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Montag, 12. November 2018
Quelle: tvthek.orf.at
Transkriptstatus: Montag, 12. November 2018
Transkript von Dieter Zirnig
Bildquelle (Header): tvthek.orf.at


Die Idee hinter dem Transkript ist, ein gesprochenes TV-Interview auch in einem zusätzlichen Kanal – und zwar in Textform – zur Verfügung zu stellen. Oft ergeben sich beim Lesen andere und klarere Zusammenhänge. Strukturen werden erkannt und eigentliche Botschaften, Textbausteine werden noch klarer und können weiter recherchiert werden. Wir möchten Politik, politische Ideen und Veränderung und den Weg in ein neues, offenes und mitgestaltbares politisches Zeitalter unterstützen. Und dem Gesagten mit dem Transkript einen ernstzunehmenden anderen Zugang sowie eine möglichst breite Reflexion bieten. Danke an die ModeratorInnen und die TV-Anstalten, dass Interviews transkribiert werden können.

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ARMIN WOLF: Und ich begrüße Herbert Grönemeyer jetzt bei mir im Studio. Guten Abend, vielen Dank fürs Kommen.

HERBERT GRÖNEMEYER : Guten Abend.

Herr Grönemeyer, es gibt sehr viele, sehr populäre Künstler, die wollen mit Politik – zumindest öffentlich – absolut nichts zu tun haben, äußern sich auch nicht zur Politik, auch, um ihr Publikum nicht zu verstören. Sie sind da völlig anders. Sie engagieren sich sehr klar in Ihrer Musik aber auch abseits der Bühne. Warum?

Ja, ich denke, Politik klingt immer so schwer und so tief. Aber, ich glaube, Politik ist nichts anderes als das organisierte Zusammenleben von Menschen. Und ich lebe nun auch in der Gesellschaft und ich bin Teil dessen und ich habe eine Öffentlichkeit zur Verfügung. Ich kann Interviews geben, ich kann singen, ich kann auf der Bühne stehen. Und ich denke, das ist die Aufgabe von Kultur und Kunstschaffenden, dass sie versuchen das zu artikulieren, was sie glauben, was eine Gesellschaft auch denkt und fühlt. Also zumindest ein Teil der Gesellschaft.

Warum sind eigentlich die meisten Künstler, die sich politische engagieren links?

Das weiß ich nicht. Links klingt immer gleich so kategorisiert. Ich glaube, die machen sich halt Gedanken, wie kann eine Zukunft aussehen, wie ist die Stimmung im Lande, sie absorbieren. Ich meine, während andere Menschen hart arbeiten, sitzen wir glaube ich rum und überlegen, was ist gerade die Atmosphäre, was findet in der Atmosphäre statt. Und ich glaube, dann geht es halt darum, dass man versucht, Dinge vielleicht – und der Rock’n’Roll kommt aus einer Zeit, wo man aufbegehrt hat, wo man sich gegen das Establishment gewandet hat… Und dafür ist Kunst glaube ich da, immer wieder Dinge nach vorne zu treiben. Links finde ich immer, klingt so schnell… Aber wir sind sicherlich eher liberal-links, ja.

Sie melden sich auch immer wieder in den letzten Jahren in der Flüchtlingsdebatte zu Wort. Und haben erst dieses Wochenende in der FAZ gesagt, ich zitiere: ‚Ich halte die Flüchtlingssituation für einen Glücksfall.‘

Ja.

Sehr, sehr viele Menschen in Deutschland und Österreich halten das keineswegs für einen Glücksfall. Im Gegenteil. Haben die alle unrecht?

Das ist glaube ich eine Frage der Sehensweise. Ich glaube, kulturell werden wir mit den Geflüchteten… Wir sind zum ersten Mal gefordert… Ich bin jetzt 62… Ich glaube, das ist die komplexeste Zeit, in der ich lebe. Das war eine Notsituation. In Deutschland sind Millionen Menschen den Geflüchteten entgegen gegangen, kümmern sich bis heute um die Geflüchteten. Ich selbst habe eine Wohngemeinschaft für traumatisierte minderjährige unbegleitete Geflüchtete. Ich glaube, humanistisch sind wir gefordert. Und das glaube ich tut uns ganz gut in unserer saturierten Art. Und ich glaube, wir haben viele Probleme, die Themen sind kompliziert. Aber ich glaube nicht, dass da die Geflüchteten die Schuld daran tragen. Sondern, wir leben in einer Welt, die offen ist, die in einer großen Notsituation existiert. Und ich glaube auch die Kriege im Nahen Osten sind auch zum Teil auch von den Westlern – wie zum Beispiel der Irak-Krieg, den haben Herr Blair und Herr Bush angefangen -, das muss man sich auch mal klarmachen. Also, die Christen haben auch einiges dazu getan, dass es so eine Unruhe auf der Welt gibt.

Sie haben zu dem Thema auch einmal gesagt: ‚Wir haben Glück, dass wir aus unserer Komfortzone rauskommen. Wir dürfen endlich raus aus unserer Trägheit und uns bewegen.‘ Jetzt haben ganz sicher viele Menschen in Deutschland und Österreich das Gefühl, sie leben keineswegs in einer Komfortzone und sie sind nicht besonders träge und warum müssen sie sich das von Ihnen jetzt sagen lassen.

Naja, ich sage ja nicht, dass die Menschen träge sind. Ich sage, die Menschen haben Sorgen, machen sich Gedanken. Ist keine Frage, die Welt ist sehr, sehr nervös. Nicht nur in Deutschland und in Österreich, sondern generell ist sie sehr, sehr nervös. Aber wir werden erinnert, wir können Schutz bieten. Wir sind in einer so stabilen wirtschaftlichen Lage, wir können Menschen Schutz bieten und ihnen helfen, die Traumata, die sie in ihren Ländern erfahren, sei es in Afrika, sei es im Nahen Osten, sei es auch in Libyen, in den Flüchtlingscamps. Wir können ihnen Schutz bieten. Und das ist eine große humanistische Leistung und auch eine Herausforderung. Ich glaube, wir tun gut daran, auch in der Gesellschaft selbst, auch in den Ländern selbst, uns zu überlegen: Wir können wir auch Altersarmut, Obdachlosigkeit, alleinerziehende Mütter, die in die Armutsfalle geraten später, wenn sie in Rente gehen. Ich glaube, die Themen kommen alle hoch und wir begreifen endlich, eine Gesellschaft wie eine Familie, um die wir uns Sorgen machen müssen. Und das tut uns gut.

Ich lese Ihnen einen Leserbrief zu einem Ihrer Interviews aus einer österreichischen Zeitung vor. Zitat: ‚Ein Sänger sollte bei seinen Leisten bleiben und nicht glauben, mit seiner Meinung die Bevölkerung zu beeinflussen. Dass er mit seiner Kohle kein Problem mit Flüchtlingen hat ist ja klar.‘ Hat das nicht was? Reden Sie sich’s nicht leichter als privilegierter Millionär?

Das ist ja völlig… Das hat ja miteinander nichts zu tun. Ich rede über einen humanistischen Gedanken, über eine Mitmenschlichkeit. Ob ich nun viel Geld habe oder wenig Geld habe… Es entlässt mich ja nicht daraus, dass ich mitmenschlich denke. Also, man kann mir doch nicht sagen: Nur, weil ich jetzt viel Geld habe, weiß ich nicht mehr, was die Sorgen der Menschen sind. Ich komme aus dem Ruhrgebiet, ich bin groß geworden mit Menschen, die aus aller Welt – aber speziell aus Europa kamen – Türken, Polen, Spanier, Italiener, Griechen… Die haben Deutschland aufgebaut. Die sagen, seit 60, 65 Jahren haben wir dieses Land geschultert.

Und mit den Menschen bin ich groß geworden. Wir waren stolz, dass sie zu uns kamen. Und es geht nicht – und ich es ist denke ich in Österreich genauso -, auch Österreich ist denke ich geschultert worden von sehr vielen Menschen aus verschiedenen Kulturen – bis heute. Deswegen geht es dem Land ’sicherlich auch sehr stabil‘. Und es kann nicht sein, dass diese Menschen sich plötzlich fühlen als nicht mehr erwünscht. Also, man muss sehr vorsichtig sein, man muss unterscheiden zwischen Sorgen, die die Menschen zurecht vielleicht auch auf Grund der politischen Situation haben. Aber das ist nicht ein Thema, was die Geflüchteten…

Die Menschen kommen aus Kriegen. Wenn Sie sich mal die Schicksale anhören, wenn die Ihnen erzählen… Ich gehe auch in Flüchtlingsheime in Berlin. Wir haben eine Gruppe, die sich auch um Flüchtlingsheime kümmert. Lassen Sie sich mal die Geschichten erzählen. Es handelt sich um Menschen. Es handelt sich um Menschen mit Geschichten. Und die machen das nicht zum Spaß. Die wären gerne in ihrer Heimat geblieben. Die sind nicht hierhergekommen, weil sie denken, hier lässt es sich einfacherer leben. Die sind wirklich, haben furchtbare… haben ihre Familie sterben sehen neben sich, sind durch die Sahara gelaufen und haben Menschen sterben sehen. Also, man macht es sich so einfach. Und nur weil ich Millionär bin, heißt es jetzt nicht, dass ich mir nicht mehr Gedanken machen kann, wie es Menschen geht und wie Menschen fühlen.

Im Spiegel haben Sie vor ein paar Tagen gesagt: ‚Mir ging es mit dem neuen Album darum, herauszufinden, in wie weit wir alle für dieses rechte Gedankengut anfällig sind.‘ Haben Sie schon eine Antwort darauf gefunden?

Ich glaube, wir sind auf Grund unserer Geschichte… Frau Gesine Schwan, eine deutsche Politikerin, die auch einmal für das Bundespräsidialamt vorgeschlagen war, als Bundespräsidentin, die hat gesagt: ‚In Deutschland… es gibt überall Rechte. Aber in Deutschland brennen sofort die Häuser.‘ Ich glaube, wir sind halt anfällig, wir alle. Wir sind auf Grund unserer Geschichte fürs rechte Gedankengut. Aber ich finde es merkwürdig, dass wir uns vor diesem rechten Gedankengut plötzlich so aufscheuchen lassen. Wir sind eine aufgeklärte Gesellschaft. Wir sind eine erwachsene Gesellschaft.

Und wir müssen jetzt in den nächsten zehn Jahren lernen Haltung zu beziehen. Wir hatten eine große Demo in Berlin. Da sind 250.000 Menschen auf die Straße gegangen. Die Mitte der Gesellschaft muss sich gefallen lassen, irgendwann gefragt zu werden: Wollte ihr diesen Rechtsruck oder wolltet ihr den Rechtsruck nicht. Und nur jetzt die Situation, die die Rechten nutzen, Menschen halt mit ihrem Gedankengut aufzuscheuchen… Da muss man einfach ganz gelassen sagen: Pass mal auf, das wollen wir nicht, das passt hier nicht her. Haben wir nie gewollt. Und lasst das jetzt. Und wenn ihr es jetzt nicht lasst, dann lasst es bitte in den nächsten fünf Jahren. Wir wollen das nicht.

Warum ist die rechte AFD eigentlich vor allem in Ostdeutschland, wo es ja vergleichsweise wenige Ausländer gibt so ganz besonders erfolgreich? In manchen Bundesländern ist sie ja laut Umfragen schon die stärkste Partei.

Ich glaube, die Menschen… die Wiedervereinigung hat nicht… Wir haben die Wiedervereinigung bis heute nicht vollzogen. Ich habe nach der Wende 1993 ein Jugendheim für rechte Jugendliche aufgemacht, in Leipzig. Da hat man mich für verrückt erklärt. Ich habe gesagt: Wenn ihr euch nicht nach der Wiedervereinigung um die Menschen kümmert, speziell um die Jugendlichen, weil die Eltern im neuen System nicht klarkommen, dann werdet ihr irgendwann ein schwieriges Thema haben und ein schwieriges Problem haben. Und dann hat man dann zu mir gesagt: Das ist absurd was du machst. Es hat acht Jahre gedauert, bis ich bei den Jugendlichen… die raus hatte aus ihrer Aggression. Aber ich glaube, das ist genau das, was West- und Ostdeutschland… Wir haben miteinander uns noch nie richtig unterhalten und haben nie den Menschen im Osten zugehört. Der Westen hat durch die Treuhand den Osten aufgekauft. Hat gesagt: Alles, was ihr gemacht habt, war eh Unsinn. Und das haben die Menschen nicht vergessen. Die Menschen haben nicht vergessen, wie der Westen mit einer gewissen Arroganz über sie rübergefahren ist. Und das führt auch zu einem Frust, der sich jetzt tragischerweise entlädt in ein Thema, wo es gar nicht hingehört.

Das ist fast dreißig Jahre her die Wiedervereinigung. Und in der Zwischenzeit hatten Sie nicht nur einen Ostdeutschen Bundespräsidenten – Herrn Gauck -, sondern viele, viele Jahre jetzt eine Ostdeutsche Bundeskanzlerin. Und trotzdem?

Die haben beide nicht dafür gesorgt, dass wir die Menschen im Osten verstehen. Der Westen hat sich nie um den Osten gekümmert. Hat immer gesagt: Die sind alle Stasis oder alle SED… Wir haben uns nie gekümmert. Wir haben nie uns einander an den Tisch gesetzt und gesagt, wie denkt ihr. Es sind zwei Kulturen. Der Westen und der Osten sind im Grund und Kulturen – sage ich mal – unterschiedliche wie die Wallonen oder die Flamen oder die Schweizer und die Österreicher. Sind zwei komplett verschiedene Kulturen, die man versucht, jetzt… einfach zu sagen: Wir sind alle Deutsch. So einfach geht das nicht. Das ist ein ganz komplexes Gebilde. Wir sind ein ganz, ganz junges Land. Wir sind gerade mal 28 Jahre alt. Und das ist sehr zerbrechlich. Und dieses Thema holt uns ein. Und es äußert sich ganz massiv in der Flüchtlingsfrage und hat da nichts zu suchen.

Werden Sie Angela Merkel vermissen?

Ich werde Sie vermissen, weil ich glaube, dass sie als Pfarrerstochter sich den Geflüchteten geöffnet hat und die aufgenommen hat. Das halte ich für eine ganz großartige humanistische Leistung. Dass sie nicht artikuliert und nicht kommuniziert, das halte ich für einen großen Fehler. Aber ich halte sie als Politikerin für sehr, sehr klug, sehr uneitel, sehr sorgfältig und sehr präzise. Und ich glaube, wir werden irgendwann feststellen: Davon, von dieser Kategorie Politiker gibt es nicht viele. Und sehr standhaft. Sehr standhaft und sehr klar und präzise.

Eine letzte Frage noch: Es gibt in Österreich ja so eine latente Deutschen-Skepsis gegenüber den Piefkes. Jetzt gelten Sie ja als so Deutsch, wie man nur sein kann.

Oberpiefke. (lacht)

Trotzdem werden Sie in Österreich ganz besonders gemocht. Wie man auf jedem Ihrer Konzerte feststellen kann. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Ne, ich bin selbst ganz verwundert. Ich freue mich da riesig darüber, ich finde es sehr beeindrucken, welche Zuneigung mir entgegenkommt hier in Österreich. Und für uns ist das natürlich eine Auszeichnung. Und ich bin gerne in Österreich. Aber warum das so ist, weiß ich nicht. Ich hoffe, dass ich vernünftige Musik mache und irgendetwas berühre. Und ich habe vielleicht auch ein gewisses Sentiment in meinen Liedern. Meine Mutter kommt aus Estland und meine Vorfahren auch zum Teil aus Russland. Ich habe keine Ahnung. Ich freue mich darüber. Ich bin immer noch verblüfft, dass das so ist, aber ich nehme das sehr gerne entgegen, weil das ist eine unheimliche Wärme, die mir in Österreich entgegenschlägt.

Die Familie unseres Bundespräsidenten, der heute noch in der Sendung ist, kommt auch aus Estland.

Sehen Sie, gar nicht so schlecht!

Danke sehr.

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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place. Seit April 2018 bei der Rechercheplattform addendum.org.