von
   

Transkript zum Gespräch mit Christian Kern (Bundeskanzler) vom 17. Mai 2016 in der ZIB2 mit Armin Wolf.

Alles Gute im neuen Job, Herr Kern!

Dienstag, 17. Mai 2016
ORF
Transkriptstatus: Dienstag, 17. Mai 2016, 23:30
Quelle: ORF TVthek
Bildquelle: tvthek.orf.at (Screenshot)

Die Idee hinter dem Transkript ist, ein gesprochenes TV-Interview auch in einem zusätzlichen Kanal – und zwar in Textform – zur Verfügung zu stellen. Oft ergeben sich beim Lesen andere und klarere Zusammenhänge. Strukturen werden erkannt und eigentliche Botschaften, Textbausteine werden noch klarer und können weiter recherchiert werden. Wir möchten Politik, politische Ideen und Veränderung und den Weg in ein neues, offenes und mitgestaltbares politisches Zeitalter unterstützen. Und dem Gesagten mit dem Transkript einen ernstzunehmenden anderen Zugang sowie eine möglichst breite Reflektion bieten. Danke an die ModeratorInnen und die TV-Anstalten, dass Interviews transkribiert werden können.

Idee, Feedback oder Fehler gefunden? Bitte an info [at] neuwal.com schicken! Danke.

Christian Kern
20120425_1017_Semmeringbasistunnel_Spatenstich_0488Christian Kern (* 4. Jänner 1966 in Wien) ist ein österreichischer Manager und Politiker (SPÖ). Er war von 2010 bis 2016 Vorstandsvorsitzender der ÖBB-Holding AG. Seit dem 17. Mai 2016 ist er österreichischer Bundeskanzler und folgt damit Werner Faymann nach, der am 9. Mai 2016 als Bundeskanzler und Parteivorsitzender der SPÖ zurückgetreten war. [1]

Christian Kern wuchs als Sohn einer Sekretärin und eines Elektroinstallateurs im 11. Wiener Gemeindebezirk Simmering auf. Er absolvierte sein Studium der Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien, das er 1997 als Mag. phil. abschloss, wo er sich auch im VSStÖ engagierte, und absolvierte anschließend eine postgraduale Ausbildung am Management Zentrum St. Gallen (MZSG). [2]

Bild- und Textquelle (gekürzt):
[1] neuwal.com/positionen
[2] wikipedia.org

Einleitung
Werner Faymann ist am 9. Mai 2016 als SPÖ Parteichef und Bundeskanzler zurückgetreten.
Als Nachfolger wurden in den Tagen danach Christian Kern und Gerhard Zeiler genannt.
Christian Kern war bisher Chef der ÖBB.
Am Montag, 17. Mai 2016 wurde Christian Kern als österr. Bundeskanzler angelobt.
Die SPÖ Länderorganisationen positionierten sich alle für Christian Kern.

Armin Wolf: Und Den designierten SPÖ-Vorsitzenden begrüße ich jetzt bei mir im Studio. Guten Abend, Herr Kern.

Christian Kern (Bundeskanzler): Guten Abend.

Vielen Dank fürs Kommen. Herr Kern: Inhaltslos, Machtversessen, Zukunftsvergessen. Mit einer Sprache, die niemand mehr hören kann. Das war ja ein wirklich gnadenloses Urteil über die Arbeit Ihrer eigenen Partei und des Koalitionspartners in den letzten Monaten und Jahren. Niemand hat Ihnen widersprochen. Aber: Warum sollte das mit den beiden gleichen Parteien jetzt plötzlich anders werden?
Transkript: Die erste Pressekonferenz von Christian Kern

„Wenn wir dieses Schauspiel weiter liefern, ein Schauspiel der Machtversessenheit und der Zukunftsvergessenheit, dann haben wir nur noch wenige Monate bis zum endgültigen Aufprall. Wenige Monate, bis das Vertrauen und die Zustimmung in der Bevölkerung restlos verbraucht sind.“

kern-derstandard.at-screenshotTranskript: Die erste Pressekonferenz von Christian Kern

Ich denke, das ist eine Kritik an den bisherigen Vorgehensweisen gewesen. Ich möchte allerdings hinzufügen: Damit sind nicht nur die beiden Regierungsparteien gemeint. Das ist ja ein Phänomen, das die österreichische Politik generell betrifft. Und wie Sie richtig gesagt haben: Ich habe da etwas zum Ausdruck gebracht, das viele Bürger und Bürgerinnen in unserem Land so empfinden. Ich kann Ihnen nicht garantieren, dass das besser wird. Aber ich kann Ihnen garantieren, dass wir mit einem völlig anderen Zugang an die Sache herangehen werden. Ich bin mir da auch mit Reinhold Mitterlehner einig. Wir beide werden das versuchen. Und werden unser bestes daransetzen, dass das dann tatsächlich dann Wirklichkeit wird.

Sie sind – außer vor knapp dreißig Jahren als Studentenvertreter – noch nie für eine politische Funktion gewählt worden. Und haben auch bei der letzten Nationalratswahl nicht kandidiert. In wie fern sind Sie als Regierungschef eigentlich demokratisch legitimiert?

Die Sozialdemokratische Partei hat einen klaren Wählerauftrag bekommen. Im Zuge dieses Wählerauftrags hat sie immer wieder Personal gewählt. Den Bundeskanzler, der – haben Sie recht – auf der Liste kandidiert hat, der Spitzenkandidat war, Minister – also wesentliches politisches Führungspersonal. Ja, in der Tat ist das so, dass natürlich diese Form der Legitimation eine stärkere ist. Aber am Ende des Tages haben wir in Österreich bekanntermaßen ein Listenwahlrecht. Das heißt: Sie wählen eine politische Partei und nicht eine Person bei einer Nationalratswahl. Das ist ja auch der Unterschied zur Bundespräsidentenwahl.

Es hat in den letzten 50 Jahren erst einen Bundeskanzler in Österreich gegeben, der ohne jede Regierungserfahrung ins Amt gekommen ist. Nämlich Alfred Gusenbauer. Und er ist bekanntlich nach zwei Jahren gescheitert. Sie hatten überhaupt noch nie überhaupt ein politisches Amt inne und werden gleich Chef der Regierung und der SPÖ. Sind das wirklich Jobs für einen Quereinsteiger?

Ich denke, dass das eine Vorgehensweise ist, die Sinn macht. Logischerweise werde ich das jetzt natürlich verteidigen. Sie können ja nicht von mir erwarten, dass ich heute angelobt werde und dann erkläre: Das alles ist ein großes Missverständnis. Nein, aber wenn Sie sich die Herausforderungen ansehen, dann muss man sagen, dass man wirklich an einem Punkt angelangt ist, mit dem gesamten politischen System. Aber auch was die Zustimmung und das Vertrauen in die Regierung betrifft, wo wir eindeutige eine Trendwende brauchen. Die Art und Weise, wie wir Politik betrieben haben, die Sprache der Politik, die Rituale, die Erscheinungsformen, die finden zunehmend weniger Verständnis in der Bevölkerung. Und vor dieser Situation, denke ich, angesichts der Dimensionen, Problemen und Herausforderungen, dass es viele Menschen im Land verstehen, dass man hier einmal einen neuen Weg geht.

Das vielleicht bekannteste Zitat über Sie stammt von einer prominenten Parteifreundin von Ihnen. Die Sie sehr gut kennt und die Sie auch als ÖBB-Chef geholt hat. Und Sie hat gesagt: „So wie ich keine gute Bahn-Managerin wäre, wäre er [Kern] kein guter Politiker.“ Was weiß denn Doris Bures über Sie, dass wir noch nicht wissen?

Doris Bures hat im Konjunktiv gesprochen. Mein Ehrgeiz ist es jetzt, das zu falsifizieren und zu zeigen, dass dem eben nicht so ist.

Aber warum glauben Sie, dass Sie das können?

Ich… Sie haben völlig recht. Das ist eine völlig berechtigte Frage. Und der muss man sich stellen. Ich bin davon überzeugt, dass wir in diesem Land eine andere Form der Politik brauchen. Ich glaube, dass das eine Politik sein muss, die viel stärker faktengestützt ist. Die sich viel stärker auf Analysen beruft. Die sich letztendlich aber auch konsequent mit der Frage der Erfolgskontrolle auseinandersetzt. Das alles sind Methoden, mit denen Sie üblicherweise Unternehmen, große Organisationen führen. Nicht, dass wir uns missverstehen.

Dass das heute eine Situation ist, wo wir neue Wege suchen müssen. Dass das die Bevölkerung auch von uns erwartet. Dass letztendlich die Unzufriedenheit so groß ist – und da nehme ich die Oppositionspolitik genau so wenig aus -, dass wir hier alle miteinander gut beraten sind, uns hinzusetzen, und zu sagen: Was sind die Mitteln, was sind die Instrumente und was sind die Denkweisen, mit der wir an Politik herangehen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich habe in den letzten Jahren zunehmend mein Interesse an innenpolitischen Politikberichterstattungen in den Zeitungen zum Beispiel verloren. Weil ich immer das Gefühl hatte…

So ging es mir nicht. Wäre in meinem Beruf auch seltsam.

Schwierig, ja.

Aber trotzdem. Gerhard Zeiler war letzte Woche hier im Studio. Und er hat etwas ganz Interessantes über die Innenpolitik erzählt. Nämlich, dass seit einem Jahr daran gearbeitet worden sei, Werner Faymann zu stürzen. Und dabei hätten Sie beide eine Rolle gespielt. Sie haben das heute ein bisserl verspottet in Ihrer Pressekonferenz als „House of Cards für Arme“. Aber Herr Zeiler hat es schon etwas detaillierter geschildert. Und er hat wörtlich gesagt: „Sie hatten in diesem Projekt beide eine Rolle zu spielen.“ Was war denn da genau Ihre Rolle?

Also, da müssen Sie ganz ehrlich den Gerhard Zeiler fragen. Natürlich ist das eine großartige Geschichte. Die bedient viele Klischees. Die bedient viele Vorurteile. Gerhard Zeiler haben uns vor längerer Zeit darüber unterhalten, dass wir meinen, in diesem Land sind Veränderungen notwendig. Er hat mir erzählt, dass er hier kandidieren möchte. Ich bin der Meinung gewesen, seine inhaltliche Analyse trifft voll und ganz zu. Aber eine Verschwörung oder etwas… da würden Sie uns wirklich sehr überschätzen.

Ich habe ja nur wiedergegeben, was Gerhard Zeiler gesagt hat. Aber kommen wir zu den Inhalten. Mir ist nach Ihrer Pressekonferenz heute unklar geblieben, wie denn nun Ihre konkrete Haltung in der Flüchtlingsdebatte aussieht. Die ÖVP hat ja zur Bedingung gemacht, dass es da keine Änderung gibt. Heißt das jetzt, dass diese berühmte Obergrenze von 37.500 Asylanträgen in diesem Jahr nach wie vor für Sie gilt?

Ich habe das versucht, an Hand des Beispiels der Bahn zu erklären, wo wir im vergangenen Jahr im Sommer aus Menschlichkeit und aus einer humanitären Verpflichtung heraus gehandelt haben. Weil da ging es um Menschen, die keine Herberge hatten, sind tausende Kilometer weit gereist. Denen ist es nicht gut gegangen. Die zu versorgen war ein klarer Fall für uns. Wir sind der Meinung: Respekt vor der Menschenwürde kann sich nicht nur auf unsere Bahnkunden beziehen. Sondern, jeder der hier ein Bedürfnis hat, sollte in unserem Land entsprechend aufgenommen werden und nach den Möglichkeiten – letztendlich die uns zur Verfügung stehen – geholfen werden.

Aber auf der anderen Seite haben wir ganz logisch gesagt: Na gut, wir müssen uns auch deshalb darum kümmern, weil, wenn diese Menschen weitermarschieren, dann tun sie das über die Bahngleise. Und gehen von Stadt zu Stadt. Die Konsequenz wäre ein Zusammenbruch des öffentlichen Verkehrs in Österreich gewesen. Und eineinhalb Millionen Österreicher wären nicht in der Lage gewesen, zu ihren Arbeitsplätzen, in die Schule, zu ihren Familien zu kommen. Und das ist für mich ein gutes Beispiel, wie wir damit auch in Zukunft umzugehen haben.

Ja, wir haben eine Verpflichtung gegenüber den Menschenrechten. Aber auf der anderen Seite gibt es im Land ein berechtigtes Sicherheitsbedürfnis. Und es gibt auch ein berechtigtes Bedürfnis nach Ordnung. Das erwarten die Bürger von der Politik, dass wir diese Sorgen vollumfänglich ernst nehmen. Und aus meiner Sicht heißt es, dass es eine Grundlage für die Asylpolitik gibt. Das ist ein intensiv diskutierter Kompromiss zwischen den beiden Regierungsparteien. Das ist eine taugliche Grundlage, hier damit umzugehen.

Aber heißt das jetzt, dass wenn 37.500 Asylanträge erreicht sind – und so versteht ja die ÖVP diesen Kompromiss -, dass dann diese umstrittene Notverordnung in Kraft tritt? Und keine weiteren Asylanträge an österreichischen Grenzen mehr angenommen werden?

Das ist der Plan, den die Regierung gefasst hat. Schon vor meiner Zeit. Zu diesem Plan stehe ich auch. Das ist überhaupt keine Frage. Aber ich denke, dass wir den Fokus viel stärker auf die Frage richten müssen: Wie integrieren wir die Menschen, die schon da sind. Und das habe ich mit dem Beispiel der Bahn gemeint. Hier geht es um einen vernünftigen Umgang in unserem Interesse. Weil die Menschen sind da.

Die werden wir nicht aus dem Land bekommen. Das können wir uns wünschen. Wir können Symbolpolitik betreiben so viel wir wollen. Aber die Aufgabe muss sein, dafür zu sorgen, dass sie auf den Arbeitsmärkten integriert werden können. Dass ausreichend Wohnungen zur Verfügung stehen. Und vor allem, dass das Bildungssystem sie aufnehmen muss. Dann gibt es eine Diskussion – die ist ja auch bekannt – oder manche sagen: Die Ausländer bekommen das ganze Geld, denen werfen wir alles nach. Meine These ist: Ja, natürlich ist das eine Verpflichtung, die wir haben. Das hat mit dem Asylrecht zu tun.

Aber auf der anderen Seite tun wir das ja auch im Interesse der Österreicher. Weil wir können ja kein Interesse daran haben, junge Menschen in die Illegalität abzudrängen, sie quasi der Hoffnungslosigkeit auszusetzen und der Kleinkriminalität zuzutreiben. Und deshalb meine ich, dass wir gemeinsam auch überlegen müssen, wie diese Zahl an Menschen, die vorhanden ist, die in Österreich ist, tatsächlich auch bestens integriert werden kann. Im Interesse aller.

Der zweite große Streitpunkt in der SPÖ war zuletzt die Haltung zur FPÖ. Da haben Sie jetzt heute gesagt: „Es wird einen Kriterienkatalog für Koalitionsbedingungen geben.“ Aber auch – wörtlich: „Die SPÖ wird mit niemandem zusammenarbeiten, der gegen Menschen oder Minderheiten hetzt.“ Deshalb jetzt die konkrete Frage: Ist die FPÖ für Sie eine Partei, die gegen Menschen oder Minderheiten hetzt?

Das entscheidende dabei ist: Wir wollen so stark werden, dass wir in dem Land den Führungsanspruch auch in Zukunft stellen werden können. Dann werden sich die anderen Parteien an unserer Haltung zu orientieren haben. Diese Haltung werden wir ganz klar festmachen an Hand eines Kriterienkatalogs. Da gehört die Absicherung des Sozialstaats zum Beispiel dazu – sehr wichtig. Da gehört aber auch dazu, dass bestimmte Prinzipien eingehalten werden wie z.B. Minderheitenschutz. Angesichts der Äußerungen und der Eskalation – wenn man so will -, der Rhetorik, halte ich die FPÖ auf Bundesebene, so wie sich heute darstellt, für keinen Koalitionspartner.

Das heißt, Sie können sich nicht vorstellen, in einer Regierung mit Herrn Strache zu sitzen. Oder mit Herrn Vilimsky?

Angesichts der Einstellungen, die die Damen und Herren der FPÖ zuletzt verbreitet haben, ist das ein langer Weg, bis wir da uns möglicherweise mal zusammenfinden können.

Jetzt ist ja die SPÖ eine gigantische Baustelle. In den letzten Umfragen – seit Monaten – liegt sie weit hinter der FPÖ zurück. Bei der Bundespräsidenten-Wahl haben gerade nochmal elf Prozent den sozialdemokratischen Kandidaten gewählt. Wie erklären Sie sich das eigentlich?

Ja, ich denke, das ist genau Ausdruck dessen, was ich ganz am Beginn gesagt habe und auch der Ausführungen in der Pressekonferenz heute. Es gibt einen grassierenden Vertrauensverlust, der mit der Art und Weise, wie Politik gedacht, gelebt, auch in die Öffentlichkeit getragen wird zusammenhängt.

Ja, die haben offensichtlich vieles richtiggemacht. Haben offenbar den Nerv getroffen. Und, ich glaube, das muss das Ziel sein. Dass wir uns am Ende des Tages nicht mit Diskussionen über Rot-Blau und ähnliches beschäftigen. Weil das interessiert die Leute in Wahrheit auch nicht besonders. Das ist interessant für eine kleine Gruppe an Politikbeobachtern – ist natürlich eine Prinzipienfrage, die wir ernsthaft angehen und einhalten werden. Aber letztendlich geht es darum, wieder klar zu machen, dass wir verstehen, dass wir uns um Problemlösungen kümmern. Diese ganzen Diskussionen, die nie zu Ergebnissen führen… Ich glaube, das ist genau das, was die Leute überhaben.

Gut. Machen wir es hier konkret. Sie haben heute sehr viel über die Wirtschaft in ihrer Pressekonferenz heute. „Da muss etwas passieren. Kurzfristig und längerfristig.“ Was muss den kurzfristig passieren? Ganz konkret.

Sie haben vor kurzem – ich glaube, es ist in der vergangenen Woche gewesen – den Generaldirektor der VOEST hier zu Gast gehabt. Und der hat seine Probleme mit dem Wirtschaftsstandort Österreich geschildert. Und er hat unter anderem gesagt: „Es ist nicht klar, ob er in Österreich weiter in Hochöfen investieren wird.“ Mein Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass 2025 ein Unternehmen wie die VOEST immer noch fünf Hochöfen in Österreich hat, bzw. die Wertschöpfung und damit die Arbeitsplätze in Österreich. Das ist eine komplexe Fragestellung. Da gibt es keine einfache Antwort. Aber das hat mit Energiekosten zu tun. Das hat mit Standortbedingungen in vielfacher Art und Weise zu tun, die wir gemeinsam analysieren müssen und da weiterkommen. Und ein zweiter Punkt aus meiner Sicht, ist, dass wir viel stärker öffentliche und private Investitionen verzahnen müssen.

Ich musste jetzt vorher mein Telefon draußen abgeben. Aber ich habe ein Apple iPhone. Wenn Sie sich die Geschichte dieses Telefons anschauen, dann sehen Sie, dass sowohl das Display, das Navigationssystem, das GPS-System, Siri der Spracherkennungsdienst, alles aus Forschungsprojekten entstanden sind, die staatlich angetrieben worden sind. Die mit öffentlichen Geldern finanziert worden sind. Steve Jobs hat die Teile zusammengesetzt und hat ein geniales Produkt daraus gemacht. Das ist eine perfekte Kooperation zwischen öffentlichen und privaten Investitionen.

Wir haben in Österreich übrigens ein perfektes Beispiel. Bei der Bahn funktioniert das genauso. Ein ganz ein wichtiger Sektor, wo die ÖBB den Heimmarkt geboten hat, auf deren Basis Produkte abgenommen wurden. Exporterfolge sichergestellt worden. Wir haben heute österreichische Weichen zwischen Shanghai und Peking liegen. Österreichische Schienen, die in Donawitz produziert sind. Zwischen St. Petersburg und Moskau.

Insights: neuwal Positionen

neuwal.com/positionen ist eine reine Daten-Aggregation aus unterschiedlichen Medien zu einem Thema und visualisiert Zusammenhänge.

Ich muss jetzt schon auf die Zeit schauen, komme zu einem kleineren Thema, das aber für viel Unmut in den letzten Jahren bei vielen Kommentatoren gesorgt hat. Nämlich eine besondere Politik Ihres Vorgängers Werner Faymanns: Sehr viel Geld für teure Inserate – vor allem in Boulevard-Zeitungen – auszugeben. Diese berühmte Inseratenpolitik ist nun wirklich viel kritisiert worden. Wird es unter Ihnen auch so viele Inserate geben? Bei der ÖBB waren Sie ja da nicht so sparsam.

Naja, die ÖBB ist ein Unternehmen, das Kunden zu überzeugen hat. Und Menschen für die Bahn zu begeistern hat. Und das Angebot zu bewerben. Logischerweise hat das einen Marketing-Etat. Allerdings ist der nicht unter den fünfzig größten in Österreich gewesen – die Werbeausgaben der ÖBB. Also, das muss man angesichts der Größe des Unternehmens relativieren. Aber offen gesagt: Ich habe mich mit der Frage noch gar nicht auseinandergesetzt. Weil ich wüsste gar nicht, wo die Mitglieder der Bundesregierung inserieren sollen. Unsere vorderrangige Aufgabe ist es nicht zu inserieren, sondern Politik zu machen. Taten zu setzen und klar identifizierbar zu machen, was wir für das Land tun.

Sie haben heute gesagt, Sie werden am Sonntag bei der Bundespräsidenten-Wahl Alexander Van der Bellen wählen. Aber die SPÖ hat als Partei auch heute keine Wahlempfehlung abgegeben für den zweiten Wahlgang. Warum eigentlich nicht?

Wir haben uns heute mit dieser Frage nicht auseinandergesetzt. Das ist nicht zur Diskussion gestanden. Ich persönlich habe ein klares Bekenntnis dazu. Ich habe das mehrfach und immer wieder gesagt, dass ich Alexander Van der Bellen für einen fähigen Bundespräsidenten halte. Ich bin mir nicht sicher, ob der Herr Van der Bellen jetzt großen Wert auf eine Wahlempfehlung der SPÖ gelegt hätte.

Norbert Hofer sagt: Er sehe es als Aufgabe des Präsidenten, der Regierung Ziele vorzugeben. Und wenn sie seine Ziele nicht erfüllt – auch nach mehreren Gesprächen -, dann wird er die Regierung entlassen. Sehen Sie das auch so, dass der Bundespräsident die Ziele vorgibt?

Heinz Fischer hat heute bei der Angelobung gesagt: Der Bundespräsident ist nicht der Chef des Bundeskanzlers. Und der Bundeskanzler ist nicht der Chef des Bundespräsidenten. Das ist eine sehr weise Ausführung. Weil wir in unserem Land eine Machtbalance haben. Und wir alle gut beraten wären, hier ein Auge auf diese Machtbalance zu haben und dafür zu sorgen, dass die Architektur der Verfassung der Zweiten Republik mit größter Ernsthaftigkeit betrieben wird. Das ist kein Feld für Experimente. Das ist kein Feld, wo man einem – wenn man so will – eine Machtausübungsüberschreitung ankündigen sollte.

Gut, möglicherweise ist der Bundespräsident aber doch der Vorgesetzte des Kanzlers. Weil er kann den Kanzler entlassen. Sie können den Bundespräsidenten nicht entlassen. Jetzt sagt Herr Hofer schon: Wenn er Bundespräsident wird, dann rechnet er mit baldigen Neuwahlen. Sie auch?

Der Vorgesetzte des Bundeskanzlers ist ganz eindeutig der österreichische Wähler und die österreichischen Wählerinnen.

Das beantwortet jetzt aber nicht meine Frage, ob Sie mit baldigen Neuwahlen rechnen, wenn Herr Hofer Bundespräsident wird.

Nein, damit rechne ich nicht. Weil zunächst einmal ist ja so, dass höchst offen ist, wer tatsächlich diese Wahl gewinnt. Und wie auch immer der Wahlgewinner aussieht, wird man sich dann hinsetzen. Und dann gibt es den Spruch: Es wird wohl nicht so heiß gegessen, wie gekocht. Ich glaube, wir haben alle miteinander ein Interesse an der guten Entwicklung unseres Landes. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand bereit ist, dass ernsthaft, leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

Herr Bundeskanzler Kern, vielen Dank für Ihren Besuch im Studio.

Danke.

The following two tabs change content below.
Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place. Seit April 2018 bei der Rechercheplattform addendum.org.