John Holbo

Eine Straßenbahn ist außer Kontrolle geraten und rast auf fünf Bauarbeiter zu. Die Katastrophe kann verhindert werden, indem Du die Weichenstellung änderst und die Straßenbahn auf das zweite Gleis lenkst. Doch auch auf dieser Spur befindet sich eine Person. Wirst Du die Weiche verstellen, um die fünf Arbeiter vor dem Tod zu retten? Oder wirst Du nichts tun?
Die Geschichte des packenden Gedankenexperiments beginnt im Jahr 1967. In ihrem Essay „The Problem of Abortion and the Doctrine of Double Effect“ verglich die Philosophin Philippa Foot die Diskussion über die Abtreibung mit dem moralischen Dilemma der außer Kontrolle geratenen Straßenbahn. Zunächst waren es vor allem Kollegen und Kolleginnen an der Oxford Universität, die sich über das sogenannte „Trolley Problem“ den Kopf zerbrachen. Wie können sich Menschen aus diesem Schlamassel befreien?

 

 


In den darauffolgenden Jahren wurden immer mehr „Trolley Problem“-Varianten entwickelt. Die bekannteste Abwandlung stammt von Judith Jarvis Thomson, Professorin des Massachusetts Institute of Technology.

Im „fat man“-Szenario befindest Du Dich nicht am Weichenstellpunkt, sondern auf einer Brücke. Du siehst, wie eine führerlose Straßenbahn unkontrolliert auf fünf Bauarbeiter zurast. Die einzige Möglichkeit, die Katastrophe zu verhindern, besteht darin, einen großen, schweren Gegenstand von der Brücke auf das Gleis zu werfen. Das einzige zur Verfügung stehende „Objekt“ ist ein dicker Mann. Würdest Du ihn schubsen, um fünf Menschenleben zu retten?

Das Interesse am Gedankenexperiment wurde so groß, dass sich in den 70er und 80er Jahren die philosophische Sub-Disziplin „Trolleyology“ etablierte. Im Wesentlichen erklärte man die hypothetischen Lösungen beim „Trolley Problem“ mit den Moralkonzepten Utilitarismus und Deontologie.

Vertreter_innen utilitaristischer Theorien, die alleine die Konsequenzen einer Handlung moralisch beurteilen, entscheiden sich in beiden Fällen, den Einzelnen (Arbeiter und „fat man“) zu opfern, um das Leben der fünf Bauarbeiter zu retten.

Hingegen ist es nach der deontologischen Ethik, die den Akt der Handlung selbst moralisch beurteilt, erlaubt, die Weiche umzustellen, nicht jedoch den Mann von der Brücke zu schubsen. Im ersten Fall ist der Tod des einzelnen Arbeiters ein ungewollter Nebeneffekt ist – hinter der Handlung steht eine gute Absicht. Im „fat man“-Szenario wird einem Menschen jedoch gewollt Schaden zugefügt und so gegen den Wert des absoluten Tötungsverbots verstoßen.

 

Sterben lassen oder töten?

Moralphilosoph_innen verharrten jedoch auf der Stelle. Jede Erkenntnis wurde mehrmals umgedreht, mehrmals gefaltet, mehrmals durchlöchert. Doch es ging nichts weiter.

Erst in den 90er Jahren gelang dem Psychologen Joshua Greene ein Weg aus dem philosophischen Dickicht. Mithilfe modernster Technologien der Neurowissenschaften versuchte er herauszufinden, warum die meisten Menschen die Weichenstellung verändern, nicht aber den „fat man“ von der Brücke stoßen würden. Das Ergebnis: Der Gedanke, jemanden absichtlich zu töten („fat man“), ist emotionalisierender als einen schlichten Schalter umzulegen (Weichenstellung).

 


 

 

 

Der Zusammenhang zwischen Emotion und moralischer Beurteilung veranlasste nun auch Soziolog_innen, Ökonom_innen und Anthropolog_innen das „Trolley Problem“ im größeren Kontext zu diskutieren. Wie ist der Kampf gegen die Hungersnot in Afrika zu bewerten? Sind militärische Interventionen moralisch vertretbar? Aktiv eingreifen oder passiv sterben lassen?

Doch auch sie kamen über die Theorie nicht hinaus. 2014 beklagte der Psychologe Christopher Bauman, dass das „Trolley Problem“ mit der Realität kollidiere. Die angebotenen Szenarien würden nicht jene moralischen Dilemma widerspiegeln, mit denen Menschen im wahren Leben konfrontiert werden.


 

 


Dass dem nicht so ist, zeigt die fortschreitende Entwicklung von fahrerlosen Autos. Ingenieur_innen, Entwickler_innen und Programmierer_innen stehen vor einer interessanten und gleichzeitig schwierigen Herausforderung: Wie soll ein Auto reagieren, wenn eine Kollision unvermeidbar ist?

Entwickler_innen von fahrerlosen Karossen versprechen seit jeher, dass die Zahl von Verkehrsunfällen durch die Automatisierung reduziert wird. Aktuelle Versuche zeigen jedoch, dass dies nicht der Fall ist. Das hat einen einfachen Grund: Die Programmierung basiert auf dem Dogma „Gehorche dem Gesetz“. Das mag zwar für Roboter einleuchtend sein, aber bei spontanen Staus oder einem Verkehrschaos hilft das Recht nur bedingt.

 

 

Deshalb hat man sich am Automotive Research Center in Stanford dazu entschlossen, der ethischen Komponente einen weitaus höheren Stellenwert einzuräumen. Patrick Lin, Philosophieprofessor an der California Polytech State Universität, wurde beauftragt, dem Stanford-Team das „Trolley Problem“ in einer abgeänderten Version zu erklären:

Du fährst mit einem fahrerlosen Auto im Manuell-Modus. Du bist unaufmerksam und plötzlich stehen fünf Personen vor Dir auf der Straße. Dein Auto meldet eine unausweichliche Kollision und bietet Dir als einzige Möglichkeit an, nach rechts auszuweichen. Doch dort steht bereits ein anderer Passant. Was soll Dein Auto tun?

Die Mehrheit der Ingenieur_innen opferte daraufhin das Leben eines Menschen, um fünf andere zu retten. Wenn der Schaden schon angerichtet ist, dann soll er zumindest so gering wie möglich sein, dachten die Entwickler_innen. Doch als Lin das Szenario neu definierte und den einzelnen Passanten durch ein kleines Kind ersetzte, war sich das Team nicht mehr ganz so sicher.

Indem sie filtern und bewerten, entscheiden sie, welche Suchergebnisse wichtig und welche unwichtig sind, welche Filme uns gefallen und welche nicht, welche Artikel lesenswert sind – welche nicht.

Seit den 60er Jahren wurde das „Trolley Problem“ immer nach dem jeweiligen moralischen Empfinden spontan gelöst. Wenn aber künftig immer mehr Maschinen an die Stelle von Menschen treten, werden unsere Entscheidungen nicht mehr intuitiv sein. Stattdessen werden wir aus vorprogrammierten und bestens kalkulierten Optionen wählen können. Google, Facebook und Netflix machen es bereits vor. Indem sie filtern und bewerten, entscheiden sie, welche Suchergebnisse wichtig und welche unwichtig sind, welche Filme uns gefallen und welche nicht, welche Artikel lesenswert sind – welche nicht.

 

 

Das Ende eines Problems?

Neben dem moralischen Dilemma mit Maschinen keimt auch immer wieder die Frage auf, ob das „Trolley Problem“ überhaupt alltagstauglich ist. Können Menschen mithilfe von Gedankenexperimenten besser entscheiden, was moralisch richtig und was moralisch falsch ist? Der Psychologe Eric Schwitzgebel bezweifelt das stark: Weil das Gedankenexperiment nicht der Realität der Menschen im 21. Jahrhundert entspricht, würde es auch keinen Einfluss auf deren Verhalten im Alltag haben.
Schwitzgebel ist nicht der erste Forscher, der das „Trolley Problem“ wegen seiner Praxisferne kritisiert. Für viele seiner Kolleg_innen sind Straßenbahn und „fat man“ schon lange nicht mehr zeitgemäß.


 

 

Joshua Greene ist anderer Meinung und weist im Gespräch mit dem US-Magazin The Atlantic auf den Kerngedanken des Klassikers hin: „Es handelt sich um ein sehr wichtiges Gedankenexperiment, auf das sich Menschen einlassen müssen. Und wenn das der Fall ist, werden sie etwas sehr Wichtiges über sich selbst erfahren.“

Ob das „Trolley Problem“ noch weitere 50 Jahre für grübelnde Gemüter sorgen wird, ist schwer zu sagen. Sicher ist nur, wer dazu beitragen möchte, die Lebensspanne des moralischen Dilemmas zu verlängern, muss sich selbst die Frage stellen: Würde Ich den dicken Mann von der Brücke werfen, um fünf Menschenleben zu retten?


Headerbild: John Holbo Follow, basic trolley scenario: flickr.com/photos/jholbo

Quellen und Fußnoten:

  1. feministphilosophers.wordpress.com, abgerufen am 03.01.2016
  2. joshua-greene.net/, abgerufen am 03.01.2016
  3. merage.uci.edu, abgerufen am 03.01.2016
  4. faculty.ucr.edu, abgerufen am 03.01.2016
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Jürgen Klatzer

Redakteur bei KURIER
Seit Oktober 2014 für neuwal.com als Redakteur tätig. Beschäftigt sich vor allem mit Tagespolitik, Politischer Bildung und politischer Philosophie. Sein Interesse gilt dem Nahen und Mittleren Osten. Arbeitet als Redakteur im Medienhaus KURIER. Hat Kommunikation, Kultur und Medien an der Alpen Adria Universität Klagenfurt und Politische Bildung an der Johannes Kepler Universität Linz studiert.
  • christianhaberl

    Dieser _innen Blödsinn macht den Artikel zum Teil unlesbar.

    • Eigentlich wollten wir nur feminine Personenbezeichnungen benutzen. Waren aber der Ansicht, Männer könnten sich diskriminiert fühlen, wenn sie nicht explizit erwähnt werden.

      Wenn Lesbarkeit der Gleichberechtigung weichen muss, nehme ich das sehr gerne in Kauf.

      Jürgen Klatzer

  • wien 1220

    Vor diesem Problem steht jedes Rettungsteam, wenn es mehr Schwerverrletzte gibt, als gleichzeitig behandelt werden können.

  • miriamho

    Dieses Problem gibt es in Wirklichkeit nicht, denn auch die 5 Arbeiter können die Gefahr erkennen, oder die Einzelperson am 2. Gleis. Oder es gibt viel mehr Möglichkeiten in Wirklichkeit, denn wenn jemand sich bemüht, alles zu tun, was in seiner Macht steht um niemandem Schaden zu verursachen, dann zieht man damit geistig auch andere Hilfsmöglichkeiten in Betracht, wie zum Beispiel Bimmeln, andere Menschen können von außen die Gefahr sehen und helfen…. Dieses Trolleyproblem übersieht viele Möglichkeiten, die es im realen Leben gibt.