Christian Kern bei Corinna Milborn #wiejetzt #puls4

Wie jetzt? #puls4

Transkript von Dieter Zirnig am 08.05.2017

Transkript: Christian Kern bei Corinna Milborn (08.05.2017)

Montag, 08. Mai 2017

PULS4

Transkriptstatus: Dienstag, 09. Mai 2017

Quelle: puls4.com

Bildquelle: puls4.com


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neuwal


Dieter Zirnig

Dieter Zirnig (neuwal.com)

Transkript, Fakten, Quellen


Moderation und TeilnehmerInnen

Corinna Milborn

Corinna Milborn

Moderatorin Wie jetzt (PULS 4)

 
Christian Kern

Christian Kern

SPĂ– Parteiobmann, Bundeskanzler

 


Bildquellen
Corinna Milborn: © Wikipedia / Agtt-gs / Cc-by-sa-3.0-at
Christian Kern: SPĂ– Presse und Kommunikation
Bildquelle Header: puls4.com

Person Zeichen Worte

Corinna Milborn

8.730 1.439

Christian Kern

26.733 4.286

Gesamt

35.463 5.725








Corinna Milborn

Schönen guten Abend bei 'Wie jetzt?'. Knapp ein Jahr ist es her, dass Christian Kern als Bundeskanzler angelobt wurde. Und wir sind heute bei ihm im Kreisky-Zimmer. Schönen guten Abend, Herr Bundeskanzler.

Christian Kern

Guten Abend.

Corinna Milborn

Bevor wir zu Ihrer Bilanz als Bundeskanzler kommen, kurz aktuell zu den Wahlen in Frankreich. Emmanuel Macron hat gestern sehr deutlich gewonnen. Außenminister Kurz hat dazu getwittert: 'Eine deutliche Abwahl der linken Politik.' Sie haben tatsächlich einen Kollegen verlorenen, einen sozialdemokratischen Präsidenten in Frankreich.

Christian Kern

Ja und einen Kollegen gewonnen. Emmanuel Macron kommt ja aus der sozialdemokratischen Bewegung. Wurde vom sozialdemokratischen Premiere unterstützt, auch von mir unterstützt. Das alles schon vor dem ersten Wahlgang. Er ist sicherlich kein klassischer Sozialdemokrat - das steht auch fest. Aber er ist einer, der wenn man so will, das Verständnis hat, dass die soziale Frage eine ganz eine wichtige ist und trotzdem einen Pragmatismus in wirtschaftspolitischen Fragen. Und das ist, wie man gestern gesehen hat ein erfolgreiches Konzept. Er gibt den Menschen Hoffnung, er gibt ihnen Perspektive und ist nicht einer der daraufsetzt, dass man andere runtermacht, niedermacht oder niedrige Instinkte mobilisiert. Insofern war es ein guter Tag, glaube ich, für alle aufrechten Demokraten.

Corinna Milborn

Macron war ja bis vor weniger als einem Jahr Minister in der sozialistischen Regierung in Frankreich. Ist dann aber alleine angetreten. Wünschen Sie sich auch manchmal, Sie wären unabhängig in die Politik gegangen und nicht als Teil einer Sozialdemokratie, die strauchelt in ganz Europa?

Christian Kern

Naja, ich wäre ja unabhängig wahrscheinlich nicht in die Politik gegangen, sondern, das war eine Einladung der Partei - wenn man so will - der ich angehöre. Die hat eine 127 Jahre lange Tradition. Steht in Österreich für soziale Gerechtigkeit für Modernisierung und für Demokratisierung. Und es geht darum, wie man diese Werte und dieses Erbe in die Zukunft bringt. Das halte ich für die spannende Aufgabe. Weil ich glaube, am Ende des Tages Emmanuel Macron wird jetzt auch eine Partei bilden müssen, weil es sonst bei den Parlamentswahlen nicht antreten kann. Da gibt es viel Gerede. Aber am Ende endet es dann immer in dieser Form. Und wenn ihm das nicht gelingt, dann wird es ein vorübergehendes Phänomen bleiben. Und ich glaube, er hat daran kein Interesse.

Corinna Milborn

Sie sind angetreten vor einem Jahr. Und ich habe mir ein paar Sätze aus Ihren ersten Reden herausgeholt. Ich möchte Ihnen das Vorspielen:

Auszug: Antrittsrede BK Christan Kern (17.05.2017)


[...]
Wenn wir dieses Schauspiel weiter liefern, ein Schauspiel der Machtversessenheit und der Zukunftsvergessenheit, dann haben wir nur noch wenige Monate bis zum endgültigen Aufprall. Wenige Monate, bis das Vertrauen und die Zustimmung in der Bevölkerung restlos verbraucht sind. Ich kann Ihnen sagen, mir ist es so gegangen, wie Ihnen. Nach jeder Pleite, nach jeder Panne, nach jeder Niederlage zu hören: "Wir müssen in den Gremien beraten und die Leute da draußen..." Und ich weiß nicht, was für Formeln es alle gibt. Mir ist es genauso gegangen wie Ihnen als Staatsbürger.

Ich konnte das schlicht und einfach nicht mehr hören. Und jetzt geht es darum, diese Chance zu nutzen, um Österreich wieder stark zu machen. Um unser Land zu einem europäischen Vorbild zu machen.
[...]


neuwal.com
Quelle: neuwal.com (Transkript vom 17. Mai 2017, abgerufen am 09.05.2017)

Corinna Milborn

Das haben Sie vor einem Jahr gesagt. Jetzt stehen wir tatsächlich wieder vor einer großen Koalitionskrise. Innenminister Sobotka hat heute im KURIER gesagt: 'Sie hätten als Kanzler versagt.' Sind wir jetzt bei diesem Aufprall, den Sie damals gesehen haben?

Sobotka: "FĂĽr Kern ist der Zug abgefahren"


Minister Sobotka wirft Kern "Versagen als Kanzler" vor. Bei der Bildungsreform droht Sobotka mit Veto.

[...]
"Ich habe aufgehört mitzuzählen, wie oft Kern seine Türkei-Position geändert hat." Infolge von Kerns "Versagen als Kanzler" habe jeder Minister für seinen Bereich eine eigene Politik entwickelt. "Für eine Umkehr ist es zu spät, denn damit würden sich alle anderen in der Regierung unglaubwürdig machen. Für Kern ist der Zug abgefahren", sagt Sobotka.
[...]


kurier.at
Quelle: kurier.at (abgerufen am 09.05.2017)

Christian Kern

Nein, das war eine sehr treffende Analyse. Man muss dazu sagen, damit eine Bundesregierung in einer Koalition gut läuft, braucht es natürlich immer zwei Seiten. Und da gibt es unterschiedliche Interessenlagen, insbesondere innerhalb der ÖVP. Und da gibt es welche, die halt nur ein sehr begrenztes Interesse an Erfolgen der Bundesregierung haben. Und was wir erleben ist, dass wir die Themen, die ich in meiner Antrittsrede - nämlich, wir müssen uns um Wirtschaftswachstum kümmern, um Wohlstand, um gute Einkommen für die Menschen, um die Modernisierung unseres Landes im Bildungsbereich, bei Innovationen in der Wirtschaft... Das sind Dinge, die wir abgearbeitet haben. Aber wie funktioniert dieses Spiel? Wir haben zum Beispiel nach jahrzehntelanger Diskussion die Finanzierung der Ganztagsschulen und die Umsetzung beschlossen: 750 Millionen beschließt die Regierung, am nächsten Morgen wird eine Diskussion veranstaltet über die Flüchtlings-Obergrenze - eine virtuelle Diskussion. Wir beschließen ein Regierungsprogramm, das ganz massiv auf wirtschaftliche Impulse setzt. Am nächsten Tag wird eine Diskussion vom Zaun gebrochen über das Demonstrationsverbot. Wir beschließen - wie vor zehn Tagen - ein umfangreiches, das umfangreichste Beschäftigungsprogramm in der Geschichte: Zwei Milliarden Euro für neue Jobs in Österreich um Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Ein gutes gemeinsames Projekt der Regierung. Am nächsten Tag diskutieren wir nur noch eine Broschüre mit Hammer und Sichel. Das heißt, was da passiert ist, dass es einen Prozess gibt, einen Arbeitsprozess, der sehr gut funktioniert mit dem Vizekanzler - unzweifelhaft. Der zeigt Ergebnisse, das sieht man auch an den Zahlen. Wenn man sich heute zum Beispiel die Wirtschaftswachstums Zahlen anschaut, wenn man sich die Beschäftigungs-Statistik anschaut. Aber am Ende des Tages gibt es halt Leute, die halt immer ihre Beiträge leisten, damit das alles verschwindet hinter dem großen Streit. Das ist bedauerlich. Aber ich bin davon überzeugt, die Zuseher und Zuseherinnen werden sich da ihre eigene Meinung bilden.

Corinna Milborn

Ja, Minister Sobotka gibt Ihnen die Schuld daran. Also, Sie hätten als Kanzler versagt und deswegen muss jeder Minister seine eigene Politik entwickeln. Und für Sie sei der Zug abgefahren, so formuliert er das. Haben Sie dazu Moderations-Qualitäten in der Regierung, zu wenig Kompetenzen vielleicht auch?

Christian Kern

Nein, das ist ja alles vorgeschoben. Ich meine, offen gesagt, ich habe nicht vor, mich mit den Äußerungen vom Herrn Sobotka, die er zum wiederholten Mal tätigt auseinanderzusetzen. Er ist ein Minister meiner Regierung. Jeder muss für sich entscheiden, wie er sich benimmt. Aber das was er sagt, ist ja auch sachlich - wie soll ich sagen - völlig an den Haaren herbeigezogen. Weil wir haben ein Regierungsprogramm - wie Sie wissen - beschlossen. Sie kennen die Diskussion. Jeder Minister musste es unterschreiben. Also mehr an gemeinsamer Linie geht ja gar nicht mehr, wenn jeder sozusagen mit Brief und Siegel sagen muss: 'Das ist mein Programm'. Und das, was ich mir jetzt erwarte ist, dass das alle abarbeiten. Und dann ehrlich gesagt, wenn es Fortschritte gibt, dann kann er sich noch einmal weiter so äußern. Es ist einfach unerheblich.

Corinna Milborn

Sie werden sich aber vielleicht doch damit auseinandersetzen müssen, weil er Vetos angekündigt hat. Zum Beispiel bei der kalten Progression, also Steuererleichterungen, damit man nicht automatisch in die nächst höhere Steuerklasse rutscht. Da gibt es eine Einigung. Sobotka sagt jetzt, wenn nicht zugleich bei der Arbeitslosenhilfe und der Notstandshilfe gekürzt wird bzw. das anders reguliert wird, dann wird er ein Veto erheben. Das heißt, Sie werden sich mit seinen Aussagen auseinandersetzen müssen, oder?

Sobota zu Arbeitslosenbezug und Notstandshilfe


[...]
Aus Sicht der ÖVP ist allerdings ein grober Haken dabei: ein Automatismus für eine Negativsteuer. Sobotka: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Finanzminister dem zustimmt." Sobotka will außerdem "soziale Ungerechtigkeiten bei Arbeitslosenbezug und Notstandshilfe" in einem Aufwaschen mit der kalten Progression beseitigen. "Es treibt den Leuten, die arbeiten und Steuern zahlen, den Zorn ins Gesicht, wenn sie sehen, wie Sozialleistungen, die sie finanzieren, missbraucht werden." Die Notstandshilfe dürfe nicht mehr aus der Arbeitslosenversicherung bezahlt werden, denn dabei handle es sich um Versicherungsgelder und nicht um einen Sozialtopf. Das Arbeitslosengeld sei zu erhöhen und zu verlängern, aber die Erlaubnis, geringfügig dazuzuverdienen, sei zu verbieten. Sobotka: "Es ist zu einem Geschäftszweig geworden, Arbeitslose geringfügig zu beschäftigen und sie schwarz zu überzahlen. Die kriegen dann in Summe mehr als viele regulär Beschäftigte, ohne einen Euro an den Staat abzuliefern." Sobotka: "Ohne Reform von Arbeitslosenbezug, Mindestsicherung und Notstandshilfe macht die Abschaffung der kalten Progression keinen Sinn. Ich bin für ein Junktim."
[...]


kurier.at
Quelle: kurier.at (abgerufen am 09.05.2017)

Christian Kern

Ja, das muss sich vor allem einmal die ÖVP selbst mit sich ausmachen werden, was man da will. Und ich erinnere da an Nestroy, da ist ein bisschen so das Bild, wer ist stärker: I oder I, dass da herauskommt. Aber ich finde diese Diskussionen ja durchaus sinnvoll. Weil, worum uns es zum Beispiel bei der Kalten-Progressions-Diskussion? Wir haben einen Vorschlag gemacht, dass alle Einkommen bis rund 5.800 - das ist unser Kompromissvorschlag - im Monat steuerlich entlastet werden. Da fehlen uns noch einmal ungefähr dreieinhalb 3,5 Prozent der Bevölkerung, die nicht automatisch voll entlastet werden. Der ÖVP-Vorschlag sieht so aus, dass man 35 Prozent der Menschen nicht entlasten will. Nämlich die mit den niedrigsten Einkommen. So, das ist der große ideologische Unterschied, der sich da manifestiert. Wir wollen für 95 Prozent der Österreicher oder mehr etwas tun. Der ÖVP ist es wichtig, dass insbesondere die, die wirklich ordentliche Einkommen haben - bis zu Generaldirektoren rauf - eine ordentliche steuerliche Entlastung kriegen. Das sind Unterschiede, die diskutiere ich gerne. Und auch die Verbindung mit der Notstandshilfe muss man ganz klar sagen: Wir wollen, dass Menschen über 50 Arbeitsplätze bekommen. Weil, die haben am Arbeitsmarkt oft keine Chance. Da müssen wir nachhelfen. Das ist eine politische Aufgabe, dass die einen Job bekommen. Der Vorschlag, der da jetzt am Tisch liegt seitens der ÖVP würde bedeuten: Wenn man die Notstandshilfe streicht, dass 200.000 Österreicher nicht nur ihren Job verlieren würden, sondern auch all ihr Erspartes. Weil die müssten denn jedes Vermögen, das über 4.000 Euro hinausgeht auch noch abgeben. Also, da sieht man schon, wie die politischen Positionen sind, wer für wen steht und insofern nehme ich diese Diskussion gerne auf.

Corinna Milborn

Er hat ein zweites Veto angekĂĽndigt. Und zwar bei der Bildungsreform sollte die Sonderschule fallen. Also, es sollte keine Sonderschulen mehr geben. Werden Sie darauf eingehen?

Sobota zur Bildungsreform


[...]
"Genau anschauen" will sich der Chef des ÖAAB-Niederösterreich die Bildungsreform. Sobotka: "Es ist durchaus möglich, dass ich gegen die Bildungsreform stimme, wenn bestimmte Bedingungen für die schulische Arbeit nicht erfüllt sind." Als ein mögliches Beispiel für sein Veto im Ministerrat nennt Sobotka den "Nicht-Erhalt der Sonderschule".
[...]


kurier.at
Quelle: kurier.at (abgerufen am 09.05.2017)

Christian Kern

Also der Verhandlungspartner bei der Bildungsreform ist ein anderer in der Bundesregierung. Ich gehe davon aus, dass die ÖVP ihre Fronten selbst begradigt, das intern diskutiert. Genauso wie wir das als SPÖ machen. Sonst wird das ganze ja ehrlich gesagt völlig unführbar. Wenn da jeder daherkommt und in einer Ich-AG-Form sagt: 'Ich mache das was ich glaube.' Wir haben ein Arbeitsabkommen der Bundesregierung, da steht klar drinnen, wie das auszusehen hat. Wir haben Gesetzesentwürfe gemeinsam mit der ÖVP gemacht. Gemeinsam mit ÖVP-Bundesländern wo drinnen steht, wie das geregelt ist. In Wahrheit geht es ja natürlich da nicht um die Sache. Sondern da geht es eben darum wieder Nebelwände zu produzieren, einen Streit zu produzieren. Wir haben nächste Woche die Forschungsprämie zu lösen. Das ist ein wichtiges Instrument, damit wir Industrie und Wirtschaft nach Österreich bekommen. Dass die Forschungszentren da bauen, wie zum Beispiel Boehringer-Ingelheim vorletzte Woche. 700 Millionen investieren die da in den Standort in hochwertige Arbeitsplätze. Da profitieren ja nicht nur die Forscher davon, sondern die Installateure, die Bäcker, die Bauarbeiter, die Rechtsanwälte dahinter. Das sind die wirklichen Zukunftsfragen. Und was da passiert, ist halt permanent ein Ablenkungsmanöver: Weg von den Zukunftsfragen hin zu diesen kleinlichen Streitereien in der Regierung.

Corinna Milborn

Ich möchte noch kurz beim Koalitionsklima bleiben. Und zwar deshalb, weil Sie es selbst in Ihrer ersten Rede so stark zum Thema gemacht, dass das wichtig ist, diese Zusammenarbeit. Sie sind selbst nicht ganz unschuldig an den Reibungen. Sie waren am 23. Jänner bei uns auf PULS4 nach der Präsentation ihrer Plan-A-Rede und haben da folgendes gesagt:

Corinna Milborn

Sie haben da der ÖVP - ihrem Regierungspartner - abgesprochen etwas verändern zu wollen im Land. Das ist jetzt auch nicht gerade ein kooperativer Kurs.

Christian Kern

Naja, man muss sagen, was wir gestern erlebt haben - in Frankreich - ist ja auch, dass hier wirklich politische Weltbilder aufeinanderprallen. Und das haben wir in Österreich erlebt bei der Bundespräsidentenwahl. Und meine feste Überzeugung ist, dass sich das auch weiter fortsetzen wird. Das heißt, die Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus ist nicht zu Ende. Und für mich ist das ein Plädoyer, das da zu halten ist, zu sagen: Wollen wir ein konstruktives Weltbild, das Hoffnungen den Menschen gibt, dass Perspektiven zeigen, dass Chancen in den Vordergrund stellt oder wollen wir die Leute verunsichern, ausgrenzen und erklären, dass quasi alles den Bach hinuntergeht und damit erst recht wieder Verunsicherung zu schüren. Und das habe ich zum Ausdruck gebracht. Und davon bin ich bis zum heutigen Tag der Meinung, dass das richtig ist. Hat man noch gestern in Frankreich gesehen.

Corinna Milborn

Aber Sie sagen, da gibt es keinen Platz fĂĽr die Ă–VP in diesem politischen Spiel...

Christian Kern

Die groĂźe ideologische Auseinandersetzung sehe ich zwischen dem - wenn man so will - linksliberalen, pluralistisch, offenen Konzepten und den rechtspopulistischen, geschlossenen, in sich gewandten, nationalistischen Konzeptionen. Das ist so, ja.

Corinna Milborn

Das wird sehr stark am Fremdenrecht und an der Asylpolitik abgehandelt dieser Streit. Ich habe mir herausgesucht, aus Ihrer ersten Parlamentsrede, was Sie dazu gesagt haben. Ich spiele Ihnen kurz vor und möchte Sie dann fragen, ob Sie dabeigeblieben sind, was Sie damals gesagt haben:

Einspielung

Ich will in einem Land leben in dem Politik und Zivilgesellschaft Hand in Hand geht. Indem wir stolz sind auf Menschen, die nicht fragen, was es ihnen nützt, sondern die hier für die Gemeinschaft sich engagieren. Insbesondere auch für Menschen, die weniger privilegiert sind, als wir. Ich will in einer Gesellschaft leben, die mit Respekt vor der Menschenwürde versucht die Frage der Flüchtlingsthematik zu lösen.

Corinna Milborn

Das war jetzt ehrlich gesagt das letzte Mal, dass man aus der Regierung diese Töne gehört hat zur Asylpolitik. Seitdem gab es vor allem Verschärfungen. Also ein verschärftes Fremdenrecht, verschärfte Abschiebungen, längere Schubhaft. Sie haben jetzt selbst Lager für Flüchtlinge außerhalb Europas gefordert. Man hatte den Eindruck, dass - die FPÖ sagt es auch so - die FPÖ, dass was sie gefordert hat, jetzt in der Regierung umgesetzt sieht. Und, dass die Akteure der Innenminister und der Außenminister sind. Sobotka und Kurz. Sie schwimmen da irgendwie mit - jetzt mal von außen gesehen. Warum tun Sie das? Warum erheben Sie nicht die Stimme, so wie am Anfang?

Christian Kern

Da muss ich Ihnen ganz deutlich widersprechen. Also erstens einmal bin ich stolz auf die Leute, die hier Beiträge geleistet haben. Bis zum heutigen Tag. Ich finde es unglaublich. Weil das ist ja nicht komfortabel, das ist nicht angenehm Da leistet man etwas für die Gesellschaft... Und es ist so wichtig, dass die Menschen, die zu uns kommen, in unsere Gesellschaft integriert werden. Was wir tun, in der Bundesregierung die ich vertrete, ist folgendes Wir geben zwei Milliarden Euro für die Integration, Betreuung Aufnahme und Abwicklung der Flüchtlings- und Migrationsfragen aus. Zwei Milliarden Euro. Haben jetzt vor kurzem noch einmal 150 draufgesetzt damit noch mehr Deutschkurse, Wertekurse, Vorbereitung diese Menschen, damit sie in unsere Gesellschaft integriert werden draufkommen. Wir sind wirklich, wirklich großzügig. Mein Punkt ist nur: Wenn wir sagen, dass wir die Arme offen haben für alle die flüchten. Vor Klimawandel, vor Zerstörung, vor Krieg und ich weiß nicht was da alles dann noch für Motive legitimerweise dazukommen, dann wird das nicht dazu führen, dass wir in einer solidarischen Gesellschaft leben, sondern dann wird unsere Gesellschaft auseinanderbrechen. Weil wir müssen schauen, dass wir die Integration bis zu der Grenze vornehmen und die Aufnahme bis wohin wir können. Aber wir können nicht darüber hinausgehen. Das wir immer meine Meinung und das ist ein roter Faden der sich da durchzieht. Dasselbe gilt auch was die Aufnahmezentren außerhalb Europas betrifft. Wir haben das in der Türkei, wir haben das im Libanon, wir haben das in Jordanien. Das sind sechs Millionen Menschen unter UNHCR-Aufsicht. Das ist eine logische Konsequenz, dass wir das dort machen. Weil das richtig ist, die Menschen möglichst vor Ort, möglichst nahe ihrer Herkunftsländer zu betreuen. Das heißt aber nicht, dass man das menschliche Augenmaß verlieren soll. Und was die illegalen betrifft, da bin ich auch der Auffassung: Wenn jemand keinen Aufenthaltstitel in Österreich hat nach einem Asylverfahren - kein Asyl bekommen hat -, dann müssen wir schauen, dass er wieder zurückgebracht wird. Weil wenn wir das nicht tun, dann können wir irgendwann einmal denen nicht mehr helfen, die bei uns berechtigterweise Asyl bekommen haben. Die Gesellschaft wird es nicht mehr mitmachen. Und meine Aufgabe als Bundeskanzlers ist schon darauf zu achten, dass der Zusammenhalt der Gesellschaft bleibt. Aber wir die Möglichkeiten zu helfen, die wir haben, auch tatsächlich nützen.

Corinna Milborn

Ganz konkret war Außenminister Kurz vor kurzem in Libyen auf einen Besuch und schlagt auch Lager in Libyen vor. Ihr Parteikollege Sigmar Gabriel ist da ganz, ganz klar dagegen. Wie stehen Sie jetzt dazu? Haben Sie da Ihre Meinung geändert oder sind Sie jetzt auch für Aufnahmelager in Libyen?

Christian Kern

Nein, man muss das pragmatisch sehen. In Libyen wird es bis auf weiteres nicht funktionieren können. Weil das ist ein politisch völlig zerrüttetes Land. Aber wir haben - wie gesagt - die Kapazitäten in Jordanien und dem Libanon. Das sind ja Länder, Libanon, mit einer Bevölkerung von vier Millionen... Wenn die eineinhalb Millionen Flüchtlinge haben, dann muss uns bewusst sein, was wir denen zumuten. Und deshalb ist mein Plädoyer - ähnlich wie wir das in der Türkei haben - mit ordentlicher Infrastruktur unter Aufsicht des UNHCR und der Wahrung der Menschenrechte... Dass wir versuchen weitere Möglichkeiten zu kreieren. Das ist schwierig genug. Aber in Österreich wird das oft nicht so wahrgenommen. Die Europäische Union hat in Senegal, Mali, Niger und Nigerien deutliche Fortschritte erzielt, was Kooperationen betrifft zur Ausbildung, zur Betreuung von Flüchtlingen, zur polizeilichen Kooperation. Und das muss man konsequent weitermachen. Da passiert gerade sehr viel, auch was den Grenzschutz betrifft. Und das ist ja auch einer der Gründe, warum diese Migrations- und Flüchtlingszahl dermaßen auch zurückgegangen ist. Weil diese Politik ja - Stichwort Türkei-Deal und einiges andere mehr -, weil diese Politik sehr erfolgreich ist.

Corinna Milborn

Ein zweites Thema, an dem das abgehandelt wird, diese zwei politischen Richtungen ist Integration. Und da am Symbol des Kopftuchs. Wir hatten gestern die erste Sendung mit Irmgard Griss 'Im Namen des Volkes' mit einer Umfrage zur Frage: 'Soll man KopftĂĽcher an Schulen verbieten?' Also fĂĽr Lehrerinnen und SchĂĽlerinnen. Die ist ganz klar ausgegangen mit 80% fĂĽr ein Kopftuchverbot. Und zwar quer durch alle Parteien gab es da eine Mehrheit. Gibt es da einen Handlungsbedarf? Sind Sie da zu lasch?

Christian Kern

Also wo wir den Handlungsbedarf haben, ist, dass wir diesen salafistischen islamistischen Ideologien massiv entgegentreten. Dass wir das nicht zulassen, dass Kinder da an agitiert werden und dann verheizt werden. Das ist eine faschistische Ideologie und es ist völlig falsch verstandene Liberalität, wenn man sagt, wir lassen das bei uns auch zu. Weil da geht es gegen unsere eigenen Werte, gegen unsere eigene demokratische Gesellschaft. Da muss man entschieden dagegen gehen. Was das Kopftuch betrifft habe ich da eine differenziertere Sicht der Dinge. Ich denke, dass wir nicht auf jede Herausforderung mit Verboten antworten sollen. Wir haben 600.000 Moslems in Österreich, die sind Realität in unserer Gesellschaft. Es macht überhaupt keinen Sinn die auszugrenzen oder zu sagen 'Wir wollen euch hier' nicht und permanent Signale abzusitzen, dass sie hier unerwünscht sind. Das ist seit über 100 Jahren eine anerkannte Religion in Österreich. Unsere Aufgabe muss es sein, ein gemeinsames Miteinander zu organisieren. Was auch einer der Gründe ist, warum wir verstärkt in Schulen Geld investieren für Begleitlehrer um Probleme dort zu sichern. Wir auch dafür zu sorgen haben, dass die Sprachkurse und ähnliches funktionieren. Also, dazu stehe ich. Und ich denke, man kann diese Integrationsprobleme nicht damit lösen, dass man permanent und ständig Verschärfungen produziert.

Corinna Milborn

Ich würde gerne auf den Kern ihres politischen Programms kommen. Also auch sozialdemokratischen Programms der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Die Sozialdemokratie hat gerade keinen guten Lauf in Europa. Man hat jetzt auch in Frankreich gesehen, dass die Arbeiterschicht vor allem rechts wählt - also Le Pen gewählt hat. Dasselbe sehen wir in Österreich. Da wählen Arbeiter zu einem sehr großen Teil - und Arbeiterinnen ebenfalls - FPÖ und nicht mehr SPÖ. Sie haben jetzt gesagt, Sie wollen sich auf die Mittelschicht konzentrieren. Heißt das, Sie geben die Arbeiterschicht auf und überlassen Sie der FPÖ?

Christian Kern

Nein, ganz und gar nicht. Wenn wir von Mittelschicht sprechen dann reden wir von den 95 Prozent der Ă–sterreicherInnen und Ă–sterreicher, die sich jeden Tag anstrengen mĂĽssen, um ĂĽber die Runden zu kommen, sich ein gutes Leben aufzubauen.

Corinna Milborn

Das ist eine extrem breite Definition von Mitte, wenn Sie sagen 95 Prozent, oder?

Christian Kern

Sie haben nach meiner Definition gefragt. Rein wirtschaftspolitisch oder ökonomisch korrekt geht die Bandbreite so von 1.300 bis 4.000 Euro Netto-Einkommen rauf. Also, das umfasst auch viele. Die meisten der Österreicher fühlen sich auch zugehörig. Aber das ist das worum es mir geht. Dass ich sage, die wahren Leistungsträger in dem Land die tragen blaue Montur, weiße Laboranten Kittel, Krankenschwesterhauben, Schutzhelme, die stehen jeden Tag in ihrem Geschäft. Einzelpersonen-Unternehmer oder Kleinunternehmer. Und um diese Leistungswilligen haben wir uns zu kümmern. Und ich bin vor kurzem in Donawitz gewesen, bei der VOEST. Und hab die unter anderem auch dann gefragt - auch die Betriebsräte: 'Fühlt ihr euch eigentlich als klassische Arbeiter?'' So wie meine Großeltern, die sind vom Erzberger gekommen, sind bis zu den Knien im Staub gestanden. Das waren richtige Arbeit habe. Aber heute, die haben eine gute Ausbildung als Mechatroniker, als Elektriker. Denen... dieses typische politische Klassenbewusstsein haben die ja nicht mehr. Die definieren sich nicht mehr über den Status Arbeiter. Das ist klassische Mittelschicht in Österreich. Und für die wollen wir Politik machen.

Corinna Milborn

Haben Sie auch gefragt warum sie sich von der Sozialdemokratie immer weniger vertreten fĂĽhlen?

Christian Kern

Ja, das war eine glückliche Gruppe, die sich sehr vertreten gefühlt hat. Aber es gibt natürlich ständig Diskussionen, so es Enttäuschungen auch gibt. Meine Lieblingsbeispiele - immer wieder erlebt - in Gasthäusern, Würstelbuden und so weiter. Dass Leute sagen: Ja, jetzt muss ich bis 65 warten bis ich in Pension gehen kann. Ich bin Fensterputzer gewesen. Spätestens mit 60 kannst den Job nicht mehr machen, weil er physisch sehr anstrengend ist. Ihr habt uns das eingebrockt. Also, diese Art von Entfremdung gibt es schon. Ich glaube aber, dass es wichtig ist zu erklären, warum bestimmte Politiken passieren. Und warum das am Ende notwendig ist im Sinne des Erhalts dessen was, wir unseren Wohlstand nennen.

Corinna Milborn

Sie haben eine glückliche Hand bei der Auswahl Ihrer Gesprächspartner über die Mittelschicht offenbar. Also, nicht nur dort in Donawitz also auch bei Ihren Pizzalieferungen sind Sie auf einen SPÖ-Funktionär getroffen. Das war nicht Zufall, oder?

Video: Pizza & Politik? Kanzler Kern liefert!



youtube.com
Quelle: youtube.com (abgerufen am 09.05.2017)

Christian Kern

Das war... Ich kann es Ihnen sagen wie es ist. Ich habe nicht gewusst, wen ich treffe. Ich habe nicht gewusst, was diese Leute dort machen. Aber ganz ehrlich, das ist doch auch ein bisschen so ein Thema... jetzt können wir uns ewig drüber unterhalten. Aber das war ein Film, ein Filmchen, ein nettes. Es hat mir großen Spaß gemacht, war wirklich eine Riesenhetz. Aber ich bin der Bundeskanzler und kein Pizzabote. Ich finde bemerkenswert, dass ich das hinzufügen möchte, muss. Und darum, worum es gegangen ist, einen Einstieg in unsere Mittelschicht-Kampagne zu haben. Reden wir nicht mehr nur über zum Beispiel das Kopftuch, sondern unterhalten wir uns doch bitte darüber, wie kommen die Leute zu einem Arbeitsplatz? Wie kommen die zu Kinderbetreuungseinrichtungen? Wie kommt eine Verkäuferin zu mehr Einkommen? Wie kommen die zu günstigeren Wohnungen? Weil das sind die Fragen, die die Leute haben. Und es war der Versuch, zu sagen: Reden wir über wirkliche Zukunftsfragen und nicht führen wir permanent virtuelle Diskussionen, die der Lebensrealität von all den Menschen, die ich dort besucht habe, gar nichts ändern.

Corinna Milborn

Sie haben am Anfang ihrer Amtszeit ganz klar identifiziert, was die großen Gefahren sind für die Mittelschicht: Digitalisierung und Globalisierung, die beide sehr, sehr viele Jobs kosten werden, vielleicht auch bringen werden. Und haben in Ihrer Rede am Parteitag in Kärnten auch zwei Lösungsvorschläge gebracht. Ich möchte Ihnen das kurz zeigen, was Sie da gesagt haben:

Einspielung

Das heißt ganz klar: Wir müssen uns mit der Frage beschäftigen: Wenn Produktivität steigt und Jobs weniger werden, wie wollen wir Arbeit verteilen? Und wir müssen uns ganz klar dazu bekennen: Ja, wir werden uns auch mit der Frage beschäftigen müssen, wie flexibel und wie lange Menschen arbeiten. Das Thema Arbeitszeitverkürzung - auch wenn es manchen nicht passt oder schmeckt, wird auf die Agenda kommen. Damit müssen wir uns auseinandersetzen.

Corinna Milborn

Sie haben als am Anfang gesagt: Arbeitszeitverkürzung wird auf die Agenda kommen. Jetzt von außen betrachtet muss ich sagen, ich habe das Gefühl das Gegenteil ist passiert: Die Wochenarbeitszeit ist gleichgeblieben und die Tagesarbeitszeit wird auf 12 Stunden erhöht. Was ist da schiefgegangen in ihrem Programm?

Christian Kern

Na ja, die Tagesarbeitszeit wird nicht auf 12 Stunden erhöht. Wir werden den Normal-Arbeitstag sicherlich nicht auf zwölf Stunden erhöhen. Das ist völlige Fehlinterpretation. Aber der Punkt ist ja dahinter, das ist schon ein ernster. Weil, was hier passiert, ist... Wir sehen, dass langfristig durch die Roboterisierung und Automatisierung sich die menschliche Arbeit verändert. Es wird Sektoren geben, die massiv davon betroffen sind. Es gibt es Schätzungen bis zu 40 Prozent der Jobs sind davon betroffen. McKinsey zum Beispiel oder Harvard Universität haben solche Studien gemacht. So, unser Problem ist, dass wir unseren gesamten Sozialstaat finanzieren über die sogenannte Lohnquote. Also über die Arbeitseinkommen. Das führt zum Problem, wenn Arbeit weniger wird, dass natürlich das Aufkommen dadurch sinkt. Und damit wir unser Pensionssystem, Pflegesystem, unsere Familienbeihilfensysteme und viele andere Sozialleistungen, Gesundheit ganz wichtig, finanzieren können werden wir uns über unsere über andere Einnahmequellen unterhalten müssen und auch über die Frage der Zuordnung von Arbeit. Das ist mit Sicherheit eine unserer größten gesellschaftspolitischen Herausforderungen. Eine der Antworten - und das war bei meinen Antrittsreden, die sie jetzt nicht eingespielt haben - sieht man das auch sehr schön, ich habe das auch immer wieder gesagt, ist: Deshalb müssen wir jetzt einmal dafür sorgen, dass es Arbeit und Beschäftigung gibt in dieser Übergangszeit.

neuwal Barometer mit den sechs Parlamentsparteien zur Position '12-Stunden-Arbeitstag'


neuwal hat VertreterInnen der sechs Parlamentsparteien um ihre Position beim '12-Stunden-Arbeitstag' am neuwal Barometer von 1 (stimme nicht zu) bis 10 (stimme zu) befragt. Stand: März/April 2017.

Alle Positionen #parlament2017


neuwal.com
Quelle: neuwal.com (Stand: März/April 2017, abgerufen am 09.05.2017)

Corinna Milborn

Ja, aber Sie haben auch gesagt, dass man eine - Sie haben gesagt man möge es Maschinensteuern nennen oder Wertschöpfungsabgabe -... auf jeden Fall eine Abgabe auf die Arbeit von Maschinen und Computern einführen muss. Das ist etwas, das ist aus Ihrem Programm irgendwie verschwunden. Ich glaube, das letzte Mal habe ich es gehört von Ihnen irgendwann im November proaktiv.

Christian Kern

Sie haben den Plan A nicht gelesen. Ich habe Sie erwischt, dort steht es drinnen.

Download: Plan A


Der Plan A laut Text auf der Homepage: 'Warum braucht es ĂĽberhaupt den Plan A? Es gibt doch Parteiprogramme und KoalitionsĂĽbereinkommen. Es gibt aber auch immer wieder neue Fragen, die sich stellen - und Themen, die weit ĂĽber die Dauer einer Koalitionsvereinbarung hinausgehen.

Es geht jetzt darum, unser Österreich neu zu denken - mit einem konkreten, langfristigen Maßnahmenprogramm, das es uns ermöglicht, die einzelnen Baustellen, die wir noch haben, anzupacken. Von Arbeit und Sozialem über Bildung und Zusammenleben bis hin zu Fragen der gerechten Verteilung.

Den Plan A, der aus hunderten Gesprächen mit Österreicherinnen und Österreichern entstanden ist, haben wir in einem 150-seitigen Magazin zusammengetragen.'


meinplana.at
Quelle: meinplana.at (abgerufen am 12.01.2017)

Corinna Milborn

Stimmt, im Plan A steht es noch drinnen.

Christian Kern

Nein, nein, das ist Teil unsere Konzeption. Und zwar als Wertschöpfungsabgabe.

Corinna Milborn

Aber in der Regierungsarbeit kommt es nicht vor. Ist es frustrierend, wenn sie so... Das war etwas, was Sie ganz am Anfang wirklich ganz klar als Ihr Programm präsentiert haben: Arbeitszeitverkürzung und Wertschöpfungsabgabe. Mit beiden sind Sie keinen Millimeter weitergekommen. Ebenso wenig mit der Erbschaftssteuer.

Christian Kern

Naja, das glaube ich darf man jetzt wahrlich nicht verkürzen Weil Sie haben jetzt... Arbeitszeitverkürzung noch einmal gesagt. Ich bin aus Unternehmer gekommen, wo wir z.B. Altersteilzeitmodelle eingeführt haben - sehr erfolgreich. Oder statt Lohnrunden Arbeitszeitverkürzung gemacht haben. Das heißt, es war ja nicht das klassische Arbeitszeitverkürzungsmodell unter dem Motto 'Wir arbeiten jetzt alle nur noch 30 Stunden'. Sondern es war der Versuch einen intelligenten Ausgleich zu schaffen, der im Interesse der Arbeitnehmer war, aber auch den Unternehmer. Ich möchte mich jetzt nicht auf eine simple Forderung reduzieren lassen. So war es auch nie gesagt. Und was die Wertschöpfung betrifft: Ja das haben wir im Programm drinnen. Seitens des Regierungspartners meint man, diese Diskussion kann man nicht brauchen. Ich bin davon überzeugt, dass wir spätestens in fünf Jahren das diskutieren werden. Und zwar nämlich nicht nur, weil ich mir das einbilde, sondern der Bill Gates hat das vor kurzem gefordert: Robotersteuer. Elon Musk, die Menschen die in der Zukunft arbeiten, Tesla-Eigentümer hat gesagt: 'Wir werden darüber reden müssen.' Die Chefs von der Deutschen Telekom von Siemens reden über ein arbeitsloses Grundeinkommen. Das ist einer der entscheidenden Zukunftsfragen. Warum diskutieren wir das in der Regierung nicht? Wir haben da noch zwölf Monate Zeit. Wir versuchen jetzt einmal für Beschäftigung zu sorgen. Ist doch entscheidend gelungen. Als ich gekommen bin, als ich diese Reden gehalten habe, hat man gesagt: Die Arbeitslosigkeit wird 2017 unweigerlich steigen. Jetzt haben wir das erste Mal seit sechs Jahren erlebt, dass sie wieder zurückgeht. Und das ist das woran wir arbeiten müssen: Beschäftigung schaffen. Dann tun wir uns auch leichter mit der Finanzierung unserer Sozialsysteme. Wir haben jetzt dreimal hintereinander bei ASVG niedrigere öffentliche Zuschüsse zum Pensionssystem gehabt. Warum ist das gelungen? Weil es gelungen ist, die Beschäftigung zu erhöhen und zu steigern. Und dann fangen an viele Probleme sich deutlich einfacher darzustellen. Und das ist - wenn man so will - wahrscheinlich der größte Erfolg in den vergangenen zwölf Monaten, dass wir das erreicht haben.

neuwal Barometer mit den sechs Parlamentsparteien zur Position 'Robotersteuer'


neuwal hat VertreterInnen der sechs Parlamentsparteien um ihre Position beim '12-Stunden-Arbeitstag' am neuwal Barometer von 1 (stimme nicht zu) bis 10 (stimme zu) befragt. Stand: März/April 2017.

Alle Positionen #parlament2017


neuwal.com
Quelle: neuwal.com (Stand: März/April 2017, abgerufen am 09.05.2017)

Corinna Milborn

Das heiĂźt, die Zukunftsthemen sparen Sie sich auf?

Christian Kern

Die sollten wir permanent diskutieren. Aber ich habe gelernt, mit den glaube ich 26,8 Prozent der Stimmen, die wir im Parlament haben sind wir von einer Mehrheit weit entfernt. Und wir wollen diese Diskussionen mit den Österreichern führen. Werden darüber auch klarerweise eine Wahlauseinandersetzung führen. Das ist nicht auf die lange Bank geschoben, sondern wir werden schauen, dass wir das so viel wie möglich durchsetzen können.

Corinna Milborn

Ich wĂĽrde Ihnen gern noch etwas vorspielen, was Sie auch in Ihrer ersten Rede im Parlament gesagt haben. Sie sind da frisch in die Politik gekommen und haben sich vorgenommen Zeit zu haben. Sie haben da folgendes gesagt:

Corinna Milborn

Jetzt sind sie ein Jahr Kanzler. Sie haben einen extrem vollen Terminkalender - das kann man öffentlich sehen. Haben Sie die Zeit zum Nachdenken?

Christian Kern

Ja, das ist eine der ganz großen Herausforderungen. Auf der einen Seite hat man das Privileg unglaublich viele interessante Leute kennen zu lernen. Von den Freunden in der Voest von denen ich erzählte habe bis internationale Koryphäen und Wissenschaftler das ganze Spektrum. Das ist eine große Bereicherung und hilft dazu so zu sagen, die Welt in ihrer Ganzheit auch wahrnehmen zu können. Auf der anderen Seite ist es natürlich schon ein wahnsinnig hektischer Betrieb und allein an dem Tag heute: Wir beide führen ein Interview, ich habe zwei Reden, die werden live im Fernsehen übertragen. Es hat in der Früh begonnen mit einem Interview für das 'Morgen Journal'. Also, Du hast eine Reihe von Verpflichtungen Dich öffentlich zu äußern, die beachtlich sind, die ich vielleicht am Beginn unterschätzt habe. Die insgesamt den politischen Betrieb glaube ich nicht gut. Weil, was daraus wird... Ich habe einmal gesagt 95 Prozent der Politik sind Inszenierung. Die Wahrheit ist, viele der Diskussionen werden geführt, ja nur damit man am nächsten Tag in der Zeitung steht oder wenn man einen Koalitionsstreit vom Zaun brechen will. Die Beispiele, die Sie am Beginn des Gesprächs genannt haben sind klassische Inszenierung. Da geht es natürlich nicht darum, dass einer wirklich etwas durchsetzen will, sondern wird so getan als ob. Das ist etwas, was mich massiv stört. Und was uns auch behindert, die wirklich wichtigen Zukunftsfragen wie zum Beispiel 'Wie gehen wir mit Digitalisierung und Roboterisierung um?'.

Corinna Milborn

Kommen Sie zum Lesen? Was haben Sie als letztes fĂĽr ein Buch wirklich gelesen?

Christian Kern

Ja, jetzt werden Sie sagen, typisch Eribon, Rückkehr nach Reims natürlich. Und das letzte Buch von Martin Walser und John Williams kann ich empfehlen, Butcher‘s Crossing. Also ich bin an sich viel Leser. Und das nimmt schon viel Zeit in meinem Tagesablauf.

Corinna Milborn

Sie sind mit wenig Illusionen in den Job hineingegangen. Sie haben auch ganz am Anfang gesagt, es gibt die Möglichkeit, dass Sie scheitern. Ich spiele Ihnen kurz vor, wie Sie das gesagt haben:

Einspielung

Aber was ich Ihnen versprechen kann ist, dass wir mit jeder Faser unseres Wollens mit unserer gesamten Leidenschaft und mit jeder Minute unseres Denkens versuchen werden die Dinge in die richtige Richtung zu bewegen. Und wenn wir scheitern, dann werden das die richtigen Motive sein aus denen wir scheitern. So viel kann ich Ihnen versprechen.

Corinna Milborn

Es sieht jetzt tatsächlich so aus, als würde diese Koalition auf der Kippe stehen mit den derzeitigen Querelen, die es da gibt. Aus welchen Motiven werden sie scheitern? Was sind die richtigen Motive?

Christian Kern

Naja, die Koalition steht ja, wenn es nach den Kommentatoren geht, natürlich seit dem ersten Tag quasi an der Kippe. Ich gebe zu, dass wir jetzt Diskussionen führen, die völlig nutzlos sind. Nehme aber für mich in Anspruch, dass ich mich an der Diskussion nicht beteiligen möchte. Aber was schon ein wichtiger Punkt ist und das ist vielleicht eine Parallele mit Macrons auch... Wenn du selbst nicht aus der Politik kommst, dann hast du einen ganz anderen Zutritt dazu. Weil Du machst das im Sinne von 'Du möchtest dem Land etwas zurückgeben'. Das ist auch das was ich will. Aber dir ist bewusst, dass es auch ein Leben davor und ein Leben danach geben wird. Also, ich hänge nicht an diesem Zimmer oder an der Bekanntheit, den vielen Selfies oder dem, was man gemein hin Macht nennt. Sondern mir geht es darum, dass wir in Österreich eine Reformbewegung durchsetzen, dass wir das Land modernisieren, an die Spitze führen. Das ist in dieser Konstellation derzeit schwierig. Aber nachdem Politik ein Marathonlauf ist, denke ich ja nicht bis morgen oder bis zur nächsten Wahl, sondern darüber hinaus. Und da bin ich optimistisch, dass wir die Dinge in die richtige Richtung bewegen können. Genauso wie wir jetzt sowohl bei den Ganztagsschulen, bei den Jobs, bei den Einkommen, bei den Innovationsprogrammen für Start-Ups und andere Dinge gemacht haben, die zehn Jahre lang gesteckt sind. Das ist mühsam, das ist zäh. Den Stein gilt es jeden Tag ein paar Zentimeter Richtung Gipfel zu rollen. Ich denke, das ist das, was wir dann auch mit Konsequenz tun. Und wenn es nicht klappen sollte, wenn die Österreicher das nicht ausreichend schätzen, dann werden wir es zur Kenntnis nehmen. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir da auch eine gute Chance haben, zu erklären, warum das unser Land weiterbringt.

Corinna Milborn

Sie werden jedenfalls die Partei in die nächsten Wahlen führen. Wenn Sie weiterhin die FPÖ als Koalitionspartner ausschließen, wie es Parteitagsbeschluss ist in der SPÖ, dann müssen Sie quasi mit der Ansage einer neuen großen Koalition rechnen. Es muss dann jeder damit rechnen, dass rot-schwarz wiederkommt. Werden Sie es auf sich nehmen für einen Wahlkampf? Und sagen, es wird so weitergehen wie bisher?

Christian Kern

Nein, wir haben ja gesagt wir diskutieren den Kriterienkatalog. Der ist noch nicht fertig. Das soll jetzt keine Ausrede sein, sondern das ist eine Ăśbung, die man mit Respekt und Aufmerksamkeit fĂĽhren muss. Dass ist auch das, was wir tun werden.

Corinna Milborn

Aber ist es nicht einfach nur ein Umweg? Weil so wie da diskutiert wird, wird rauskommen, dass die FPÖ als Koalitionspartner nicht in Frage kommt. Soweit man das hört.

Christian Kern

Das ist so noch keine gegessene Sache. Sondern, das wird dann im Parteivorstand und mit den anderen Kollegen und Kolleginnen entschieden werden. Aber mein Punkt ist ja jener, und das ist das, was ich jeden Tag versuche der Öffentlichkeit und auch dem Regierungspartner zu sagen: Wenn diese Regierung scheitert, dann ist das aus meiner Sicht nicht vorstellbar, dass es eine Fortsetzung geben wird. Und dann ist jeder, der hier zündelt, jeder der versucht irgendwie aus egoistischen Motiven, weil er einen persönlichen Vorteil hat, eine Wahl vom Zaun zu brechen, der muss sich dann überlegen, ob er das für sich verantworten kann. Ob das der richtige Schritt ist und das nicht zu einer Einladung für die Freiheitlichen wieder in die Regierung zu kommen. Und ehrlich gesagt, dabei möchte ich nicht dabei sein. Und deshalb bin ich der Meinung: Wir müssen diese Regierung weitertragen, darum weiterkämpfen, weil die Österreicher und Österreicherinnen das von uns erwarten. Wir haben einen Auftrag bekommen vor 18 Monaten. Und wenn sich da jetzt Leute leichtfertig damit zu spielen beginnen, dann müssen sie das eines Tages gut erklären. Und wir werden genau erklären, warum wir für Österreich arbeiten wollen.

Corinna Milborn

Dann Danke ich Ihnen sehr, sehr herzlich für das Gespräch. Ihnen Danke fürs Zusehen. Das ganze Gespräch können Sie auf puls4.com nachsehen und auch weiterempfehlen.