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Sonntag, 18.06.2017
Quelle: oe3.orf.at
Transkriptstatus: Sonntag, 18.06.2017 (noch in Bearbeitung)


Die Idee hinter dem Transkript ist, ein gesprochenes TV-Interview auch in einem zusätzlichen Kanal – und zwar in Textform – zur Verfügung zu stellen. Oft ergeben sich beim Lesen andere und klarere Zusammenhänge. Strukturen werden erkannt und eigentliche Botschaften, Textbausteine werden noch klarer und können weiter recherchiert werden. Wir möchten Politik, politische Ideen und Veränderung und den Weg in ein neues, offenes und mitgestaltbares politisches Zeitalter unterstützen. Und dem Gesagten mit dem Transkript einen ernstzunehmenden anderen Zugang sowie eine möglichst breite Reflexion bieten. Danke an die ModeratorInnen und die TV-Anstalten, dass Interviews transkribiert werden können.

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SEBASTIAN KURZ

Einen schönen guten Morgen liebe Ö3 Hörerinnen und Hörer. Ich ‚frühstücke heute bei mir‘ im Büro gemeinsam mit Claudia Stöckl.

CLAUDIA STÖCKL

Teil 2 unserer Reihe mit den Spitzenkandidaten. Und heute einer der meistbeachteten und meistdiskutierten Politiker derzeit im ‚Frühstück bei mir‘ zu Gast. Denn schließlich hat
SEBASTIAN KURZ innenpolitische Geschichte geschrieben: Die vorgezogenen Neuwahlen waren ja seine Forderung. Mittlerweile ist er auch designierter ÖVP Chef mit großer Macht. Das alles im Alter von 30. Über seinen Ehrgeiz, seine Ängste und sein Verhältnis zu seinem Vorgänger Reinhold Mitterlehner spreche ich mit ihm bis 11 im Hitradio Ö3. Schön, dass Sie da sind.

CLAUDIA STÖCKL

‚Frühstück bei mir‘ heute aus dem Außenministerium mit
SEBASTIAN KURZ. Außenminister, designierter ÖVP-Obmann. Einen schönen guten Morgen, Herr Minister

SEBASTIAN KURZ

Schönen guten Morgen

CLAUDIA STÖCKL

Ich möchte mit Ihnen natürlich über die letzten Wochen sprechen. Und auch den Hype, der um Sie entstanden ist. Derzeit liest man über Sie: Ein politisches Ausnahmetalent. Die Süddeutsche Zeitung hat geschrieben: ‚Der Popstar der Rechten‘. Oder Le Monde: ‚Der wahre Star seiner politischen Familie‘. Wird Ihnen selber nicht manchmal Angst und Bang bei dieser Heilserwartung, die jetzt auf Ihnen liegt?

SEBASTIAN KURZ

Also zum ersten lese ich selber ja vieles davon nicht. Zum Zweiten ist es so, dass ich ganz bewusst diese Dinge nicht allzu ernst nehme, weil ich weiß, wie volatil das in der Politik ist. Und, was Sie jetzt nicht dazugesagt haben ist, dass ich ja das genaue Gegenteil auch schon erlebt habe. Als ich Staatssekretär wurde, gab es innerhalb von Stunden zehntausende, die auf Facebook Gruppen gebildet haben und sich dagegen ausgesprochen haben, dass ich Staatssekretär werden soll. Der Standard hat damals geschrieben: ‚Es ist eine Verarsche, dass Kurz Staatssekretär werden soll.‘ Das heißt, ich habe beides erlebt. Ich habe massive Kritik erlebt und ich habe auch sehr viel Unterstützung und Zuspruch erlebt. Ich kann Ihnen ganz genau sagen, dass sich die Unterstützung besser anfühlt als die Kritik. Aber, wenn man eines davon zu nahe an sich heranlässt, dann hat man schon einen schweren Fehler begangen.

CLAUDIA STÖCKL

Und das gelingt Ihnen immer? Also jetzt gehen wir in die andere Richtung. Die viele Kritik, die natürlich, als Sie vorgezogene Neuwahlen verkündigt haben, auf Sie los geprasselt ist: ‚Ein Machtpolitiker‘, ‚ein eiskalter Opportunist‘ hat es da geheißen. Dass Sie eine ‚Ich-AG‘ sind. können Sie das auch dann aus der Distanz sehen?

SEBASTIAN KURZ

Ja, ich habe das ehrlich gesagt mitverfolgt, dass das für einige Tage versucht wurde, so darzustellen. Aber ganz ehrlich: Jeder, der mich kennt, weiß, dass es anders ist. Mein ganzes Umfeld denkt anders von mir. Das ist mir persönlich wichtig. Was die Österreicherinnen und Österreicher betrifft hoffe ich, dass nicht immer alles geglaubt wird, was da verbreitet wird. Und es ist eine Entscheidung, mit der ich mich bis heute wohlfühle, weil sie aus meiner Sicht die richtige war. Dass das andere anders sehen, das ist ja durchaus legitim.

CLAUDIA STÖCKL

Was ist Ihre Lehre dieses letzten Monats seit Sie Neuwahlen verkündet haben und auch der designierte ÖVP-Obmann sind?

SEBASTIAN KURZ

Das das Geschäft immer härter wird, je näher die Wahl rückt. Und das ist auch das, was mich ehrlich gesagt am meisten an der Politik stört. Ich habe mit 16 begonnen mich für Politik zu interessieren. Ich habe mich jahrelang dann während der Studienzeit ehrenamtlich politisch engagiert. Also, mir macht Politik Freude. Was mir gar nicht taugt, ist die Art und Weise, wir da miteinander umgegangen wird. Die ständigen Versuche, jemanden anzupatzen. Ich würde mir einfach wünschen, dass es mehr ein gesunder Wettbewerb um die besten Ideen ist. Und ohne den anderen ständig schlecht machen zu müssen.

CLAUDIA STÖCKL

Aber die ÖVP hat ja Bundeskanzler Christian Kern auch mit Hammer und Sichel als Marxist in einer Broschüre dargestellt. Also, sie bleiben ja einander nichts schuldig .

SEBASTIAN KURZ

Ja, das war sicherlich alles andere als positiv. Aber als ich übernommen habe, habe ich ganz klar gesagt, dass wir einen neuen politischen Stil leben wollen. Dass wir andere nicht angreifen werden. Und, wenn Sie die letzten vier Wochen zurückblicken, dann werden Sie keine einzige Situation finden, wo wir anders agiert hätten, als wir angekündigt haben.

CLAUDIA STÖCKL

Wir starten mit einem Musikwunsch des Gastes in den Tag. In diesen Ö3 Sommergesprächen. Was wäre denn der Song, der jetzt gerade Ihren emotionalen Status Quo beschreiben würde?

SEBASTIAN KURZ

Ich würde mir U2 Beautiful Day wünschen, weil es ein Song ist, der gute Laune macht und ich mich eigentlich auch gut fühle.

CLAUDIA STÖCKL

Ich würde gerne mit Ihnen politische Momente der letzten Wochen besprechen, wo Sie ja auch teilweise im Mittelpunkt gestanden sind und Ihre Gefühl dahinter erfahren. Und zwar: Der Moment, als Reinhold Mitterlehner – Vizekanzler und ÖVP Obmann – seinen Rückzug verkündet hat. Was ist da in Ihnen vorgegangen?

SEBASTIAN KURZ

Ja, für mich war das extrem überraschend. Ich habe ja am Vortag noch mit ihm telefoniert. Ich war damals in Vorarlberg. Wir haben uns sogar noch einen Termin für den nächsten Tag ausgemacht. Und als ich dann in Wien am Flughafen gelandet bin, habe ich eine SMS bekommen und die Ankündigung erfahren, dass er in wenigen Minuten seinen Rücktritt verkünden wird. Ich muss zugeben, ich habe mir in dem Moment natürlich gedacht, das hätte er uns vorher sagen können. Ich mache ihm da aber menschlich überhaupt keinen Vorwurf.

CLAUDIA STÖCKL

Also, das Gefühl war Überraschung. Oder war das nicht auch – und jetzt sage ich natürlich etwas, was ganz viele geschrieben und gesagt haben -, dass Reinhold Mitterlehner ja in den Wochen davor schon innerhalb der Partei abmontiert wurde. Viele meinen auch durch Sie. Vielleicht dann auch der Moment eines Triumphes?

SEBASTIAN KURZ

Reinhold Mitterlehner hat mir vor einiger Zeit schon signalisiert, dass er aller Voraussicht nach nicht Spitzenkandidat bei der nächsten Nationalratswahl sein möchte. Der Zeitpunkt seines Rücktrittes, der kam allerdings sehr überraschend.

CLAUDIA STÖCKL

Wir gehen jetzt zum 12. Mai, der Moment, als Sie sich offen für vorgezogene Neuwahlen ausgesprochen haben. Die SPÖ sagte, das war reiner Egoismus, weil Sie eben gerade in einem Beliebtheitshoch waren und Opportunismus. Was ist da in Ihnen vorgegangen?

SEBASTIAN KURZ

Ja, mein Gefühl dabei war, dass es einfach richtig ist, das auszusprechen, was ich mir denke. Wenn man immer nur die Köpfe austauscht, verspricht ‚jetzt wird alles anders‘ und dann geht alles weiter wie zuvor, dann muss man sich schon die Frage stellen: Ist man bereit, sich hinzustellen und den Menschen etwas zu versprechen, woran man selbst nicht glaubt. Und es war nicht populär, das ist mir klar. Die Masse der Menschen ist immer gegen Neuwahlen. Es haben ja auch die meisten etwas anderes geraten. Es gab viele, die gesagt haben: du musst jetzt übernehmen, muss sagen, du startest jetzt durch in der Regierung, stellst dann einige Bedingungen und wenn Christian Kern die nicht erfüllen kann, dann gehst du in Neuwahlen. Und wieder andere haben mir gesagt: Du musst jetzt mit dem Koalitionspartner Verhandlungen führen. Du musst ihm einige Themenvorgaben machen und wenn er nicht bereit ist das umzusetzen, dann hast Du einen Grund. Und natürlich habe ich mich mit alldem auseinandergesetzt und habe mir dann irgendwann gedacht, ich bin dazu nicht bereit. Und wenn ich mich dabei nicht wohl fühle, dann mache ich auch bei all diesen Spielchen nicht mit.

CLAUDIA STÖCKL

Also Sie haben sich in dem Moment wohlgefühlt, weil Sie Ihrer Überzeugung gefolgt sind.

SEBASTIAN KURZ

Definitiv.

CLAUDIA STÖCKL

Wir kommen noch zu zwei Punkten und zwei Tagen in diesem sehr turbulenten Monat für Sie. Also, sie sind ja dann am Wochenende des 14. Mai zum Parteiobmann gewählt worden – mit sehr, sehr viel Macht und Kompetenzen. Wurden dann aber am 16. Mai im Parlament ausgebuht. Da war die erste Parlamentssitzung, nachdem Sie die vorgezogenen Neuwahlen angekündigt haben. Da hat es ein Buh-Konzert gegeben. Josef Cap hat eine emotionale Rede gehalten und hat über Sie gesagt: Eine Ich-AG. Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

SEBASTIAN KURZ

Also, es gab kein Buh-Konzert aber es gab…

CLAUDIA STÖCKL

Buh-Rufe.

SEBASTIAN KURZ

Nein, gab es nicht.

CLAUDIA STÖCKL

Oh ja, ich habe es mir noch einmal angeschaut auf YouTube.

SEBASTIAN KURZ

Also, ich habe miterlebt, dass ein einfach extrem viele Zwischenrufe gab. Aber extrem viele Redner, die auf mich eingeprügelt haben. Ich habe es ein bisschen schade gefunden um meine Zeit, weil ich mir eigentlich besseres anzufangen weiß, als mich dort beschimpfen zu lassen. Aber es gehört in der Demokratie dazu.

CLAUDIA STÖCKL

Und jetzt noch einen letzten Moment, der eigentlich die letzte Woche betrifft. Sie haben ja beim Requiem für Alois Mock gesprochen. Und Reinhold Mitterlehner ist drei Bänke hinter Ihnen gesessen. Haben Sie einander begrüßt?

SEBASTIAN KURZ

Ja, natürlich.

CLAUDIA STÖCKL

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Schon. Also gibt es da noch Ressentiments von dieser Ablöse?

SEBASTIAN KURZ

Wir sind miteinander im Reinen. Ich schätze ihn auch. Und insofern werden wir auch in Zukunft einen guten Kontakt haben.

CLAUDIA STÖCKL

Weil ich gehört habe aus ÖVP-Kreisen, dass er sich von ganz vielen nicht verabschiedet hat – sondern einfach gegangen ist. Also, dass da schon eine Verhärtung da ist…

SEBASTIAN KURZ

Also, ich habe ihm vor dem Requiem noch außerhalb des Stephansdoms getroffen und auch mit ihm gesprochen. Also, von mir können Sie das nicht gehört haben.

CLAUDIA STÖCKL

Woher kommt denn sein Ehrgeiz? Wollte er es sich oder den anderen beweisen. Das erzählt er uns gleich. Nach Ihrem nächsten Musikwunsch, Herr Kurz.

SEBASTIAN KURZ

Ich wünsche mir jetzt von STS Großvater, weil es einfach ein extrem emotionaler Song ist, der mich immer an meine schöne Kindheit in Niederösterreich im Waldviertel erinnert.

CLAUDIA STÖCKL

Er war in dieser Sendung schon vor Jahren schon einmal Thema in einem ganz anderen Zusammenhang. Nämlich bei dem Gespräch mit Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier. Denn
SEBASTIAN KURZ steht für eine große Gruppe der Generation der 14- bis 29-jährigen hat Heinzlmaier damals erklärt und das so definiert:

EINSPIELUNG
Bernhard Heinzlmaier: Respräsentativ für die heutige Jugendkultur ist so Sebastian Kurz. So ein adaptiv, pragmatischer Mensche, der sehr kühl, kalkuliert und der diese Rolle sehr perfekt spielt, so dass er bei jungen Menschen, bei jungen Wählern aber auch bei älteren auf sehr viel Anerkennung stoßt. Weil er sehr überlegt ist, seine Ziele sehr genau formuliert, strategisch sehr durchdacht ans Werk geht um diese Ziele auch zu erreichen. Und die Menschen bewundern den dann dafür, dass er mit 25 so eine Karriere gemacht hat. Alles muss irgendwie einen Nutzen haben: Freundschaften müssen einen Nutzen haben. Er ist quasi so Vorzeigefigur für eine Gesellschaft, in den man durch Anpassung zum sozialen Aufstieg kommt und zur Karriere.

CLAUDIA STÖCKL

Nicht unbedingt immer ganz freundlich formuliert. Aber was sagt denn unser heutiger Gast dazu? Kann er irgendetwas in der Beschreibung auch erkennen, das ihn vielleicht ausmacht?

CLAUDIA STÖCKL

Ich hatte einmal einen Jugendforscher zu Gast: Bernhard Heinzlmaier, der über die verschiedenen Jugendkulturen erzählt hat. Und eine ganz vorherrschende ist die der ‚adaptiv pragmatischen Menschen‘. Und er hat Sie damals alle einen typischen Repräsentanten dieser Jugendkultur genannt. Und er hat das so charakterisiert, hat gesagt: ‚Das sind Menschen, die sehr kühl kalkulierend sind, sehr überlegt, nicht spontan, Ziele genau formulieren, strategisch durchdacht ans Werk gehen um ihre Ziele zu erreichen.‘ Können Sie sich in dieser Beschreiung finden?

SEBASTIAN KURZ

Ich muss vor allem immer schmunzeln, wenn ich den Namen Heinzlmaier höre. Denn er ist ein SPÖ-naher Jugendforscher, der damals, als ich Staatssekretär wurde einen Artikel veröffentlich hat, wo er beschrieben hat, wie ich mit dem ‚goldenen Löffel im Mund im Nobelbezirk Wien-Hietzing aufgewachsen bin‘. Das spannende ist: Ich bin in Meidling aufgewachsen, im Nachbarbezirk, ein Arbeiterbezirk. War nicht so wie er damals geschrieben hat auf einer Privatschule, sondern ich war auch einer ganz normalen öffentlichen Schule. Aber, was lustig ist, obwohl dieser Artikel jetzt mittlerweile sechs, sieben Jahre her ist, sprechen mich immer wieder – wenn ich in Hietzing unterwegs bin – noch ältere Damen oder Herren an, die zu mir sagen: ‚Grüß Gott, Herr Kurz, Sie wohnen ja auch bei uns hier in Hietzing.‘ Was nach wie vor nicht stimmt. Also, insofern habe ich eine eigene Geschichte mit dem Herrn Heinzlmaier. Und Sie verstehen vielleicht, dass ich nicht alles, was er schreibt zu hundert Prozent ernst nehmen kann.

CLAUDIA STÖCKL

Aber, wenn man einfach die Beschreibung von Jugendlichen sieht. Wir klammern ihn jetzt aus. Kühl, kalkulierend, Ziele sehr genau formulieren, strategisch sehr durchdacht ans Werk gehen. Ist das nicht genau Ihre Vorgangsweise?

SEBASTIAN KURZ

Als sonderlich kühl würde ich mich nicht beschreiben. Sondern, ich würde sagen, mein ganze Umfeld würde mich da eigentlich genau gegenteilig beschreiben. Insofern, ja, müsst ich den Text von Herrn Heinzlmaier genau lesen, dann könnte ich Ihnen wahrscheinlich sagen, dass da – wie in seinen anderen Texten – auch alles Falsches drinnen steht.

CLAUDIA STÖCKL

‚Eine Vorzeigefigur für eine Gesellschaft, in der man durch Anpassung zum sozialen Aufstieg kommt und zur Karriere.‘ War Anpassung auf Ihrem Weg wichtig?

SEBASTIAN KURZ

Ganz im Gegenteil. Ich habe eigentlich das Gefühl, dass ich mir mein ganzes Leben bis jetzt immer selbst treu geblieben bin. Ich habe ein sehr stabiles privates Umfeld. Also, ich fühle mich in meinem Leben sehr wohl und habe auch noch nicht wirklich das Gefühl gehabt, dass ich mich irgendwo verstellen musste. Dass ich jetzt als Minister mit dem Anzug ins Büro gehe und nicht mit Jean und T-Shirt, das ist klar.

CLAUDIA STÖCKL

Sie haben in einem Interview mit der Zeitschrift BIBER vor drei Jahren gesagt ‚Sie hätten 30 echte Freunde‘. Das finde ich sehr viel.

SEBASTIAN KURZ

Ist immer die Frage, wie man jetzt die Personen in Kategorien einteilen möchte. Ich habe viel Bekannte, ich habe einige gute Freunde und ich habe, so wie jeder andere Mensch, wahrscheinlich eine Hand voll ganz enge Freunde. Ja, aber, es gibt Gott-sei-Dank viele Menschen, wo ich weiß, wenn es mir schlecht geht, kann ich die jederzeit anrufen, sie heben ab und nehmen sich Zeit.

CLAUDIA STÖCKL

Sie netzwerken ja auch sehr stark. Wenn Sie zum Beispiel mit Profil-Chefredakteurs Christian Rainer auf den Traunstein gehen – Sie waren ja schon mehrmals Bergsteigen mit ihm. Ist das dann eine Freundschaft oder ist das dann nicht auf die Nähe zu jemanden zu suchen, der medial einen Einfluss hat?

SEBASTIAN KURZ

Das hat sich so ergeben. Und ich gehe sehr gerne in unterschiedlichen Runden wandern. Aber ich habe noch von keinem Journalisten des Landes eine sonderliche Besserbehandlung erlebt. Und ich glaube – um ehrlich sein -, dass es durchaus sinnvoll ist, wenn man mit jemandem einmal ein Gespräch führen kann, dass über eine halbe Stunde Interview, wo der Pressesprecher daneben am Tisch sitzt und jedes Wort überlegt, das hinaus geht… Das ist ganz gleich ob das jetzt Journalisten, anderen Politikern, Experten ist. Also, dass macht schon Sinn, dass man sich auch ein bisschen tiefgehender unterhalten kann.

CLAUDIA STÖCKL

Einer er viel um Rat fragt. Einer, der viel zuhört. Das sagt man auch über
SEBASTIAN KURZ. Und wer seine Berater sind, das verrät er uns noch bis 11 in den Ö3 Sommergesprächen in Frühstück bei mir.

CLAUDIA STÖCKL

Wir frühstücken heute im Büro des Außenministers
SEBASTIAN KURZ. Was ist denn der persönlichste Gegenstand in diesem schönen hohen Raum? Sie haben interessanterweise ein Stehpult, an dem Sie dann Ihre Büroarbeit machen. Also gar kein Schreibtisch zum Sitzen. Aber sagen Sie mal, was ist das persönlichste hier?

SEBASTIAN KURZ

Das persönlichste hier ist ein privates Fotoalbum, aber das steht im Bücheregal gut versteckt.

CLAUDIA STÖCKL

Und wann blättern Sie darin?

SEBASTIAN KURZ

Selten, muss ich zugeben. Aber es steht hier und das ist gut so.

CLAUDIA STÖCKL

Das zeigt Familie und Freunde und auch Tier vielleicht. Sie sind ja ein großer Tierliebhaber.

SEBASTIAN KURZ

Ja, total. Ich bin immer mit extrem vielen Tieren aufgewachsen. Ich habe eine – zur Hälfte in Wien aber auch zur Hälfte in Niederösterreich. Meine Großeltern sind dort auf einem Bauernhof. Und insofern gab es dort Hunde, Katzen, Hasen und alles, was man sich vorstellen kann.

CLAUDIA STÖCKL

Hamster habe ich auch gehört.

SEBASTIAN KURZ

Alles. Alles war dabei. Im Moment gibt es leider kein Haustier. Aber ich bin in Verhandlungen. Und irgendwann gibt es sicher wieder eines.

CLAUDIA STÖCKL

Ich habe gehört, Sie waren jetzt auf Urlaub auf Madeira. Und da ist Ihnen ein Hund zugelaufen, der Ihr Herz erweicht hat.

SEBASTIAN KURZ

Es war wirklich eine fast unglaubliche Geschichte. Wir sind da ein paar Stunden – zweieinhalb Stunden ungefähr – auf einen Berg hinauf marschiert. Und ganz zu Beginn ist uns ein Hund über den Weg gelaufen. Der da die ersten Meter, die da schon relativ steil waren, mit uns mitmarschiert ist. Und ich habe mich ständig gefragt, wann dreht er um. Und er hat uns aber eisern bis zum Gipfel begleitet und ist danach den ganzen Weg wieder mit uns hinuntergegangen. Und die Wanderer, die uns begegnet am Weg nach unten, die sind stehen geblieben und haben den Hund gestreichelt und haben uns zu diesem schönen Hund gratuliert. Keiner hat geglaubt, dass wir den gerade erst aufgegabelt haben.

CLAUDIA STÖCKL

aber ich glaube, Sie haben sogar überlegt, ob Sie den Hund mitnehmen.

SEBASTIAN KURZ

Ja, das überlege ich leider bei jedem Hund, den ich im Ausland treffe. Aber es setzt sich dann doch immer der Verstand durch. Ich wohne in Wien in einer Wohnung, bin relativ wenig zu Hause. Und insofern wäre es unverantwortlich im Moment, da einen Hund mitzunehmen. Aber irgendwann werde ich sicher wieder einen Hund haben.

CLAUDIA STÖCKL

Wenn andere über Sie sprechen, auch die, die Sie gut kennen, die sagen, dass Sie sehr, sehr ehrgeizig sind. Wollten Sie sichs oder den anderen beweisen?

SEBASTIAN KURZ

Weder noch. Ich wollte eigentlich vorallem auch niemals Berufspolitiker werden. Ich habe sehr früh begonnen mich politisch zu engagieren, weil es mich einfach interessiert hat. Ich wollte aber immer einen anständigen Job einmal haben. Und meine Eltern waren alles andere als glücklich, als es mich dann so sehr in die Politik verschlagen hat. Aber mit 18 habe ich noch gedacht, man kann das ganze Leben planen. Jetzt, mit 30, bin ich irgendwie draufgekommen, viele Dinge lassen sich nicht planen. Es hat sich bei mir eben so ergeben, wie es sich ergeben hat. Da war viel Zufall, Glück, Schicksal – ganz egal, wie man es nennen möchte – dabei. Ja, ich bin zufrieden und so wie ich mich kenne, wäre ich aber wahrscheinlich auch zufrieden in anderen Berufen oder Lebenswegen.

CLAUDIA STÖCKL

Aber, als Sie mit 18 das Leben planen wollten, was stand denn auf diesem Zettel? Wo haben Sie sich mit 30 gesehen

SEBASTIAN KURZ

Also, definitiv nicht im Außenministerium. Sondern, ich habe dann noch viele andere im Kopf, die man in dem Alter macht. Vom Tennisspielen über ausgehen. Ich war mir dann auch lange nicht sicher, was das richtige für mich sei. Und habe mich dann irgendwann fürs Jus-Studium entschieden, habe daneben immer gearbeitet: In einer Versicherung, in einer Rechtsanwaltskanzlei. Und irgendwann – mit 24 – kam dann eben das Angebot von Michael Spindelegger Staatssekretär für Integration zu werden. Ich habe damals extrem gelitten, weil ich mir auf der einen Seite natürlich gedacht habe, dass das eine extrem spannende, tolle Herausforderung ist. Auf der anderen Seite war damals die Angst groß, dass die Medien das nicht zulassen würden, dass ein 24-jähriger Staatssekretär wird. Ich bin es dann irgendwie geworden. Und was die Reaktionen betrifft, da habe ich leider recht behalten (lacht). Die waren am Anfang sehr, sehr negativ. Und es war dann auch keine leichte Zeit.

CLAUDIA STÖCKL

Und nach Bundeskanzler Christian Kern ist heute ÖVP Partei Obmann
SEBASTIAN KURZ, ÖVP Spitzenkandidat zu Gast im Frühstück bei mir. Wir tickt er? Das versuche ich zu hinterfragen. Er ist zu kontrolliert, er ist zu perfekt, sagen viele. Da gibt es keine Brüche, keine Krisen. Von einer hat er uns gerade erzählt, als er mit 24 jüngster Staatssekretär geworden ist. Da ist er nicht wirklich ernst genommen worden am Anfang. Aber auch in Ihrer Familie, Herr Kurz, hat es eine schwierige Zeit gegeben.

SEBASTIAN KURZ

Ja, was sicherlich eine schwierige Phase war, wie mein Vater, der hat über 30 Jahre für Philips gearbeitet. War dort im Management und Abteilungsleiter. Und als das Unternehmen mehr und mehr nach Asien verlagert hat, ist er dann mit vielen seiner Kollegen mit über 50 auf einmal von heute auf morgen ohne Job dagestanden. Das war für ihn aber natürlich auch für meine Mutter, für mich eine schwierige Phase. Und er hat dann eine irrsinnige Kraft entwickelt, hat sich irrsinnig angestrengt. Er hat wirklich mit über 50 noch einmal ganz neu angefangen bei einem anderen Unternehmen in einer ähnlichen Branche und hat sich dann noch einmal neu alles selbst aufgebaut und erkämpft. für das bewundere ich ihn extrem. Und er ist heute 67. Er könnte schon lange in Pension sein und arbeitet noch immer sehr gerne. Vielen anderen gelingt das nicht. Gerade in dem Alter mit über 50. Ich glaube, Menschen in so einer Situation muss man bestmöglich unterstützen. Und ich bin aber sehr froh, dass er es geschafft hat.

CLAUDIA STÖCKL

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Und jetzt greifen wir zu. Ich hoffe, Sie haben zu Hause auch gut gedeckt. Schinken, Käse, Weckerln, hier im Büro von
SEBASTIAN KURZ, im Außenministerium. Derzeit führt er alle Umfragen an. Vor allem, wenn es um die Frage geht: Wer soll nächster österreichischer Bundeskanzler werden. Erstaunlich eigentlich mit seinen erst 30 Jahren. ‚Kann Kurz Kanzler?‘ wird seitdem diskutiert. Aber, wie geht es ihm denn selber beim Gedanken an diese große Aufgabe? Gibt es da nicht vielleicht manchmal schlaflose Nächte oder vielleicht auch ein kleines bisschen Angst?

CLAUDIA STÖCKL

Seit sie der neue Star der ÖVP sind, die ÖVP-Hoffnung, der neue Parteichef, ist eine ganz große Frage: Kann Kurz Kanzler? Wie beantworten Sie denn diese Frage für sich? Haben Sie nicht manchmal auch Vorbehalte oder selber ein Zögern oder Zweifel: Würde ich diese Aufgabe erfüllen können?

SEBASTIAN KURZ

Gerade, weil ich jetzt ja sieben Jahre Erfahrung als Staatssekretär aber auch als Minister habe weiß ich ganz genau, worum es da geht. Und ich weiß, wie groß die Verantwortung ist. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass es in Österreich eine Veränderung braucht. Und ich bin auch der festen Überzeugung, dass es einen Bundeskanzler braucht, der die besten Köpfe ins Team holt um diese Veränderungen in Österreich möglich zu machen. Und, ja ich glaube, dass ich das sein kann.

CLAUDIA STÖCKL

Und, gab es nie für Sie selber auch einen Moment des Zögerns oder eine schlaflose Nacht. Das ist ja eine riesengroße Aufgabe mit 30.

SEBASTIAN KURZ

Also schlaflose Nächte gibt es Gott-sei-Dank nie, um ehrlich zu sein. Weil ich meistens so wenig schlafe, dass, wenn ich ins Bett gehe, dass ich in der Sekunde einschlafen kann. Auch wenn ich ins Flugzeug einsteige und gerade nichts zu arbeiten habe, dann schlafe ich innerhalb von wenigen Minuten ein. Also, ich habe Gott-sei-Dank nicht das Problem schlecht zu schlafen. Ich habe eher das Problem, dass es manchmal ein bisschen zu wenig Schlaf ist.

CLAUDIA STÖCKL

Wie viele Stunden schlafen Sie?

SEBASTIAN KURZ

Unterschiedlich. Also, wenn ich einmal kann, dann kann ich auch ewig lang ausschlafen. Aber, im Schnitt unter der Woche sind es so zwischen vier und fünfeinhalb Stunden.

CLAUDIA STÖCKL

Kennen Sie Ängste?

SEBASTIAN KURZ

Definitiv.

CLAUDIA STÖCKL

Und zwar welche Form von Ängsten? Kennen Sie Versagensängste? Hat es eine Phase gegeben, als Sie Angst hatten zu versagen?

SEBASTIAN KURZ

Na, es gibt ein tägliches Hinterfragen bei mir und auch in meinem ganzen Team. Also, wir haben eine Konstellation bei mir geschaffen, wo wir alles, was wir tun, vorher, bis ins letzte Detail ausdiskutieren und ständig selbst hinterfragen. Zu jeder Entscheidung, die getroffen werden muss unterschiedlichste Meinungen einholen. Was aber gleichzeitig ist, wenn einmal eine Entscheidung getroffen ist, dann ziehen wir sie auch gemeinsam durch und stehen dazu und fallen nicht gleich um, wenn es einen sanften Gegenwind gibt. Also, wenn eine Entscheidung getroffen ist, dann weiß ich, dass ich mir das vorher so gut überlegt habe, dass ich dazu stehen kann. Und dann bin ich eigentlich auch ziemlich frei von Angst.

CLAUDIA STÖCKL

Aber Sie haben auf jeden Fall ein sehr großes Selbstvertrauen, sagen auch ganz viele, die Sie gut kennen. Woher kommt denn das, woher kommen denn die Wurzeln dieses Selbstvertrauens? Haben Ihre Eltern Ihnen immer gesagt: Sie machen das gut, Sie bestärkt, Sie ermutigt?

SEBASTIAN KURZ

Also, ich weiß nicht, ob ich so ein großes Selbstvertrauen habe. Ich bin halt sehr jung in Aufgaben gekommen. Aus Zufall, Glück, Schicksal, je nachdem, wie Sie es nennen wollen. Und habe immer versucht, die Aufgabe, die ich übernommen habe möglichst gut zu meistern. Und, was meine Eltern betrifft… Meine Eltern haben mich irrsinnig liberal, irrsinnig offen erzogen. Ich habe eigentlich immer alles machen dürfen, was ich wollte. Ich bin mit 14, 15 die ganze Nacht ausgegangen und das Maximum, was daheim stattgefunden hat, war vielleicht ein Hauch Sorge, ob eh nichts passiert. Und meine Eltern haben mir immer das Gefühl gegeben, dass Sie wollen, dass ich glücklich bin. Und es ist eigentlich nie jetzt beurteilt worden, ob jetzt etwas sonderlich gut oder eher schlechter gelaufen ist. Also, wenn ich einmal Kinder habe und ich erziehe sie nur halb so liebevoll, wie das meine Eltern gemacht haben, dann bin ich schon glücklich.

CLAUDIA STÖCKL

Was ist das so der private Plan? Wann stehen Kinder auf dem Plan? (lacht)?

SEBASTIAN KURZ

Also irgendwann möchte ich definitiv Kinder habe. Aber ich werde das eher zu Hause besprechen. Und nicht auf Ö3.

CLAUDIA STÖCKL

Da wird er immer sehr einsilbig, wenn es privat wird. Warum ist das eigentlich so und geht das überhaupt in einem Wahlkampf, wo die Menschen ja wissen wollen: Wer ist das genau, der sich zur Wahl stellt?

CLAUDIA STÖCKL

Herr Kurz, man weiß ja privat sehr wenig über Sie. Man weiß, Sie leben in einer Beziehung und haben Ihre Freundin Susanne mit 18 Jahren kennengelernt. Aber mehr äußern Sie sich eigentlich nicht über diesen Teil Ihres Lebens. Warum ist denn das so?

SEBASTIAN KURZ

Also, ich glaube, wenn man versucht, etwas über mich rauszufinden im Internet, dann findet man Fotos zu meiner Freundin, Fotos zu meinen Eltern. Aber, um ganz ehrlich zu sein, meine Eltern und auch meine Freundin haben kein Interesse medial vorzukommen. Es ist auch nicht Teil ihrer Jobs. Bei meinem Job gehört mediale Präsenz dazu. Aber ich möchte ehrlich gesagt jetzt weder meine Eltern noch meine Freundin da zwangsverpflichten. Und Ich halte es auch nicht für notwendig, als Politiker, das eigene Privatleben zu inszenieren. Ich möchte gerne nach meiner Arbeit beurteilt werden und muss dann nicht meine Familie vor den Vorhang holen.

CLAUDIA STÖCKL

Bundeskanzler Christian Kern hat jetzt im Wahlkampf ja auch sein privates Fotoalbum geöffnet, hat seine Kinder gezeigt in früheren Jahren, hat bei mir über seine Ehe gesprochen.

SEBASTIAN KURZ

Ich halte das…

CLAUDIA STÖCKL

Glauben Sie, dass Sie das durchhalten werden, dass Sie Ihr Privatleben im Wahlkampf außen vorlassen?

SEBASTIAN KURZ

Ja, ich werde es auf jeden Fall außen vorlassen. Ich halte es für legitim, wenn Politiker ihre Frauen, ihre Partner, ihre Kinder vor den Vorhang holen. Und ich halte es aber auch für legitim, wenn man es so macht, wie ich das mache.

CLAUDIA STÖCKL

Da hat er eine ganz klare Linie. Aber wer sind denn sonst die Leute, die ihn umgeben, die vielleicht die besten Ratschläge haben?

CLAUDIA STÖCKL

Wir haben hier Schinken und Käse auf dem Tisch und eine Schale voll Erdbeeren. Vielen Dank für das Frühstück, Herr Minister. Ich nehme an, das haben nicht Sie aufgedeckt, sondern die vielen Heinzelmännchen und Frauen rund um Sie.

SEBASTIAN KURZ

Na, um ehrlich zu sein war ich selber einkaufen für Sie. Und was da am Tisch liegt, das hat sich mein Cousin nicht nehmen lassen. Er ist Fleischhacker in Niederösterreich und hat daher die Wurst und den Schinken ganz persönlich vorbeibringen wollen.

CLAUDIA STÖCKL

Was war die letzte wirklich wichtige Entscheidung, die Sie an diesem Besprechungstisch getroffen haben?

SEBASTIAN KURZ

Alle Entscheidungen fallen an diesem Tisch. Es wird auch oft an diesem Tisch gegessen, weil wir oftmals bis spät in die Nacht hier zusammensitzen. Da gibt es dann Pizza oder irgendetwas anderes, was man sich schnell liefern lassen kann.

CLAUDIA STÖCKL

Also nicht nur der Bundeskanzler isst viel Pizza, sondern Sie auch. (lacht).

SEBASTIAN KURZ

Wir hier im Büro auch, ja.

CLAUDIA STÖCKL

Manche sagen ja, die neue ÖVP ist eine Mogelpackung, weil Ihre Berater sind ja eigentlich die alten ÖVP-Granden. Zum Beispiel Wolfgang Schüssel hätte Ihnen dieses Sieben-Punkte-Programm diktiert, dass Sie als Bedingung Ihrer Partei gestellt haben. Stimmt da etwas daran? Wer sind denn Ihre Berater?

SEBASTIAN KURZ

Mein Team. Das ist mein Kabinettschef, das ist eine Referentin bei mir im Büro, die ich damals aufgegabelt habe, frisch nach der Matura, die mittlerweile sieben Jahre für mich arbeitet. Also, eine Runde von Personen, die Ihnen alle namentlich nichts sagen würden.

CLAUDIA STÖCKL

Also niemand dieser großen Prominenten Namen. Wolfgang Schüssel ist kein Berater von Ihnen?

SEBASTIAN KURZ

Wolfgang Schüssel ist der ehemalige Bundeskanzler aber er ist jetzt nicht mein Berater.

CLAUDIA STÖCKL

Und auch Alfred Gusenbauer wird immer wieder genannt in Ihrem Zusammenhang.

SEBASTIAN KURZ

Ja, ich glaube, den habe ich das letzte Mal vor über einem Jahr gesehen. Er ist sehr eng mir Christian Kern befreundet. Also, ich glaube, wenn er jemanden berät, dann ist es der Bundeskanzler.

CLAUDIA STÖCKL

Aber, er wurde auch schon in Ihrem Umfeld gesehen.

SEBASTIAN KURZ

Ja, als ich Außenminister wurde, habe ich mich auch mit dem ehemaligen Bundeskanzler Gusenbauer damals ausgetauscht. Und ja, all das hat mich bereichert.

CLAUDIA STÖCKL

Es gab ja diese Woche auch ein Unterstützertreffen, wo Andreas Treichel zum Bespiel gekommen ist. Karl Stoss, Erwin Wurm. Also, eine sehr, sehr prominente Liste. Aber fragen Sie zum Beispiel diese Menschen auch um Rat?

SEBASTIAN KURZ

Ja natürlich frage ich Erwin Wurm, Tobias Moretti und andere, wenn ich mir Gedanken über Kulturpolitik mache. Es wäre ja absurd, sich mit Kulturpolitik in diesem Land auseinanderzusetzen, ohne mit Künstlern und Kulturschaffenden zu sprechen. Ich weiß, dass ich das vielleicht in einem stärkeren Ausmaß tue als andere, aber so ticke ich nun mal. Mein Politikverständnis ist nicht, das ich alles am besten Wissen muss, sondern, mein Politikverständnis ist, dass es meine Aufgabe ist mit den schlauesten Köpfen im jeweiligen Themenbereich zu sprechen, mir eine Meinung zu bilden und dann eine Entscheidung zu treffen.

CLAUDIA STÖCKL

Künstlermanager Herbert Fechter ist angeblich auch ein Berater von Ihnen. Ist das richtig?

SEBASTIAN KURZ

Er ist jemand, den ich sehr schätze und der, als ich ihn einmal gebeten habe, mir die Möglichkeit zu geben, mich mit Künstlern auszutauschen, viele eingeladen hat. Ich habe da teilweise stundenlange interessante Diskussionen geführt, wo ich auch die Möglichkeit hatte, gerade was die Flüchtlingskrise betrifft, da meine Politik Menschen zu erklären, die das sehr kritisch gesehen haben.

CLAUDIA STÖCKL

Was war denn der wichtigste Rat, den Sie bekommen haben?

SEBASTIAN KURZ

Der wichtigste Rat, den ich jemals bekommen habe, war der Rat eines guten Freundes. In der Anfangsphase als Staatssekretär hat er mich angerufen und hat gemeint: ‚Schau nicht zu sehr, auf das, was da in der Zeitung steht. Lass dich durch das nicht runterziehen. Versuche einfach, das zu machen, was Du für richtig erachtest.‘ Und als es dann ein Jahr später sehr gut gelaufen ist, hat er mich wieder angerufen und hat gemeint: Du weißt schon, dass was ich Dir damals gesagt habe, das gilt heute nach wie vor genau so: Wenn was Positives in die Zeitung über Dich steht, dann nimm es genau so wenig Ernst, wie Du damals hoffentlich das Negative ernst genommen hast.

CLAUDIA STÖCKL

So hat es Bundeskanzler Kern letzte Woche auch gesehen. Die Hochs und die Tiefs sollte man gelassen nehmen.

SEBASTIAN KURZ

Ich würde mir jetzt die Band Muse und den Song ‚Uprising‘ wünschen. Muse das war die Band, die wir zu Maturazeiten fast täglich und andauernd gehört haben. Insofern eine schöne Erinnerung an meine Schulzeit.

CLAUDIA STÖCKL

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Sie sind ja auch mit dem Thema einer restriktiven Flüchtlingspolitik besetzt. Das Inhaltliche würde ich jetzt gerne außen vor lassen aber über diese Wortwahl sprechen. Sie haben ja diesen NGO-Wahnsinn angesprochen oder bei der Anne Will gesagt: ‚Es wird furchtbare Bilder geben. Wir sollten aber nicht den Fehler machen zu glaube, dass es ohne diese furchtbaren Bilder geht.‘ Da ist es um die Schließung der Balkan-Route gegangen. Und viele empfinden das als extrem zynisch, wie Sie sich da ausgedrückt haben. Harald Schmid hat bei mir gesagt: ‚Zynismus ist die Möglichkeit, die Dinge nicht so nah an mich heranzulassen.‘ Ist das vielleicht auch ein Hintergrund bei Ihnen, dass Sie als Politiker nicht berührbar sein wollen?

SEBASTIAN KURZ

Als Mensch ist meine Reaktion wie die von jedem anderen normalen Menschen auch. Nämlich, dass wenn ein Flüchtling da ankommt, dass ich ein Interesse habe, ihn zu unterstützen und ihm zu helfen. Aber als Politiker habe ich gleichzeitig die Verantwortung, sicherzustellen, dass nicht jeden Tag mehr und mehr zu uns kommen. Und vor allem auch sicherzustellen, dass nicht jeden Tag mehr und mehr im Mittelmeer ertrinken. Und, wenn Sie mich auf das Wort ‚NGO-Wahnsinn‘ ansprechen. Ganz ehrlich, ich war da sehr emotional. Ich war im Mittelmeer unterwegs. Und als wir dort waren, sind gerade wieder hunderte Menschen ertrunken. Weil die Politik, die wir dort machen, eine falsche ist.

CLAUDIA STÖCKL

Obwohl, es gibt jetzt eine neue Studie von der University of London, die belegt, dass die NGO nicht das Schlepperwesen mobilisiert oder gefördert haben.

SEBASTIAN KURZ

Es gibt unterschiedliche Studien. Und wie so oft in der Politik kann man sich jede Studie schreiben lassen die man möchte, um die eigene Meinung zu untermauern. Aber jeder, der einmal sich mit dem Thema so wie ich in Süditalien oder in Malta auseinandergesetzt hat, der weiß, dass unser derzeitiges System falsch ist und zu immer mehr Toten führt.

CLAUDIA STÖCKL

Aber Christian Konrad hat jetzt in einem neuen Buch, das heißt ‚Willkommen in Österreich – Was wir für Flüchtlinge leisten können und wo Österreich versagt hat‘ gemeint: Er ist sich nicht sicher, dass er Ihre Politik christlich-sozial nennen kann. Diese Behauptung, der österreichische Staatshaushalt würde kippen, weil wir jetzt so viel Grundversorgung für Asylwerber machen ist ein Unsinn, sagt er. Wie sehen Sie diese Kritik?

SEBASTIAN KURZ

Ich habe schon viele Diskussionen mit ihm zu diesem Thema geführt. Wir sind da nicht einer Meinung und das ist legitim. Ich weiß einfach nur, dass mit dem selben Geld, dass wir brauchen, um einen Flüchtling hier ein Jahr zu versorgen, können wir im Libanon zwanzig Menschen ein Jahr versorgen, in vielen afrikanischen Ländern noch deutlich mehr. Das heißt: Wenn man nicht nur sein Gewissen beruhigen möchte, in dem man dem hilft, der halt gerade angekommen ist, sondern wirklich nachhaltig etwas Sinnvolles tun möchte, dann hilft man vor Ort. Dort sollten wir noch mehr leisten. Wo es wirklich Menschen schlecht geht.

CLAUDIA STÖCKL

Im Alten Testament steht: ‚Liebe den Nächsten wie dich selbst.‘ Was sagt Ihre Flüchtlingspolitik über Ihre Selbstliebe aus?

SEBASTIAN KURZ

Ich habe mit einem Priester einmal lang über die Flüchtlingsfrage diskutiert. Und er hat mir einen Tipp gegeben, an den ich mich bis heute versuche zu halten. Er hat mir gesagt: ‚Was man als Mensch nie verlieren darf, ist das Mitleid mit dem Nächsten. Der Wunsch auch, dem Nächsten zu helfen.‘ Was man aber als Politiker nie verlieren sollte ist ein Blick für die Realität. Und was man als Politiker immer bewahren sollte, ist auch die Entschlossenheit, notwendige Entscheidungen zu treffen, auch wenn Sie menschlich schwerfallen.

CLAUDIA STÖCKL

Wie lang ist die Liste Kurz schon?

SEBASTIAN KURZ

Ich verstehe die Frage nicht?

CLAUDIA STÖCKL

Sie wollen ja mit der Liste
SEBASTIAN KURZ antreten. Wie lang ist die Liste
SEBASTIAN KURZ schon? Sind schon alle Positionen besetzt und alle Neuzugänge überzeugt und gefunden?

SEBASTIAN KURZ

Es gibt einige, bei denen ich mir schon sehr sicher bin. Es gibt viele, die mitmachen wollen. Und das ist schön. Und es gibt sicherlich auch einige, die ich in den nächsten Wochen noch gewinnen werde, mit denen ich noch nicht gesprochen habe.

CLAUDIA STÖCKL

Aber Sie wollen Sie ja erst Mitte August präsentieren. Warum so spät?

SEBASTIAN KURZ

Weil da die Listen für die Nationalratswahlen abgegeben werden müssen. Und alle Parteien werden Sie zu diesem Zeitpunkt präsentieren. Das spannende ist nur: Nur bei mir wird es hinterfragt.

CLAUDIA STÖCKL

Also, wie sehen Sie diesem Sommer entgegen? Wird er noch etwas von der Leichtigkeit eines Sommers haben, den man sich wünscht?

SEBASTIAN KURZ

Also, der Sommer nach der Matura war wahrscheinlich von mehr Leichtigkeit geprägt als dieser Sommer vor einem intensiven Wahlkampf. Aber ich werde zumindest eine Woche mit meiner Freundin und einer Runde von Freunden auf Urlaub fahren. Und ich werde danach einen kurzen aber intensiven Wahlkampf führen. Und ich werde vor allem diesen Wahlkampf fair führen und bin froh, wenn das andere auch tun.

CLAUDIA STÖCKL

Welche Lebensträume würden Sie sagen, stehen noch an? Natürlich mit 30 gibt es noch viele, die nicht erfüllt sind. Aber was wäre denn so ein ganz konkreter?

SEBASTIAN KURZ

Also für mich ein konkreter ist definitiv einmal eine Familie zu gründen und was das berufliche betrifft, ist das sicherlich für die nächsten Jahre die Politik. Da möchte ich in Österreich einen Beitrag leisten.

CLAUDIA STÖCKL

Und zu heiraten auch? Wollen Sie auch heiraten?

SEBASTIAN KURZ

Ja, auf jeden Fall.

CLAUDIA STÖCKL

Und Ihr Studium fertigmachen? Das ist ja auch immer ein großer Punkt. Gibt es diesen Plan noch?

SEBASTIAN KURZ

Ja, den gibt es. Ich muss zugeben, ich habe so viele andere Dinge im Kopf, dass mich mein Studium jetzt nicht sonderlich beschäftigt. Ich habe vor vielen Jahren mit der Aufgabe als Staatssekretär die Zeit verloren um da weiter zu studieren. Mir fehlen noch zwei Prüfungen. Irgendwann werde ich die machen. Eigentlich nicht so sehr wegen des Titels, das ist mir nicht so wichtig. Aber eigentlich deshalb, weil ich Dinge, die ich einmal angefangen habe, ganz gerne fertigmache. Aber wann das sein wird, weiß ich noch nicht.

CLAUDIA STÖCKL

Welchen Song dürfen wir denn jetzt zum Schluss für Sie spielen?

SEBASTIAN KURZ

Ich würde mir wünsche: Wir sind Helden – Müssen nur wollen. Weil was für alle Menschen stimmt, ist, dass wenn man will, dass man sich sehr stark auch motivieren kann. Und motiviert ist immer besser, als es nicht zu sein.

CLAUDIA STÖCKL

SEBASTIAN KURZ, seit drei Jahren Außenminister. Seit damals, Herr Kurz, beziehen Sie auch ein Ministergehalt. Das beträgt ja 17.600 Euro brutto im Monat. Eine große Summe, die Sie da schon mit 27 verdient haben.

SEBASTIAN KURZ

Eine riesige Summe. Ich verdiene deutlich mehr als meine Eltern. Ich verdiene deutlich mehr als meine Freunde als mein sonstiger privater Freundeskreis. Und ich gebe das Geld größtenteils nicht aus, sondern ich spare es. Und natürlich fahre ich gerne mit meiner Freundin das eine oder andere Mal auf Urlaub. Im Sommer sind wir meistens in Südtirol bzw. am Gardasee.

EINSPIELUNG

Wenn ich an den Wahlkampf denke, dann empfinde ich…

SEBASTIAN KURZ

Dann hoffe ich, dass er sauber wird und nicht die Untergriffe und vor allem auch Behauptungen und Lügen immer mehr werden.

EINSPIELUNG

Lampenfieber hatte ich zuletzt als…

SEBASTIAN KURZ

Das ist schon länger her, aber ich glaube das letzte Mal war es, als ich Taufpate von meinem kleinen Cousin geworden bin.

CLAUDIA STÖCKL

Und Sie sind ja auch sehr gläubig, sind oft in der Kirche.

SEBASTIAN KURZ

Ich glaube an Gott und ich gehe auch immer wieder in die Kirche.

EINSPIELUNG

Mein teuerstes Spielzeug ist…

SEBASTIAN KURZ

Wahrscheinlich mein Mountainbike.

EINSPIELUNG

Ich fühle mich zu jung für…

SEBASTIAN KURZ

Bis jetzt für Kinder. Aber irgendwann steht die Familienplanung auch an.

EINSPIELUNG

Geil finde ich…

SEBASTIAN KURZ

Das erinnert mich eher an einen Wahlkampf, der nicht so glücklich gelaufen ist. Aber es ist zum Glück schon lange her.

CLAUDIA STÖCKL

Da sind Sie mit dem Geilomobil herumgefahren.

SEBASTIAN KURZ

Ist richtig.

CLAUDIA STÖCKL

Den haben Sie nicht in guter Erinnerung.

SEBASTIAN KURZ

Ich habe es schon in guter Erinnerung, aber es war nicht sonderlich Erfolgreich. Insofern habe ich es nicht wiederholt.

EINSPIELUNG

Mein letztes SMS an Reinhold Mitterlehner war…

SEBASTIAN KURZ

War wahrscheinlich rund um seinen Rücktritt. Und danach haben wir gesprochen und telefonieret.

CLAUDIA STÖCKL

Also, empathisch, mitfühlend und freundschaftliche.

SEBASTIAN KURZ

Das muss er beurteilen. Aber freundschaftlich auf jeden Fall.

EINSPIELUNG

An Christian Kern ist besonders cool…

SEBASTIAN KURZ

Ich kenne ihn als Bundeskanzler, ich arbeite professionell mit ihm zusammen. Aber ich glaube, dass ich nicht der richtige bin um zu bewerten, was an ihm gut, schlecht, cool oder uncool wäre.

EINSPIELUNG

Meine größte modische Sünde war…

SEBASTIAN KURZ

Das weiß ich nicht, ich hoffe, es ist schon länger her. Ich bin eher immer relativ konservativ gekleidet.

CLAUDIA STÖCKL

Mir hat eine Freundin gesagt, Sie haben früher Haarreifen getragen.

SEBASTIAN KURZ

Das ist definitiv unwahr. Hatte ich nie.

CLAUDIA STÖCKL

Wie wichtig ist es für Sie, dass die Frisur hält?

SEBASTIAN KURZ

Wenn ich fotografiere werde wichtiger, privat ist es mir relativ egal.

EINSPIELUNG

Mein wichtigster Berater ist…

SEBASTIAN KURZ

Meine Freundin und meine Eltern.

EINSPIELUNG

Meine letzte Liebeserklärung machte ich als…

SEBASTIAN KURZ

Sehr regelmäßig.

EINSPIELUNG

Mein bester Freund ist…

SEBASTIAN KURZ

Ein ehemaliger Tennis-Trainings-Kollege von mir. Er heißt Florian und ist seit über zehn Jahren mein engster Freund.

EINSPIELUNG

Mein Erfolgsrezept lautet…

SEBASTIAN KURZ

Mit vielen Menschen zu sprechen, viele Meinungen einzuholen und dann zu entscheiden.

EINSPIELUNG

Mein Leitsatz im Leben ist.

SEBASTIAN KURZ

Tu das, was Du für richtig erachtest.

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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place. Seit April 2018 bei der Rechercheplattform addendum.org.