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Robert Misiks biographischer Essay „Ein seltsamer Held“ will den politisch fast vergessenen Begründer der österreichischen Sozialdemokratie in die Gegenwart holen.

Robert Misik
misikRobert Misik ist Journalist, Essayist & politischer Schriftsteller. Er begann journalistische Tätigkeit 1989 bei der Arbeiter-Zeitung und war danach unter anderem für profil und Format tätig. Heute ist er als freier Autor, unter anderem für die den Falter und die taz, betreibt auf derstandard.at den Videoblog FS-Misik und bloggt auf misik.at. Er hat zahlreiche politische Bücher, insbesondere zu linker und sozialdemokratischer Politik und zur Kritik neoliberaler Wirtschaftspolitik verfasst. Seine Arbeit wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik.

Bildquelle: twitter.com/misik

Victor Adler: Ein Bild von einem revolutionären Pragmatiker

Robert Misiks biographischer Essay „Ein seltsamer Held“ will den politisch fast vergessenen Begründer der österreichischen Sozialdemokratie in die Gegenwart holen.

Heute habe man kein Bild von Victor Adler, stellt Robert Misik fest. Im wörtlichen Sinn, weil es kaum bildliche Dokumente von ihm, von einigen gestellten Fotografien abgesehen, und im übertragenen Sinn. Der Name würde erkannt, aber er stehe eigentlich für nichts. Der Victor-Adler-Markt in Wien heißt eben so, und irgendwas mit der SPÖ.

Tatsächlich ist Adlers Leben untrennbar mit der Geschichte der Sozialdemokratie verwoben und eine Betrachtung seiner Biografie daher auch immer eine Beschäftigung mit der ArbeiterInnenbewegung und den Anfängen der SPÖ. Misik gelingt es gut, mit der Geschichte Adlers auch die Erfolgsgeschichte der ArbeiterInnenbewegung in der späten Monarchie zu erzählen. Und doch ist es keine Biographie Adlers, die Misik vorlegt. Was das Buch sein soll, wird erst im Lesen klar. Das Buch soll uns das Bild von Adler geben, das wir nicht haben. Das Bild von einem Mann, der, wie Misik schreibt,

„mit ungeheurer Kraft die rebellischen, revolutionären und demokratischen Kräfte in Österreich sammelte, sie zu einer Partei formte, der diese Partei zur Massenpartei machte und von Sieg zu Sieg führte; der soziale Reformen erkämpfte, der die österreichische Despotie zurückdrängte, der das gleiche, demokratische Wahlrecht durchsetzte und der die Saat legte für die demokratische Republik und das ‚Rote Wien‘, das nach seinem Tod Furore machen sollte.“ (S. 17)

Der revolutionäre Pragmatiker

Misik zeichnet Adlers Weg im Schnelldurchlauf nach, wichtige Stationen werden ausführlicher und teilweise wiederholt betrachtet (z.B. die von Adler herausgegebenen Zeitungen). Dabei geht es oft mehr darum Stimmungen zu transportieren, als Fakten aufzulisten, was der Lesbarkeit guttut.
Das Bild das sich im Kopf der LeserInnen zu entwickeln beginnt, ist das Bild eines Mannes mit revolutionären Ideen und pragmatischen Methoden. Adlers heute realisierte Ansprüche, das freie und gleiche Wahlrecht, Schutz und Rechte für ArbeiterInnen, galten lange als unerhört und stießen auf enormen Widerstand. Oft befand er sich in direktem Konflikt mit der repressiven Staatsgewalt. Doch reagierte er darauf mit Geduld, nachhaltiger Organisation der ArbeiterInnenbewegung und langfristiger Politik. Mit Friedrich Engels machte er sich über die „innerparteiliche linksradikale Opposition“ lustig, die „andauernd revolutionäre Kraftproben anstacheln wollte“. (S. 48)

Adlers Pragmatismus ist eines der Leitmotive des Essays. Ein anderes ist seine bis zur Selbstaufgabe reichende Aufopferung für seine Sache. Und seine Sache war nicht der Sozialismus, sondern die ArbeiterInnen. Deren Situation zu verbessern war sein Ziel, und der Sozialismus war der Weg dazu. Eine Umkehrung des Ansatzes vieler SozialistInnen, die an die ArbeiterInnenklasse zuerst als das Vehikel zur Realisierung des Sozialismus dachten.
Bei so viel Licht sucht man den Schatten, doch meistens vergebens. Alders Anfänge als Deutschnationaler neben Georg von Schönerer etwa werden schnell beiseite gewischt, seine Kriegspolitik fast unkritisch rezipiert. Wobei man bedenken muss, dass der Essay nie behauptet, eine kritische Würdigung zu sein, und auch viele Sternstunden Adlers kaum mehr Raum bekommen. Eine solche, die letzte, kam zum Kriegsende, als Adlers demokratische und eben nicht revolutionäre Politik und die Autorität, die er sich erarbeitet hatte, erheblich zu einem relativ friedlichen Übergang von der gescheiterten Monarchie zur Demokratie beitrugen. Die 1. Republik wurde am 12. November 1918 ausgerufen. Victor Adler war am 11. November verstorben.

Fazit

Formal fällt auf, dass das Buch einen am Anfang allein lässt, kein Vorwort, das erklärt was man erwarten kann oder was die Intention ist. Wer so alleingelassen glaubt, eine kurze Biografie oder eine umfassende Betrachtung Adlers zu lesen, wird enttäuscht werden. Auch das im Anhang nur eine Auswahl der verwendeten Literatur gelistet wird irritiert. Ein elaboriertes Literaturverzeichnis verwandelt einen Text nicht in eine unlesbare wissenschaftliche Arbeit.
Von solchen Kleinigkeiten abgesehen gelingt dem Essay, was er tun will. Misik will keine Biographie schreiben, sondern ein Bild von Adler zeichnen. Als energischem Vertreter revolutionärer Ideen wie dem allgemeinen Wahlrecht, der aus Überzeugung und aus Klugheit an der Realisierung dieser Ideen ohne Revolution arbeitet. Das vorliegende Buch ist eine gut lesbare Erinnerung an die Anfänge der Sozialdemokratie und die enormen Leistungen ihres Begründers.

einseltsamerheldEin seltsamer Held. Der grandiose, unbekannte Victor Adler.

Verlag: picus Verlag

Seiten: 120

ISBN 978-3-7117-2044-3

Preis: Buch 12,00 €, E-Book 8,99 €

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Jahrgang 1986, lebt in Graz, bloggt und twittert politisch und schreibt auch sonst gerne.