'FrĂŒhstĂŒck bei mir' mit Christian Kern und Claudia Stöckl

Transkript von Dieter Zirnig am 11.06.2017

Transkript: 'FrĂŒhstĂŒck bei mir' mit Christian Kern und Claudia Stöckl, 11.06.2017

Sonntag, 11. Juni 2017

Ö3/FrĂŒhstĂŒck bei mir

Transkriptstatus: Samstag, 17. Juni 2017

Quelle: oe3.orf.at

Bildquelle: -


Zum Stream auf oe3.orf.at


neuwal


Dieter Zirnig

Dieter Zirnig (neuwal.com)

Transkript, Fakten, Quellen


Moderation und TeilnehmerInnen

Claudia Stöckl

Claudia Stöckl

Moderatorin FrĂŒhstĂŒck bei mir, Ö3

 
Christian Kern

Christian Kern

SPÖ Parteiobmann, Bundeskanzler

 


Bildquellen
Claudia Stöckl: facebook.com/claudia.stockl.33/
Christian Kern: SPÖ Presse und Kommunikation
Bildquelle Header: oe3.orf.at

Audiofile 'FrĂŒhstĂŒck bei mir'

Quelle: http://files2.orf.at/vietnam2/files/oe3/201723/00012113_527784.mp3



'Frühstück bei mir' Feed

orf.at/podcast

itunes.apple.com



Tracklist: Frühstück bei mir



Person Zeichen Worte

Claudia Stöckl

16.310 2.741

Christian Kern

31.854 5.398

Gesamt

48.164 8.139








Claudia Stöckl

'FrĂŒhstĂŒck beim mir' heute aus dem Bundeskanzleramt in Wien. Wir starten mit der Reihe 'Die Ö3-SommergesprĂ€che - Spitzenkandidaten ganz persönlich'. Und ich freue mich, dass wir mit Bundeskanzler Kern beginnen. Einen schönen guten Morgen, Herr Kern.

Christian Kern

Guten Morgen.

Claudia Stöckl

Was waren denn Ihre ersten Gedanken heute, als Sie aufgewacht sind?

Christian Kern

(lacht) Das war kein besonderer geistiger Höhenflug. Sondern, schnell ins Badezimmer. Dann mit meiner Tochter, die hat ein Spiel vorbereitet, das sie in der Schule gebastelt haben. Das haben wir ausprobiert, das ist sich auch noch ausgegangen. Und insofern gehören die ersten Minuten - die erste Stunde des Tages - immer der Familie, der Tochter meiner Frau. Das war auch heute wieder so.

Claudia Stöckl

Wann sind Sie denn zum letzten Mal aufgewacht mit dem Gedanken: 'Warum habe ich mir das alles angetan?'

Christian Kern

Noch gar nicht. Also, damit kann ich nicht dienen. Ganz im Gegenteil. Das ist eine Aufgabe und eine Herausforderung und eine Verantwortung, die ich ĂŒbernommen habe. ich sehe das als Verpflichtung, dem Land, dem ich so unglaublich viel verdanke, etwas zurĂŒckzugeben. Und insofern ist das auch etwas, was ich auch mit Freude mache.

Claudia Stöckl

Aber trotzdem: Man kann sich vorstellen, dass Sie doch etwas anderes erwartet haben, wie dieses Jahr verlaufen wird. Sie selber haben ja in Ihrer Antrittsrede von der Machtversessenheit und der Zukunftsvergessenheit gesprochen. Haben das politische Hick-Hack angeprangert. Haben gesagt: Es gibt nur mehr wenige Monate, um sich das Vertrauen der WÀhler zu bewahren. Und eigentlich hat sich ja leider in dem Jahr nichts verÀndert.

Transkript: Erste Pressekonferenz von Christian Kern (17.05.2017)


[...]
Christian Kern: Wenn wir dieses Schauspiel weiter liefern, ein Schauspiel der Machtversessenheit und der Zukunftsvergessenheit, dann haben wir nur noch wenige Monate bis zum endgĂŒltigen Aufprall. Wenige Monate, bis das Vertrauen und die Zustimmung in der Bevölkerung restlos verbraucht sind. Ich kann Ihnen sagen, mir ist es so gegangen, wie Ihnen. Nach jeder Pleite, nach jeder Panne, nach jeder Niederlage zu hören: "Wir mĂŒssen in den Gremien beraten und die Leute da draußen…" Und ich weiß nicht, was fĂŒr Formeln es alle gibt. Mir ist es genauso gegangen wie Ihnen als StaatsbĂŒrger.

Ich konnte das schlicht und einfach nicht mehr hören. Und jetzt geht es darum, diese Chance zu nutzen, um Österreich wieder stark zu machen. Um unser Land zu einem europĂ€ischen Vorbild zu machen.
[...]


neuwal.com
Quelle: neuwal.com (abgerufen am 17.06.2017)

Christian Kern

Ja, ich bin davon ausgegangen, dass das eigentlich ein ganz ein einfacher Gedanke ist. Dass es nĂ€mlich darum geht, fĂŒr die Menschen in unserem Land die Lebensbedingungen zu verbessern und dafĂŒr zu sorgen, dass Österreich zu den LĂ€ndern gehört in Europa... zu den reichsten, sichersten und bestgefĂŒhrten zĂ€hlen. Wo jeder seine Chance auf ein geglĂŒcktes Leben bekommt. Habe aber festgestellt, dass oft einmal in der Politik nicht das Land im Vordergrund steht, sondern ganz egoistische persönliche Interessenslagen - oft parteipolitisch motivierte.

Und das fĂŒhrt dann natĂŒrlich zu intensiven Auseinandersetzungen, die uns in dieser Form auch nicht weiterbringen. Andererseits ist das letzte Jahr auch eines gewesen, wo wir 130 Gesetze beschlossen haben: Von Ganztagsschulen bis zur Ausbildungsgarantie fĂŒr Jugendliche... eine Reihe sind passiert, die uns - glaube ich - gut weiterbringen. Bei weiten aber nicht ausreichen um die Herausforderungen der Zukunft zu bewĂ€ltigen.

Claudia Stöckl

Also, Sie sagen, Sie waren in dem Jahr immer gelassen und sind 'cool' durch Ihre Aufgaben gegangen? Das kann ich Ihnen nicht glauben.

Christian Kern

Na, man macht sich natĂŒrlich seine Gedanken. Ist gar keine Frage. Manche Dinge freuen einen mehr - manche freuen einen weniger. Ich bin ja in die Politik gegangen um Verantwortung fĂŒr das Land zu ĂŒbernehmen und habe festgestellt, dass halt nicht alle genauso ticken - wenn man so will. Ich denke aber trotzdem, da darf man sich nicht irritieren lassen. Auch wenn ich das eine oder andere - offen gesagt - auch ganz deutlich ablehne. Was da an Vorgehensweisen entwickelt worden sind.

Claudia Stöckl

Was meinen Sie zum Beispiel?

Christian Kern

Na, ich bin ein großer AnhĂ€nger, dass man Respekt im Umgang miteinander pflegt. Und ich glaube, dass es ganz schlecht ist, wenn man Auseinandersetzungen auf der persönlichen Ebene fehlt. Und wenn dann die Höflichkeit fehlt, wenn der Respekt verloren geht, das verstehe ich nicht, dafĂŒr bin ich nicht zu haben. So haben mich meine Eltern nicht erzogen. Stelle aber fest, dass manche in der Politik sich so verhalten, wie wir es in der Familie oder im Beruf nie akzeptieren wĂŒrden. Aber dort ist es eine SelbstverstĂ€ndlichkeit und es gilt dann auch noch als taktisch clever. Damit muss man sich abfinden. Da haben Sie schon recht, da tue ich mir da oder dort schwer. Weil ich finde, nur weil man jetzt in der Politik arbeitet - ich tu das jetzt seit einem Jahr - muss man seine GrundsĂ€tze und das gute Benehmen nicht zu Hause deponieren.

Claudia Stöckl

Wir starten jetzt mit einem Musikwunsch von Ihnen in diesen Sonntag. Was wÀre das denn?

Christian Kern

Also, ich habe das ausfĂŒhrlich mit meiner Tochter (lacht) besprochen. Und ich finde, zum Start des Tages wĂ€re 'Happy' eine gute Auswahl.

Happy - Pharrell Williams



youtube.com
Quelle: youtube.com (abgerufen am 17.06.2017)

Claudia Stöckl

Auf einer Skala von 1 bis 10 - 10 natĂŒrlich als Höchstwert - wĂŒrden Sie sich derzeit bezeichnen?

Christian Kern

Also eindeutig 10. Ich habe so viel GlĂŒck in meinem Leben gehabt. So viel Liebe genossen und so viel Zuneigung. Also ich bin wirklich - wenn man so will - jemand, der da mit mir und dem Schicksal wirklich im Reinen ist.

Claudia Stöckl

Ich wĂŒrde gerne mit Ihnen dieses erste Jahr als Bundeskanzler Revue passieren lassen. Vielleicht kann ich ja etwas an Ihre GefĂŒhle herankommen: Der Moment, an dem ich besonders geliebt habe, Bundeskanzler zu sein... Wenn Sie diesen Satz vervollstĂ€ndigen?

Christian Kern

Also, ich weiß noch jetzt sehr gut, wie ich da am 1. Mai gestanden bin. Oben auf der TribĂŒne. Das erste Mal. In der Vergangenheit bin ich immer am Platz gestanden, habe mir die Reden angehört. Diesmal war ich der Hauptredner. Und du schaust dort runter und dort sind 25.000 Menschen bis zum Burgtheater nach hinten, die alle fĂŒr dasselbe brennen. Weil ich weiß, es gibt viele, die sagen: 'WĂ€re Dir das nicht lieber, alleine anzutreten? Auf die Partei zu vergessen?' Ja, die SPÖ muss sich Ă€ndern. Das ist ĂŒberhaupt keine Frage. Daran arbeiten wir auch. Aber, was mich wirklich freut, ist Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Und das war fĂŒr mich ein ganz ein bewegender Moment.

Claudia Stöckl

Der Moment, an dem ich bereute habe, Bundeskanzler zu sein?

Christian Kern

Den hat es eigentlich noch nie gegeben.

Claudia Stöckl

Da habe ich mich gekrÀnkt?

Christian Kern

Eigentlich eine KrÀnkung, die mir in Erinnerung geblieben ist - damit... auch da kann ich nicht dienen.

Claudia Stöckl

Man sagt aber: 'Sie hĂ€tten ein Glaskinn.' Soll heißen, Sie gehen dann schon immer wieder zu Boden und es gehen Dinge auch nahe.

Christian Kern

Wissen Sie, was das Interessante ist? Es gibt so viele Zeitungsartikeln, die ich mit Interesse lese. Da wo ich mir denke: Von wem schreiben die eigentlich? Und das mit dem Glaskinn, also ich kann damit gar nichts anfangen. Ich habe mein Berufsleben auf Konsequenz aufgebaut. Auf einen langen Atem. Darauf Dinge zu machen, die vielleicht nur möglich waren, wenn man die Extra-Meile noch gegangen ist. Und das schaffen Sie nicht, wenn Sie leicht beeindruckbar sind. Sie haben aber auch natĂŒrlich die Situation, dass bei dieser ganzen öffentlichen Wahrnehmung, wir heut in einer politischen Zeit leben, wo es bei politischen Mitbewerbern ganze Abteilungen gibt, die sich nur darĂŒber den Kopf zerbrechen, wie man den anderen schlechtmachen kann. Das findet dann manchmal den Weg in die Zeitungen. Aber ich kann nur sagen: Jeder ist gut beraten, dass er sich selbst ein Bild macht, ob das eigentlich alles plausibel ist, was da behauptet wird.

Claudia Stöckl

Und Sie haben es immer geschafft so cool zu bleiben? Wie eignet man sich so eine dicke Haut an? Sagen Sie mir das.

Christian Kern

Nein, das hat mit dicker Haut ja nichts zu tun. Aber ich neige eher dazu, negative Emotionen nicht vor mir herzutragen, sondern Leute zu motivieren, Ihnen ein gutes GefĂŒhl zu geben, den Optimismus zu schĂŒren. Weil ich glaube, dass wir nur so etwas erreichen können. Und das ist auch das, was die Leute zurecht von mir erwarten. Ich meine, Du kannst nicht sagen: 'Ich fĂŒhre das Land in die Zukunft', wenn Du bei der ersten HĂŒrde gleich sagst: 'Ui, die ist mir aber zu hoch.' So geht das nicht.

Claudia Stöckl

Da habe ich mich von meiner Partei im Stich gelassen gefĂŒhlt?

Christian Kern

Eigentlich gar nicht.

Claudia Stöckl

Keinen Moment gegeben?

Christian Kern

Nein, es gibt oft sinnlose Diskussionen. Meistens ist das ja ganz interessant. Weil dann wird dann so ĂŒber politische Dinge diskutiert: 'Tragt er den richtigen Anzug?', 'Hat er mit diesem oder jenen das richtige taktische Manöver gemacht?'. Von diesen Dingen kann sich nur niemand etwas kaufen. Keine VerkĂ€uferin verdient einen Euro mehr, keine Familie bekommt einen besseren Kinderbetreuungsplatz. Und das ist das, wofĂŒr ich plĂ€diere. Schauen wir, was wirklich die Probleme der Leute sind und beschĂ€ftigen wir uns nicht mit uns selbst.

Claudia Stöckl

Mein Pizza-Video empfinde ich heute als...

Pizza & Politik? Kanzler Kern liefert!



youtube.com
Quelle: youtube.com (abgerufen am 17.06.2017)

Christian Kern

Also, ich muss sagen, es war ein wirklich vergnĂŒglicher Abend. War eine nette Erinnerung.

Claudia Stöckl

Und Sie sehen das noch immer als einen guten Schachzug? Trotz aller Kritik, allen, die es als peinlich empfunden haben?

Christian Kern

Na sehen Sie, aber da sind wir ja wieder bei Punkt. Ich habe es festgestellt, eine Tageszeitung hat vierzehn Tage hintereinander (lacht) nur ĂŒber das Pizza-Video gesprochen: Ist das richtig, ist das falsch, kann man das so machen oder nicht? Die Wahrheit ist: Es haben fast eineinhalb Millionen Menschen in Österreich gesehen.

Also, das war ein richtiger Boom. Der springende Punkt ist aber und es ist der Hinweis darauf, dass wir in Österreich die Probleme der Mittelschicht ernster nehmen mĂŒssen. 95 Prozent der Menschen in Österreich arbeite und haben das GefĂŒhl, das wĂ€hrend sie schuften andere immer nur die Gewinner sind und das es denen halt leichter gemacht wird. Und fĂŒr die wollen wir politisch einstehen. Und so schaffst Du dann eine inhaltliche Diskussion. Und da erfordert das halt manchmal, dass man auch unkonventionelle Wege geht.

Claudia Stöckl

Und das letzte zu diesem Word-Rap ĂŒber das erste politische Jahr als Bundeskanzler ist: 'Meine grĂ¶ĂŸte Lehre in der Politik ist?' Gibt es einen Satz, um den Sie jetzt klĂŒger sind?

Christian Kern

Die Dinge immer nur in eine Schablone zu gießen in einen Satz? Dazu ist unsere Welt viel zu komplex. Das geht sich nicht aus.

Claudia Stöckl

Ich möcht jetzt nochmal an die AnfÀnge Ihrer Zeit als Bundeskanzler kommen. Im vergangenen Jahr da sind Sie ja auch als 'roter Messias', als 'Alpen-Obama' bezeichnet worden. Jetzt hat sich das Blatt gewendet und eigentlich ist Sebastian Kurz derjenige, der diese Attribute bekommt. Tut das dann weh?

Christian Kern

Warum sollte es das?

Claudia Stöckl

Naja, man ist ja gerne auf der Siegerstraße und der Held. Oder?

Christian Kern

(lacht) Also, offen gesagt: Die Medien sind das eine. Wir haben einen Wahlabend am 15. Oktober. Dann werden wir sehen, wie sich die Dinge entwickelt haben.

Claudia Stöckl

Aber, Sie haben ja selber eine sehr interessante Diplomarbeit geschrieben, habe ich studiert: 'Die innenpolitische Berichterstattung der österreichischen Tageszeitungen im Jahr 1993'. Und eigentlich - ich fasse das jetzt natĂŒrlich komplett unwissenschaftlich zusammen...

Christian Kern

(lacht) Zurecht...

Claudia Stöckl

(lacht) Analysieren Sie, wie Zeitungen, Politiker hoch und dann auch wieder niederschreiben. Und sagen: In Wahrheit sollte ein Regierungschef gleich nach seiner Angelobung abtreten um beliebt zu bleiben.

Christian Kern

Mhm.

Claudia Stöckl

Haben Sie nicht das GefĂŒhl, Sie erleben jetzt alles und auch alle negativen Szenarien, die Sie damals beschreiben haben?

Christian Kern

Nein, weil der springende Punkt ist ja jener: Wenn man weiß, dass das so ist, dann hat man je gar keine andere Erwartungshaltung auf der einen Seite. Auf der anderen Seite, wenn Sie sich anschauen, wo wir gestartet sind in der Zustimmung, dann hat es da einen massiven Trend nach oben gegeben. Wir mĂŒssen noch mehr Menschen ĂŒberzeugen. Das ist ganz klar. Und daran werden wir konsequent arbeiten.

Claudia Stöckl

Wenn Sie Sebastian Kurz in einer Skala von 1 bis 10 Sympathie-Punkte geben. Wie sympathisch finden Sie ihn denn eigentlich?

Christian Kern

Also, ich habe mir angewöhnt, keine öffentlichen Urteile ĂŒber andere Politiker zu fĂ€llen. Und schon gar keine, die ins persönliche gehen.

Claudia Stöckl

Man sage, er ist fĂŒr Sie eine Reizfigur.

Christian Kern

Frau Stöckl, das fÀllt in die Kategorie der G'schichtln und Legenden.

Claudia Stöckl

Wir frĂŒhstĂŒcken heute im BĂŒro des Bundeskanzlers. Ein toll gedeckter FrĂŒhstĂŒckstisch. Und Sie sagen, das ist eher die Ausnahme. Sie haben ja auch in einem Interview gemeint, Sie kommen ĂŒberhaupt nicht mehr zum FrĂŒhstĂŒcken. Da macht man sich fast Sorgen. Man will eigentlich, dass der Bundeskanzler gut frĂŒhstĂŒckt und stark in den Tag geht.

Christian Kern

(lacht) Ja, aber jeder hat so seine Gewohnheiten. Bei mir ist es eine Espresso-Tasse. Und wie gesagt die GesprĂ€che mit der Familie in der FrĂŒh, bevor der hektische Tag dann losgeht. Weil um halb acht verlĂ€sst unsere Tochter das Haus. Und da geht es dann auch fĂŒr uns los. Und ich glaube, es ist ganz gut, wenn man so ein paar Momente gönnt, wo man dann auch jenseits der Politik sich mit den Fragen beschĂ€ftigt, die eigentlich im Leben auch einen großen Stellenwert haben.

Claudia Stöckl

Also, das wÀre: Ihre Tochter oder...

Christian Kern

Ja, mit der... was sie in der Schule erlebt hat und wie es im Gitarre-Unterricht lĂ€uft, welche Freunde am Wochenende vorbeikommen. Das ist einfach wunderbar zu sehen, wie die Kinder groß werden. Ich kenne so viele, die dann sagen: Ich habe eine tolle Karriere gemacht, aber das, was ich wirklich bereue ist, ich habe meine Kinder nicht groß werden gesehen. Das halte ich immer fĂŒr den traurigsten Moment.

Claudia Stöckl

Sie haben jetzt schon von Ihrer Tochter erzÀhlt. Sie ist jetzt gerade noch neun Jahre alt und sie geht in eine katholische Privatschule. Warum hat eine öffentliche Schule nicht gereicht?

Christian Kern

Eine öffentliche Schule reicht wunderbar und ich bin ein großer AnhĂ€nger des öffentlichen Schulsystems. Wir haben vier Kinder, die sind jetzt eigentlich alle in öffentliche Schulen gegangen. Unsere Tochter wird jetzt auch ihre Schule in einem öffentlichen Gymnasium fortsetzen. Im gegenstĂ€ndlichen Fall war es aber schlicht so, dass war die nĂ€chste Schule mit Nachmittagsbetreuung. Und vor dem Hintergrund war das einfach eine einfache Entscheidung.

Claudia Stöckl

Aber finden Sie es fĂŒr einen SPÖ-Kanzler passend, dass die Tochter in eine Privatschule geht und sozusagen der Elite dann angehört?

Christian Kern

Naja, offen gesagt: Die öffentliche Schule nebenbei und der Hort hĂ€tte genau dasselbe gekostet. Also, von Elite kann ja da gar keine Rede sein. Und ich weiß nicht, welche Erwartungshaltung Sie haben, dass man dann Sack und Asche zum Lebensprinzip machen muss. Das sehe ich nicht so. ich denke, unsere Tochter ist ein sehr bescheidenes Kind, die ist auch so erzogen worden. Und das ist aus meiner Sicht eine ganz eine normale Volksschule.

Claudia Stöckl

Aber Sie sprechen da eben einen interessanten Punkt an, der ja jetzt nicht alleine meine Sichtweise ist. Es wird ja der Lifestyle eines Sozialdemokraten besonders beĂ€ugt. Zum Beispiel Werner Faymann hat mich beim FrĂŒhstĂŒck in eine kleine Pension in die Steiermark geladen und immer Bescheidenheit demonstriert. Bei Ihnen werden die Slim-Fit-AnzĂŒge zum Thema gemacht, da bin ich ja nicht die einzige. Die schöne Uhr, alles was Sie so tragen. Haben Sie jemals ĂŒberlegt, da etwas zu Ă€ndern, als Sie in die Politik gegangen sind?

Claudia Stöckl

Nein, nicht im Geringsten, muss ich Ihnen ehrlich sagen. Weil ich weiß ganz genau, wo ich herkomme. Ich bin in Simmering aufgewachsen. Meine Mutter war Hausfrau und SekretĂ€rin. Mein Vater Elektriker und ist spĂ€ter Taxi gefahren. Sozusagen das sparsame Leben war das, was sich durchgezogen hat. Aber ich habe ja glaube ich bewiesen - durch Leistung - aus meinem Leben etwas zu machen. Es ist ja jedem bekannt, was ich fĂŒr eine Berufskarriere gemacht habe. Ich war der Vorstandsvorsitzende eines der grĂ¶ĂŸten Unternehmen Österreichs. Ich habe dort Verantwortung fĂŒr zehntausende Menschen gehabt. Dass man dort auch ein gewisses Einkommen erlangt, das ist so. Und jetzt das zu verleugnen wĂ€re ja völlig absurd. Das ist ja nicht der Punkt. Meine politische Zielsetzung ist aber dafĂŒr zu sorgen, dass alle in Österreich gut leben können von ihrem Einkommen. Und da haben wir viel zu tun.

Claudia Stöckl

Was darf denn ein Slim-Fit-Anzug bei Ihnen kosten?

Christian Kern

Darf ich Ihnen was sagen? Das ist auch so eine interessante Diskussion mit den AnzĂŒgen. Ich habe gelesen, ich trage MaßanzĂŒge, ich trage Maßschuhe. Nichts davon stimmt. Bruno Kreisky, Hannes Androsch, Franz Vranitzky, das sind ja auch Leute gewesen, die nicht im Ruderleiberl ins BĂŒro gegangen sind. Und der Österreicher erwartet zurecht, dass der Bundeskanzler unser Land vertritt und reprĂ€sentiert. Also, wenn Sie dann - ich weiß nicht - da nachlĂ€ssig angezogen daherkommen, dann glaube ich wĂ€re das ganz und gar das falsche Symbol.

Claudia Stöckl

Haben Sie sicher recht. Also, das heißt, die AnzĂŒge sind von der Stange?

Christian Kern

Na, also, ich kaufe die ĂŒblicherweise von der Stange und schaue, dass sie mir passen.

Claudia Stöckl

Wir drehen die Zeit zurĂŒck. Ich darf ja sagen, wir sind ein Jahrgang, Herr Bundeskanzler, ein Feuerpferd im chinesischen Horoskop. Glauben Sie daran?

Christian Kern

Ehm, Nein.

Claudia Stöckl

Gar nicht. Aber es ist ein besonderer Jahrgang, darf ich Ihnen sagen.

Christian Kern

Ja, tatsÀchlich, ja (lacht). Gut so.

Claudia Stöckl

Wir drehen die Zeit zurĂŒck, als Sie 22 Jahre alt waren. Ich war damals Fotomodell in Paris und habe jede Woche - wĂŒrde ich sagen - am Wochenende einmal die Disco im Morgengrauen verlassen, weil wir durchgetanzt haben. Sie sind damals alleinerziehender Vater gewesen. Und sagen auch, dass Sie dieses 'leichte Leben' gar nicht kannten. Haben Sie jemals daran gedacht, etwas versĂ€umt zu haben?

Christian Kern

Ehrlich gesagt, das ist auch eine unglaubliche glĂŒckliche Zeit auch gewesen. Weil ich liebe meine Kinder abgöttisch. Und muss dazusagen, damals habe ich mir schon manchmal gedacht, wenn die anderen weggegangen sind und ich mich halt mit der Frage 'geschabter Apfel?' oder 'doch Grieskoch?' auseinandergesetzt habe fĂŒr den Kleinen, dass ich das vielleicht eines Tages nachholen werde. Irgendwann stellt man dann aber fest, man braucht eigentlich nichts nachholen, weil ich habe jetzt nicht das Empfinden gehabt, jetzt irgendwas versĂ€umt zu haben. Immerhin habe ich einmal die Dorfdisco von Alpbach von innen gesehen, wĂ€hrend des Forums Alpbach, also. Aber mehr an aufregenden SchwĂ€nken, so wie Sie das erlebt haben, damit kann ich tatsĂ€chlich nicht dienen.

Claudia Stöckl

Vielleicht fĂŒhren Sie jetzt das aufregendere Leben als Bundeskanzler. Ich bin die Nummer 1 am FrĂŒhstĂŒckstisch dafĂŒr.

Christian Kern

(lacht)

Claudia Stöckl

Schon seit zwanzig Jahren. Das mĂŒssen Sie mir mal nachmachen dann als Bundeskanzler.

Christian Kern

Ja, Gratulation. Gut durchgehalten.

Claudia Stöckl

Alle Bundeskanzler seit 1997 waren hier und ich freue mich, dass Sie jetzt auch da sind. Aber, wie ist es dazu gekommen, dass Ihr Sohn bei Ihnen aufgewachsen ist?

Christian Kern

Er war immer ein Papa-Kind. Als dann die Trennung passiert ist, war das eigentlich eine ganz klare Entscheidung, dass er bei mir bleibt. Also, waren alle Beteiligten sich sehr schnell einig.

Claudia Stöckl

Und Sie sind dann mit Ihrer Frau, von der Sie sich nach drei Jahren scheiden haben lassen wieder zusammengekommen.

Christian Kern

Genau.

Claudia Stöckl

Was haben Sie beim zweiten Versuch besser gemacht?

Claudia Stöckl

Naja, wie man gesehen hat nicht viel, weil sonst (lacht) wĂ€re das nicht dann beim zweiten Mal dann auch auseinandergegangen. Nein, aber, wenn Du mit jemand Kinder hast, dann ist das ein Leben lang eine Verbindung. Ich bin froh, dass wir da heute vernĂŒnftig miteinander reden können. Das ist ja, wie man weiß, in solchen Geschichten nicht immer so. Nach der lĂ€ngeren Pause haben wir dann noch zwei Jungs bekommen - entzĂŒckende Kinder. Das war dann halt auch nicht von Dauer geprĂ€gt.

Claudia Stöckl

Und ihr Ă€lterer Sohn Niko Kern hat jetzt fĂŒr Aufsehen gesorgt durch ein SMS, das veröffentlicht wurde. Gegen seinen Willen. Er hat dann mit einem Tweet darauf reagiert, in dem er dann Sebastian Kurz mit Idi Amin verglichen hat. Und das ist durch alle Medien gegangen. Und Sie haben damals gesagt: Hinter verschlossenen TĂŒren habe ich mit ihm gesprochen und ihn dann auf eine neue Linie eingeschworen. Ich habe Facebook entnommen, ihr Sohn ist jetzt nach Bologna gezogen und hat diese Woche gepostet: 'Italien Dandy-Style Hello. Goodbye Lopatka-Style.' Also auch eine kleine Stichelei wĂŒrde ich sagen wieder gegen die ÖVP. Haben Sie nicht das GefĂŒhl, jetzt gerade im Wahlkampf sollten Sie ihm vielleicht genauere Regeln vorgeben?

Christian Kern

Frau Stöckl, haben Sie Kinder?

Claudia Stöckl

Nein, ich habe keine Kinder

Christian Kern

OK.

Claudia Stöckl

Aber ich habe Nichten und Neffen.

Christian Kern

Dann darf ich Ihnen was sagen. Wenn jemand volljĂ€hrig ist - 29 im gegenstĂ€ndlichen Fall -, dann können Sie davon ausgehen, er ist eine eigene, selbstbestimmte Persönlichkeit. Wenn er sich da politisch als StaatsbĂŒrger Ă€ußert, so wie jeder andere StaatsbĂŒrger auch, dann ist das sein gutes Recht. Ob das jemand in der Politik gefĂ€llt, ob das mir gefĂ€llt, das ist völlig unerheblich.

Claudia Stöckl

Mhm.

Christian Kern

Genauso werde ich umgekehrt massenhaft immer wieder von allen möglichen anderen - meistens ÖVP-FunktionĂ€ren - kritisiert. Das ist das Spiel. Wenn Sie ihn zu seinen politischen EinschĂ€tzungen fragen wollen... (lacht) Ich bin davon ĂŒberzeugt, Bologna ist ein schöner Ort, er frĂŒhstĂŒckt gerne mit Ihnen.

Claudia Stöckl

Warum ist er jetzt in Bologna?

Christian Kern

Arbeitet dort.

Claudia Stöckl

Aber zum Beispiel im Wahlkampf Van der Bellen weiß ich, wurde auch die Familie gemanagt, beraten in Ihren öffentlichen Äußerungen. Sie glauben nicht, dass das notwendig ist?

Christian Kern

Nein, ich denke, das ist absolut nicht notwendig.

Claudia Stöckl

Also, da lassen Sie jedem die freie Meinung, egal, welcher Wirbel dann verursacht wird?

Christian Kern

Also angesichts des Lebensalters meiner Kinder sind die ohnehin sehr unterschiedlich politisch interessiert.

Claudia Stöckl

Ich rĂŒhre hier im Kaffee. Und toll ist gedeckt im BĂŒro des Bundeskanzlers Christian Kern. Sie sind jetzt seit zehn Jahren mit Ihrer Frau, Unternehmerin, Evelyn Steinberger-Kern verheiratet. Die zweite Ehe. War es fĂŒr Sie einfach, wieder dieses Experiment und Abenteuer Ehe einzugehen?

Christian Kern

Ja, das war ganz leicht. Man machte seine Erfahrungen, lernt und ich habe aus voller Überzeugung natĂŒrlich meine Frau dann auch geheiratet. Es ist ein unglaubliches GlĂŒck, ich bin dem Schicksal ewig dankbar, diese Frau kennengelernt zu haben und genieße jede Minute mit ihr.

Claudia Stöckl

Also, was machen Sie jetzt, in dieser zweiten Ehe anders?

Christian Kern

Na, ich denke, das ist wahrscheinlich wirklich so etwas Schicksalhaftes. Ich meine... Es gibt offenbar Menschen, die einem bestimmt sind. Und meine Frau ist mein wirklicher Lebensmensch und wir verstehen uns großartig, denken in dieselbe Richtung, haben dieselben Leidenschaften. Unterschiedliche Charaktere, das hilft glaube ich auch.

Claudia Stöckl

Und zwar?

Christian Kern

Es funktioniert einfach leicht und einfach.

Claudia Stöckl

Wie unterscheidet sich Ihre Frau? Ist sie temperamentvoller oder...

Christian Kern

Meine Frau ist sehr temperamentvoll und hat auch die Eigenschaft - was glaube ich sehr positiv ist, was uns verbindet -, auch diese Lebenslust zu haben. Also wir sind beide Menschen, bei denen das Glas immer halbvoll ist. Wir sehen immer die Möglichkeiten und nicht die Gefahren. Und das hilft, das Leben gemeinsam aufeinander auszurichten. Wir sind beide sehr sportlich. Und gemeinsam joggen zu gehen ist etwas, das wir sehr gerne tun.

Claudia Stöckl

Sie ist auch Ihre Beraterin habe ich gehört. Ist das richtig?

Christian Kern

Naja, Beraterin. (lacht) Das ist... NatĂŒrlich tauschen wir uns zu Hause auch aus. Aber das mit dem Beraten ist so eine Geschichte, weil jeder zweite, dem Du mal die Hand geschĂŒttelt hast firmiert dann irgendwann in einer Zeitung als 'Dein Berater'. Und in dem Sinn ist das bei meiner Frau in der Tat etwas anderes.

Claudia Stöckl

In dem Buch, das jetzt erschienen ist ĂŒber Sie - vom Robert Misik - werden Sie auch vielfach beschrieben eben als kontrolliert und eher kĂŒhl. Und, dass es Ihnen nicht so einfach fĂ€llt GefĂŒhle zu zeigen.

Christian Kern

Sie haben mich noch nie beobachtet, wenn mein Fußballteam ein Tor gemacht hat. (lacht)

Claudia Stöckl

(lacht) OK. Dann meinen Sie, die das gesagt haben, die kennen Sie nur vom Job. Da sind Sie offensichtlich so.

Christian Kern

Aber das ist ja auch interessant. Weil es gibt natĂŒrlich eine Aufgabe, die man ĂŒbernimmt. Damit ist eine gewisse Rolle verbunden. Und daneben gibt es aber natĂŒrlich schon auch ein privates Leben. Und das lĂ€uft natĂŒrlich dann ganz in anderen Bahnen. Und dort gibt es dann auch mehr Möglichkeiten, sich zum Beispiel ekstatisch zu freuen, wenn das Fußballteam gewonnen hat oder der Dominik Thiem den Matchball verwandelt oder einfach eine großartige Arie in der Oper gelungen ist.

Claudia Stöckl

Also, das heißt, Sie können auch in einer Beziehung Ihre GefĂŒhle zeigen.

Christian Kern

Na mit Sicherheit (lacht).

Claudia Stöckl

Na, es gibt so Menschen, also.

Christian Kern

(lacht) Frau Stöckl, aber der Akzent liegt auf Mensch. Und wenn Sie sagen, das ist der Mensch, der der Bundeskanzler ist oder der ist Bundeskanzler und nicht Mensch, dann ist das ein großer, großer Irrtum.

Claudia Stöckl

Was ist denn Ihre Lieblingsballade? Was wÀre denn so ein Love-Song, der Sie vielleicht mit Ihrer Frau verbindet?

Christian Kern

Ich habe einen Song aufgeschrieben, den ich wahnsinnig schön finde: Enjoy the Silence, ist ein alter Depeche Mode Song, den die Carla Bruni singt. Wir waren gemeinsam auch beim Konzert der Carla Bruni im Konzerthaus. Ist eine tolle Frau auch und eine tolle KĂŒnstlerin.

Carla Bruni - Enjoy The Silence



youtube.com
Quelle: youtube.com (abgerufen am 17.06.2017)

Claudia Stöckl

Wir frĂŒhstĂŒcken am Vatertag. Und Sie haben vorhin auch von den PrioritĂ€ten im Leben erzĂ€hlt. Also offensichtlich schaffen Sie es auch, wirklich Ihrer Familie einen Platz zu geben. Wie viel Stunden am Tag wĂŒrden Sie sagen gehören der Familie?

Christian Kern

Naja, wir haben die Stunde, die wir in der FrĂŒh miteinander verbinden. Und ich versuche, zu mindestens einmal, zweimal die Woche so frĂŒh zu Hause zu sein, dass ich meine Tochter ins Bett bringen kann. Das ist 21 Uhr. Vorher noch eine Geschichte lesen. Am Wochenende natĂŒrlich, zumindest auch einen halben Tag ganz intensiv. Und mit meiner Frau verbringe ich natĂŒrlich dann auch die Abende, auch wenn es spĂ€ter am Abend ist.

Claudia Stöckl

Und, Sie haben auch in einem Interview gesagt: Als Ihr Vater sehr krank war, er ist ja mittlerweile gestorben, sind Sie auch teilweise von den Sitzungen aufgestanden damals als ÖBB-Manager und zu ihm gefahren. Und Sie haben ihn glaube ich auch beim Sterben begleiten können. War es wichtig, Abschied zu nehmen?

Christian Kern

Ja, das war unglaublich wichtig. Wir waren da dabei. Auch mein Ă€ltester Sohn und auch die beiden Kleinen waren dann immer wieder dabei und haben ihn besucht. Das war natĂŒrlich eine ZĂ€sur. Und ich muss sagen, so hart das war - so eine Krebserkrankung ist wirklich ein Schicksalsschlag - aber ich war unglaublich dankbar, dass ich da dabei sein konnte. Du bekommst dann so deutlich vor Augen gefĂŒhrt, dass die gemeinsame Zeit, die wir haben keine SelbstverstĂ€ndlichkeit ist. Und, dass wir alle miteinander da glaube ich gut beraten sind, dass intensiv zu genießen, diese Momente, die uns da vergönnt sind.

Claudia Stöckl

Bei Bundeskanzler Christian Kern. Ich freue mich, dass das jetzt endlich geklappt hat. Ich bin ja schon sieben Jahre hinter Ihnen hier als FrĂŒhstĂŒcksgast. Ich habe es schon oft probiert als Sie ÖBB-Manager waren. Und dann auch natĂŒrlich auch in der Zeit als Bundeskanzler. Ist das jetzt ein Zeichen fĂŒr den Wahlkampf, dass Sie auch bereit sind, persönlicher ĂŒber sich zu erzĂ€hlen oder was hat die Trendwende bewirkt?

Christian Kern

Also, ich denke, es ist so, dass die Öffentlichkeit Teil der Rolle ist. Und ich bin jemand, der eigentlich auch perfekt ohne diese Öffentlichkeit leben könnte. Wenn Du in einem Unternehmen arbeitest, selbst wenn Du Vorstandsvorsitzender bist, dann reprĂ€sentierst Du das Unternehmen, die Mitarbeiter, hast Verantwortung. Zuletzt fĂŒr die 42.000, ihre Familien, alles das. Und dann hast Du auch eine gewisse öffentliche Rolle. Wenn Du in der Politik bist, ist das anders. Weil da reprĂ€sentierst Du die 8.6 Millionen Österreicher und Österreicherinnen. Und die haben - denke ich - auch ein Anrecht zu wissen, wer eigentlich die Person ist, die sie da vertritt. Und das war der Grund, warum ich mich jetzt entschlossen habe, das GesprĂ€ch mit Ihnen zu fĂŒhren.

Ich glaube, es geht auch immer um die Motivation in der Politik. Und ich bin wie gesagt ein Produkt - wenn man so will - oder meine Karriere ist ein Produkt der Ära Kreisky, der den Menschen damals in den 70er Jahren die Möglichkeit gegeben hat wirklich aus ihrem Leben etwas zu machen. Und in dem er Studien gratis zur VerfĂŒgung gestellt hat, die Gratis-SchulbĂŒcher, einfach darauf geschaut hat, dass alle die gleiche Chance in Österreich bekommen. Und der Grund fĂŒr mein Engagement ist dafĂŒr, heute zu sorgen, dass das, was ich erlebt habe, das GlĂŒck, was ich hatte und was ich in dem Land genossen habe, zurĂŒckzugeben, damit möglichst viele Menschen die Möglichkeit haben, bei uns ein geglĂŒcktes Leben zu fĂŒhren.

Und das ist ein echter Antrieb, aus meiner ganzen Geschichte, aus meinen persönlichen Wurzeln. Und dafĂŒr brenne ich, dafĂŒr bin in ĂŒberzeugt. Wenn es anders wĂ€re, dann wĂŒrden wir jetzt heute nicht so ein GesprĂ€ch fĂŒhren. Weil die Annehmlichkeiten bei dem Job, die sind nicht gerade unermesslich.

Claudia Stöckl

Mhm. Aber, es gibt ja auch seit dieser Woche ein Video, das Sie auch sehr persönlich zeigt in Ihrer Geschichte. Eben, der Arbeiterbub aus Simmering, ihre Zeit als alleinerziehender Vater und jetzt auch in Ihrer Ehe. Ich nehme an, das ist jetzt auch Teil Ihrer Positionierung wĂ€hrend des Wahlkampfs. Sie sind bereit, mit Ihrer Persönlichkeit nach außen zu gehen. Das solle in Wahlkampf sein, der auf Sie als Person zugeschneidert ist.

Miteinander kommen wir weiter - Image-Video Christian Kern



facebook.com
Quelle: facebook.com (abgerufen am 17.06.2017)

Christian Kern

Ja, das stimmt. Und ich muss sagen, das war ein toller Videodreh, weil ich habe frĂŒher bei Simmering Fußball gespielt. Und da... nicht sehr brasilianisch... also, meine technischen FĂ€higkeiten waren immer limitiert, aber laufen konnte ich. Und ich bin dort oben gewesen am Fußballplatz - mein Elternhaus ist unterm Fußballplatz - und da war so ein Turnier von Kindern, die unter zehn waren. Und dort vorbeigeschaut und wir haben uns da angekĂŒndigt und haben dem Obmann gesagt, wir schauen vorbei. Und dann hat mir der ein unfassbares Geschenk gemacht. Er hat nĂ€mlich meinen Spielerpass aus dem Jahr 1971 noch ausgegraben mit diesem Kinderbild. Und damals gab es noch Ă€rztliche Untersuchungen. Das war eine Riesenfreude, das war wirklich unerwartet. Insofern muss man sagen, hat mir das auch großen Spaß gemacht und einen tollen Vormittag beschert.

Claudia Stöckl

Und das fĂ€llt Ihnen leicht? Jetzt auch als Vater und Ehemann in der Öffentlichkeit zu stehen? Weil bis jetzt haben Sie Ihre Familie - und Sie haben ja auch bei der Diskussion ĂŒber Ihren Sohn Niko vorhin gesagt, Sie wollen die eigentlich gar nicht, ja, hineinwerfen.

Christian Kern

Also, bei meiner Frau ist es unvermeidlich. Dadurch, dass sie ja selbst Karriere gemacht hat, an Projekten dran ist oder an Projekten arbeit, die die Öffentlichkeit interessieren, die ist auch schon vorher in den Zeitungen vorgekommen. Also, da ist ein Verstecken gar nicht möglich. Bei den Kindern achten wir sehr darauf, dass die nicht in der Öffentlichkeit stehen. Und wenn Sie sich das Bild anschauen, die Familienbilder, die da vorkommen, dann sind das... da waren die Kinder so klein, dass die heute kein Mensch mehr erkennen wĂŒrde. Das ist uns schon wichtig, dass man das trennt. Dass die nicht in der Öffentlichkeit sind. Ich glaube, es ist auch wichtig, dass die Kinder sich fĂŒr nichts Besonderes halten. Was in dem Fall wirklich geglĂŒckt ist, weil die Jungs haben echt andere Interessen. Die interessieren sich ein bisserl fĂŒr Politik, aber die leben ein ganz ein anderes Leben. Und unsere Tochter, dort ist das völlig unerheblich. Also, ich glaube, fĂŒr die Klassenkollegen war ich noch interessanter, wie ich der Chef der LokfĂŒhrer gewesen bin als der Bundeskanzler.

Claudia Stöckl

Ein großer Punkt ist ja auch eine mögliche Koalition mit der FPÖ. Da haben Sie einmal in der Zeit im Bild, in der ZIB2 vor zwei Wochen gesagt, dass das... Es gibt jetzt diesen Kriterienkatalog, der ausgearbeitet wird, dass das vor den Wahlen feststehen wird. Und Sie sagen, ob das eben in Frage kommt oder nicht. Jetzt hört man wieder, dass die SPÖ-Mitglieder bestimmen sollen und, dass es erst nach den Wahlen verkĂŒndet wird. WĂ€re das nicht unfair dem WĂ€hler gegenĂŒber? Der möchte wissen, was er wĂ€hlt.

Christian Kern

Nein, aber Frau Stöckl, das ist doch - mit Verlaub - ein bisschen absurd. Weil das wĂŒrde bedeuten, dass wir jetzt (lacht) mit irgendeiner Partei ... als die FPÖ einen Koalitionsvertrag machen und sagen: Das machen wir so. Das ist eine völlige Verkehrung der Situation. Weil am 15. Oktober sind die WĂ€hler und WĂ€hlerinnen aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Dann wird es ein Wahlergebnis geben. Und auf Basis dieses Wahlergebnisses wird man dann diskutieren, wie die nĂ€chste Regierung aussehen muss.

Was wir tun - und das war das, was ich gesagt habe und genauso wird das auch passieren -, dass wir die Bedingungen definieren, die fĂŒr uns eingehalten werden mĂŒssen, damit wir in einer Regierungsbeteiligung sind. Und das ist glaube auch richtig, weil die SPÖ hat oft und oft sich daraus definiert, dass wir gesagt haben: Wir sind gegen die FPÖ. Und mein Punkt ist, ich möchte uns definieren, dass ich sage, wofĂŒr wir eigentlich stehen, was wir eigentlich fĂŒr eine Politik in dem Land realisieren wollen.

Das werden wir vorlegen und dann werden wir sagen: Das ist die Bedingung zu der wir bereit sind mit den anderen Parteien zu kooperieren oder vielleicht sogar eine Regierung zu bilden. Und das werden wir vor den Wahlen selbstverstÀndlich tun.

Claudia Stöckl

Wir frĂŒhstĂŒcken heute bei Bundeskanzler Christian Kern im BĂŒro. Toll aufgedeckt mit Erdbeeren und Ananas, Sie haben Paprika, aber ich habe ein bisschen Schinken hier auf dem Teller. Hier soll es diese Woche zu Auseinandersetzungen gekommen sein zwischen Ihrem Team - jemanden von Ihrem Team - und vom Team Ihres BundesgeschĂ€ftsfĂŒhrers NiedermĂŒhlbichler. Irgendjemand hat eine Ohrfeige bekommen...

Christian Kern

(lacht) Ganz ehrlich, das ist...

Claudia Stöckl

...oder ausgeteilt. Liegen hier die Nerven blank?

Christian Kern

Die Geschichte ist so herrlich... Mit Stille-Post, weiterentwickelt, erfunden, was hinzugefĂŒgt, aufgebauscht. Also, erstens einmal: Ich bin der Parteivorsitzende der SPÖ und der Bundeskanzler. Vulgo gibt es zwei Teams, fĂŒr die ich verantwortlich bin. Da gibt es regelmĂ€ĂŸig Meetings, dann gab es Diskussionen zwischen zwei Kollegen, die sich nicht besonders verstehen. Ich war nicht dabei, kann es nicht schildern im Detail. Aber es ging um die Frage, wer wen informiert hat oder nicht wen informiert hat. Und dann ist er... ist das glaube ich zu einem Schubser gekommen.

Von Ohrfeigen, MassenschlÀgereien å la Asterix, wie das jetzt durch die Medien geht... Nein, das gehört sich gar nicht. Ist eine riesige Eselei, ist auch nicht zu entschuldigen. Aber bei uns geht es nicht zu wie am Dorfplatz bei Asterix und Obelix. Da kann ich Sie beruhigen.

Claudia Stöckl

Aber eine Schubserei hat es gegeben. Das kann man schon sagen, oder?

Christian Kern

Das steht fest.

Claudia Stöckl

Aber irritiert Sie nicht, dass so etwas an die Öffentlichkeit gerĂ€t? Wem können Sie noch vertrauen, wenn in Ihrem Team solche undichten Stellen sind?

Christian Kern

Also, ich habe gelernt, so bald mehr als zwei Personen bei einer Sache dabei sind oder Wissen darĂŒber haben, das ist so, als ob Du das gleich in ganz Österreich plakatierst. Und deshalb ist es auch keine Überraschung, dass sowas in die Öffentlichkeit kommt. Und am Ende ist von einer MassenschlĂ€gerei die Rede, die allerdings (lacht) so bei weitem nicht stattgefunden hat.

Claudia Stöckl

Wie einsam ist es an der Spitze?

Christian Kern

Also, die pure, nackte Einsamkeit ist eigentlich nicht der Stil. Sondern, ich neige eher dazu, mir viele Meinungen anzuhören und am Ende dann selbst die Entscheidung zu treffen.

Claudia Stöckl

Franz Vranitzky hat zu mir einmal gesagt, dass das fĂŒr ihn schon oft solche Momente waren, wo er gedacht hat... er ist jetzt... Er hat die Letztentscheidung, er muss natĂŒrlich den Kopf hinhalten und...

Christian Kern

Das ist es.

Claudia Stöckl

...es trÀgt dann vielleicht keiner mit.

Christian Kern

Das ist es. Und das ist etwas anderes, dass im Nachhinein manche dann nicht gewusst haben oder nie dabei gewesen sind. Da gibt es oft selektive Vergesslichkeit. Aber am Ende ist ein Punkt richtig, den Sie genannt haben: Wenn Du die Nummer 1 bist, dann trĂ€gst Du die Verantwortung. Und das hat mich auch immer geprĂ€gt in meinem FĂŒhrungsverhalten: Der KapitĂ€n geht als letzter von der BrĂŒcke. Und Du kannst, wenn etwas schiefgelaufen ist - egal ob das in der Bahn, ein Zug nicht kommt, ein Kunde frustriert ist...

Dann kannst nicht sagen: Der LokfĂŒhrer ist schuld gewesen. Das will der nicht hören. Sondern, dann hast Du die Verantwortung dafĂŒr zu ĂŒbernehmen, auch wenn es manchmal weiter weg ist. Und so ist das in der Politik am Ende auch. Weil das Prinzip Verantwortung ist ja nur dann ernst zu nehmen, wenn Du die auch nimmst, wenn draußen nicht die Sonne scheint. Und das war ja auch einer der Punkte, weshalb ich der Auffassung war, dass man nicht unbedingt Neuwahlen vom Zaun brechen soll. Weil wir haben in den letzten zwölf Monaten viele gute Gelegenheiten gehabt.

Nach der Plan-A-Rede, nach meinem Antritt. Das hĂ€tte der SPÖ enorm nĂŒtzen können. Aber der springende Punkt war, dass es geheißen hat: Zuerst mĂŒssen die Interessen des Landes stehen und dann erst ĂŒberlegt werden, wie man eine Wahl gewinnen kann oder ob das der SPÖ nĂŒtzt. Und, dass meine ich mit Verantwortung: Dazu zu stehen, wenn es auch schwierig ist. Das ist auch manchmal...

Claudia Stöckl

Aber funktioniert die Politik nicht anders? Ist das nicht reine Taktik?

Christian Kern

Da haben Sie recht. Das wird auch oft gesagt: Nein, der ist ja gar kein Politiker. Und immer wenn ich das höre, bin ich eigentlich ein bisschen stolz darauf. Weil meine Erwartungshaltung ist, ich will ja langfristig, dass sich wirklich etwas bewegt in unserem Land. Und nicht morgen die Schlagzeile zu produzieren. Und ich habe einmal gesagt: Politik besteht zu 95 Prozent aus Inszenierung und die letzten Wochen haben mich massiv darin bestÀtigt. Da geht es um Posten, Poker, Parteitaktik. Das ist auch das, was mir am wenigsten an der Aufgabe interessiert. Das ist so eine SelbstbeschÀftigungsorgie, wo ich mich dann jedes Mal, wenn ich Leute mit ihren wirklichen realen Problemen treffe, mich eigentlich geniere, dass das so lÀuft.

Claudia Stöckl

Wie leben Sie denn mit der öffentlichen Beobachtung? Also ich habe zum Beispiel gehört, Sie gehen nicht nur laufen, sondern Sie machen auch das EMS-Training. Dieses Sprung-Training ab und an...

Christian Kern

Wo haben Sie denn das schon wieder her?

Claudia Stöckl

Ja... (lacht). Weil Sie da beobachtet wurden in dem Studio, wo Sie hingehen. Da steht ein Sicherheitsmann vor der TĂŒr, wenn Sie dort sind. Einer ist dann auch hinter Ihnen, wenn Sie trainieren. Ist das nicht seltsam, wenn man sogar beim Training - ich weiß, das ist natĂŒrlich… das muss so sein beim österreichischen Bundeskanzler… aber da auch die Sicherheitsleute rund herum hat und eigentlich kaum mehr eine Minute alleine?

Christian Kern

Ja, man verdrÀngt das lieber. Aber ich muss sagen, den Sport im Freien, da reicht eine Kappe und die Sonnenbrille und es erkennt einen dann ohnehin keiner mehr, wenn man dann verschwitzt durch die Gegend lÀuft oder mit dem Rad fÀhrt. Aber Sie haben schon recht, es ist schon eine EinschrÀnkung. Ich muss sagen, wenn man so will, das wird einer der Punkte sein, wenn ich eines Tages aus der Politik ausscheide, der mir nicht besonders abgehen wird.

Claudia Stöckl

Und dieses Training machen Sie auch, damit Sie gestĂ€hlt sind fĂŒr Ihren Job?

Christian Kern

Der große Vorteil ist: Dauert zwanzig Minuten. Also sehr, sehr effizient und vor dem Hintergrund habe ich das entdeckt und mache das. Gelegentlich.

Claudia Stöckl

Und sonst gehen Sie laufen. Wie oft in der Woche?

Christian Kern

Ja zumindest zweimal, besser dreimal. Aber wir haben mittlerweile auch einen ganzen Park an FitnessgerĂ€ten zu Hause. Wenn Du dann mal Zeit hast - am Wochenende ein Fußballspiel im Fernsehen ist - dann rudert man so eine Halbzeit durch. Das ist sehr effizient, sehr praktisch.

Claudia Stöckl

Also, da haben Sie auch ein RudergerÀt. Das verbindet Sie mit Andre Heller. Der hat das auch zu Hause stehen.

Christian Kern

(lacht) Hat er das auch? ja?

Claudia Stöckl

Aber der hat das gemacht, weil er so schlimme RĂŒckenschmerzen hatte und dann sportlich werden musste. Also aus Leidensdruck. Ich glaube, bei Ihnen ist das ja nicht so.

Christian Kern

Nein, bei mir ist das eher Lust als Leidensdruck. Ja.

Claudia Stöckl

Wann schalten Sie wirklich ab?

Christian Kern

Ja, das gelingt ja immer wieder zwischendurch. Wenn wir am Abend aus den BundeslÀndern kommen, dass man sich dann die Kopfhörer aufsetzt, Musik hört, die GesprÀche mit meiner Frau, wenn wir gemeinsam kochen... Das fÀllt mir sehr leicht.

Claudia Stöckl

Wenn wir da jetzt einen Song zum Beispiel nehmen von Ihrer Playlist? Welchen könnten wir denn jetzt spielen?

Christian Kern

Also, ich finde: Helden von heute von Falco ist wirklich ein prĂ€gender Song gewesen fĂŒr mich. Und zwar deshalb weil... Ich erinnere mich bei diesem Konzert auf der Donauinsel. 100.000 Menschen sind dort gewesen. Und dieser 'Helden von heute' war der letzte Song, den er gespielt hat, weil es so geregnet hat. Also, es hat geschĂŒttet wie aus Schaffeln. Der unvergessliche Falco, der Mann war ein lebendes Kunstwerk.

Falco - Helden von Heute (Donauinselfest)



youtube.com
Quelle: youtube.com (abgerufen am 17.06.2017)

Claudia Stöckl

Er hat gesagt: Wenn der Erfolg - bei mir gesagt - ich habe das letzte Interview vor seinem Unfall gemacht... Wenn der - auch in dieses Mikrofon hat er schon gesprochen... (lacht)

Christian Kern

Wirklich. Darf ich es berĂŒhren?

Claudia Stöckl

Bitte sehr. Er hat gesagt: Wenn der Erfolg schneller wÀchst als die Seele wachsen kann, hat man ein Problem. Ist es Ihnen jemals so gegangen?

Christian Kern

Nein, da spricht er etwas völlig Richtiges an. Aber ich denke, ich bin durch eine gute Lebensschule gegangen. Bin da meiner Mutter sehr dankbar, auch fĂŒr die Erziehung. Und was dann glaube ich auch sehr hilft... Ich bin ein großer Shakespeare-AnhĂ€nger und schĂ€tze vor allem die Königs-Dramen. Und wenn Du das liest, wie man mit Macht umgehen muss, die Intrige und wie es dann am Ende ausgeht. NĂ€mlich im Regelfall kommt der Zeitpunkt, wo es dann gut ist, seinen Hut zu nehmen... Dann ist das eine gute Vorbereitung. Weil Du weißt, dass was Du hast an Macht, an allen, was damit verbunden ist, musst Du bereit sein, auch jede Sekunde wieder zu verlieren. Weil sonst bist Du nicht in der Lage, dass in dem Sinn einzusetzen, wie Du es möchtest. Und wenn Du zu sehr daran hĂ€ngst. Und das ist fĂŒr mich auch eine Lebenserfahrung, zu sagen, was mich ausmacht, finden Sie nicht in diesem Raum hier, finden Sie auch nicht auf meiner Visitenkarte. Und das wird immer bleiben.

Claudia Stöckl

Also, Sie haben keine Bedenken, diese Macht wieder zu verlieren. Man weiß ja nicht, wie es am 16. Oktober sein wird.

Christian Kern

Das ist immer eine geborgte Macht. Das ist immer auf Zeit und ich denke, dass man gut beraten ist, sich das immer vor Augen zu fĂŒhren.

Claudia Stöckl

Wie wichtig wĂŒrden Sie sagen waren Seilschaften auf Ihrem Weg in Ihre Karriere? Oder Netzwerke kann man es natĂŒrlich auch nennen. Seilschaft geht mehr nach oben.

Christian Kern

Also, ich bin nie ein großer AnhĂ€nger dieses Networkings gewesen. Und ich habe oft einmal mit jungen Leuten, die da zu mir gekommen sind, die gefragt haben: Wie macht man Karriere, brauch ich da die richtigen Netzwerke? Vielleicht kann das einen Beitrag leisten. Aber das entscheidende ist, dass Du zunĂ€chst einmal bereit bist, etwas zu leisten. Dass Du Dir FĂ€higkeiten erwirbst, dass Du das, was Du machst gut machst und, dass Du Dich darauf konzentrierst. Und dann gibt es viele Faktoren, die dann eine Rolle spielen.

Man muss sagen, in voller Demut, da gehört GlĂŒck einfach dazu. Das habe ich auch genossen. Und dann gilt fĂŒr den Rest der Satz, den der Bruno Kreisky einmal gesagt hat: 'Was bitte schön macht der Depperte mit dem GlĂŒck?'. Darauf muss man dann halt auch vorbereitet sein.

Claudia Stöckl

Jetzt möchte ich noch ganz kurz ĂŒber Ihre Zukunft sprechen. Sie sagen immer, das Projekt Politik ist fĂŒr Sie ein Zehn-Jahres-Projekt. Egal, wie diese Wahl ausgeht. Gibt es nicht irgendetwas, dass das, ja, diesen Zukunftsplan verĂ€ndern könnte?

Christian Kern

Nein, davon gehe ich nicht aus. Weil ich gehe davon aus, dass wir die Österreicher ĂŒberzeugen können. Aber ich - zehn Jahre ist ein guter Zeitraum. Und danach werde ich etwas anderes machen. Gibt's sicherlich noch interessante Herausforderungen.

Claudia Stöckl

Also, Sie könnten sich auch den Vizekanzler unter Sebastian Kurz vorstellen?

Christian Kern

Die Konstellation wird es nicht gegeben. Weil, Sie werden sehen, am Wahlabend werden wir vorne sein.

Claudia Stöckl

Dann nÀchste Frage: In der Opposition wÀre das eine Möglichkeit, oder?

Christian Kern

Das sind alles jetzt Spekulationen. FĂŒr uns ist wichtig, dass wir diese Wahl gewinnen. Dass die Menschen den Weg unterstĂŒtzen, fĂŒr den wir gehen. So, und wenn uns das gelingt, dann werden wir sehen, wie wir die Regierung bilden. Wenn wir dafĂŒr keine Mehrheit bekommen, na dann ist das eh zur Kenntnis zu nehmen. Dann wird hoffentlich jemand anderer die Verantwortung ĂŒbernehmen. Und dann werden wir ĂŒberlegen mĂŒssen, in welcher Form wir dem Land weiter dienen können.

Claudia Stöckl

Ich bin im JĂ€nner mit Vizekanzler Reinhold Mitterlehner in seinem BĂŒro gesessen und wir haben auch gefrĂŒhstĂŒckt und ein Interview fĂŒr Ö3 gemacht. Damals habe ich die Prognose von Gerda Rogers hervorgeholt, die gesagt hat: 'Er wird dieses Jahr als Vizekanzler nicht ĂŒberleben und es wird ganz, ganz dramatische VerĂ€nderungen in seinem Leben geben.' Und das ist dann alles eingetroffen. Er wollte es im JĂ€nner nicht glauben. Sie sagt ĂŒber Sie, dass Sie (lacht)...

Christian Kern

(lacht)

Claudia Stöckl

...auch, dass Sie vor großen VerĂ€nderungen stehen. Und nicht in der Rolle des Bundeskanzlers bleiben werden.

Christian Kern

(lacht)

Claudia Stöckl

Sie lÀcheln (lacht). Haben Sie jemals Astrologie ein bisschen Glauben beimessen können?

Christian Kern

Nein, ehrlich gesagt, ich gehöre zu den Positivisten. Ich glaube lieber, was ich sehen, angreifen, hören kann. Ich schÀtze die Fakten und vor dem Hintergrund finde ich das immer interessant, höre der Frau Rogers auch gerne zu. Aber (lacht) aus den Gestirnen mein Schicksal abzuleiten... Auf die Idee... Also, das, das... Das glaube ich nicht, dass mich das wirklich weiterbringt.

Claudia Stöckl

Sie hat gemeint, Sie wĂŒrde Sie auch als BĂŒrgermeister von Wien sehen.

Christian Kern

(lacht) Aber wissen Sie, was ich jetzt langsam in Verdacht habe? Dass die Frau Rogers gar nicht die Sterne befragt, sondern die lest bloß irgendwelche Zeitungskommentatoren und sagt dann, das wird so sein.

Claudia Stöckl

Aber bei Herrn Mitterlehner hat Sie recht gehabt.

Christian Kern

Jetzt haben wir sie. (lacht) Da haben die Kommentatoren das ja auch schon monatelang geschrieben. Also, jetzt haben wir sie glaube ich erwischt, die Frau Rogers.

Einspielung

Wenn ich an den Wahlkampf denke, dann empfinde ich...

Christian Kern

Vorfreude.

Claudia Stöckl

Worauf freuen Sie sich genau?

Christian Kern

Viele Menschen, viele Emotionen.

Claudia Stöckl

Viele Attacken, große Schlammschlacht.

Christian Kern

Ja, das nehme ich nie persönlich.

Einspielung

Sebastian Kurz beneide ich um...

Christian Kern

Ich kenne ihn zu wenig um mir vorzustellen, worum ich ihn beneiden sollte.

Claudia Stöckl

Die Jugend vielleicht?

Christian Kern

Dieser Fehler vergeht, wie wir wissen mit jedem Tag.

Einspielung

Wenn ich Vizekanzler wÀre...

Christian Kern

Das GefĂŒhl glaube ich wĂŒrde ich nicht kennenlernen.

Einspielung

Ich schalte mein Handy aus, wenn...

Christian Kern

Ich stelle es auf lautlos, ganz abgeschalten ist es selten.

Einspielung

Meine letzte NotlĂŒge war...

Claudia Stöckl

Haben Sie hier immer die Wahrheit gesagt?

Christian Kern

Ja, hier mit Sicherheit. Ja, ich denke... Geburtstagsparty meiner Frau, angesichts der Wetterprognose. Ich sage: Keine Sorge, kannst ruhig die Badesachen einpacken.

Claudia Stöckl

Und Sie haben gewusst, es wird regnen (lacht).

Christian Kern

Ich wollte die Laune im Vorfeld nicht beeintrÀchtigen.

Einspielung

Diese SMS habe ich bereut.

Claudia Stöckl

Sie sollen ja auch oft sehr emotional sein in Ihren Reaktionen. Auch schriftlich. Eigentlich fast unvorsichtig.

Christian Kern

Ja, aber ich finde, man muss die Sachen aussprechen. Und insofern bereue ich keine SMSe.

Claudia Stöckl

Obwohl das dann an die Öffentlichkeit geraten kann?

Christian Kern

Ja, das ist so. Aber, wenn man nicht dazu steht, was man hinter den Kulissen sagt, dann soll man es besser gar nicht sagen.

Einspielung

Meine letzte Pizza habe ich mir bestellt?

Christian Kern

Das war vergangene Woche.

Einspielung

Ich fĂŒhle mich schön, weil...

Christian Kern

(lacht) Die Frage vermag ich jetzt nicht zu beantworten.

Claudia Stöckl

Was denken Sie, wenn Sie sich in den Spiegel schauen?

Christian Kern

Ein graues Haar mehr.

Claudia Stöckl

Sind viele dazu gekommen in diesem Jahr?

Christian Kern

Vereinzelt zum GlĂŒck nur.

Einspielung

Der wichtigste Rat, den ich je bekommen habe, ist...

Christian Kern

Ich bin sehr fasziniert gewesen von dem Steve Jobs seiner Rede, die er in Stanford vor Studenten gehalten hat. Die dann gemĂŒndet ist in dem Satz: 'Stay hungry, stay foolish - Bleib hungrig, bleib verrĂŒckt.' Ich glaube, dass diese VerrĂŒcktheit, die Welt verĂ€ndern zu wollen, das ist etwas, was einen voranbringen kann.

Einspielung

Geweint hatte ich zuletzt als...

Christian Kern

Ja, das Ableben meines Vaters war schon eine wirkliche ZĂ€sur.

Claudia Stöckl

Wie lange ist das her jetzt?

Christian Kern

Gute zwei Jahre.

Claudia Stöckl

Er ist an BauchspeicheldrĂŒsenkrebs gestorben.

Christian Kern

Ja.

Claudia Stöckl

Ja, das ist... das geht dann besonders schnell, oder?

Christian Kern

Leider ja.

Claudia Stöckl

Mein Lebenstraum lautet...

Christian Kern

DafĂŒr zu sorgen, dass wir in Österreich stolz darauf sind, dass wir eine Gemeinschaft sind, die gemeinsam stĂ€rker und reicher ist, als wenn jeder einzelne sich nur auf seinen Ellenbogen verlĂ€sst.

Einspielung

Aus dem Ö3 GĂ€stebuch.

Christian Kern

Ich bedanke mich bei Ihnen fĂŒr viele bereichernde Sonntage. Das ist eine Sendung, wo man immer wieder etwas mitgenommen hat. Immer wieder spannende Menschen von einer Seite kennengelernt hat, wie sie vielleicht auch oft unerwartet war. Und die oft voller Lebensweisheit ist.