wir uns 1989. Also, das sind jetzt 28 Jahre. Aber sozusagen die Beziehung hat erst vor 24 Jahren begonnen Es hat ein bisserl gedauert.

Claudia Stöckl

Warum hat es gedauert?

Ulrike Lunacek

Wir waren... Kennengelernt haben wir uns in Wien ĂŒbrigens. Das war damals die Weltkonferenz der internationalen Lesben- und Schwulen-Organisation. Und Rebecca - sie ist aus Peru -, die war damals die Direktorin der einzigen Lesben- und Schwulen-Organisation in Peru. Das war damals die Zeit des BĂŒrgerkrieges gegen den 'Leuchtenden Pfad' wo auch ihre Organisation und auch sie auch Drohungen bekamen, Morddrohungen. Leute aus ihrer Umgebung wurden umgebracht. Und die war da mit anderen aus Lateinamerika. Und mich hat die Hosi Wien damals gefragt ob ich nicht dolmetschen mag fĂŒr die Latinos. Habe ich gesagt: Ja, gerne. Und da haben wir uns kennengelernt. Und wir sind damals - ist auch ein Erlebnis, das mich sehr berĂŒhrt hat und bewegt hat. Wir sind so 120 Lesben und Schwule aus der ganzen Welt - auch einige Juden und JĂŒdinnen dabei -, sind wir gemeinsam nach Mauthausen gefahren. Das Museum des KZs besuchen. Und da hat ja vorher schon, hat die Hosi Linz damals einen marmornen rosa Winkel anbringen lassen. Zur Erinnerung an die schwulen Opfer des Nationalsozialismus, die auch in Mauthausen umgebracht wurden. Und wir sind da gemeinsam hin. Und Rebecca und ich saßen zufĂ€llig nebeneinander. Und wir haben so viel Ähnlichkeiten entdeckt und haben uns da ein bissl ineinander verliebt, ja. Und wir sind auf dem Weg zurĂŒck, wir waren bei einem Heurigen in Stammersdorf. Und sie hat mir dann nachher erzĂ€hlt, sie ist dann mit den Latinos zusammengesessen und da kam wer vorbei und hat rote Rosen verkauft. Und sie hat die anderen gefragt: Sie wĂŒrde mir jetzt zu gerne eine rote Rose kaufen, ob sie das denn tun soll? 'Ja, na klar, mach das.' Und dann kam sie zu mir mit einer roten Rose (lacht).

Claudia Stöckl

Da war schon klar, oder, dass da mehr ist.

Ulrike Lunacek

Ja, aber ich war damals noch in einer anderen Beziehung - sie auch. Und sie ist am nĂ€chsten Tag schon wieder weggeflogen, zurĂŒck nach Peru. Wir haben dann Briefe geschrieben. Und sie kamen dann aber 1993 zur großen UNO-Menschenrechts Konferenz nach Wien. Hat dort bei dem Tribunal gegen Gewalt gegen Frauen als lesbische Frau gesprochen, weil sie war damals schon GeneralsekretĂ€rin dieser internationalen Lesben- und Schwulen-Organisation der ILGA. Und sie ruft mich dann an im MĂ€rz und fragt: 'Du, ob sie bei uns wohnen könnte.' Ich war damals noch mit meiner damaligen LebensgefĂ€hrtin zusammen. Habe ich gesagt: Naja, wir haben schon eine zwei EnglĂ€nderinnen, eine Mexikanerin und eine Deutsche, die bei uns wohnen aber wir finden schon noch eine Matratze fĂŒr dich, wenn du magst. Und wie sie dann da war, da habe ich gemerkt, ich habe mich voll in sie verliebt. Das war dann nicht so ganz einfach eine Zeit lang. Ich habe mich das Jahr darauf von meiner LebensgefĂ€hrtin getrennt und die Rebecca ist dann 1995 nach Europa ĂŒbersiedelt. Zuerst nach Holland...

Claudia Stöckl

Wo sie ja auch einen Job gefunden hat.

Ulrike Lunacek

Ja, sie hat dann noch einen Job gefunden. Weil in Österreich... es gab damals kein Partnerschaftsgesetz. Null Chance, dass sie hier leben kann. Und in den Niederlanden hat sie auch mit Englisch - sie konnte damals auch nicht niederlĂ€ndisch - einen Job finden. Und insofern war das dann auch Okay. Es ist immerhin nĂ€her als Lima, oder? (lacht).

Claudia Stöckl

Auf jeden Fall.

Ulrike Lunacek

Ja, mittlerweile haben wir 24 Jahre Beziehung. Durchaus immer wieder Fernbeziehung, weil einfach unser beider Jobs das auch so sind.

Claudia Stöckl

Sie lebt jetzt lebt in BrĂŒssel?

Ulrike Lunacek

Sie lebt in BrĂŒssel, sie arbeitet in BrĂŒssel seit zwölf oder vierzehn Jahren oder so.

Claudia Stöckl

Als was jetzt genau?

Ulrike Lunacek

Sie arbeitet bei Education-Internation. Dass ist der Dachverband aller Lehrer- und Lehrerinnen-Gewerkschaften weltweit. Wo es um Frauenrechte geht. Und die ist auch sehr viel unterwegs. Wir haben immer eine Flipchart, wo wir das nÀchste halbe Jahr aufschreiben und schauen, wer wann, wo ist und wann wir wo unsere Wochenenden oder Urlaube gemeinsam verbringen.

Claudia Stöckl

Ich wĂŒrde jetzt gerne testen: Wie grĂŒn ist denn die grĂŒne Spitzenkandidatin? Sie sagen, Sie fahren sehr oft mit dem Fahrrad. Auf der anderen Seite fliegen Sie natĂŒrlich zwischen Wien und BrĂŒssel, Wien und Straßburg hin und her. Was in Sachen ökologischer Fußabdruck natĂŒrlich auch eine GrĂ¶ĂŸe ist. Ist es dann nicht Augenauswischerei mit dem Fahrrad zu fahren?

Ulrike Lunacek

Nein. Aber das ist mein Beitrag dazu. Und ich fahre einfach gern mit dem Fahrrad. Ich brauche keinen Parkplatz suchen. Es geht schnell. Und ich liebe die Bewegung. Das mit dem Fliegen ja. Ich hĂ€tte auch lieber nur einen Sitz des Europaparlaments in BrĂŒssel mit einem Flug. Nach Straßburg brauche ich zwei, obwohl es nĂ€her da ist. Ich wĂŒrde auch mit dem Nachtzug fahren, wenn es ihn noch gĂ€be. Den haben sie leider abgeschafft. Und was ich mache und was ich im Europaparlament durchgesetzt habe, ist, dass fĂŒr alle - die BeschĂ€ftigten aber auch fĂŒr die Abgeordneten - dieses CO2-Offsetting gemacht wird. Wo du ein paar Euro je nach Strecke zahlst, die dann in Projekte fĂŒr den Klimaschutz verwendet werden. Ich mache das immer. Mein BĂŒro macht es und mittlerweile ist das auch... macht es das gesamte Europaparlament. Das ist ein kleiner Beitrag.

Claudia Stöckl

Red Bull GrĂŒnder Dietrich Mateschitz hat in der Kleinen Zeitung kritisiert, dass es GrĂŒne gibt, die mit der Limousine hinters Parlament fahren und dort ihr Klapprad auspacken und dann die paar Meter vorfahren. Ich glaube, er hat Maria Vassilakou gemeint. Ist Ihnen diese Geschichte bekannt?

Ulrike Lunacek

Nein, ich weiß auch nicht, wie er auf die kommt. Also, das finde ich absurd. Ich meine, es kann einmal sein, dass du fĂŒr irgendein Foto oder so was... Dass du das Fahrrad brauchst. Das aber entweder kaputt ist, ja, das passiert manchmal, dass du dann sowas machst. Aber, das macht weder Maria Vassilakou oder sonst wer. Und vor allem mit der Limousine. Sorry. Also, ich weiß echt nicht, wo er das herhat.

Claudia Stöckl

Aber Sie kennen dieses Zitat und diese Aussage?

Ulrike Lunacek

Ich kenne das Zitat. Ich habe mich sehr darĂŒber gewundert. Habe mich gefragt, wo hat er das her. Also, es scheint mir erfunden zu sein. Aber, ich habe oft das GefĂŒhl, das sind dann sozusagen die Vorurteile, die dann auch durchkommen. Dass die GrĂŒnen, das, wofĂŒr sie stehen nicht ernst nehmen. Ja, ich fahre manchmal mit dem Auto. Ich habe den FĂŒhrerschein, ich fahre auch manchmal gerne mit dem Auto. Nicht die langen Strecken. Aber ja, ein Auto ist ein sinnvolles Ding, das man sinnvoll einsetzen soll.

Claudia Stöckl

Gut, wir gehen zurĂŒck zu dem GrĂŒn-Test; Wie viele GerĂ€te laufen bei ihnen im Standby-Modus?

Ulrike Lunacek

Ich schalte immer aus. Auch beim Fernseher. Ich schalte das immer aus. Habe ich gelernt von der Eva Glawischnig. Also, wir haben beide 1995/96 angefangen bei den GrĂŒnen. Sie war dann sozusagen die Umweltsprecherin. Und die sind damals in einer Kampagne in die Haushalte gegangen und haben den Leuten gezeigt, wo man Strom einsparen kann. Und deshalb war fĂŒr mich damals auch so eine Lehre: Ich schalte es immer ab.

Claudia Stöckl

Haben Sie Kontakt zu Eva Glawischnig?

Ulrike Lunacek

Ja, ja, immer wieder. Wir telefonieren öfters.

Claudia Stöckl

Also jetzt und in den letzten Wochen.

Ulrike Lunacek

Ja, ja. Und wir werden auch - Sie hat mir auch zugesagt, dass wir im Wahlkampf auch etwas gemeinsam machen, Ja, ja, ich schÀtze sie sehr.

Claudia Stöckl

Wann haben Sie zuletzt in einem GeschÀft ein Plastiksackerl verlangt. Also in den SupermÀrkten wurde es ja jetzt abgelöst - in den meisten.

Ulrike Lunacek

Ja, zum GlĂŒck. Das war ein grĂŒner Erfolg im Europaparlament. Das haben wir durchgesetzt. Das war eine dĂ€nische Kollegin von mir, die das durchgesetzt hat. Das war wirklich ein großer Erfolg. Aber es kommt ganz selten vor, wenn ich unterwegs bin und vergessen habe eines der Stoffsackerln mitzunehmen, dass ich dann auch ein Plastiksackerl kaufe. Aber ich habe meistens irgendein Sackerl mit. Also, da versuche ich schon auch wirklich zu reduzieren. Auch Sachen in viel Plastik nicht zu kaufen, weil dieser PlastikmĂŒll, der landet mittlerweile - gerade in Wasser - im Organismus von Fischen, die wir dann auch essen. Also, die sind auch fĂŒr die Fische ungesund. Das ist einfach... Der PlastikmĂŒll, der da auf den Meeren herumschwimmt... Das sind also hunderte Kilometer groß. Das ist unvorstellbar, was das heißt. Und das ist nicht abbaubar. Und, dass wir... Das sind Dinge wo unsere Kinder und Kindeskinder darunter leiden werden. Und wenn wir da nicht jetzt beginnen weniger davon zu verwenden oder es ganz zu vermeiden, dann wird uns, dass auf den Kopf fallen. Also, das sind die Dinge, wo ich wirklich von Herzen eine GrĂŒne bin.

Claudia Stöckl

Was wĂŒrden Sie denn sagen ist das GrĂŒnste an Ihnen?

Ulrike Lunacek

Ja, ich habe 1979 in Innsbruck mit zwei Leuten, mit denen ich zusammengewohnt habe, die erste Fahrrad-Demo organisiert. Wo wir ein Fahrrad weiß angestrichen haben und uns selber dann schwarze Kleidung, weiße Gesichter... Und es ist jemand trommelt vorangegangen und hat gesagt: Wir brauchen Radwege in Innsbruck, weil wir die RĂ€der sonst zu Grabe tragen mĂŒssen. Das war sozusagen eine - bevor es noch die GrĂŒnen gab - war das... Also in Tirol hat es damals gerade angefangen, war das eine meiner... Und sonst, ich glaube schon, das Fahrradfahren, MĂŒlltrennen auch, das ist ja in Österreich was, was wirklich super funktioniert. Also, das funktioniert in BrĂŒssel nicht. Das ist in so vielen LĂ€ndern noch nicht da. Da haben wir auch viel durchgesetzt. Und das mache ich auch, also inkl. dem BiomĂŒll von den Blumen... Heute in der FrĂŒh noch war ich dann am Markt und habe den BiomĂŒll dort hineingeworfen. Das sind schon... Aber das kommt auch... Also, noch lange vor GrĂŒner Zeit... Auch vor meiner Mutter. Die ist tatsĂ€chlich in sehr armen Zeiten, in den dreißiger Jahren und dann im Krieg auch. Dieses Sparen und Sachen wiederverwenden. Was jetzt auch mit den neuen Kreislauf-Wirtschaftsrichtlinien der EuropĂ€ischen Union kommt, dass man Sachen wieder mehr reparieren kann. Nicht alles wegwirft und gleich was Neues kauft. Das habe ich schon von meiner Mutter gelernt.

Claudia Stöckl

In dieser Woche sind in Italien wieder FlĂŒchtlingsschiffe mit insgesamt 10.000 FlĂŒchtlingen gelandet. Und Peter Pilz hat ja gemeint, dass sich die GrĂŒnen in Sachen Sicherheitspolitik eigentlich falsch positionieren. Wie glauben die GrĂŒnen, dass die, sozusagen diese offene FlĂŒchtlingspolitik machbar ist?

Ulrike Lunacek

Die Sache ist so, dass es hier mit Schlagwörtern oder mit einfachen Lösungen nicht getan ist. Da gibt es mehrere Ebenen, wo wir agieren mĂŒssen. Das ist auch fĂŒr mich, auch in der grĂŒnen Politik immer so wichtig zu sagen: Was sind die Ursachen? Wo können die Ursachen... wir kĂ€mpfen fĂŒr Flucht und Migration. Ich habe schon erwĂ€hnt, die Sache mit Zerstörung der Lebensgrundlagen fĂŒr Menschen durch Fischereiabkommen zum Beispiel wo die FischergrĂŒnde leergefischt werden. Umweltkatastrophe, die auch mit dem Klimawandel zu tun haben. Wo Menschen flĂŒchten, weil das Land zu trocken ist. Weil die DĂŒrre herrscht. Das war mit einer der GrĂŒnde, warum aus Syrien zu Beginn so viele FlĂŒchtlinge kamen. Nicht nur der Krieg, sondern auch eine jahrelange DĂŒrre. Also, hier die Ursachen zu bekĂ€mpfen. Und das heißt, und das wird Sie nicht wundern, dass ich als eine, die aus der Entwicklungspolitik kommt, hier die, das bisher nie erreichen Österreichs, dieses 0,7-Ziels fĂŒr die Entwicklungszusammenarbeit. Dass man 0.7 Prozent des BIP ausgibt fĂŒr die Entwicklungszusammenarbeit. Das hat nie gemacht. Jetzt wĂŒrde da auch nicht alles Ă€ndern, aber einiges zumindest. Das ist sozusagen UrsachenbekĂ€mpfung. Das zweite ist die Kriege beenden. Das heißt auch zum Beispiel den Waffenexportcodex der EuropĂ€ischen Union einzuhalten. Das machen nicht alle MitgliedslĂ€nder. Frankreich, Großbritannien exportieren Waffen zum Beispiel nach Saudi-Arabien. Saudi-Arabien ist im Krieg mit Jemen und bombardiert dort. Also, das sind Dinge, wo wir ansetzen mĂŒssen, hier Dinge anders zu machen. Und auch aufhören Diktaturen zu unterstĂŒtzen, zum Beispiel, weil wir Gas und Öl brauchen. Und dann natĂŒrlich ist es schon so, dass ich auch sagen, wenn wir jetzt zu den FlĂŒchtlingsbewegungen und Migrationsbewegungen, die es jetzt gibt: Ja, es ist schon so, dass ich auch dafĂŒr eintrete - und wir GrĂŒne auch -, dass die EuropĂ€ische Union die Außengrenzen schĂŒtzen muss. Aber, es muss schon so sein, dass die Menschen, die flĂŒchten, auch gerettet werden. Und dass es nicht, wie der Herr Außenminister Kurz und ÖVP-Chef jetzt kurz gemeint hat: Es ist NGO-Wahnsinn. Sondern, ich danke den Zivilgesellschafts-Organisationen wirklich von Herzen auch hier, was sie alles getan haben.

Claudia Stöckl

Obwohl die ÖVP und viele andere sagen: Damit werden die Schlepper unterstĂŒtzt.

Ulrike Lunacek

Ja, aber, wenn sie schon am Meer sind und bevor sie untergehen, dann muss man sie retten. Und man muss sehr wohl auch den Schleppern das Handwerk legen. Ich bin dafĂŒr, dass die wirklich so hoch wie möglich bestraft werden dafĂŒr.

Claudia Stöckl

Aber trotzdem ist aufgefallen, dass jetzt zum Beispiel, als gerade die Diskussion um die Schließung der Mittelmeerroute so laut geworden ist... Eben Sebastian Kurz das gefordert hat, Christian Kern gesagt hat, es ist ein 'Vollholler', weil es schwer realisierbar ist. Dass sich die GrĂŒnen da gar nicht eingemischt haben. Wollen Sie dieses Thema auch öffentlich gar nicht vehement besetzen, weil Ihnen natĂŒrlich klar ist, dass es wahrscheinlich, so wie Sie es vertreten, nicht mehrheitsfĂ€hig ist?

Ulrike Lunacek

Also, wir sind ja sehr klar immer, was wir wollen. Wir wollen sichere ZugĂ€nge fĂŒr FlĂŒchtlinge und Migranten. Und wir wollen die Ursachen beseitigen. Also, das ist nicht, dass wir uns nicht dazu Ă€ußern. Sondern, es geht darum: Was ist Sicherheit fĂŒr Menschen. Was ist Sicherheit fĂŒr Menschen in Österreich und in Europa. Und was ist Sicherheit fĂŒr FlĂŒchtlinge? Und da geht es drum, dass die Menschen menschenwĂŒrdigt betreut werden, behandelt werden. Und einfach zu sagen... das ist fĂŒr mich so eine Schlagzeilenpolitik, die auch der ÖVP-Chef Kurz hier macht: 'Schließen der Mittelmeer-Route.' Na, wunderbar. Wie soll das gehen? Keine Ahnung, wissen wir nicht. Wir schicken Frontex hin, wir schicken... Österreich hat ja nicht einmal Schiffe... Wie soll denn das gehen? Die EU soll das tun.

Claudia Stöckl

Also, Sie sagen auch, das ist ein 'Vollholler'?

Ulrike Lunacek

Ja, wĂŒrde ich auch sagen. Ja, ja. Aber, Kurz ist selber Europa-Minister. Er kritisiert immer: 'Die EU hat das nicht gemacht.' Herr Außenminister und Europa-Minister Kurz: Wir sind die EuropĂ€ische Union. Er ist es ganz spezifisch. Er könnte das, wenn er Allianzen schmiedet, gemeinsam mehr tun. Auch die anderen MitgliedslĂ€nder dazu bringen, dass sie mehr FlĂŒchtlinge aufnehmen. Das ist immer so, wenn... Die EuropĂ€ische Volkspartei hat - schĂ€tze ich - die meisten BĂŒrgermeister und BĂŒrgermeisterinnen im europĂ€ischen Raum. Warum bitte nicht einmal alle BĂŒrgermeister zusammen holen und sagen: So, wenn jedes Dorf, jeder Ort, ein Prozent der Bevölkerung, FlĂŒchtlinge aufnimmt. Also, es gibt so viele positive Beispiele. Auch in LĂ€ndern wie Ungarn oder Polen. Kenne ich auch. Also, da ist auch wieder 'es ist möglich'. Es ist nicht möglich, dass wir alle, die kommen wollen, aufnehmen. Das wird nicht funktionieren. Das sehe ich schon auch so. Aber: MenschenwĂŒrdiger Umgang, legale ZugĂ€nge und die Ursachen beseitigen. Um das geht es.

Claudia Stöckl

Jetzt möchte ich noch einmal aus diesem Interview von Dietrich Mateschitz mit der Kleinen Zeitung zitieren. Er hat eben gemeint, dass die, die Willkommen geschrieben haben und geklatscht haben, dass die wenigsten von denen FlĂŒchtlinge aufgenommen haben oder in ihrem Garten ein Zelt aufgestellt haben. Das war so sein Bild, das er geschaffen hat. Haben Sie in dieser - gerade im Jahr 2015 -, da auch etwas persönlich getan?

Ulrike Lunacek

Ich habe einige getroffen und war mit Organisationen in Kontakt, die sie auch betreut haben. Ich habe selber, da ich so ein Leben fĂŒhre, wo ich drei Tage in Wien, zwei Tage in BrĂŒssel, fĂŒnf Tage in Strasbourg oder vier Tage in Strasbourg bin... ging einfach nicht. Ich lebe in Wien alleine - meine LebensgefĂ€hrtin arbeitet in BrĂŒssel. Das geht nicht. Ja, ich kann nicht jemand einfach in meine Wohnung lassen und sagen: Jetzt tut’s, schaut’s. Das geht nicht. Aber, ich habe sehr viel mit den Organisationen zusammengearbeitet, war bei Veranstaltungen, habe auch sehr viel gespendet. ich habe hier einfach versucht da meinen Teil zu tun. Ja. Das war mein Beitrag.

Claudia Stöckl

Wir sitzen an einem schön gedeckten FrĂŒhstĂŒckstisch. Weckerln hier und KĂ€se, ein bisschen Tomaten, hier mit der GrĂŒnen Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek. Sie sind ja 60 geworden erst vor drei Wochen. Haben ein großes, großes Fest gemacht. Ich habe gelesen hunderte GĂ€ste. Wie viele waren denn da?

Ulrike Lunacek

Über 600. (lacht)

Claudia Stöckl

Warum war es Ihnen ein BedĂŒrfnis diesen Geburtstag so groß zu feiern?

Ulrike Lunacek

Ich habe schon meinen FĂŒnfziger sehr groß gefeiert. Weil ich habe durch diese vielen Stationen in meinem Leben und so viel Verschiedenes, das ich auch gemacht habe und an so vielen Orten gelebt habe, ist das einfach etwas: Ich liebe das, Menschen um mich zu haben. Und auch den Kontakt zu halten, die irgendwann einmal in meinem Leben wichtig waren, mit denen ich zu tun hatte. Und mir war es wichtig, ja, auch meinen sechziger zu feiern. Ja, ich bin sechzig. Ich find das cool, dass ich jetzt so alt bin und einfach noch so viel vorhabe in meinem Leben. Ich finde, dass auch gerade fĂŒr Frauen auch wichtig, zu sagen: Ich verheimliche das nicht. Warum soll ich? Also, ich stehe dazu, wie alt ich bin. Ich habe schon so viel Erfahrung. Ich glaube, was meine Lebenserfahrung betrifft, habe ich um einiges mehr als die anderen Spitzenkandidaten.

Claudia Stöckl

Wie meinen Sie jetzt? Durch die vielen verschiedenen Jobs?

Ulrike Lunacek

Viele verschiedene Jobs, viel so Verhandlungserfahrung, auf der diplomatischen Ebene, im internationalen Bereich, auch in der Politik. Hier habe ich einfach sehr viel mitgenommen schon. Und das bringe ich auch ein.

Claudia Stöckl

Ich möchte den Kreis schließen. Wir haben mit den Ereignissen dieser Woche begonnen auch damit, dass Peter Pilz plant eine Liste aufzustellen und da in den Wahlkampf zu starten. Und manche meinen, es könnte existenziell bedrohlich fĂŒr die GrĂŒnen ausgehen. Beschleicht Sie manchmal der Gedanke: Vielleicht schaffen wir es gar nicht, ins Parlament einzuziehen?

Ulrike Lunacek

Nein, den habe ich nicht. Das kann ich mir nicht vorstellen, das will ich mir auch nicht vorstellen, dass das passiert. Ich glaube es auch nicht. also insofern, ja, bin ich immer noch zuversichtlich. Und ich weiß, was ich kann. Und ich weiß auch, was die GrĂŒnen können. wir haben jetzt auch Listen gewĂ€hlt mit ganz vielen neuen Leuten. In den letzten Monaten, wie oft mussten wir uns anhören: Eisenhintern und die alten FunktionĂ€re, die beißen die jungen raus. Und jetzt haben wir sozusagen viele kompetente, jĂŒngere Leute dabei und jetzt heißt es: Wir haben die alten nicht gewĂ€hlt.

Claudia Stöckl

Aber die Junge GrĂŒnen, die wollen mit der KPÖ zusammengehen.

Ulrike Lunacek

Ja, die paar. Warten Sie, was da kommt. Das sind ein paar von denen. Die haben das nicht einmal mit ihrem eigenen Vorstand abgesprochen. Da wird es jetzt bald einen Bundeskongress von denen geben. Schaue ich mir an, wie das geht. Und wir haben auch, auch was den... Sowohl den Aufdeckungsbereich die Gabi Moser, der Werner Kogler. Das sind die, die das bisher mit dem Peter Pilz gemeinsam gemacht haben.

Claudia Stöckl

Und die LĂŒcke, die Peter Pilz hinterlĂ€sst, ist nicht so groß.

Ulrike Lunacek

Ja, es gibt andere, die das auch können. Die auch viel von ihm gelernt haben. Also, es gibt auch andere. Ich weiß ja, was die GrĂŒnen können. Ich weiß, wie viele wir sind. Ich weiß, wie breit wir auch aufgestellt sind. Mit diesen Themen, also: dieses pro-europĂ€ische mit aller Leidenschaft und mit aller Kritik, was auch geĂ€ndert gehört aber auch dieses Engagement fĂŒr die Umwelt. Da sind wir immer noch die einzigen, die das wirklich ernst nehmen.

Claudia Stöckl

Obwohl in der Wahrnehmung ist es oft so, dass die GrĂŒnen derzeit einfach stehen fĂŒr: 'Wir gegen die FPÖ.'

Ulrike Lunacek

Ja, aber, das ist ja... Ich weiß, dass das viele so sagen, ihr seids ja nur gegen die FPÖ. Aber, das ist ja gleich zu setzen... ist gleich fĂŒr einen Umweltschutz, fĂŒr Energieeffizienz, fĂŒr Jobs aus diesem Bereich. Der Rudi Anschober in Oberösterreich. 12 Jahre Regierung mit der ÖVP sogar. Über 40.000 Jobs. Ich meine, das machen wir, wenn wir an Regierungen sind. Die Freiheitlichen, die Katastrophe von schwarzblau fĂŒr Österreich: Hypo-Skandal und sonstige Skandale, die jetzt zum Teil noch gerichtsanhĂ€ngig sind? Das sind nicht die GrĂŒnen. Das ist die FPÖ. Gegen das sind wir. Und fĂŒr unsere Themen. Und fĂŒr die kĂ€mpfe ich und fĂŒr die werde ich das auch in den nĂ€chsten Wochen und Monaten so mit ganz vielen GrĂŒnen... Und mir hat heute zum Beispiel am Weg hierher ein junger Mann - irgendwo war das.… hat mir gesagt: Ich wĂŒnsche Ihnen gute Nerven und viel Erfolg. Habe ich gesagt: Ja, mit diesen Energien nehme ich das mit. Und bin auch ĂŒberzeugt davon, dass wir durchaus wieder zulegen können.

Claudia Stöckl

Also, der Kampfgeist ist ungebrochen.

Ulrike Lunacek

Den habe ich, den kann mir auch niemand...

Claudia Stöckl

Haben Sie nie einen DurchhÀnger gehabt?

Ulrike Lunacek

Habe ich schon immer wieder. Aber das ist wirklich... Das verdanke ich auch meinem Elternhaus. Ich habe etwas mitgekriegt, so eine Essenz in mir, da kommt niemand dran. Also, wirklich so was von... (Atmet durch) eine seelische - oder wie immer man das nennt - StÀrke, die schon sehr hilfreich ist. Das ist schön.

Claudia Stöckl

Also, wir spielen jetzt Ihren vierten Musikwunsch: I am what I am von Gloria Gaynor. Welche GefĂŒhle weckt das in Ihnen?

Ulrike Lunacek

Dass einfach fĂŒr mich als Frau - auch als lesbische Frau - und auch mit meiner Partnerin... das ist so eines unserer Kraftlieder. Eine Lebensfreude und eine Bejahung dessen, was ich bin, was ich in meinem Leben auch geschafft habe und auch dieses Ja-Sagen auch zu meiner Partnerin aber auch zu Freundschaften. I am what I am. So ist es, ja! Freut euch drĂŒber.

Einspielung

Wenn ich an den Wahlkampf denke, dann empfinde ich...

Ulrike Lunacek

Lust darauf.

Einspielung

Meine wichtigste Frage an Sebastian Kurz wÀre...

Ulrike Lunacek

Warum er die Ehe fĂŒr alle nicht endlich öffnet und sich als junger Mensch ein Beispiel nimmt an seiner um einiges Ă€lteren Kollegin Frau Merkel.

Einspielung

An Heinz-Christian Strache gefÀllt mir, dass...

Ulrike Lunacek

Er scheint ziemlich viel an Energie zu haben.

Einspielung

Treue ist fĂŒr mich...

Ulrike Lunacek

Schön aber nicht unbedingt notwendig.

Claudia Stöckl

Ja, leben Sie in einer offenen Beziehung?

Ulrike Lunacek

Ja, wir hatten beide immer wieder... ganz wenig, ein zweimal auch in den vielen Jahren auch andere AffÀren. Und jetzt nicht mehr.

Claudia Stöckl

Und hat das keine Krise erzeugt?

Ulrike Lunacek

Ja, schon. Die gibt es schon immer wieder. Aber, es war dann so, dass wir beide festgestellt haben: Ja, aber wir wollen zusammenbleiben.

Claudia Stöckl

Aber Sie können einen Seitensprung verzeihen.

Ulrike Lunacek

Ja, so schon. Also, da gibt es wichtigeres.

Einspielung

Erotisch finde ich...

Ulrike Lunacek

Mmmh. Menschen, Frauen und MÀnner, die schön tanzen und eine Ausstrahlung, die Lebensfreude wiederspiegelt.

Einspielung

Meine letzte LiebeserklÀrung machte ich als...

Ulrike Lunacek

Vor kurzem meiner Partnerin. Es gab so eine Situation, wo es ein bisserl schwierig war und das haben wir dann geklÀrt und das war dann wieder so eine Situation, wo wir beide gesagt haben: Es ist einfach so schön miteinander. Und wir lieben einander.

Claudia Stöckl

Schwierig aus Stress?

Ulrike Lunacek

Ja, es war vor allem Stress. Und es waren diese ĂŒblichen Dinge bei uns mit Termine klĂ€ren und wer wann was. Und was man dann vergessen haben, der anderen zu sagen... Und dann kommt ein Kuddel-Muddel raus... So Situation sind es.

Einspielung

Ich fĂŒhle mich schön, weil...

Ulrike Lunacek

Weil ich mit sechzig das GefĂŒhl habe, ich bin eine coole Frau.

Einspielung

Meine Traumhochzeit wÀre...

Ulrike Lunacek

Ich glaube, ich mag es eher sehr im Stillen und mit einem schönen Fest.

Claudia Stöckl

Und in Österreich?

Ulrike Lunacek

Es war schon einmal die Idee, in Peru auf der österreichischen Botschaft es zu machen. Weil das ging bis vor einigen Jahren. Und das geht leider nicht mehr. Das hĂ€tten wir gerne gemacht. Jetzt gab es die Idee, dass man vielleicht den Standesbeamten oder die Standesbeamtin einlĂ€dt mitzufliegen. Aber das weiß ich noch nicht, ob wir das tun. Das finde ich irgendwie nett, in Peru das zu machen.

Einspielung

Das auffallendste an mir ist...

Claudia Stöckl

Manche sagen ja, Sie wÀren farblos.

Ulrike Lunacek

Echt. Aber zu mir hat es noch niemand gesagt. Es mag sein, dass das wer sagt. Ich wĂŒrde sagen, meine GrĂ¶ĂŸe und meine StĂ€rke, die ich ausstrahle.

Einspielung

In zehn Jahren möchte ich...

Ulrike Lunacek

Ich möchte dann irgendwann einmal eine Zeit lang in Peru oder Lateinamerika leben und ich wĂŒrde gerne irgendwelche BĂŒcher, Romane ĂŒbersetzen ins Deutsche. Zeit dafĂŒr haben.

Ulrike Lunacek

Ich wĂŒnsche Ihnen, Frau Stöckl, aber auch den Hörerinnen und Hörern einen wunderschönen Sommer mit viel Somme, mit viel Energie mit viel auftanken fĂŒr einen Herbst. Und ich wĂŒnsche uns allen, dass auch die Wahlen am 15. Oktober ein Ergebnis bringen, das fĂŒr Österreich gut ist und fĂŒr Österreich in Europa gut ist.