von
   

Freitag, 19.05.2017
Quelle: tvthek.orf.at
Transkriptstatus: Freitag, 19.05.2017
Bildquelle: tvthek.orf.at


Die Idee hinter dem Transkript ist, ein gesprochenes TV-Interview auch in einem zusätzlichen Kanal – und zwar in Textform – zur Verfügung zu stellen. Oft ergeben sich beim Lesen andere und klarere Zusammenhänge. Strukturen werden erkannt und eigentliche Botschaften, Textbausteine werden noch klarer und können weiter recherchiert werden. Wir möchten Politik, politische Ideen und Veränderung und den Weg in ein neues, offenes und mitgestaltbares politisches Zeitalter unterstützen. Und dem Gesagten mit dem Transkript einen ernstzunehmenden anderen Zugang sowie eine möglichst breite Reflexion bieten. Danke an die ModeratorInnen und die TV-Anstalten, dass Interviews transkribiert werden können.

Idee, Feedback oder Fehler gefunden? Bitte an transkript [at] neuwal.com schicken! Danke.

Hier geht weiter es zum vollständigen Transkript mit Benefits

LOU LORENZ-DITTLBACHER

Wollen wir jetzt mit dem ersten Interview der neuen Grünen Spitzenkandidatin. Ich begrüße ULRIKE LUNACEK bei uns im Studio. Guten Abend.

ULRIKE LUNACEK

Schönen Guten Abend, Frau Lorenz

LOU LORENZ-DITTLBACHER

Frau Lunacek, ‚Es war keine leichte Entscheidung‘, haben Sie heute gesagt bei der Präsentation. Was hat Sie denn zweifeln lassen, dass Sie das machen sollen?

ULRIKE LUNACEK

Also, es war einfach eine sehr rasche Entscheidung. Vor 48 Stunden wusste ich noch nicht, dass Eva Glawischnig zurücktreten wird. Das war dann gestern in der Früh. Und ich wurde dann relativ auch genannt und gefragt und musste mir das überlegen. Ich habe einen wunderbaren Job noch im Europaparlament – auch als Vizepräsidentin. Ich habe hier sehr viel gelernt, sehr viel Erfahrung gesammelt. Und das ist nicht leicht – ich habe auch eine Verantwortung für die Leute, die mich ins Europaparlament gewählt haben. Und da jetzt so rasche eine Entscheidung zu treffen und zu sagen: ‚OK, ich gehe jetzt in die Innenpolitik, ich mache Spitzenkandidatin für einen ganz wichtigen Wahlkampf‘, das macht man nicht so einfach und sagt: Jetzt hupfe ich da einfach hinüber. Aber, es hat sich für mich dann schon rauskristallisiert, dass ich bei dieser Richtungsentscheidung, diese historische Wahl, die das ist. Wo es darum geht, in welche Richtung geht Österreich: In Richtung Orban mit Herrn Kurz, der eine Politik fährt, die in die Richtung geht.

LOU LORENZ-DITTLBACHER

Dazu kommen wir noch.

ULRIKE LUNACEK

Aber auch keine der anderen Parteien bereit ist zu sagen: Nicht mit der FPÖ. Sind wir die einzigen, die das tun. Und das war dann etwas, wo ich auch mit viel Unterstützung der Grünen – die ich auch heute mit großer Freude bekommen habe – dann gesagt habe: OK, ich gehe in diesen Wahlkampf, ich mache das mit euch gemeinsam und mit der Ingrid Filipe gemeinsam. Wir haben gute Chancen. Und ich habe gute Chancen uns gemeinsam mit den Grünen hier zu positionieren als die pro-europäische Kraft. Mit für soziale Gerechtigkeit, Umweltfragen, wo klar ist, dass wir gegen Rechts aufstehen und wir die einzigen sind, die hier in diesem mitte-links Spektrum tatsächlich auch Platz noch haben.

LOU LORENZ-DITTLBACHER

Zum Programmatischen kommen wir später noch. Reden wir jetzt mal über die Entscheidung an sich. Sie hätten jetzt natürlich sagen können: Wenn schon, denn schon. Wollten Sie die Parteiführung nicht zusätzlich übernehmen oder wollte das der Bundesvorstand nicht?

ULRIKE LUNACEK

Also, das war eine Entscheidung, die jetzt in diesen Stunden gereift ist. Ich habe mit Ingrid Filipe auch… wir haben telefoniert, wir waren in Kontakt. Und habe mit vielen anderen gesprochen und da kristallisierte sich dann heraus, dass Ingrid Filipe bereit ist, die Bundessprecherin zu machen. Und ich – wenn ich diesen Schritt setze – diese Wahl gewinnen will für die Grünen. Und dann macht es Sinn, die Arbeit, die da jetzt ansteht, auch diese Verantwortung, die wir haben, die nicht nur auf zwei Schultern zu lassen, sondern auf vier aufzuteilen. Nämlich Ingrid Filipe und mich. Das macht Sinn. Und deswegen haben wir uns so dafür entschieden.

LOU LORENZ-DITTLBACHER

Aber jetzt kommt es zu der Lösung, vor der Eva Glawischnig ausdrücklich gewarnt hat. Es gibt keine klare Parteiführung. Wie soll denn das rein logistisch funktionieren? Sie sind in Straßburg und Sie sind in Brüssel. Ingrid Felipe ist in Tirol. Die Bundespolitik spielt sich hauptsächlich in Wien ab und vor Ihnen liegt ein Wahlkampf, wo Sie hunderte Termine wohl in ganz Österreich wahrnehmen müssen. Wie soll das gehen?

ULRIKE LUNACEK

Also, als Spitzenkandidatin werde ich das machen. Ich werde das, was ich im Europaparlament noch zu tun habe – ich habe einige Berichte, für die ich verantwortlich bin -, das werde ich noch tun. Aber ich werde sicher mehr Zeit in Österreich verbringen. Das geht gar nicht anders. Und Ingrid Felipe wird vor allem die arbeit – auch die innerparteiliche – machen. Und einfach gemeinsam werden wir die Grünen gut aufstellen für diesen Wahlkampf. Ich bin die, die dann sozusagen die Veranstaltung, diesen ganzen Wahlkampf macht, diese Medientermine und alles das. Und ich denke, das ist eine gute Lösung für jetzt. Das war die Lösung, auf die wir gekommen sind. Und ich finde es schon gut, zu sagen: Das sind zwei Frauen – zwei starke Frauen – die sozusagen jetzt der Eva Glawischnig nachfolgen, die das auch können und die das wollen und die das gemeinsam schaffen können.

LOU LORENZ-DITTLBACHER

Dieser Wahltermin 15. Oktober hat natürlich jetzt alle irgendwie kalt erwischt. Man konnte es ahnen, dass es soweit kommt. Aber auch bei den Grünen gibt es wohl keine komplette strategische Voraarbeit, Das heißt, hier muss ganz viel Arbeit gemacht werden. Wer entscheidet bei Differenzen? Sie sind schon unterschiedliche Politikertypen Filipe und Sie. Wer entscheidet?

ULRIKE LUNACEK

Ja, sicher. Also, im Endeffekt für den Wahlkampf wird es wohl so sein, dass dann, wenn es wirklich sozusagen auf Knopf geht, dass dann ich die Entscheidung als Spitzenkandidatin treffe. Aber wir sind als Grüne… Ich bin als Grüne auch gewohnt, hier gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Und wenn es dann wirklich darum geht, dann, in dem Fall, werde dann, wenn es um den Wahlkampf geht, dann sehr wohl ich das entscheiden. Aber ich sehe nicht hier die großen Konflikte darin. Wir sind beide Frauen, die gelernt haben, auch zu schauen, wie wir Lösungen finden und nicht auf Konflikt zu gehen. Das ist glaube ich einer der großen Vorteile, den wir beide haben und viele Frauen bei uns und auch manche der Männer.

LOU LORENZ-DITTLBACHER

Sie müssen es natürlich auch optimistisch sehen.

ULRIKE LUNACEK

Ja!

LOU LORENZ-DITTLBACHER

Der Wahlkampf spielt sich in Österreich ab – nicht in Brüssel, nicht in Straßburg. Wie lange werden Sie ihr Mandat im Europäischen Parlament noch behalten? Wie lange werden Sie noch Vizepräsidentin sein?

ULRIKE LUNACEK

Also, wie ich das jetzt sehe – und ich hatte jetzt auch nicht so viel Zeit, das jetzt alles da schnell zu entscheiden. Aber, dann möchte ich das bis zur Wahl auch weitermachen. Weil hier einfach noch einige Dinge zu erledigen sind, die ich begonenn habe. Das will ich nicht, da habe ich auch Verantwortung dafür. Also, der jetzige Plan ist es, dann mit der Wahl oder spätestens mit der Angelobung aufzugeben.

LOU LORENZ-DITTLBACHER

Und dann Klubobfrau zum Beispiel zu werden?

ULRIKE LUNACEK

Ja. Wenn die Grünen nicht in eine Regierung kommen. Wenn wir nicht verhindern können, dass Schwarz-Blau oder Rot-Blau kommt, dann werde ich in den Nationalrat gehen. Dann möchte ich Klubobfrau sein und hier klarmachen, dass die Grünen hier eine ganz starke Opposition machen. Ich erinnere an Schwarz-Blau. Dann war ich damals auch im Nationalrat. Da waren die Grünen das, die Skandale aufgeklärt haben dieser blauen FPÖ-Regierungsbeteiligung. Skandale, die jetzt noch in Untersuchungsausschüssen behandelt werden. Skandale, wo jetzt noch die Staatsanwaltschaft auch aktiv ist. Das heißt, dass wird dann auch die Funktion sein, sehr wohl in einem Land, wo eine – was ich hoffe, dass wir verhindern können – wo die FPÖ in der Regierung ist und Österreich weiterhin nach rechts rutscht – da dann eine starke Oppositionspolitik zu machen. Aber, meine Ansage ist auch: Ich möchte diesen Rechtsruck in Österreich verhindern. Ich möchte verhindern, dass Österreich weiter Richtung Orban abdriftet. Und wir Grünen sind die einzigen, die das auch klarmachen.

LOU LORENZ-DITTLBACHER

Da sind wir schon bei der inhaltlichen Ausrichtung. Es ist glaube ich unbestritten unter grünen Politikerinnen und Politiker, dass das ein schwieriger Wahlkampf werden wird für die Grünen. Man weiß, dieser Wahlkampf spitzt sich auf drei Personen zu: Das ist Bundeskanzler Kern, das ist Außenminister Kurz, das ist FPÖ-Chef Strache. Die Gefahr besteht, dass alle anderen Parteien hier irgendwie zerrieben werden – die Grünen natürlich zu vorderst. Wollen Sie jetzt umsetzen, was Peter Pilz schon seit langem vorschlägt: Weiter nach links zu rücken? Kantiger zu werden, auch meinetwegen linkspopulistisch zu werden?

ULRIKE LUNACEK

Frau Lorenz, ich habe mittlerweile viel an Erfahrung gesammelt. Ich glaube, das ist auch mein großer Vorteil. Das ist auch das, warum mich die Grünen gebeten haben, das zu tun. Ich stehe für eine Politik, die sehr kantig sein kann. Ich kann beides: Ich kann kantig sein, ich weiß, wofür ich stehe: Das sind Grundrechte, das sind Menschenrechte, das ist eine pro-europäische Politik, die soziale Gerechtigkeit einfordert, Umweltschutz, Klimaschutz, die aber auch klarmacht, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit die Fundamente – und jetzt sage ich es einmal ein bisschen vielleicht pathetisch – unserer europäischen Heimat sind. Und, dass ich das nicht zerstören lassen will. Von niemandem. Von keinen rechten Parteien und auch nicht von anderen ÖVP und SPÖ, die in diese Richtung gehen. Und das ist etwas, dass ich kann. Und dahabe ich keine Angst davor, dass ich oder die Grünen da zerrieben werden. Weil ich mit meiner Erfahrung, die keiner der anderen Kandidaten hat -keiner von ihnen, ja. Mit dieser sowohl österreichischen wie europäischen, mit viel Verhandlungen, die ich im Europaparlament über die Jahre jetzt auch getan habe, mit einer Spitzenfunktion dort als Vizepräsidentin. Das hat keiner der anderen. Und da sehe ich durchaus Chancen und bin guter Dinge, dass ich in diesem Wahlkampf auch Dinge vorlegen kann, die vielleicht jetzt manche noch nicht sehen wollen. Ich erinnere daran: Im Wahlkampf 2014 haben manche gesagt, das wird sich nie ausgehen. Ich habe dann das beste Ergebnis, dass die Grünen je hatten – 14,5 Prozent – geschafft. Also, ich bin zuversichtlich.

LOU LORENZ-DITTLBACHER

Jetzt habe ich gelernt, Sie werden zwar nicht Parteichefin, aber Sie werden die Spitzenfrau werden – jedenfalls im Nationalratsklub der Grünen. Was wird sich denn unter der parlamentarischen Führung unter Ihnen ändern gegenüber der Politik von Eva Glawischnig?

ULRIKE LUNACEK

Ich möchte die Politik, die Eva Glawischnig gemacht hat weiterführen. Sie hat mit ihrem Mut, mit ihrem Engagement, mit ihrem Wissen, mit ihrem Sachverständnis, mit ihrer Rolle als starke Frau hier Geschichte geschrieben. Sie hat die österreichischen Grünen zu den besten Ergebnissen geführt, die wir je hatten. Und das gilt auch was auf der europäischen Ebene. Die österreichischen Grünen sind immer noch eine der stärksten – wenn nicht überhaupt die stärkste – europäische Partei. Auch jetzt noch. Weil alle sagen, wir sind jetzt schwächer geworden.

LOU LORENZ-DITTLBACHER

Aber man wirft den Grünen vor – seit der Wahl von Alexander Van der Bellen und seit diesem Endlos-Wahlkampf – gibt es einen gewissen Stillstand. Da sind sie nicht mehr vom Fleck gekommen Terezija Stoisits hat zum Beispiel am Wahlabend gesagt: ‚Man muss jetzt wieder Opposition machen.‘

ULRIKE LUNACEK

Das haben einige sehr wohl auch gemacht. Aber es ist klar: In einem Spektrum, wo jetzt innenpolitisch – bevor noch der Wahlkampf begonnen hat -, dass da – und dann die Wechselgeschichten auch in der ÖVP – war das ein ständiges Thema… Wer wird da jetzt führen. Dass das… In der SPÖ ging es darum, wer in Wien übernimmt oder nicht, ob wer anderer kommt, oder Häupl bleibt. Also, da gab es sehr viele innenpolitische Themen, wo es für die Grünen schwer war vorzukommen. Aber dennoch haben wir Dinge fortgesetzt. Das ist jetzt im Nationalrat die Möglichkeit im Bildungsbereich tatsächlich – da braucht die Regierung die Grünen dabei, um dieses Bildungskonzept durchzusetzen. Zum Beispiel mit Modellregionen. Und da möchte ich mir anschauen, ob der ÖVP-Chef Kurz jetzt bereit ist, die alten Zöpfe abzuschneiden.

LOU LORENZ-DITTLBACHER

Das bedeutet, Sie werden jetzt auch bei der parlamentarischen Arbeit der Grünen jetzt schon sich einbringen.

ULRIKE LUNACEK

Ich bin nicht… Ich werde nicht… Ich kann jetzt nicht im Nationalrat sitzen und hier mitdiskutieren.

LOU LORENZ-DITTLBACHER

Ist klar, aber Sie können sich absprechen nie abstimmen.

ULRIKE LUNACEK

Aber klar, na klar machen wir das. Das gehört zur professionellen Arbeit. Das habe ich bisher auch schon gemacht, zu sehen, was die Grünen im Nationalrat machen. Weil wir das ja auch als einzige wirklich gut auch zwischen Nationalrat und Europaparlament koordinieren. Also, da habe ich Erfahrung damit und das werde ich sicher tun.

LOU LORENZ-DITTLBACHER

Frau Lunacek, vielen Dank fürs Kommen.

ULRIKE LUNACEK

Vielen Dank für die Einladung.

The following two tabs change content below.
Digitaler und Politischer Entrepreneur - Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen - seit einigen Jahren selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Media Strategy, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.