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Reden wir über Politik. „Ganz offen gesagt“ ist der erste regelmäßige, unabhängige Podcast für Politikinteressierte in Österreich. Die Journalisten Sebastian Krause, Julia Ortner und Eva Weissenberger diskutieren in Kooperation mit Neuwal jede Woche mit Expertinnen und Experten über die innenpolitische Lage und internationale Entwicklungen. „Ganz offen gesagt“ sind wir unabhängig, transparent und rein subjektiv.

„Ganz Offen Gesagt“ mit Yussi Pick
Yussi Pick im Gespräch mit Eva Weissenberger über die Wahlkampftaktik der ÖVP und die Fehler der SPÖ.

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Das „Ganz Offen Gesagt“-Team (von li. nach re.): Eva Weissenberger, Sebastian Krause und Julia Ortner. Alle Updates gibt es auch auf .


Vollständiges Transkript auf neuwal.com/transkript

EVA WEISSENBERGER

Willkommen bei ‚Ganz Offen Gesagt‘. Mein Name ist Eva Weissenberger. Vielen Dank für das große Interesse und für das viele Feedback auf unsere erste Doppelfolge, wo ja Julia Ortner im Gespräch mit Harald Katzmair und Daniel Kapp das Thema erörtert hat: Wie kränkend ist die Politik? Eine Frage von Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, die sehr oft gekommen ist – oder am meisten -, war folgende: ‚Warum wir unsere Gäste eigentlich duzen?‘ Eine Hörerin hat das zum Beispiel als befremdlich bezeichnet. Sie hat gesagt: ‚Da fühlt sie sich unwohl.‘ Das kann ich natürlich gut verstehen, weil man ist es einfach nicht gewohnt. In den klassischen Medien sitzen einander Interviewer und Interviewter ja fast immer – außer im Sport, vielleicht, kann ich nicht beurteilen, schaue ich zu selten… dort wird wahrscheinlich öfter mal geduzt. Aber sonst… Jedenfalls, wenn es sich wie bei uns in ‚Ganz Offen Gesagt‘ um Politik dreht, dann wird gesiezt.

In Wirklichkeit ist das natürlich ganz anders. Ich habe jetzt keine genauen Zahlen. Aber gefühlsmäßig sind 90 Prozent der österreichischen Innenpolitik-Journalisten und Journalistinnen mit 60 Prozent der Politiker und mit 90 Prozent der Politikberater per Du. Nur onair oder im Wort-Interview, da siezen sie sich plötzlich. Sogar echte Freunde siezen sich dann plötzlich. Und – wie gesagt – ich kann es verstehen, ich hab’s auch immer so gehandhabt bei klassischen Medienmarken. Und es ist verständlich, dass traditionelle Medienmarken das so machen. Wir hier aber bei ‚Ganz Offen Gesagt‘ in unserem kleinen Podcast können uns den Luxus leisten, dass wir Ihnen einfach nichts vorgaukeln müssen. Wir versuchen so weit wie möglich an ein Gespräch heranzukommen. Also an diese Art von Gesprächen, die wir auch ohne Mikrofon führen würden. Also die Fragen zu stellen, die uns wirklich interessieren und nicht jene, von denen unsere Branchenkollegen finden, dass man sie jetzt stellen müsse.

Deswegen werden Sie bei uns natürlich auch seltener aktive Politiker antreffen, weil, da sind wir natürlich auch der Meinung, dass man die kritisch hinterfragen müsste. Oder, der andere Grund ist einfach: On records ist ja mit vielen Politikerinnen und Politikern kein echtes Gespräch möglich. Und ich verrate wahrscheinlich kein Geheimnis, wenn ich sage, ja mit manchen ist nicht mal off records ein richtiges Gespräch möglich. Und wir wollen halt hier richtige Gespräche führen.

Aber, ich muss auch sagen, wir haben kein starres Konzept, sondern entwickeln diesen Podcast von Folge zu Folge weiter. Aber wir haben uns natürlich ein paar Grundregeln gegeben. Und eine davon ist: ‚Transparency is the new objectivity‘. Dieser Satz ist jetzt gar nicht mehr so neu. Also, ‚the new objectivity‘ ist so eine Sache. Der Satz stammt aus dem Jahr 2009 und ist vom US-Netzkritiker David Weinberger, der an der Universität Harvard lehrt und forscht. Und er meint damit, dass ja sowieso niemand wirklich objektiv sein kann, so wie niemand die Wahrheit kennt. Sondern, dass sich der Journalismus immer nur darum bemüht, möglichst objektiv an eine Sache heranzugehen oder der Wahrheit möglichst nahe zu kommen. Und wenn man das schon nicht kann, dann soll man wenigstens seine Interessenslagen und Beziehungen offenlegen um damit dem Publikum die Möglichkeit zu geben, dieses – was auch immer da vorgetragen wird -, die Inhalte selbst zu bewerten, aus welchen Gründen die entstanden sind. Insofern lautet unser Motto ‚Rein subjektiv dafür transparent‘.

Und damit komme ich jetzt endlich zu unserem heutigen Gast in diesem ‚Ganz Offen Gesagt‘. Ja, die Frage ist, wie wir das jetzt eigentlich nennen. Nennen wir es ‚Ganz Offen Gesagt‘-Bonustrack, denn, wir behandeln heute kein neues Thema, sondern greifen eine Antwort auf, die wir auf unseren ersten Podcast bekommen haben.

Dazu begrüße ich jetzt Yussi Pick am Telefon aus Bosnien. Erste Frage, was machst Du dort eigentlich: Urlaub oder Arbeit?

YUSSI PICK

Dort mache ich sowohl als auch. Ich bin gerade in Karenz und deshalb auch hier in Bosnien, wo meine Frau arbeitet.

EVA WEISSENBERGER

OK. Und Du passt aufs Kind auf.

YUSSI PICK

Ich passe aufs Kind auf, genau.

EVA WEISSENBERGER

Habe mir nur gedacht: Politikberater in Bosnien ist natürlich auch eine interessante Sache. Wir haben dich eingeladen, weil du auf unsere erste Doppelfolge reagiert hast. Und zwar auf das Gespräch, das die Julia Ortner mit dem Politik- und PR-Berater Daniel Kapp geführt hat. Und dazu hast du folgenden Tweet abgesetzt: ‚Aus professioneller Perspektive beeindruckend zu beobachten, wie sich die VP – zuletzt Daniel Kapp in ‚Ganz offen gesagt‘ in die Opferrolle spinnen.‘ Das ist der Anlass, warum wir dich eingeladen haben. Zuerst würde ich dich aber gerne vorstellen. Bitte korrigiere mich, wenn es nicht stimmt.

Dein Bezug zur Politik: Du warst bis September 2012 SPÖ-Mitglied und zwar in der Sektion Acht. Und da bist du dann aus Protest gegen eine Fremdenrechtsnovelle nach langem Leiden aus der SPÖ ausgetreten. Mit einem schönen Satz in einem Blogbeitrag: ‚Denn für jede Sonja Ablinger gibt es mindestens zwei Otto Pendels.‘ Aus deinen sonstigen Tweets schließe ich auch, dass du im laufenden Wahlkampf nicht engagiert bist oder keinen Auftrag hast. Ist das richtig oder täusche ich mich da?

YUSSI PICK

Ich bin bei keiner Partei, das stimmt. Wir haben es uns zur Prämisse gemacht, für keine Parteien zu arbeiten sondern nur im politischen Umfeld, das nicht parteipolitisches Umfeld ist.

EVA WEISSENBERGER

OK. Warum? Wenn man doch aus, wie du schon… Also, du warst ja engagiert im VSSTÖ glaube ich, schon auch in der SPÖ engagiert. Warum macht man sich zur Prämisse, nicht für Parteien zu arbeiten?

YUSSI PICK

In der SPÖ war ich tatsächlich nie engagiert. Ich war vor zehn Jahren im VSSTÖ und habe dort die politische Kommunikation gelernt. Und auch rund um die Studiengebühren-Geschichte und Kanzler Gusenbauer, der ja jetzt wieder im Mittelpunkt der Innenpolitik steht. Aber ich habe einfach kein Bedürfnis mit und für Parteien zu arbeiten – aus unterschiedlichen Gründen. Einerseits, weil das so komplexe Gebilde sind, das ich nicht das Gefühl habe, meine Ratschläge würden nicht dort ankommen, wo sie benötigt werden. Beziehungsweise so: Man kann immer nur an kleinen Rädchen drehen. Andererseits weil ich für mich beschlossen habe, dass es besser ist, meine politische Heimat und meine Energie und mein Talent in NGOs zu stecken. Ich habe auch eine NGO gegründet: aufstehen.at. Berate auch eben in dem Bereich um dort Politik zu gestalten.

EVA WEISSENBERGER

OK, verstehe. Weil man sich dann denkt: Da kriegt man zwar viel Geld und versitzt Stunden in Beratungstätigkeit und die setzen das dann einfach nicht um.

YUSSI PICK

Genau.

EVA WEISSENBERGER

Kurze Zeitfrage, bevor wir Dich weiter fertig vorstellen und überhaupt erstmal zu Deiner Firma kommen. Du hast jetzt eben den ehemaligen Bundeskanzler Alfred Gusenbauer erwähnt. Wie siehst Du seine jetzigen Tätigkeiten und seine Rolle da auch im Wahlkampf? Er wird ja jetzt recht angefeindet.

YUSSI PICK

Wenn wir schon bei Tweets-zitieren sind, kann ich mich selbst zitieren: Ich habe vor ein paar Tagen getwittert, dass den Gusenbauer zu rehabilitieren war einer der größten Top-5-Fehler Kerns. Und zu dem Zeitpunkt war es noch der am wenigsten diskutierte. Mittlerweile ist es ja durchaus heißt diskutiert.

EVA WEISSENBERGER

Also mehr, als der SPÖ natürlich lieb sein kann. Weil es ist genau ein Thema, das man nicht in einem Wahlkampf braucht. Aber zu den Themen kommen wir dann noch. Jetzt muss ich noch kurz sagen, wie deine Hauptfirma heißt: Pick & Barth. Das machst du gemeinsam mit dem ehemaligen Profil-Journalisten Josef Barth. aufstehen.at hast du schon erwähnt – das hast du initiiert. Und im Vorjahr warst du auch Teil des Digital Teams der Kampagne von Hillary Clinton im Hauptquartier in Brooklyn – wie schon früher einmal. Und hast auch in Washington studiert – glaube ich – eben Politische Kommunikation. Und auch in der ersten Hillary-Clinton-Kampagne auch gearbeitet. Und ein Buch gibt es auch von Dir zum Thema…

YUSSI PICK

Entschuldige – um dich nicht zu unterbrechen: Der letzte Teil stimmt nicht. Mein Engagement bei Clinton in den letzten drei Monaten war das erste Mal, dass ich für sie gearbeitet habe. Ich habe 2008 ein bisschen Türe angeklopft für Obama während meiner Zeit in Ohio. Aber, das tatsächliche Engagement war dieses Jahr, bzw. letztes Jahr.

EVA WEISSENBERGER

Und dann gibt es noch ein Buch von Dir, das Echo-Prinzip, erschienen im Czernin-Verlag, darüber, wie Digitale Kommunikation die Politik verändert. Ist schon ein paar Jahre alt, wird sich wahrscheinlich auch verändert haben. Und dann müssen wir noch erklären, weil ich das in der Einleitung lange und breit erklärt habe, warum wir unsere Gäste duzen. Und im Vorfeld zu diesem Telefonat habe ich mir jetzt lange überlegt, woher wir uns eigentlich kennen. Ich weiß es nicht, ich weiß auch gar nicht, ob wir uns schon besonders oft begegnet sind im echten Leben. Jetzt sehen wir uns schon wieder nicht, sondern telefonieren nur. Ich glaube einfach, wir sind ungefähr gleich alt und gehören halt zu dieser Wiener-Politik-Blase dazu und das reicht offensichtlich, dass man per Du ist.

YUSSI PICK

Ich würde sagen: Genau, die Antwort ist von Twitter.

EVA WEISSENBERGER

Ja, genau. Gut, aber OK, das ist ja erst in den letzten Jahren dazugekommen. Ich habe das Gefühl, wir kennen uns schon länger. Wahrscheinlich, keine Ahnung.

YUSSI PICK

Das stimmt aber. Jetzt irgendwie so ein pars pro toto finde ich, ist für den politik-medialen Komplex, wie es auch so schön nennt, ja. Man kennt sich halt von Twitter und vorher vom papierigen oder wie auch immer.

EVA WEISSENBERGER

Noch einmal: Jetzt kommen wir endlich zu deinem Tweet noch einmal. Jetzt lese ich ihn noch einmal vor, weil jetzt werden ihn schon alle Zuhörerinnen und Zuhörer vergessen haben: ‚Aus professioneller Perspektive beeindruckend zu beobachten, wie sich die ÖVP in die Opferrolle spinnt.‘ Was hat dich genau an dem Gespräch zu diesem Tweet veranlasst. Wie spinnt sich die ÖVP in die Opferrolle und warum macht sie das eigentlich?

YUSSI PICK

Ich würde sagen, es gibt drei Faktoren aus eurem Gespräch von letzter Woche, die mich zu dem Tweet veranlasst haben. Und vielleicht vorausschickend muss ich sagen, dass ist sich auf den 140 Zeichen nicht mehr ausgegangen. Aber die SPÖ macht es ja der ÖVP auch recht leicht, nicht wahr. Also, es ist nicht so, dass da nicht auch viel Zutun von der SPÖ da wäre. Aber diese drei Punkte sind für mich einerseits die Diskussion von Daniel Kapp rund um Silberstein und wie er Silberstein darstellt und erzählt, die gesamte Geschichte. Andererseits der Umgang der ÖVP mit anderen. Konkret hat er die Kanzlerfrau und den Kanzlersohn angesprochen . Und drittens, und das ist so ein bisserl das Mantra und den finde ich ganz, ganz fantastisch formuliert den Satz, der von Seiten der ÖVP immer kommt: Ich bleibe dabei, wir werden uns am gegenseitigen anpatzen nicht beteiligen. Das ist so das Mantra das immer wieder kommt von Seiten der ÖVP. Und da steckt ganz, ganz viel drinnen. Da sind so für mich die drei Elemente.

EVA WEISSENBERGER

Bleiben wir gleich beim letzten – der Opferrolle. Das andere ist ja ein bisserl was anderes, die Familie in den Wahlkampf hineinziehen. Da reden wir dann nachher noch darüber. Bleiben wir einmal bei dieser Opferrolle und eben diesem Satz: Wir beteiligen uns nicht am Anpatzen. Warum macht man sowas in einer Kampagne und wie wirkt das auf die Leute?

YUSSI PICK

Die zweite Frage ist ganz einfach: Es wirkt auf die Menschen, dass entweder – also im schlimmsten Fall… die machen Hick-Hack und die patzen sich immer gegenseitig an. Im besten Fall ist das eben genau dieser Satz, der eben diese Opferrolle bringt. Er wirft subtil dem anderen etwas vor, dass er oder sie gemacht haben soll. Und es ist ein bisschen so wie die Schwalbe im Fußball. Also, er versucht den neutralen Beobachter, den JournalistInnen und den WählerInnen zu zeigen, dass der andere mit faulen Mitteln spielt. Und ich finde, in diesem Satz ‚Ich bleibe dabei, wir werden uns am gegenseitigen Anpatzen nicht beteiligen‘ sind drei ganz spannende Sachen drinnen. In jedem Publizistik-Seminar lernt man die Message-Boxen. Das sind vier Boxen: Was ich über mich sage, was ich über die anderen sage, was die anderen über mich sagen und was die anderen über sich selbst sagen. Und in diesem einen Satz sind drei dieser vier Boxen komplett abgedeckt.

Erstens: Ich bleibe dabei. Das ist genau in das Narrativ, die Grundbotschaft, die Sebastian Kurz versucht, in diesem Wahlkampf zu fahren. Die Botschaft ‚Ich habe schon immer die Wahrheit gesagt‘, ich habe eine Haltung und lasse mich nicht von Nein-Sagern beirren. Ja, das ist insofern ganz spannend, als dass das ja…

EVA WEISSENBERGER

Also bei jedem Thema: Flüchtlingsströme, Mittelmeerroute, Integrationspolitik hat er zwar eigentlich sehr seine Meinung geändert. Er behauptet aber immer, er war immer derselben Meinung. Was dann auch einige bei den Leuten… und sie glauben es ihm auch.

YUSSI PICK

Korrekt.

EVA WEISSENBERGER

Das ist interessant. Stimmt. Sein Hauptverkaufsargument ist: Ich bin der einzige, der immer bei seiner Meinung bleibt.

YUSSI PICK

Korrekt. Und, Du hast das richtig angesprochen, was ganz spannend ist, weil man kann mit relativ schneller Google-Recherche bei zwei Themen feststellen, dass er das Wort ‚Willkommenskultur‘ überhaupt erst geprägt hat, bevor er dagegen war und auch bei der Frage des Kopftuchverbots noch vor ein paar Jahren noch gesagt hat: ‚Da ist populistischer Humbug‘ und jetzt das ganz starke Problem. Aber, wenn man oft genug sagt: Ich bleibe dabei, dann bleibt das hängen. Und stimmt, das zieht sich durch alle Themenbereiche durch.

Und das zweite: Wir werden uns am gegenseitigen Anpatzen nicht beteiligen. Einerseits immunisiert es gegen Kritik und Angriffe. Also, check die Box, was andere über mich sagen. Weil alles, was andere über mich sagen ist Anpatzen. Und gleichzeitig sagt es alles, was ich über die anderen sage. Nämlich, die anderen spielen mit unlauteren Mitteln. Deshalb funktioniert dieser Satz so gut und ist für mich so das Sinnbild der Opferrolle, das sich die ÖVP in diesen Wahlkampf gibt.

EVA WEISSENBERGER

Aber, trotzdem. Wie stehen die Leute eigentlich zu Dirty Campaigning? Machen tun es ja alle muss man dazu sagen. Also zum Beispiel das Gerücht, dass es im ersten Halbjahr 2016 gab: Alexander Van der Bellen hätte Krebs, was einfach nicht gestimmt hat. Muss ich es dazusagen, habe ich zuerst aus dem Mund von Roten gehört. Und zwar schon im Winter, wo Rudolf Hundstorfer noch im Rennen war. Jetzt behaupte ich nicht, dass die das erfunden haben. Aber ein halbes Jahr später haben wir nicht dieselben aber ähnliche Persönlichkeiten, die mit denen gut bekannt und was weiß ich was sind und zusammenarbeiten, dann immer erzählt: Das hätte die FPÖ erfunden. Das kann ich auch nicht bestätigen oder beweisen. Es kam mir nur etwas komisch vor. Das heißt, und meiner Meinung nach und aus meiner Erfahrung von zwanzig Jahren Innenpolitik-Journalismus macht es jeder. In Wahlkampfzeiten über die andere Partei – unter dem Jahr – in der eigenen Partei.

Also sehr oft werden böse Gerüchte eigentlich von den eigenen Leuten ursprünglich erfunden. Die Frage ist jetzt: Bleibt da immer was hängen? Macht man das deswegen oder wendet sich das Publikum nicht mit Grausen ab. Und wenn der Sebastian Kurz immer das Wort ‚Anpatzen‘ in den Mund nimmt. Ist das nicht eigentlich ein negativ besetztes Wort, das er gar nicht selber verwenden sollte? Du hast ja vorher gesagt, wie genial dieser Satz konstruiert ist. Aber wenn er immer von ‚Anpatzen‘ spricht, patzt ihn das nicht selber an?

YUSSI PICK

Ich würde die Prämisse Deiner Frage noch ein bisschen hinterfragen. Das ist auch ein Kniff, den der Daniel Kapp angewendet hat. Das ist, dass die Grenzen zwischen was Dirty Campaigning ist und was nicht ist sehr fließend sind. Und er ganz klar eine Definition aufgestellt hat, wo alles, was die anderen machen Dirty Campaigning ist und alles, was sie selber machen, was die ÖVP selber macht, nicht in diese Richtung fällt. Und klar, also, böse Propaganda und Gerüchte streuen über Alexander Van der Bellens Krebs sind klar Dirty Campaigning. Ich habe es selbst glaube ich zum ersten Mal so richtig gehört, als Alexander Van der Bellen selber gesagt hat, dass er keinen Krebs hat. Insofern kann ich schwer abschätzen woher es tatsächlich gekommen ist.

Also es gibt Fälle, wo es ganz klar ist. Und dann gibt es Fälle wo es sehr, sehr schwammig ist und wo man sich auch fragen muss, ob man nicht sozusagen einen banalen Fall vorschiebt, wo alle sich einigen können. Dass das blöd und irrelevant ist um andere Dinge, andere Kritikpunkte, die dann nachkommen, in denselben Topf zu werfen. Also, wenn man sich das Gespräch mit Daniel Kapp und Julia Ortner anhört, dann könnte man meinen, die Kritik an der SPÖ gegenüber Kurz oder die Kritik an der Opposition oder die Kritik an Menschen gegenüber Sebastian Kurz ist, dass er jung ist, große Ohren hat und keinen Studienabschluss hat. Das wurde vorgeschoben, als, das sind Beispiele für Dirty Campaigning. Und wenn man sich dann tatsächlich ansieht, worüber sich die ÖVP beschwert, dann ist das schon nimmer so einfach. Das sind Sachen wie: Daniela […] sagt, Sebastian Kurz ist unsozial. Würde ich nicht als Dirty Campaigning klassifizieren.

EVA WEISSENBERGER

Ja, das ist eine inhaltliche Kritik.

YUSSI PICK

Es sind sozusagen eine Seite der SPÖ, die durchrechnet, was die Steuerkürzungen von Sebastian Kurz tatsächlich machen würden und so weiter. Auch das wird dann als Dirty Campaigning in einen Topf geworfen mit ‚der hat kein Studium und er hat große Ohren‘. Das ist so die zweite Mechanik, die da reingespielt ist.

EVA WEISSENBERGER

Was für eine Rolle spielt beim Dirty Campaigning eigentlich Social Media? Also, welche Rolle spielen die. Wie hat das Netz das verändert? Wie wurde das früher gemacht in einem herkömmlichen Wahlkampf und was passiert heute?

YUSSI PICK

Ich denke, es war… früher gab es sozusagen die Buschtrommeln und die Gerüchteküche, die Mauschelkammer im politik-medialen Komplex. Die gibt es noch immer. Plus sie wird verstärkt über unseriöse Quellen, die immer mehr Aufmerksamkeit bekommen und wo es aus sozusagen die Schwierigkeit gibt, dass alle auf demselben Spielfeld spielen. Und dieses Spielfeld heißt Facebook. Und Facebook hat ganz bestimmte Regeln, wie Klicks generiert werden. Also: Aufregung und Neugierde und so weiter. Und das heißt: Ein seriöses Medium muss sich genau denselben Regeln unterwerfen wie ein Propagandamedium. Und die Schwierigkeit ist, dass sich mehr und mehr Medien dazu hinreißen lassen ebenso zu texten und so zu formulieren – nicht im Artikel selbst, aber sozusagen in der Ankündigung des Artikels -, dass sie ununterscheidbar werden von Propagandamedien. Wenn ich keinen kulturellen Kontext habe, dann kann ich den Standard auf Facebook und den Wochenblick auf Facebook kaum unterscheiden.

EVA WEISSENBERGER

Das ist aber ein sehr harter Vorwurf muss man sagen. Vielleicht kennt nicht jeder den Wochenblick. Den Standard kennt natürlich jeder. Aber Wochenblick ist eine oberösterreichische Medienmarke, die zwar behauptet, nicht der FPÖ zu gehören aber durch Personenidentität von Mitarbeitern und Funktionären relativ eindeutig – zumindest zuordenbar – ist. Und ich sitze auch in einem Senat des Presserates – wir haben ständig den Wochenblick da. Also, es ist ein harter Vorwurf. Kannst Du ein bisserl ausführen, weil den kann man einfach nicht nur so im Raum stehen lassen.

YUSSI PICK

Ich sage nicht, dass sie inhaltlich gleich sind – überhaupt nicht. Aber sie spielen am selben Spielfeld. Sie müssen über… Es kommen immer weniger Menschen über die Startseite von Nachrichtenseiten, sondern immer mehr über Soziale Medien. Und dort spielen sie auf demselben Spielfeld und müssen ihr Produkt, einen Artikel anpreisen in einer Art, wo ihnen Facebook möglichst viel Reichweite schenkt. Das heißt: Viele Reaktionen hervorruft, viele Kommentare hervorruft, viel draufgeklickt wird. Und dementsprechend gleichen sich – und natürlich war das ein drastischer Vergleich… aber gleichen sich die Sprache, in der traditionelle Medien ihre Artikel anpreisen und in der unseriöse Propagandamedien ihre Artikel anpreisen immer mehr an und sind immer unvergleichbarer. Und da kommt eine gewisse Schwäche der Medienkompetenz ins Spiel bei vielen Menschen, die dann auf diese Propagandamedien reinfallen.

Das haben wir auch im amerikanischen Wahlkampf total viel gesehen, dass es… dass da unseriöse Quellen, Propaganda, Gerüchte, Falschmeldungen gestreut haben über Menschen oder in dem Fall… Kandidatin Hillary Clinton. Und viele Menschen das für bare Münze genommen haben und die Kampagne das auch nicht ernst genommen hat um darauf zu reagieren. Das heißt, diese Gerüchte sind einfach so im Raum – das heißt im Internet – gestanden. Das ist ein Faktor, wie Soziale Medien dieses Dirty Campaigning verstärken. Und das andere ist, dass plötzlich total viele Menschen, die vorher keine Stimme hatten, jetzt öffentlich Dinge sagen können, die dann der Partei zugeschrieben werden. Und als Sebastian Kurz zum Parteiobmann geworden ist, sind Funktionäre von allen anderen Parteien hyperventiliert. Und jeder kleinste Funktionär aus Hintertupfing konnte seine Meinung dazu abgeben. Und natürlich sind diese Meinungen nicht immer brauchbar. Und dementsprechend werden sie aber trotzdem der SPÖ zugeschrieben.

Wenn der SPÖ-Funktionär aus Hintertupfing sagt: ‚Der Kurz hat große Ohren, der ist ein Blödsack.‘ Dann kann die ÖVP zurecht sagen: ‚Die SPÖ, in Form eines kleinen Funktionärs, betreibt Dirty Campaining.‘ Und das habe ich vorher gemeint mit: Die SPÖ und andere Parteien haben es der ÖVP recht leichtgemacht, weil sie haben vor allem am Anfang extrem hyperventiliert. Und wenn ich mir überlege, was da für absurde Vorwürfe oder Dinge durchs Netz gegeistert sind… Eine SPÖ-Funktionärin, die jeden Tag das Türschild der ÖVP abfotografiert hat… Und das hat sich halt in den ersten paar Tagen verändert. Jeden Tag, wo man sich an den Kopf greift und sagt: Warum macht man das zum Thema.

EVA WEISSENBERGER

Da muss man sagen, das trifft aber auf alle anderen Parteien ja auch zu. Früher… Oder es ist immer noch so, dass auch jeder noch so kleine FPÖ-Funktionär, -Sympathisant mit seiner blöden Meinung, die halt wirklich manchmal sehr, sehr blöd ist, auch vor den Vorhang gezerrt wird und wir dann alle sagen: ‚Wahnsinn.‘ Und auch die klassischen Medien – also wir Journalistinnen und Journalisten – dann das immer ausschlachten und immer sagen: Solche Leute haben die in ihren Reihen. Muss man auch dazu sagen.

YUSSI PICK

Absolut, absolut.

EVA WEISSENBERGER

Also, es trifft jetzt natürlich die SPÖ noch nicht so lange. Also, wissen wir jetzt nicht, haben die weniger Trotteln in ihren Reihen, waren die weniger auf Sozialen Medien aktiv? Wahrscheinlich beides. Aber trotzdem – hauptsächlich, also, dieses Schicksal ereilte bisher vor allem einmal die FPÖ, finde ich, in der Vergangenheit.

YUSSI PICK

Ja, ich gebe Dir recht. Ich mag einen Classifier machen, nämlich, dass es, wenn es sozusagen ins Illegale geht, dann ist da schon noch eine Grenze zu. Ich habe eine Meinung zu dem Spitzenkandidaten der anderen Partei und ich habe eine Meinung zu dem Spitzenkandidaten der anderen Partei und ich habe eine Meinung, die dem Verbotsgesetz widerspricht. Da sind für mich noch… da liegen für mich noch…

EVA WEISSENBERGER

Das stimmt natürlich, aber es ist ja auch bei der FPÖ nicht nur so, dass es eine Aufregung gibt, wenn jemand klar antisemitisch ist oder dem Verbotsgesetz widerspricht. Sondern, es gibt auch geringe Vergehen sozusagen.

YUSSI PICK

Wenn sie einen Rechtschreibfehler machen.

EVA WEISSENBERGER

Die wir zwei vielleicht genauso deppert finden, aber die noch nicht strafrechtlich relevant sind.

YUSSI PICK

Korrekt. Und in vielen Fällen ist das bei der FPÖ auch ein Rechtschreibfehler und alle machen sich darüber lustig.

EVA WEISSENBERGER

Gut, das finde ich schon auch ein schlimmes Vergehen, muss ich sagen.

YUSSI PICK

Und da muss man aber auch der ÖVP ein lobendes Wort aussprechen. Weil die haben ihre Leute mehr unter Kontrolle. Ich könnte tatsächlich weniger auf die ÖVP-Funktionäre aus Hintertupfing aus Hintertupfing hinweisen, die etwas Dummes gesagt hat. Ob das daran liegt, dass ich denen nicht folge oder die nicht in meiner Blase auftauchen – weiß ich nicht. Aber, ich habe das Gefühl, sozusagen, die Armee ist da wesentlich besser unter Kontrolle als bei allen anderen Parteien.

EVA WEISSENBERGER

Ich wollte jetzt noch gerne kurz auf das Thema zu sprechen kommen, was du am Anfang angesprochen hast, was Dir aufgefallen ist in dem Gespräch Julia Ortner – Daniel Kapp. Das Thema ‚Familie in den Wahlkampf hineinziehen‘. Und vielleicht kannst du da auch ein bisschen erzählen, wie du es… In den USA ist es ja ganz anders. Und du hast ja auch Erfahrungen aus den USA in der Politikberatung. Also, das Argument vom Daniel Kapp war, warum man jeden Tweet vom Nico Kern, dem Sohn des Bundeskanzlers ausschlachten darf. Sowohl die ÖVP das ausschlachten darf und sich wahnsinnig darüber aufregen darf, warum die Kronen Zeitung das ausschlachten darf – ein Instagram-Foto, weil er… also, das war seine Meinung: ‚Er habe sich selber auf die Bühne begeben, daher muss man ihn jetzt auch als Darsteller auf der politischen Bühne bewerten.‘ Wie siehst Du das?

YUSSI PICK

Genau. Er hat gesagt: Nico Kern hat geliehene Relevant. Deshalb darf man nicht wehleidig sein, wenn man dann ernst genommen wird. Da macht es die SPÖ der ÖVP recht leicht, weil man kann viel über Nico Kern sagen, aber Sympathieträger ist er eigentlich keiner. Aber, was für eine Uhr er trägt – in einem Instagram-Foto – spielt jetzt für die Politik, die sein Vater macht, relativ wenig Rolle.

EVA WEISSENBERGER

Man muss dazusagen, vielleicht müssen wir schon erklären… Unsere Hörer haben es glaube ich alle verfolgt, aber trotzdem. Es gab einen Instagram-Tweet, wo er ein Eis-Stanitzel in der Hand hält – oder zwei – und eine sehr teure Uhr trägt. Und es war nicht die Krone, die das als erste zum Thema gemacht hat, sondern es war der Wiener ÖVP-Chef Gernot Blüml. Muss man auch dazusagen fairnesshalber. Die Krone-Geschichte, dass die trotzdem unter jeder Kritik war, das ist wieder ein anderes Thema, mit dem wir uns hier nicht beschäftigen, sondern ja mit den Parteien gegeneinander. Das heißt, Gernot Blüml hat das bemerkt. Wahrscheinlich auch, weil er sich halt auch mit Uhren auskennt. Weil ich hätte es nicht gesehen. Aber Uhrenkenner sehen es natürlich. Jetzt finden wir zwei – jeder kann die Uhr tragen, wie er will…

Ich meine, es gab ja auch schon einmal über den Vater Kern so eine Geschichte in Heute, die auch, gerade wie er Bundeskanzler wurde – die genauso unter jeder Kritik war… Weil, ich meine, das war ein Manager mit einem sehr hohen Gehalt. Einem höheren, als dass der Bundeskanzler jetzt hat. Ich glaube fast das doppelte. Wenn der eine teure Uhr tragen möchte, soll er sie tragen. Also, das ist… unter Managern ist das ja auch als Statussymbol vielleicht sogar hilfreich. In gewissen Strukturen braucht man ja diese Statussymbole auch um sich behaupten zu können. Und Heute hat dann – just zum Antritt als Bundeskanzler – so eine Sudelgeschichte gemacht, wo sie geschrieben haben: Wahnsinn, dieser Typ trägt so teure Uhren. Jetzt muss er sie offensichtlich zu Hause lassen, weil man hat ihn seit dem nie wieder auf einem Foto mit so einer teuren Uhr gesehen.

Gut, das war jetzt ein langer Exkurs… Wo waren wir? Müssen wir zum Thema zurückkommen. Ja. Genau, was heißt… Ist unser Wahlkampf jetzt so amerikanisiert, dass man einfach Kinder mitreinzieht? Hätte sich Nico Kern anders verhalten müssen? Gibt es auch ein Körnchen Wahrheit, in dem was der Daniel Kapp gesagt hat oder ist das auch eine andere Art von Family-Dirty-Campaigning?

YUSSI PICK

Ich würde da die amerikanische Politik ein bisschen außer Acht lassen, weil die ist erstens wirklich ganz anders und zweitens gibt es da eine andere Rezeption, wie amerikanische Politik in Österreich wahrgenommen wird. Und vieles dieser Familien und Sexaffairen und all diese Sachen ist sehr 90er und sehr sozusagen auf einem Bild von Clinton und Lewinsky beruhend und gilt auch in dieser Form nicht mehr in den USA. Deswegen würde ich das gerne ein bisserl außer Acht lassen. Aber – und das fand ich wieder – um den Spin von Daniel Kapp aufzuzeigen ganz spannend, weil er die Regeln definiert hat. Er hat definiert, was ist ‚Dirty Campaiging‘. Dirty Campaignign ist alles, was die SPÖ und als Aggressor Tal Silberstein macht. Und das, was von ihrer Seite kommt ist nicht Dirty Campaigning, weil wenn du in der Öffentlichkeit stehst, dann musst du dir das halt gefallen lassen. Das war Daniel Kapps Argumentation. Wo er sozusagen wieder vermischt… Ich finde auch, man kann Steinberger dafür gerne kritisieren, dass sie in diesem Personenkomitee sitzt und sich gegen was engagiert, wo ihr Mann gesagt hat, er hätte kein Problem damit, dass die SPÖ mit der FPÖ in eine Regierung geht. Und man kann auch Kern jun. kritisieren, seine politische Haltung. Ich glaube, er ist auch in der Sektion ohne Namen. Auch die sind für rot-blau. Also, da gibt es viel, was man inhaltlich kritisieren kann. Ich finde, die Uhr ist zwar deppert und ich würde nie so eine Uhr tragen und ich hätte nicht mal das Geld, mir so eine Uhr zu leisten oder auszuborgen. Aber ist kein relevanter politischer Faktor. In der Argumentation von Daniel Kapp: Wenn ich mich als Sprachrohr sehe für…, dann ist auch eine ausgeliehene Uhr Fairgame.

EVA WEISSENBERGER

Aber, was kann man dann dagegen tun. Also, was wäre dann, wenn Du jetzt… Also, du berätst nicht die SPÖ. Aber, wenn du es tun würdest, wie geht man mit sowas um?

YUSSI PICK

Ich glaube, die SPÖ macht einen ganz großen Fehler, in dem sie nicht so eine klare Rollenaufteilung hat wie die ÖVP. In der ÖVP nimmt Elisabeth Köstinger als Generalsekretärin die Rolle ein, die vor ihr schon ÖVP-Generalsekretäre hatten. In einer bisserl subtileren Form, nämlich, sie kritisiert, sie greift an. Sie kritisiert vor allem die Methoden der anderen. Und verteidigt sich eben mit diesem ‚Wir werden uns nicht am gegenseitigen Anpatzen beteiligen.‘

EVA WEISSENBERGER

Wobei man sagen muss: In einer viel subtileren Form. Das ist eh sehr interessant.

YUSSI PICK

Absolut.

EVA WEISSENBERGER

Weil, also, die Elisabeth Köstinger von ihrer ganzen Erscheinung, ihrer Tonalität, auch von ihrer Persönlichkeit her schon so anders ist als der Werner Amon…

YUSSI PICK

Ist kein Werner Amon…

EVA WEISSENBERGER

Der der Prototyp des ÖVP-Generalsekretärs ist. Also quasi wie die ganze Vergangenheit in einer Person zusammengemurgelt, dann kommt Werner Amon raus. Hingegen die Elisabeth Köstinger ist so anders. Und das macht es schon interessant. Weil natürlich kritisiert sie genauso – wie du richtig sagst. Aber das kommt so anders raus… Die Botschaft kommt so anders in den Raum, dass es schon sehr… eigentlich dann… muss man auch wieder sagen… Das kann der Kurz offensichtlich sehr gut: Casting und Besetzung. Wurde ja auch viel kritisiert. Es dürfte eine sehr gute Wahl gewesen sein. Weil viele sagen ja: Was ist denn das für ein politisches Leichtgewicht. Leute, die sie gar nicht kennen und ihre Arbeit in der EU nicht kennen. Aber sagen auch viele Politikbeobachter: Ist nicht so toll. War dann aber offensichtlich die richtige Wahl.

YUSSI PICK

Da ist auch viel Sexismus dabei.

EVA WEISSENBERGER

Ja, genau. Ist natürlich sehr viel Sexismus dabei. Aber ist… war offensichtlich eine super Wahl. Jetzt, neidlos anerkennend.

YUSSI PICK

Sie ist auf keinen Fall so aggressiv wie ein Werner Amon oder ein Reinhold Lopatka in ihrem Angriff. Und solange diese Rollenaufteilung Sebastian Kurz nichts Negatives gegenüber seinen Kontrahenten – zumindest nicht direkt, sondern eben zwischen den Zeilen… und überlässt das anderen, auch dem Sobotka und anderen. Und bei Christian Kern…. bei der SPÖ gibt es diese Rollenaufteilung weniger. Also, Gernot Niedermühlbichler ist nicht…

EVA WEISSENBERGER

…der Mann fürs Grobe.

YUSSI PICK

Der Mann fürs Grobe. Er schaut auch irgendwie auch einfach herzig aus und dem nimmt man das irgendwie nicht so ab der Wadelbeißer zu sein. Und Christian Kern – und deshalb kann sich die SPÖ nicht verteidigen gegen den Angriff ‚Dirty Campaigning‘ zu machen, weil Christian Kern immer wieder klar auf Sebastian Kurz anspielt und Dinge kritisiert. Und das nicht auf einer persönlichen Ebene aber dennoch auf eine Art, die ein bisschen das.… nach Anpatzen klingt. Wenn man sich den Anfang der Parteitagsrede anhört, da erwähnt er zwar… Oder Parteirat… Da erwähnt er zwar Sebastian Kurz nicht, aber es ist klar, um wen es geht. Und er macht so Seitenhiebe, die alle ihre Berechtigung haben würde ich sagen oder ihre inhaltliche Berechtigung haben. Aber dadurch, dass sie Seitenhiebe sind, als ein bisschen Schmuddelig daherkommen.

EVA WEISSENBERGER

Interessant, wo ja Christian Kern der Amtsinhaber ist und der Titelverteidiger und Sebastian Kurz eigentlich der Herausforderer. Auch das wieder ein Fehler, dass man sich in die Rolle des Angreifers begibt, bevor es noch notwendig war? Mittlerweile hat es sich ja umgedreht das Spiel. Aber hätte vielleicht nicht notwendig sein müssen.

YUSSI PICK

Wobei man sagen muss, liegt schon auch an den Umfragen. Und das war klar, dass Sebastian Kurz in den Umfragen vorne liegen wird. Und dementsprechend klar ist: Am Vorderliegenden reiben sich alle anderen ab. Deshalb finde ich es ja aus professioneller Sicht so faszinierend zu beobachten, wie die SPÖ, wie die ÖVP damit umgeht, weil sie das wirklich textbuchmäßig durchdekliniert haben eben von diesem Satz bis hin zum ausländischen Spin-Doktor als Aggressor im Hintergrund, wo es sozusagen… was ich auch spannend fand im Interview mit Daniel Kapp… er bezeichnet Silberstein als den Guru und sich selber als PR-‚Benstl‘. Aber das ist ein Beispiel für: Es gibt sozusagen… der eine macht das mit ganz professionellen, sinisteren Mitteln und der andere, der ist halt der Diener.

EVA WEISSENBERGER

Macht halt sozusagen Handwerk. Gut, bringt mich zu meiner Schlussfrage schon. Dass Sebastian Kurz eben in allen Umfragen führt, fragen wir jeden: Was glaubst Du aus heutiger Sicht, wer wird vorne liegen?

YUSSI PICK

Als Sebastian Kurz Parteiobmann geworden ist hätte ich gesagt, es ist noch keine gmahte Wiesn, dass Sebastian Kurz erster wird. Es ist noch viel Zeit und im amerikanischen Wahlkampf haben wir gesehen, ein Brief, der zehn Tage vor der Wahl geschickt wurde hat den Ausschlag gegeben, warum der eine gewonnen und die andere verloren hat. Also, es ist noch viel Verschubmasse da. Aber die SPÖ hat in den ersten Wahlkampfwochen nicht die beste Figur gemacht und hat glaube ich auch ihren Mitgliedern und ihren Funktionären und ihren WahlkampfhelferInnen nicht die Moral und das Vertrauen gegeben, da ordentlich zu rennen. Das kann man noch wettmachen, denke ich. Aber es sieht im Moment so aus, als hätte die ÖVP die Nase vorne.

EVA WEISSENBERGER

Und egal, wer sozusagen Erster wird oder so… Was glaubst du, welche Koalition kommt am Ende hinaus? Weil das ist ja noch nicht… Quasi, wer erster wird heißt ja noch nicht, wer Kanzler wird. Mit welcher Koalition rechnest Du am ehesten?

YUSSI PICK

Das fand ich auch einen spannenden Spin von Daniel Kapp. Weil, wie so der Van der Bellen, der gewählt worden ist mit der Ansage ‚eine FPÖ-Regierungsbeteiligung zu verhindern‘. Just im zweiten – nämlich dem SPÖ-Kanzler, dem SPÖ-Vorsitzenden die Regierungsbildungsaufgabe zu geben, der dann mit der FPÖ in Koalition gehen soll. Sehe ich sozusagen noch nicht. Ich bin – und das finde ich auch am österreichischen Journalismus schwierig – nicht im Geschäft der Zukunftsvorhersage. Und habe nicht sozusagen das Ego sagen zu müssen: Ich hatte recht. Das gibt mir die Freiheit nichts vorhersagen zu müssen und nicht falsch liegen zu müssen. Dementsprechend wüsste ich nicht… spielen doch so viele Faktoren rein um jetzt zu sagen: Diese oder jene Koalition kommt, dass mir das jetzt zu unseriös wäre, hier zu tun.

EVA WEISSENBERGER

OK. Wunderbar. Dann danke ich schön für das Gespräch. Wünsche noch eine schöne Zeit in Bosnien. Wann bist Du wieder zurück? Rechtzeitig für die heiße Phase des Wahlkampfes oder schaust Du aus sicherer Entfernung an?

YUSSI PICK

Im Herbst bin ich wieder zurück.

EVA WEISSENBERGER

Dann wünsche ich noch eine schöne Zeit. Vielen Dank für das Gespräch. Danke, Ciao.

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Digitaler und Politischer Entrepreneur - Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen - seit einigen Jahren selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Media Strategy, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.