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Der heutige kurier.at titelt in seiner aktuellen Online-Ausgabe vom 20.12.2015 (14:00): „Hofburg-Wahl: Erwin Pröll liegt in Umfragen voran“. Ebenso zeigt die Print-Ausgabe vom 20.12.2015 in einer kleinen Box in der Mitte der Titelseite folgenden Header: „Pröll liegt in Umfragen vorne. Im Hofburg-Rennen hat Erwin Pröll die besten Chancen.“

Mein erster Gedanke dabei war: „Ah, es gibt eine aktuelle Umfrage zur Bundespräsidentenwahl mit den bisher angedachten KandidatInnen. Und in jener Umfrage vom Kurier liegt jetzt eben Erwin Pröll voran.“ Denn, der Satz „Erwin Pröll liegt in Umfragen voran“ suggeriert mir ein Ergebnis einer Sonntagsfrage zur Bundespräsidentenwahl und zeigt, welche(r) der möglichen KandidatInnen – unterlegt mit Prozentwerten – bei einer möglichen Wahl diesen Sonntag voranliegt.

 

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Screenshot kurier.at Titelseite (20.12.2015, 14:50) Screenshot kurier.at Artikelseite (20.12.2015, 14:50) Screenshot KURIER Titelseite (20.12.2015, 14:50)

 

Falsch gedacht. Denn bei dieser Umfrage handelt es sich „lediglich“ um eine Momentaufnahme der „Erfolgschancen“, welcher der möglichen KandidatInnen derzeit für mehr oder weniger erfolgsträchtig empfunden wird. Dabei werden drei mögliche KandidatInnen der Parteien SPÖ, ÖVP, FPÖ, GRÜNE und „Unabhängige“ nach ihren „Erfolgschancen“ verglichen. Die konkrete Fragestellung lt. Kurier lautete:

Fragestellung
Im Jänner wollen die Parteien ihre Kandidaten für die Präsidenten-Wahl nominieren. Welche der folgenden Kandidaten und KandidatInnen halten Sie für eher erfolgsträchtig, sofern er/sie nominiert werden? (Mehrfachnennungen möglich)

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Resultat der Umfrage: Drei KandidatInnen je Partei wurden nach ihren „Erfolgschancen“ befragt (Screenshot von kurier.at)

Der Artikel wird gleich im ersten Absatz des Artikels durch Wolfgang Bachmayer (OGM) betreffend der Erwartungshaltungen zurechtgerückt. Dennoch wird durch die Schlagzeile und Aufmachung ein anderes Bild und eine andere Message den UserInnen suggeriert: „Erwin Pröll ist Umfragen-Sieger“. Er ist es, nur liegt er nicht in „Umfragen voran“. Meiner Ansicht nach wurde eine Headline gewählt, die (zumindestens mir) eine andere Erwartungshaltung generiert.

Abgrenzung
Eines ist Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer vorab wichtig zu sagen: Die Studie, die sein OGM-Institut für den KURIER erstellt hat, sagt nicht voraus, wer das Rennen um die Hofburg gewinnen wird.
Quelle: kurier.at bzw. KURIER vom 20.12.2015, Seite2

Was weiters auffällt: In der Publikation dieser Umfrage sind die Details zur Erhebung nicht ersichtlich, da sie weder in der Print- noch in der Online-Ausgabe angeführt wurden. So ist die Befragungsgröße n nicht erkennbar, um daraus eine Schwankungsbreite ablesen zu können. Ebenso ist kein Zeitraum angegegen, um klar abzugrenzen, vor welchen medialen Ereignissen die Umfrage durchgeführt worden ist.

Fazit: Gerade nach den Wahlumfragen zur Wien-Wahl – bei der ein Kopf-an-Kopf-Rennen suggeriert wurde – sollte meiner Ansicht nach mit der Interpretation von Umfragen und Umfrageergebnissen sorgfältiger umgegangen werden. Umfragen und Werte sowie der Rahmen der Umfrage soll fair, vollständig und nicht verzerrend dargestellt werden. Die Erwartungshaltung geht auch in die Richtung, dass in Headlines kein falsches Bild und keine falsche Erwartungshaltung dargestellt wird. In diesem Fall wurde die Headline im Sonntags-Kurier „Pröll liegt in Umfragen voran“ nicht geeignet gewählt.

Update: 21.12.2015
Die Umfrage wurde auch von noe.orf.at mit der Überschrift „Pröll laut Umfrage in Hofburg“ übernommen.

 

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Screenshot noe.orf.at Titelseite (20.12.2015)

 

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Headerimage: Collage aus Screenshots von kurier.at und KURIER

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Digitaler und Politischer Entrepreneur - Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen - seit einigen Jahren selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Media Strategy, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.
  • Michael Avian

    Dieter, Danke für diesen Kommentar. Abgesehen davon, dass Herr Pröll wohl schwer als verbindender Bundespräsident verstellbar ist, ist die suggestive Betitelung dieses Artikels wirklich amateurhaft. In der KRONE fallen derartige Aussagen nicht auf, aber: Was will der KURIER damit erreichen? Durchschaubare Werbung? Gute Frage, denke ich.