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Heute um 12 Uhr habe ich mich über einen Anruf von der ZIB2-Redaktion sehr gefreut: Das Thema von den Kandidatinnen und Kandidaten abseits der bereits bekannten Bewerber bekommt Interesse. Ich wurde zu einem Interview zum Thema „Bundespräsidentenkandidaten“ eingeladen: Welche Kandidaten es gibt, wie die Chancen stehen, etc. Für 14 Uhr hat sich das Kamerateam und Redakteur im Office im IMPACT HUB VIENNA angekündigt. Kurz Zeit, um sich schnell vorzubereiten – hier die vollständigen Ideen zum gesendeten Beitrag. Danke für die Einladung!

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Vorbereitungszettel

Neben den fünf mehr oder weniger bereits bekannten Kandidaten gibt es rund 12 weitere Kandidatinnen und Kandidaten die sich um das Amt des Bundespräsidenten bewerben möchten. Diese Zahl an weiteren Kandidaten ist sehr hoch und wenn gleich auch nicht außergewöhnlich. Denn es suchen neben etablierten Parteien oder Kandidaten oft bis zu viermal mehr Kleinparteien, interessierte Persönlichkeiten aus der Öffentlichkeit oder Bewegungen ihre Chance zur Kandidatur.

Bereits bei der Bundespräsidentenwahl 2010 gab es neben Heinz Fischer, Rudolf Gehring und Barbara Rosenkranz sieben weitere Kandidaten. Bei der Wien Wahl 2015 versuchten es bis zu 15 Parteien mit Hilfe von Unterstützungserklärungen auf den Stimmzettel. Und auch bei der Nationalratswahl 2013 gab es 14 Parteien, von denen es letztlich 9 Parteien zur Kandidatur schafften. Wer es von den derzeit insgesamt rund 17 Kandidaten bei der diesjährigen Bundespräsidentenwahl auf den Stimmzettel schaffen wird, werden wir Ende März erfahren.

Eine Kandidatur sieht auf den ersten Blick sehr einfach aus: Eine Website, ein Video sollten für die erste Aufmerksamkeit ausreichend genug sein. In der ersten „Hello World“-Phase werden zumindestens der Name des Kandidaten, Biografie sowie Positionen bekannt gegeben – und das Interesse für Interviews und für vorerst spannende drei vier Wochen ist gesichert. Danach sind zusätzliche Fähigkeiten entscheidend: In Phase 2 – dem „Ambassadoring“ – gilt es, ein Netzwerk und Team aufzubauen. In dieser Phase ist es entscheidend, dass Verbindungen zu Gruppierungen und Menschen hergestellt werden, die den Kandidaten unterstützen. Ebenso sind gezielte Marketing- und PR-Tätigkeiten in dieser Phase für eine Kandidatur entscheidend. Aus diesem aufgebauten Netzwerk sollten sich „Contributors“ und Multiplikatoren für die Phase 3 entwickeln, die dem jeweiligen Kandidaten mit Unterstützungerklärungen weiterhelfen. Wurde die Hürde von 6.000 Unterstützungerklärungen geschafft, dann gilt es in der vierten Phase die gewonnenen UnterstützerInnen zu „Electors“ in die entscheidende Wahlphase mitzunehmen – im besten Fall sind es gleich zwei Wahlen.

Eine Kandidatur wird dann erfolgreich, wenn ab Phase 2 notwendige Ressourcen wie Zeit, Personal und Geld im analogen/realen Raum verfügbar sind. Social Media und das Internet helfen dabei nur unterstützend, kommunikativ und verbindend. Das Wahlbusiness erfolgt im realen Leben.

Für eine Kandidatur sind 6.000 Unterstützungersklärungen notwendig. Unterstützungserklärungen können österreichweit gesammelt werden – von allen derzeit 15 Bewerbern. Dabei gibt es keine Vorschriften, wie viele Unterschriften aus den Bundesländer kommen können. Unterstützungerklärungen werden im Zeitraum 23. Feb. bis 18. März 2016 angenommen. Insgesamt stehen dafür 25 Tage zur Verfügung. Da Unterstützungerklärungen im Magistrat oder auf der Gemeinde abgegeben und unterschrieben werden müssen, stehen dafür rein rechnerisch lediglich 19 Tage zur Verfügung. Hat man notwendige Ressourcen für einen Notar, lassen sich Unterstützungserkärungen auch auf der Straße unterschreiben. Auf die Gemeinde gebracht werden müssen sie trotzdem. Werden Unterstützungerklärungen österreichweit gesammelt, stehen dafür gut 17 Tage zur Verfügung – der Rest wird für den Postweg berechnet. Das bedeutet, dass jeder Kandidat täglich ca. 240 bis 320 Unterstützungerklärungen aufbringen muss, damit eine Kandidatur gesichert ist. Das sind pro Bundesland ca. 35 Unterstützungerklärungen/Tag.

Bei einer Annahme, dass die Magistrate in Wien 30 Stunden geöffnet haben – durchschnittlich sechs Stunden am Tag – müsste ca. jede Minute eine Unterstützungserklärung für einen Kandidaten abgegeben werden. Das ist eine Herausforderung.

Und dieser Herausforderung stellen sich diesmal auch Künstler, Kosmologen und Kapitäne. Ihre Motivation ist durchwegs dieselbe: Verdrossenheit, wie Politik derzeit läuft. Frust auf Parteien, Politiker und das politische System. Positiv gesagt ist es auch die Motivation, etwas selbst zu verändern und die Chance zur Mitgestaltung in die Hand nehmen. Neben dieser Motivation ist es auch eine vermeintlich gute PR- und Marketingangelegenheit, sich selbst mit seinen Fähigkeiten für einen kurzen Zeitraum ins Rampenlicht zu setzen. Auch diese Chance wird von Kandidaten – wie wir es bei Richard Lugner gesehen haben – sehr freudig genutzt.

Gustav Jobstmann (parteifrei) im neuwal Gespräch
Thomas Reitmayer (Die PARTEI) im neuwal Gespräch
Karin Kolland (parteifrei) im neuwal Gespräch
El Awadalla (parteifrei) im neuwal Gespräch
Gernot Pointner (parteifrei) im neuwal Gespräch

» Übersicht: Wer wen ins Spiel bringt

Ähnlichkeiten gibt es auch, wie das Amt des Bundespräsidenten gestaltet werden soll: Bürgernahe, offen, kommunikativ. Ein offenes Haus wird gewünscht, mit dem Ihr nahe an den Bürgern. Auch werden Gehaltskürzungen werden für die Ausübung des Amts verlangt und für sich selbst in Kauf genommen. Auch der Rücktritt und die Abgelobung von Regierung und Ministern steht am Wunschzettel der Tätigkeiten. Damit letztlich die Regierung mit Ministern nach eigenen Wünschen neu definiert und zusammengestellt wird, konnte ich in den Interviews erfahren.

Die Realität zeigt jedoch, dass nicht jeder der Kandidatinnen und Kandidaten über die Rechten, Pflichte und Kompetenzen des Bundespräsidenten Bescheid weiß und nicht klar hervorgeht, was ein Bundespräsident darf und was er nicht darf. Ein Blick auf bundespraesident.at kann hier sehr hilfreich sein.

Eine Chance besteht für alle BewerberInnen, mit Hilfe von 6.000 Unterstützungerklärungen auf den Stimmzettel zu kommen. Realistische Chancen sehe ich im Bewerberpool allerdings derzeit nur bei zwei Kandidaten. Und zwar bei jenen mit parteipolitischem Hintergrund, die bereits in der Vergangenheit politisch aktiv waren und eine breitere Lobby und Gemeinschaft hinter sich haben. Damit meine ich El Awadalla, die bis 1990 bei der KPÖ war und im Vorjahre bei der Wien Wahl auf der Liste „Wien Anders“ kandidierte. Sie hat durchaus das Potential, im Bereich der LinkswählerInnen, Piraten und ehemaligen Europa Anders bzw. Wien Anders WählerInnen zu punkten. Auch Robert Marschall könnte mit der Unterstützung von EU-Gegnern und seiner EU-Austrittspartei die 6.000er Hürde schaffen.

Alles ist es schon jetzt ein Wahlkampf mit großem medialen Interesse: Medien berichten im Vorfeld über alle Kandidaten und generieren einen Diskurs. Auch die Spekulationen um mögliche Kandidaten sehe ich als positiv: Es wird wieder diskutiert und es wird sich mit dem Thema Politik auseinandergesetzt. Gut so!

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Digitaler und Politischer Entrepreneur - Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen - seit einigen Jahren selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Media Strategy, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.