Dienstag, 21. Mai 2019, 19:45
Quelle: tvthek.orf.at
Transkriptstatus: Dienstag, 21. Mai 2019, 19:45
Transkript von neuwal
Bildquelle (Header): tvthek.orf.at


Die Idee hinter dem Transkript ist, ein gesprochenes TV-Interview auch in einem zusätzlichen Kanal – und zwar in Textform – zur Verfügung zu stellen. Oft ergeben sich beim Lesen andere und klarere Zusammenhänge. Strukturen werden erkannt und eigentliche Botschaften, Textbausteine werden noch klarer und können weiter recherchiert werden. Wir möchten Politik, politische Ideen und Veränderung und den Weg in ein neues, offenes und mitgestaltbares politisches Zeitalter unterstützen. Und dem Gesagten mit dem Transkript einen ernstzunehmenden anderen Zugang sowie eine möglichst breite Reflexion bieten. Danke an die ModeratorInnen und die TV-Anstalten, dass Interviews transkribiert werden können.

Idee, Feedback oder Fehler gefunden? Bitte an info [at] neuwal.com schicken! Danke.

Guten Abend, meine Damen und Herren,

wir erleben bewegte Stunden in unserer Republik. Selten wurde so intensiv und emotional über Politik diskutiert. Zu Hause, in der Schule, am Arbeitsplatz, mit den Kolleginnen und Kollegen.

‚Mein Gott, das ist ja alles furchtbar‘ und ‚Ich versteh nicht, was da abläuft‘, das sagen viele. Und genau aus diesem Grund wende ich mich heute an Sie. An Sie direkt, liebe Österreicherinnen und Österreicher.

Seit wir alle am Freitagabend diese verstörenden Bilder gesehen haben ist politisch sehr viel passiert. Es gab erste Rücktritte, es gab zahllose Besprechungen. Schlussendlich hat der Herr Bundeskanzler die Entlassung des Innenministers vorgeschlagen. Und daraufhin sind eine Reihe von Ministern zurückgetreten.

Entsprechend den Regeln unserer Bundesverfassung habe ich den Auftrag erteilt, für die Phase des Übergangs, bis zur Wahl, Expertinnen und Experten zu suchen. Was in dieser Zeit aber nicht passiert ist, glaube ich, ist die Einordnung, warum uns alle diese verstörenden Bilder so beschäftigen.

Wir alle haben ein Sittenbild gesehen, das Grenzen zu tiefst verletzt. Ein Bild der Respektlosigkeit, des Vertrauensbruchs, der politischen Verwahrlosung.

Der Schaden, den diese Bilder anrichten ist noch gar nicht abzuschätzen. Besonders, weil viele jetzt in einer ersten Reaktion sagen: ‚Es sind ja eh alle gleich, die Politiker. Typisch Politik, mmh.‘ Und ich verstehe das, wenn in einer ersten Reaktion, im ersten Schock so reagiert. Aber ich bitte Sie herzlich genauer hinzusehen.

Ein Politiker ist dazu gewählt seinem Land zu dienen. Um das gut zu machen muss er oder sie unterscheiden genau unterscheiden können was anständig ist und was nicht, was korrekt ist und was korrupt, was sich gehört oder eben nicht. Und ein gutes Vorbild zeigt Anstand nicht nur, wenn Kameras im Raum sind, sondern handelt anständig aus einer inneren Überzeugung heraus. Wir alle sollen in diesem Sinne danach streben Vorbild zu sein. Und ich sage: Wir alle.

Und ich meine, die meisten Politiker und Politikerinnen in diesem Land tun das auch. Ich bin überzeugt davon, niemand geht in die Politik, um die eben genannten Grenzen zu verletzen. Politikerinnen und Politiker wollen das Leben in einer Gesellschaft verbessern und sie ordnen diesem Ziel sehr viel unter. In ihrem Privatleben und in anderen Bereichen.

Manchmal kommen sie von ihrem Weg ab. Überschreiten Grenzen. Verletzen Menschen. Zerstören Vertrauen.

Und in diesem Sinne entschuldige ich mich für das Bild, das die Politik bei uns gerade hinterlassen hat.

So sind wir nicht. So ist Österreich einfach nicht. Aber das müssen wir alle gemeinsam beweisen. Den Politikern, uns Politikern und Politikerinnen wird dabei eine besondere Rolle zukommen. Ja. Wie wir gesehen in der Welt ist nicht nur eine Frage – wie soll ich sagen -, wo man sagt, ja, besser oder weniger gut. Das hat auch wirtschaftliche Konsequenzen.

Das hat wirtschaftliche Konsequenzen. Das ist wichtig für die Exportwirtschaft und das ist ganz besonders wichtig für die Frage, ob sich und welche Unternehmen sich in Österreich ansiedeln. Auch für die Frage wie viele und ob Touristinnen und Touristen gerne unser Land besuchen. Das ist keine triviale Frage. Hier geht es um die wirtschaftliche Zukunft. Hier kann es um zehntausende von Arbeitsplätzen gehen. Und mit dieser Verantwortung spielt man nicht.

Meine Damen und Herren, das Bild Österreichs in Europa und der Welt wiederherstellen, Vertrauen aufbauen, das wird nur gemeinsam gehen. Und allen Beteiligten möchte ich deutlich sagen: Jetzt ist nicht die Zeit der Wahlkampfreden.

Ich appelliere an alle Verantwortungsträger in diesem Land, die politische Verantwortung auch für dieses Land zu tragen. Denken sie bitte jetzt nicht daran, was sie für ihre Partei kurzfristig herausholen können, sondern denken sie daran, was sie für Österreich tun können. Fragen sie nicht ‚hilft es mir bei der Wahl‘, sondern fragen sie ‚hilft es Österreich‘. Hilft es uns im inneren stärkt es unsere Glaubwürdigkeit in der Welt.

Liebe Österreicherinnen und Österreicher,
ich bitte Sie, wenden Sie sich nicht angewidert von der Politik ab. Denken Sie nach.

Und übrigens: Vergessen Sie nicht, am kommenden Sonntag zur Wahl zu gehen.

Abschließend, meine Damen und Herren: Nur Mut und etwas Zuversicht. Wir kriegen das schon hin. Wir haben das in der Vergangenheit auch immer geschafft. Das ist ja etwas typisch österreichisches.

Vielen Dank, schönen Abend noch.

The following two tabs change content below.
Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.