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Dienstag, 12. Sep. 2017
Quelle: facebook.com/alexandervanderbellen
Transkriptstatus: Dienstag, 12. Sep. 2017
Bildquelle (Heade): facebook.com/alexandervanderbellen


Die Idee hinter dem Transkript ist, ein gesprochenes TV-Interview auch in einem zusätzlichen Kanal – und zwar in Textform – zur Verfügung zu stellen. Oft ergeben sich beim Lesen andere und klarere Zusammenhänge. Strukturen werden erkannt und eigentliche Botschaften, Textbausteine werden noch klarer und können weiter recherchiert werden. Wir möchten Politik, politische Ideen und Veränderung und den Weg in ein neues, offenes und mitgestaltbares politisches Zeitalter unterstützen. Und dem Gesagten mit dem Transkript einen ernstzunehmenden anderen Zugang sowie eine möglichst breite Reflexion bieten. Danke an die ModeratorInnen und die TV-Anstalten, dass Interviews transkribiert werden können.

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ALEXANDER VAN DER BELLEN

Meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen von den Medien.
Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich mich in der Erklärung direkt an die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes wende.
Liebe Östereicherinnen und Österreicher vor dem Livestrem.

Eine Vorbemerkung: Viel wird dieser Tage über Stil und Anstand gesprochen. Und darüber wer, wem, was nachsagt.
Ich möchte heute in aller Deutlichkeit alle agierenden Personen, aber auch alle Bürgerinnen und Bürger dazu auffordern, die Augen doch darauf zu richten, was wirklich zählt: Nämlich die Zukunft unseres Landes. Das Wohlergehen Österreichs. Unser aller Wohlergehen. Darüber und über nichts sonst werden wir in der kommenden Wahl entscheiden.

Üblicherweise wendet sich der Bundespräsident am Nationalfeiertag, am Neujahrstag an die Bevölkerung. Aber diesen Herbst steht uns ja ein weiterer hoher Feiertag bevor. Am 15. Oktober wählt Österreich sein Parlament, seinen Nationalrat. Und ich meine es ganz ernst, wenn ich sage: Der Wahltag ist einer der höchsten Feiertag. Wenn nicht der höchste Feiertag, den eine Demokratie zu bieten hat. Es ist ein Privileg, das Wahlrecht ausüben zu können. Und ihre persönliche Wahl, meine Damen und Herren, wird die Geschicke des Landes in der nächsten Zukunft mitbeeinflussen.

Das ist keine geringe Sache. Nehmen sie das ernst.

Ich bitte Sie daher, erstens, unbedingt von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu mache. Und zweitens genau abzuwägen – bevor sie ihre Entscheidung treffen – was denn in ihrem Interesse aber im Interesse Österreichs insgesamt das beste ihrer Meinung nach ist.

Es geht nicht nur um Ihre persönlichen Interessen, sondern um die Interessen insgesamt. Das ist oft gar nicht so einfach. Das Gemeinwohl im Auge zu behalten ist keine ganz einfache Sache.

Ich glaube, wir leben in Zeiten der Vereinzelung und des Eigennutzes. Unsere Gesellschaft ist zunehmend fragmentiert. Verschiedenste Lebensentwürfe und Überzeugungen existieren nebeneinander.

Und Angesichts dieser Verschiedenheit fragt man sich in der Tat, was uns denn eigentlich noch zusammenhält. Was hält uns zusammen?

Ich glaube, es ist nicht nur die bewegte Geschichte unseres Landes. Es ist nicht nur die Schönheit unserer Heimat. Es ist nicht nur unsere Bundesverfassung. Nicht nur Dinge, sozusagen außerhalb von uns selbst. Was uns zusammenhält muss auch aus unserem Inneren kommen. Wenn Sie wollen aus unserem Herzen – aus dem Herzen jedes einzelnen Menschen. Oder anders gesagt: Was uns zusammenhält, ist die Bereitschaft, füreinander dazu sein.

Ich bin der tiefsten Überzeugung, dass Gemeinschaft und auch Demokratie dort entsteht, wo wir bereit sind, über unseren Eigennutz hinauszudenken und das Wohlergehen des jeweils anderen mit in Betracht zu ziehen. Anders gesagt: Der Zusammenhalt beginnt dort, wo der Egoismus aufhört. Er entsteht dort, wenn wir das Miteinander wollen. Wenn Sie das wollen, meine Damen und Herren.

Wir leben auch in Zeiten, in der das kurzfristige Denken dominiert. Wir sind es gewohnt, Resultate unseres Handelns sofort sehen zu wollen. In vielen Unternehmen hat sich das sogenannte Quartalsdenken eingebürgert. Eine Art Wegwerfdenken, wo alles, was nicht in unmittelbarer Sichtweise ist nicht mehr wichtig ist. Ich halte eine solche Kurzfristigkeit im Denken und Handeln grundsätzlich für problematisch und für völlig unangebracht in der Politik.

Gerade die Zukunft unseres Landes, aber nicht nur, die Zukunft des Kontinents, der ganzen Welt, wenn Sie wollen, müssen wir in größeren Zeiträumen denken. Wir müssen die Auswirkungen unseres Handelns nicht nur für die nächsten paar Wochen, für die nächsten Monate oder Jahre berücksichtigen, sondern für die nächsten Generationen. Wir müssen diese Welt in einem lebenswerten Zustand weitergeben an unsere Kinder und Enkel. Die Arbeit einer zukünftigen Regierung wird sich also daran messen lassen müssen, ob ihre Entscheidungen dazu angetan sind langfristig, positive Effekte zu erzielen.

Eine Politikerin, ein Politiker muss die Welt durch die Augen der nächsten Generationen sehen können. Durch die Augen der Kinder, durch die Augen der Enkel.

Zu tun gibt es in der Zukunft und für die Zukunft genug. Etwa gilt es am Gelingen des gemeinsamen europäischen Projekts mitzuarbeiten. Europa braucht uns und wir brauchen Europa. Die Union beherbergt derzeit etwa sieben Prozent der Bevölkerung – bei sinkender Tendenz.

Glaubt wirklich jemand ernsthaft, dass unser Kontinent bzw. seine Bedeutung, sein Mitspracherecht in der Welt sich erhöht, wenn er sich wieder in vermeintlich autonome, noch kleinere nationale Einheiten aufspaltet und aufsplittet.

Kein Land – bin ich überzeigt – ist in diesem Sinn eine abgeschottete Insel. Nicht einmal Großbritannien. Und ich spreche nicht allein über die Wirtschaftsmacht Europas, sondern auch über das Friedensprojekt Europa.

Lassen sie uns nicht vergessen, dass Frieden auf diesem Kontinent keine Selbstverständlichkeit ist, sondern das Resultat gemeinsamen Wollens. Dieses europäische Streben nach Frieden, geboren aus der Vernunft, möge auch der ganzen Welt nützen. Ich werde auch das Meinige dazu beitragen, diesen Friedensgedanken auch über Europa hinaus zur Wirkung zu verhelfen.

Meine Damen und Herren, die großen, die wirklich großen Probleme können wir nur gemeinsam auf der europäischen Ebene und darüber hinaus lösen. Zu den vordringlichsten dieser Probleme gehört sicher auch die Migration. Ein Thema, das uns mit Sicherheit über die nächste Legislaturperiode hinaus begleiten wird. Und das mit kurzfristigen, reflexhaften Maßnahmen nicht zu lösen sein wird. Auch hier braucht es gemeinschaftliches, verantwortungsvolles, längerfristiges Denken.

Dasselbe gilt angesichts des fortschreitenden und für uns alle spürbar und wahrnehmbar werdenden Klimawandel.

Die schockierenden Nachrichten über die Hurrikan-Katastrophe in der Karibik und in den USA, die immer häufigeren Hitzewellen in Europa, das dramatische Schmelzen der Gletscher in den Alpen bringen viele von uns zum Nachdenken.

Und vielen von uns wird klar: Wenn wir so weitermachen, werden unsere Kinder und Enkel nicht mehr wissen, was Schnee ist. Und das wird noch unsere geringste Sorge sein.

Ich jedenfalls werde alles tun, was in meiner Macht steht, auf die Entscheidungsträger dieser Welt hinzuwirken, zu versuchen einzuwirken und für mehr Umwelt- und Klimaschutzbewusstsein zu werben. Wir müssen in verschiedensten Bereichen umdenken und wir brauchen eine Regierung, der das bewusst ist.

Wie wollen wir uns zur zunehmenden Digitalisierung in allen Lebensbereichen stellen? Wir halten wir es mit einem der höchsten Güter in unserer Gesellschaft, der Bildung und Ausbildung? Wie geben wir der Wirtschafts- und Arbeitswelt eine Perspektive, die über das nächste Quartal hinausreicht. Wie bekämpfen wir die beständig größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich?

Mein Appel ist: Bevor Sie wählen gehen, denken Sie bitte darüber nach, welche der wahlwerbenden Parteien sie am ehesten zutrauen, sich dieser Themen anzunehmen. Hundertprozentig einverstanden – das werden Sie sehr selten mit einer Partei sein. Aber versuchen sie tiefer hinter die mehr oder weniger interessanten Slogans zu blicken. Investieren sie doch einmal ein oder zwei Stunden, um sich genauer zu informieren. Das ist wohl investierte Zeit. Es geht um unsere Zukunft. Und es ist besser, sich jetzt zu informieren als nachher zu lamentieren.

Meine Damen und Herren, als Bundespräsident werde ich nach der Wahl darauf achten, dass die neue Regierung – wie immer sie aussehen wird – bei der Formulierung des Regierungsprogramms jedenfalls eines nicht aus dem Auge verliert: Österreich soll auch zukünftig ein Land im Herzen Europas, im Herzen der Europäischen Union sein. Ein Land, in dem das Miteinander, der gegenseitige Respekt und die in unserer Verfassung verankerten Grundwerte, der Kompass unseres Handelns bleiben.

Ich habe schon Verständnis dafür, dass es in der Intensivphase des Wahlkampfs auch zu harten Auseinandersetzungen kommt. Aber gerade deshalb möchte ich alle kandidierenden Parteien bzw. alle Kandidatinnen und Kandidaten bitten und auffordern: Seien sie sich im Interesse Österreichs bewusst, dass es nach dem 15. Oktober eine intakte Gesprächs- und Verhandlungsbasis zwischen den Parteien braucht.

Jetzt aber, meine Damen und Herren, liegt es an Ihnen eine Meinung zu bilden, zu entscheiden, in welche Richtung unser Land in den nächsten Jahren gehen wird. Es ist unsere Wahl. Es ist Ihre Wahl. Lassen Sie uns optimistisch und mutig in die neuen Zeiten gehen. Sie wissen schon – Bundeshymne. Wie immer es wird – es wird uns weiterbringen. Ich bin da guter Dinge.

Ich danke Ihnen sehr für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen für den 15. Oktober einen schönen Feiertag, einen Feiertag der Demokratie.

Vielen herzlichen Dank.

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Digitaler und Politischer Entrepreneur - Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen - seit einigen Jahren selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Media Strategy, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.