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Montag, 24. September 2018
Quelle: tvthek.orf.at
Transkriptstatus: Montag, 24. September 2018
Transkript von Dieter Zirnig
Bildquelle (Header): tvthek.orf.at


Die Idee hinter dem Transkript ist, ein gesprochenes TV-Interview auch in einem zusätzlichen Kanal – und zwar in Textform – zur Verfügung zu stellen. Oft ergeben sich beim Lesen andere und klarere Zusammenhänge. Strukturen werden erkannt und eigentliche Botschaften, Textbausteine werden noch klarer und können weiter recherchiert werden. Wir möchten Politik, politische Ideen und Veränderung und den Weg in ein neues, offenes und mitgestaltbares politisches Zeitalter unterstützen. Und dem Gesagten mit dem Transkript einen ernstzunehmenden anderen Zugang sowie eine möglichst breite Reflexion bieten. Danke an die ModeratorInnen und die TV-Anstalten, dass Interviews transkribiert werden können.

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RAINER HAZIVAR
Und im Studio begrüßen wir den SPÖ-Vorsitzenden. Guten Abend, Herr Vorsitzender, vielen Dank für den Besuch im Studio.

CHRISTIAN KERN
Guten Abend.

RAINER HAZIVAR
Sie haben ein paar suboptimale Tage hinter sich, wie Sie gesagt haben. Haben aber Ihre Kandidatin durchgebracht. Konnten Sie über das Wochenende quasi schon Muse schinden um darüber nachzudenken, ob Sie jetzt erleichtert sind?

CHRISTIAN KERN
Ja, es ist in einer gewissen Weise eine Erleichterung, weil wir eine wirklich sehr gute Nachfolge getroffen haben. Und man muss sehen, es ist heute nicht mehr selbstverständlich, dass du 30 Prozent der Wähler ungefähr erreichen kannst. Du musst dafür etwas tun, du musst über deinen eigenen Parteikreis hinauswirken können. Du musst den Weg der Öffnung, der Modernisierung konsequent gehen. Und mit Pamela Rendi-Wagner glaube ich haben wir da eine sehr gute Wahl getroffen.

RAINER HAZIVAR
Ich habe das mit dem ‚Erleichtert‘ vor allem natürlich auf Sie bezogen. Sind Sie erleichtert?

CHRISTIAN KERN
Natürlich schon. Weil man übergibt das gerne in gute Hände. Und das ist gelungen. Ich denke, ihre Inthronisierung hat jetzt hier schneller stattgefunden als seinerzeit Sebastian Kurz nach Mitterlehner übernommen hat. Und das ist für mich schon wichtig. Persönlich auch.

RAINER HAZIVAR
Sind Sie erleichtert, den Parteivorsitz los zu sein?

CHRISTIAN KERN
Ja, also, mir fällt kein Stein vom Herzen, aber es ist schon eine Verantwortung, die einem da von der Schulter genommen wird.

RAINER HAZIVAR
Sie haben sich entschuldigt dann am Ende der Woche. Wofür eigentlich genau? Für den geplanten Jobwechsel, für den Zeitpunkt, dafür, dass es vorzeitig bekannt geworden ist? Die lange Reaktionszeit am Dienstag? Oder wofür haben Sie sich eigentlich genau entschuldigt?

CHRISTIAN KERN
Also für den Vorgang an sich nicht. Da bitte ich um Verständnis, weil das ist eine zutiefst persönliche Entscheidung. Die ist lange in mir gereift. Ich habe mich sehr lange damit beschäftigt und bin zur Einschätzung gelangt, dass es mit Pamela Rendi-Wagner gibt, der der SPÖ hier chancenreich in die Zukunft führen kann. Das ist gar keine Frage. Was sozusagen suboptimal gewesen ist aus meiner Sicht, ist natürlich der Umstand, dass das dann unkontrolliert in die Öffentlichkeit gekommen ist. Und die Entschuldigung hat sich darauf bezogen, dass man als Vorsitzender natürlich – noch dazu, wenn man bei so einer Frage so im Mittelpunkt steht -, ganz klar sich auf niemand ausreden kann. Faktum ist allerdings, dass ist halt eine Situation, das bereitest du entweder in einem sehr, sehr kleinen Kreis vor, dann sind viele nicht miteingebunden und sind natürlich frustriert. Du bereitest das sonst in einem größeren vor. Und wie man sieht, geht das dann via Indiskretionen in die Öffentlichkeit.

RAINER HAZIVAR
Wissen Sie eigentlich, wem Sie das alles – also sprich das Bekanntwerden – zu verdanken haben?

CHRISTIAN KERN
Nein, ich halte es auch für ehrlichgesagt nicht relevant. Weil es ändert am Grundumstand nichts. Und entscheidend war, dass wir sehr rasch gesagt haben: OK, wir müssen jetzt die Nachfolgefrage klären. Und da haben alle an einem Strang gezogen.

RAINER HAZIVAR
Die Haupttheorie unter Kollegen ist, es stammt aus dem Wiener Rathaus. Können Sie damit etwas anfangen?

CHRISTIAN KERN
Also, ich habe ein sehr, sehr gutes Gesprächsverhältnis und Vertrauensverhältnis zum Michael Ludwig und hege da keinen Verdacht.

RAINER HAZIVAR
Wollen Sie wissen, wer es war?

CHRISTIAN KERN
Nein, ich kann Ihnen sagen, das möchte ich nicht. Weil am Ende des Tages sind immer Verschwörungstheorien. Und dann hast Du die Situation: Du machst dich damit selber fertig. Denkst dir: Wie ist das eigentlich, wer war das? Da schleicht dann immer ein Schatten hinterher. Das verdirbt das Gemüt und ich kann nur sagen: Ich glaube, es ist immer wichtig, nach vorne zu schauen und zu sagen ‚OK, abgehakt‘. Und jetzt mit voller Kraft den Weg weitergehen.

RAINER HAZIVAR
Wann haben Sie eigentlich genau entschieden… sich für den neuen Job entschieden? Sie haben sowohl im Sommergespräch als auch im ZIB2-Studio-Gespräch hier am 8. August auf die Frage, ob Sie Parteivorsitzender werden und auch Spitzenkandidat eindeutig mit ‚Ja‘ geantwortet.

CHRISTIAN KERN
Ja, das ist auch eine Geschichte, die natürlich eine Zeitlang gebraucht hat. Ich habe das auch mit europäischen Freunden intensiv diskutiert. Mir ist das auch unangenehm, dass ich das so deutlich dementieren musste. Aber in einer solchen Situation hast du auch nicht viel Wahlmöglichkeit. Da bitte ich um Verständnis, das es da wenig Alternativen gibt. Weil, wenn du mit einem blutigen Zeh in ein Haifischbecken steigst: Na, das geht nicht gut aus. Und in der Politik, sobald du sagst: ‚OK, ich weiß nicht‘ oder ‚ich gehe in drei Monaten oder mache etwas anderes‘ verlierst du völlig die Kontrolle. Für mich war entscheidend, dass wir dieses Migrationspapier zu einem guten Ergebnis bringen. Weil die Migrationsfrage – man muss es sagen – war der Grund, warum wir bei der Wahl nicht erster waren. Das war der Grund, warum die SPÖ drei, vier Jahre lang intern miteinander massiv gerungen hat. Und wir haben jetzt eine Grundlage geschaffen, mit der Autorität des Parteivorsitzenden auch, die alle Lager zusammenbringt. Und das ist eine gute Basis für die Zukunft.

RAINER HAZIVAR
Das heißt, Anfang August haben Sie es schon gewusst, in welche Richtung es für Sie gehen wird.

CHRISTIAN KERN
Na, Anfang August habe ich eben das mit meiner Familie und mit meiner Frau intensiv diskutiert, aber war noch nicht entschieden.

RAINER HAZIVAR
Jetzt haben Sie Pamela Rendi-Wagner, die Neue quasi vorgeschlagen. Das hat dann auch funktioniert, sie wurde designiert. Haben aber selbst das ‚Eindreschen mit dem Bi-Händer‘ als quasi Hauptwesenspunkt in der Opposition genannt. Finden Sie wirklich, dass Pamela Rendi-Wagner mit dem Bi-Händer so viel besser kann als Sie?

CHRISTIAN KERN
Nein, ganz und gar nicht. Aber Sie wird ein Team bauen, wo es auch Leute gibt, die diese Arbeit der Zuspitzung beherrschen. Jetzt muss ich aber sagen, zu dem Vergleich: Das ist in der Opposition so, das braucht man sich nicht schönreden. Das trifft die NEOS genauso wie die Liste Pilz, früher die Freiheitliche Partei. Man braucht das auch nicht übertreiben. Aber ich finde sozusagen, dass man das jetzt als schalen Vergleich findet insofern nicht ganz fair, weil die Kommentatoren, die Zeitungen, die sagen ‚das geht nicht, dass man das sagt‘, das waren genau die, die, wenn wir mit Konzepten gekommen sind, den CO2-Ausstoß in Österreich zu reduzieren, in die Digitale Infrastruktur zu investieren, die Pflege auf neue Beine zu stellen, mit gähnenden Desinteresse reagiert haben. Die wissen ja selber ganz genau, dass sie sozusagen die Zuspitzung brauchen.

RAINER HAZIVAR
Der Wiener Parteichef Michael Ludwig hat angekündigt Pamela Rendi-Wagner unterstützen zu wollen. Er hat das mehrmals angekündigt. Peter Filzmaier hat hier im Studio gesagt: ‚Aber, wenn er sich das anschaut, dann sei es zum Fürchten.‘ Fürchten Sie sich auch?

CHRISTIAN KERN
Nein. Was ich festgestellt habe in den zweieinhalb Jahren, die ich jetzt da dabei war in der Spitzenpolitik: Es werden unfassbare Verschwörungstheorien gewälzt. Schau, der schaut jetzt schief. Schau, dem gefällt das vielleicht nicht. Dann versucht man immer irgendwie so diese Schlüssellochposition einzunehmen, schaut, ob man da irgendeine Sensation erheischt. Aber, es ist in der Politik viel, viel banaler, als man glaubt. Michael Ludwig steht vor einer wichtigen Wahlauseinandersetzung, er hat das größte Interesse, das alle Kräfte gebündelt werden. Und genauso wird es sein.

RAINER HAZIVAR
Gut. Wir werden sehen. Aber jetzt einmal zu Ihrer Zukunft und zur Sicherheit. Werden Sie das Mandat bei der EU-Wahl annehmen, egal was passiert?

CHRISTIAN KERN
Ja, das wird am Ende eines Prozesses stehen. Aber davor ist mir ja wichtig – und ich habe gesagt, das ist wirklich die wichtigste Auseinandersetzung auf unserem Kontinent seit langem, weil wir wissen, unser Europa, die Demokratie ist herausgefordert. Und was mein Ziel ist, Europa nicht den Salvinis, den Orbans, den Straches oder Kaczynskis zu überlassen. Sondern, die Österreicher und Österreicherinnen dafür zu begeistern und ihnen zu zeigen, dass unsere Zukunft in Europa liegt. Dass wir in Österreich keine Frage entscheiden können, ohne dass wir in Europa Erfolg haben. Es gibt einen schönen Spruch, der heißt: In Europa gibt es in Wahrheit nur kleine Länder und jene, die wissen, dass sie klein sind. Und ich denke, gemeinsam sind wir in der Lage eine weltpolitische Rolle zu spielen. Die Globalisierung hat einen hohen Preis gehabt, viele sind auf der Strecke geblieben. Für die Mittelschichten hat es Einkommensverluste bedeutet. Auch die Migrationsfrage, die Afrikahilfe. Alles das wird nur gemeinsam gehen, wenn wir gemeinsam in Europa gegenüber Trump, gegenüber China, gegenüber Afrika auftreten.

RAINER HAZIVAR
Wenn Sie Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten werden wollen brauche Sie laut Statut 25 Prozent der sozialdemokratischen Parteien aus den EU-Ländern. Also sagen wir einmal sieben Länder. Haben Sie schon noch eine?

CHRISTIAN KERN
Ja, mein Ziel ist es ja, nicht unbedingt Spitzenkandidat zu sein, sondern dafür zu sorgen, dass wir in Europa die richtigen Diskussionen führen. Und, was wir jetzt gerade tun in dieser sozialdemokratischen Familie, ist, zu sagen: Wie muss das ausschauen. Weil diese Auseinandersetzung um Demokratie- und Rechtsstaat für Pressefreiheit, für Versammlungsfreiheit, alles das ist ja unter Druck, wenn Sie nach Polen, wenn Sie nach Ungarn schauen. Da brauchen wir Bündnispartner. Und ich werde…

RAINER HAZIVAR
Haben Sie gesagt, dass Sie nicht mehr EU-Spitzenkandidat werden wollen?

CHRISTIAN KERN
Nein, in Österreich, pardon.

RAINER HAZIVAR
In Österreich natürlich schon. Aber nicht mehr der europäischen Sozialdemokraten?

CHRISTIAN KERN
Nein, ich bin der Auffassung, dass wir uns da gemeinsam hinzusetzen haben, das zu diskutieren, wer welche Aufgabe übernimmt. Da gibt es hervorragende Männer und Frauen. Aber noch einmal: Ich habe vorhin diese Schlüssellochperspektive beklagt. Mir geht es überhaupt nicht um einen Job. Das ist absolut null interessant für mich für sich. Mir geht es um die Auseinandersetzung. Und wir haben in Europa die Situation, dass gerade die Österreicher zu den größten Skeptikern gehören. Und ich glaube, dass es Gründe gibt für die Skepsis. Da muss man Europa weiterentwickeln. Aber wir müssen den Menschen auch klar machen, dass das die Zukunft von uns und unseren Kindern ist. Und das ist das wichtigste Anliegen. Und dann, wenn wir eine Wahl damit gewinnen, bin ich auch nicht unzufrieden.

RAINER HAZIVAR
Letzte Frage noch. Falls Sie, wenn Sie österreichischer Spitzenkandidat bei der EU-Wahl werden, sich kein EU-Top-Job dann ausgeht, dann werden Sie Nachfolger von Eugen Freund werden. Was ich persönlich verstehen kann.

CHRISTIAN KERN
(lacht)

RAINER HAZIVAR
Aber ist das wirklich Ihr Teil des persönlichen ‚Plan A‘?

CHRISTIAN KERN
(lacht) Ganz, ganz ehrlich: In politische Ambitionen wird alles Mögliche reingeheimnist. Also, ich glaube, es ist wirklich eine wichtige Aufgabe. Das Europaparlament ist ein spannender Ort. Da finden Auseinandersetzungen auf höchstem Niveau statt. Und ich will nicht, dass in Zukunft dort die Rechtspopulisten und Rechtsdemagogen den Ton angeben. Das ist die Schlacht, um die es mir geht. Im Interesse Österreichs, ganz besonders. Und natürlich will ich, dass Österreich mehr Einfluss dort hat. Und ob das dann ich bin, jemand anderer ist… Ganz ehrlich, ich habe kennengelernt in der Politik: Nimm Dich selbst nicht zu ernst, behalte dir einigermaßen Demut. Und für einen Sozialdemokraten ist es das am 1. Mai versinnbildlicht. Da stehst du dann auf einer Tribüne, sprichst zu zehntausenden Leuten, die genauso ticken wie du, die so brennen wie du, die dieselben Leidenschaft, die ein besseres Leben für alle Menschen wollen. Und wenn du das dann siehst, dann sagst du nicht ‚ich bin der ganz große Macker‘, sondern dann empfindest du dich als Tropfen in einem Ozean. Und allein für diese Erfahrung bin ich in diesen zweieinhalb Jahren wirklich, wirklich dankbar.

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