Die erste Pressekonferenz von Alexander Van der Bellen in der Rolle des Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten fand am 10. Jan. 2016 im Presseclub Concordia statt. Hier eine Audioaufzeichnung mit Transkript der Rede.

Pressekonferenz Alexander Van Der Bellen

Posted by Alexander Van der Bellen on Sunday, January 10, 2016

Transkript: Pressekonferenz Alexander Van der Bellen

Danke für das Kommen. Jetzt weiß ich endlich, wie es einem mittleren Hollywood-Schauspieler geht.

Meine Damen und Herren, wie Sie wissen, kandidiere ich für das Amt des Bundespräsidenten, Bundespräsidenten der Republik Österreich. Und ich bin überzeugt, dass ich eine Chance habe. Eine Chance, hinreichend viele Bürgerinnen und Bürger zu überzeugen und Ihr Vertrauen zu gewinnen und schlussendlich gewählt zu werden. Und ich bin fest entschlossen, diese Chance zu nutzen.

Gleichzeitig bin ich nicht naiv. Ich weiß, ich bin ein Außenseiter. Und natürlich gibt es Leute, vor allem Personen in den schwarzen oder roten Parteiapparaten, die es für undenkbar halten, dass jemand, der nicht aus ihrem Bereich kommt, eine Bundespräsidentenwahl gewinnt.

Seit 1945, also seit rund 70 Jahren, waren ausnahmslos alle Bundespräsidenten dem einen oder dem anderen sogenannten Lager zugehörig bzw. haben sich rot und schwarz in diesem Amt gegenseitig abgelöst. Aber, die Zeiten ändern sich. Die Zeiten ändern sich. Und ich bin überzeugt: Ich habe eine Chance. Eine ernste Chance.

Warum kandidiere ich?

Erstens natürlich bin ich überzeugt, dass ich die Aufgaben des Bundespräsidenten gut wahrnehmen kann. Ich bin ein verbindlicher Charakter, würde nach innen verbindend wirken, verteilt, übergreifend verbinden und nach außen – glaube ich – Österreich gut repräsentieren.

Ich bin auch zuversichtlich, dass wir in der Politik – und ich glaube es ist notwendig in Österreich – eine neue Gesprächskultur entwickeln können, entwickeln sollen. Eine Kultur des gegenseitigen Respekts, der Wertschätzung. Was mir besonders wichtig ist: Des einander zuhören Könnens. Das heißt also, davon Abstand zu nehmen, den anderen zu kritisieren, bevor er oder sie den jeweiligen Satz überhaupt zu Ende gesprochen hat. Das ist ja der politische Alltag. Das kennen wir alle nur zu gut.

Ich hingegen bin der Überzeugung, dass Vernunft und Sachlichkeit, eine gewisse Gesprächskultur nicht öd sind und nicht langweilig, sondern – genauso wie in der Wirtschaft – auch in der Politik ihre Notwendigkeit haben. Bitte mich nicht misszuverstehen.

Es geht nicht um eine Benimmschule. Es geht nicht um Betragensnoten. Und so richtig scharf zu polemisieren kann enormen Spaß machen. Ich bin der letzte, der das leugnet. Die Gefahr ist nur, dass wir dabei sind, zu verlernen, in dieser Polemik auch einmal eine Pause zu machen und einander zuzuhören.

Zweitens gibt es auch ganz persönliche Motive und ein ganz persönliches Motiv für dieses hohe Amt zu kandidieren. Klingt vielleicht ein bisschen pathetisch. Aber Österreich hat mir, dem Flüchtlingskind, große Chancen eröffnet. Österreich hat mir, dem Flüchtlingskind, viel geschenkt. Vor allem das, was man an Heimat nennt. Ubi bene, ibi patria – wo es mir gut geht, dort ist meine Heimat. Und mir geht es in Österreich wirklich gut. Österreich hat mich gut behandelt. Ich fühle mich in Österreich zu Hause. Von Tirol bis Wien, von Oberösterreich bis Kärnten, und so weiter. Das ist meine Heimat, dort gehöre ich hin.

Und ich sage Ihnen, dass es für mich nicht selbstverständlich ist, dass ich in Österreich gute Schulen besuchen konnte. Es ist für mich nicht selbstverständlich, dass ich in Österreich eine hochinteressante, erfolgreiche Universitätslaufbahn einschlagen konnte. Und nach 30 Jahren an den Universitäten, durfte ich über 20 Jahre lang Erfahrungen in der Politik sammeln. Und mit diesen beiden Milieus – Universitäten, Politik – habe ich sehr viel gelernt. Und für jeden interessanten Tag in diesen beiden Milieus bin ich sehr dankbar. Und ich hoffe, ich wünsche mir, ich glaube, dass es möglich ist, als Bundespräsident etwas von dem – wenn man so will – zurückzugeben oder weiterzugeben. Was mir in meinem mittlerweile schon ziemlich langen Leben geschenkt wurde.

Meine Damen und Herren, die Zeiten sind alles andere als rosig. Die Herausforderungen, vor denen nicht nur Österreich, sondern ganz Europa steht, sind enorm. Ich zähle nur einige davon auf: Das Ausmaß an Arbeitslosigkeit ist inakzeptabel. Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auf, statt sich zu schließen. Das Flüchtlingsdrama nimmt kein Ende. Der Klimawandel hat unprognostizierbare Folgen, wenn es nicht bald gelingt – nicht nur in Europa selbstverständlich, sondern weltweit – die entsprechenden Maßnahmen zu treffen.

Last not least – das ist mir ein wichtiger Punkt. Last not least, steckt Europa, die Europäische Union, wahrscheinlich in der tiefstgreifendsten Krise seit ihrer Geburt. Und ich möchte dazu heute ganz klarstellen, dass ich die Sprengung der Union… Das heißt, die Rückkehr zur alten Nationalstaatlerei des 20. oder 19. Jahrhunderts für den größtmöglichen Fehler sowohl in politischer wie in wirtschafspolitischer Hinsicht hielte.

Aber über all diese Fragen werden wir in den kommenden Wochen und Monaten noch genug Zeit haben zu diskutieren. Österreich wird – davon bin ich fest davon überzeugt – diese Herausforderungen meistern können. So wie es in der Vergangenheit regelmäßig auch gelungen ist. Diese Herausforderungen mit Verstand und Zuversicht zu meistern.

Sie können sich vielleicht erinnern, dass wir den Titel des Videos von vorgestern aus der dritten Strophe der Bundeshymne übernommen haben: „Mutig in die neuen Zeiten.“ Das gefällt mir. Diesen Optimismus werden wir brauchen, um die kommenden Probleme anzugehen und zu meistern.

Wie gesagt, wir haben noch Monate vor uns, in denen ich mich sicherlich mit den meisten von Ihnen noch treffen werde für ein kürzeres oder längeres Gespräch. Ich möchte es für heute genug sein lassen. Und wer weiß, in drei, vier Monaten, wenn es so weit ist, treffen wir uns wieder. Und ich stehe vor Ihnen und sage: „Ich bin’s. Euer Bundespräsident. Gemmas an.“

Für heute danke ich für Ihre Aufmerksamkeit und stehe für Fragen zur Verfügung.

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