von
   

Transkript zur ersten Pressekonferenz von Alexander Van der Bellen nach der Wahl zum Bundespräsidenten vom 23. Mai 2016.

Montag, 23. Mai 2016
Transkriptstatus: Montag, 23. Mai 2016, 18:45
Quelle: orf.at
Bildquelle: derstandard.at (Screenshot)

Die Idee hinter dem Transkript ist, ein gesprochenes TV-Interview auch in einem zusätzlichen Kanal – und zwar in Textform – zur Verfügung zu stellen. Oft ergeben sich beim Lesen andere und klarere Zusammenhänge. Strukturen werden erkannt und eigentliche Botschaften, Textbausteine werden noch klarer und können weiter recherchiert werden. Wir möchten Politik, politische Ideen und Veränderung und den Weg in ein neues, offenes und mitgestaltbares politisches Zeitalter unterstützen. Und dem Gesagten mit dem Transkript einen ernstzunehmenden anderen Zugang sowie eine möglichst breite Reflexion bieten. Danke an die ModeratorInnen und die TV-Anstalten, dass Interviews transkribiert werden können.

Idee, Feedback oder Fehler gefunden? Bitte an info [at] neuwal.com schicken! Danke.

Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Österreicherinnen und Österreicher.

A warm welcome to the guests from abroad. But you will excuse me – I hope -, if I continue in German. Österreich hat bewegte Stunden hinter sich. Diese Wahl hat wohl niemanden in Österreich unberührt gelassen. Das Ergebnis ist eine umso größere Verantwortung. Eine Verantwortung für mich als zukünftigen Bundespräsidenten der Republik. Aber auch – würde ich sagen – für Norbert Hofer. Ich denke, dass wir beide sehr respektvoll mit der Entscheidung des Souveräns – der Wählerinnen und Wähler – in diesem Land umgehen werden. Und ich möchte an dieser Stelle nicht versäumen, Herrn Hofer meinen persönlichen Respekt und meine Anerkennung auszudrücken. Und bei aller inhaltlichen Differenz zum sehr engagierten Wahlkampf gratulieren.

Mein Dank gilt – natürlich, selbstverständlich – allen Österreicherinnen und Österreichern. Erstens dafür, dass sie zur Wahl gegangen sind. Und ganz besonders jenen Frauen und Männern, die mir ihre Stimme gegeben haben. Ich danke für dieses Vertrauen.

Meine Damen und Herren. In nationalen und internationalen Medien und Kommentaren wurde viel über aufgerissene Gräben in unserem Land gesprochen. Diese seien sichtbar geworden. Ich möchte das nicht dramatisieren. Und ich möchte auch nicht, dass es dramatisiert wird. Diese Gräben haben schon länger bestanden. Und vielleicht haben wir in der Vergangenheit nicht genau hingesehen. Das werden wir jedenfalls aufmerksamer und genauer als bisher tun müssen.

Was aber sicher in den letzten Monaten passiert ist, ist, dass sehr viele Menschen miteinander geredet haben. Miteinander diskutiert haben. Gerungen haben, den anderen zu überzeugen. Den jeweils anderen. Und auch gestritten haben. Quer durch alle Berufe, Schichten. Quer durch die Familien teilweise. Und ich halte das für kein schlechtes Zeichen. Ich halte das für ein gutes Zeichen, für das politische Interesse in diesem Land. Den Bürgerinnen und Bürgern ist Politik nicht egal. Im Gegenteil: Sie haben ein hohes Interesse und wollen aktiv mitgestalten an der Politik dieses Landes.

Daher sollten wir – finde ich – das Augenmerk jedenfalls nicht nur auf die Polarisierung – sofern sie existiert – richten, sondern auf die Politisierung in diesem Land. Auf die hohe Wahlbeteiligung – hoch auch im internationalen Bereich, wie ich glaube. Und das hohe Interesse an dieser Bundespräsidentenwahl – so groß wie selten zuvor – ist doch gut. Das ist ein schönes Zeichen.

Wie im eigenen Leben, wird es jetzt darauf ankommen, aus den Erfahrungen dieser Wahl, aus den Erfahrungen des Wahlkampfs der letzten Wochen und Monate – fünf Monate… Was wir aus den Erfahrungen dieser letzten Monate lernen. Was wir daraus machen. Ja sicher liegt eine Menge Arbeit vor uns. Viele Menschen in diesem Land fühlen sich offensichtlich nicht ausreichend gesehen oder gehört oder beides. Und wir werden eine andere Kultur brauchen, eine andere Gesprächskultur. Eine Politik, die sich nicht so sehr mit sich selbst oder mit der medialen Öffentlichkeit beschäftigt, sondern mit diesen realen Fragen. Mit den realen Sorgen und Ängsten. Und dem Zorn auch mancher Menschen in diesem Land. Hinschauen, gehört werden. Und das ist natürlich eine zweiseitige Angelegenheit. Wenn ich jemanden zuhöre, dann darf ich auch erwarten, dass mir zugehört wird.

Meine sehr geehrten Damen und Herren.

Ich habe den ganzen Wahlkampf hindurch versucht, für das ‚Gemeinsame in Österreich‘ zu werben. Das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen. Dass wir uns gemeinsam um unsere Demokratie kümmern. Um unser Österreich. Aber in all seiner Unterschiedlichkeit. In all seiner Unterschiedlichkeit der Personen, der Interessen. Ich glaube, ich habe in meiner Kindheit im Kaunertal schon gelernt, dass man sehr unterschiedlich sein kann. Und trotzdem gerne und respektvoll miteinander umgehen und miteinander leben kann. Und ich vermute, dass das für Österreich ganz allgemein gilt. Dass wir in den wirklich kritischen Phasen, der letzten – sagen wir – siebzig Jahre immer Erfolg gehabt haben, wenn wir diese Zusammenarbeit betont haben. Wenn wir das Gemeinsame vor das Trennende gestellt. haben. Das ist meine persönliche Erfahrung – wenn Sie so wollen – aus 72 langen Lebensjahren.

Ich möchte: Mein Ziel ist es, ein konstruktives Gegenüber zu sein. Gegenüber der Bundesregierung, namentlich gegenüber dem österreichischen Parlament, damit wir gemeinsam eine neue politische Kultur und Arbeitsweise mitprägen. Und, dass wir dann in sechs Jahren sagen können, wenn die Amtsperiode des Bundespräsidenten abläuft… In sechs Jahren sollen möglichst alle Menschen in Österreich sagen können: Ja, mir geht es gut oder sogar besser als vor sechs Jahren. In sechs Jahren sollen möglichst alle Menschen in Österreich sagen können: Meine Kinder haben eine gute Zukunft. Und in sechs Jahren sollen möglichst alle Menschen in Österreich sagen können: Ja, mein Blick in die Zukunft ist voller Zuversicht, voller Hoffnung.

Kurz zu meinem Amtsverständnis: Wenn Sie die letzten fünf Monate verfolgt haben, werden Sie ja wissen, dass ich immer betont habe, behutsam, bedachtsam mit den Rechten und Pflichten des Bundespräsidenten im Sinne der Republik umzugehen. Ich werde Österreich nach außen, gegenüber Europa, gegenüber der Welt bestmöglich vertreten. Und nach Innen versuchen, das Verbindende, das Verbindliche, das Kooperative in den Vordergrund zu stellen. Und natürlich will ich auch eine Art Türöffner sein, wie es schon Heinz Fischer getan hat: Für die Wirtschaft Österreichs im Ausland; im Interesse der Arbeitsplätze, hier im Inland.

Und ich werde selbstverständlich ein überparteilicher Bundespräsident sein. Für alle Menschen in diesem Land. Und diese Überparteilichkeit erfordert, dass ich ab heute meine Mitgliedschaft bei den Grünen ruhend stelle. Und ich möchte auch ab heute arbeiten, auch das Vertrauen der Wähler von Norbert Hofer zu gewinnen. Weil es eben meine feste Überzeugung ist, dass gute Lösungen gemeinsam erarbeitet werden können. Ich möchte dem Land und allen seinen Menschen hier dienen. Dafür wird man in der Demokratie schließlich gewählt.

Ich werde ausschließlich nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Und das Wohlergehen Österreichs als oberste Handlungsmaxime betrachten. Vielleicht halten Sie das für Sentimental. Aber ich glaube, dass Österreich ein großes Land ist. Viel in der Vergangenheit geleistet hat und Großartiges in der Zukunft leisten wird. Und ich glaube auch an die Zusammenarbeit aller Menschen in diesem Land.

Erlauben Sie mir abschließend eine Bemerkung zum gestrigen Tag. Die Nerven haben wir alle behalten. Erlauben Sie mir eine Bemerkung zum knappen Ergebnis und diesem nahezu Fifty-Fifty-Ergebnis – diesem 50:50-Resultat. Man kann es auch so sehen: Das ist ein Symbol. Ein Symbol, wie es in gewisser Weise nicht klarer zu uns sprechen könnte. Nämlich: Viel war die Rede von den Trennungslinien in diesem Land. Zwischen links und rechts und Stadt und Land, innen und außen, oben und unten, alt und jung. Und so weiter, was wir nicht noch alles für Trennlinien zu entdecken glaubten.

Aber ich finde, man kann den Gleichstand auch so sehen: Wir sind eben gleich. Es sind zwei Hälften, die Österreich ausmachen. Die eine Hälfte ist so wichtig wie die andere. Ich könnte sagen: Du bist gleich wichtig wie ich und ich bin gleich wichtig wie Du. Und gemeinsam ergeben wir dieses schöne Österreich.

Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Aufmerksamkeit.

The following two tabs change content below.
Digitaler und Politischer Entrepreneur - Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen - seit einigen Jahren selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Media Strategy, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.