Die beide Autorinnen Anna Esser und Karen Krüger von „Bosporus reloaded. Die Türkei im Umbruch“ im Gespräch mit Sandra Barthel über ihre persönliche Einschätzung zu den Entwicklungen in der Türkei und zur heutigen Parlamentswahl.

Anna Esser und Karen Krüger
Esser_Anna_2015_1836Karen Krüger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen ZeitungAnna Esser und Karen Krüger sind beide in Istanbul aufgewachsen und haben dort ihr Abitur (Anm.: Matura) gemacht. Anna Esser lebt seit 2006 wieder in Istanbul, wo sie zunächst als Deutschlehrerin tätig war, bevor sie bis zuletzt für die Kulturabteilung des Goethe-Instituts arbeitete. Karen Krüger wurde Journalistin und hat die Türkei zu ihrem Spezialthema gemacht. Als Redakteurin im Feuilleton der FAZ und FAS berichtet sie über türkisches Leben in Deutschland und reist regelmäßig in die Türkei. 1
Bildquelle: © Privat und Daniel Pilar/F.A.Z

 

Sandra Barthel (neuwal): Sie sprechen in ihrem neuen Buch von der gespaltenen türkischen Gesellschaft. Welche Art der Spaltung stellen Sie fest?

Esser: Schon seit Republikgründung im Jahre 1923 ist das Land tief gespalten. In ethnische und religiöse Gruppen, in die republikanische, urbane Elite und fromme Anatolier, in arm und reich, gebildet und ungebildet. Derzeit ist das einzig wichtige Unterscheidungsmerkmal die Unterstützung bzw. Ablehnung Erdogans und seiner AKP.

Krüger: Es gibt viele gesellschaftliche Gräben in der Türkei, derzeit sind sie tief wie lange nicht. Der Westen des Landes ist äußert gut entwickelt, und kann problemlos mit vielen anderen europäischen Ländern mithalten, der Osten hingegen wurde über Jahrzehnte vernachlässigt. Hinzu kommt der Konflikt mit den Kurden. Erdogan hat den Friedensprozess aufgekündigt und seitdem herrschen in manchen Teilen des Landes bürgerkriegsähnliche Zustände.

Das Buch trägt den Titel „Die Türkei im Umbruch.“ Wodurch ist dieser Umbruch gekennzeichnet?

Krüger: Der Umbruch ist an sehr vielen Stellen zu spüren. Recep Tayyip Erdogan, der türkische Staatspräsident, ist ein Machtmensch und Populist. Er träumt von einer „neuen Türkei“ und der Errichtung eines Präsidialsystems, das ihm noch mehr Macht verleihen würde. Sollte die AKP nach den Wahlen wieder die absolute Mehrheit im Parlament stellen, steht der Verwirklichung dieses Traumes nichts mehr im Weg. Es würde bedeuten, dass die Demokratie noch mehr geschleift wird, dass die Religion weiterhin an Bedeutung gewinnt und sich die diktatorischen Züge der Regierung, die schon jetzt stark zu spüren sind, verstärken. Doch sehr viele Menschen haben genug vom Autoritarismus ihres Staatspräsidenten.

Esser: Vor allem viele, meist junge Menschen sind mit dem wachsend autokratischen Regierungsstil der letzten Jahre, den Einschränkungen demokratischer Rechte und der Einmischung der Regierungspartei in ihr Privatleben nicht einverstanden. Das Land befindet sich an einem Scheideweg. Wendet es sich weiter den Prinzipien einer Demokratie zu oder akzeptiert es eine autoritä̈re, religiö̈s geprä̈gte Staatsfü̈hrung, wie Erdogan sie sich wünscht?

Das Jahr 2013, das Jahr des Gezi-Park-Protestes, hat für die Jugend in der Türkei viele Veränderungen gebracht. Welche Bedeutung hatte der Protest für die Türkei?

Esser: Es war das erste Mal seit den 70er Jahren, dass die Türkei eine Revolte diesen Ausmaßes erlebt hat. Und es war vor allen Dingen das erste Mal, dass sich alle gemeinsam und friedlich für eine Sache einsetzten und sich solidarisch zeigten: Kurden, Atheisten, junge Muslime, Transsexuelle. Sie haben gemerkt, dass sie etwas bewirken können. Seitdem reagieren die Menschen sensibler auf Verletzungen persönlicher Freiheiten und Staatswillkür. Inzwischen gibt es etliche kleine Demonstrationen, vor allem für den Umweltschutz.

Krüger: Die Gezi-Revolte war ein landesweites Aufbegehren gegen die Regierung Erdogan, wie sie das Land nie zuvor erlebt hatte. Doch nicht nur das ist wichtig: Erstmals in der Geschichte der Türkei formierte sich ein Protest über alle gesellschaftlichen Gräben hinweg. Im Gezi-Park aber auch bei Demonstrationen im übrigen Land trafen Menschen aufeinander, die normalerweise nichts miteinander zu tun haben, geschweige dass sie wüssten, was den anderen bewegt. Doch nun einte sie das Gefühl, dass es so nicht weitergehen kann in der Türkei. Diese Erfahrung kann man den Menschen nicht mehr nehmen. Es ist zwar nicht gelungen, die Gezi-Bewegung in wirksame politische Kanäle zu leiten, doch die Menschen reagieren seitdem viel sensibler auf die Verletzung persönlicher Freiheiten und auf Staatswillkür. Vor der Gezi-Revolte war es üblich, dass jede gesellschaftliche Gruppe für sich und ihre eigenen Anliegen demonstriert. Auch das ist jetzt anders. Man setzt sich für Dinge ein, auch wenn man selbst nicht unmittelbar davon betroffen ist. Es herrscht eine größere Bereitschaft zur Solidarität.

Im heurigen Jahr kam es zu vielen restriktiven Gesetzgebungen. Welche halten Sie für besonderes relevant und wie haben diese die Zivilgesellschaft beeinflusst?

Krüger: Das Sicherheitsgesetz und das neue Internetgesetz. Das Sicherheitsgesetz ist ein Freifahrtschein in Polizeiwillkür. Seitdem es verabschiedet wurde, riskiert jeder Demonstrant sehr viel. Denn es lässt der Polizei einen enormen Ermessensspielraum, wann eine Situation als gefährlich einzuschätzen ist und somit Verhaftungen und den Gebrauch der Schusswaffe legitimiert. Das Gesetz wurde ganz klar geschaffen, um die Leute von der Straße fernzuhalten: Erdogan und seine AKP möchten größere Menschenansammlungen nur, wenn ihnen auch zugejubelt wird.

Esser: Das Internetgesetz können zwar gewiefte User umgehen, aber es schränkt die Informationsfreiheit trotzdem extrem ein.

JournalistInnen werden in der Türkei unter Erdogan immer offener bedroht. Erst diese Woche wurde ein oppositionelle Sendestation gestürmt. Wie werden diese Entwicklungen in der Türkei wahrgenommen?

Esser: Die urbane Elite und alle, die sich eine alternative Regierung wünschen, sind extrem aufgebracht. Sie allerdings kennen unabhängige Medien und versorgen sich inzwischen meist über unabhängige Internetportale wie T24 oder Bianet mit Nachrichten. Die breite Masse aber hat nur Zugriff auf die staatlichen Fernsehsender und Zeitungen. Sie ist also oft gar nicht in der Lage, die Entwicklungen kritisch zu beurteilen, weil sie keinen Zugriff auf unabhängige Informationen hat.

Krüger: Die Bevölkerung ist da gespalten. Die Regierung kontrolliert mittlerweile etwa dreiviertel der türkischen Presselandschaft. Nach der Polizeiaktion gegen die Medien des Koza Ipek Unternehmens echoten die regierungsfreundlichen Fernsehsender und Zeitungen natürlich die offizielle Begründung der Regierung: Koza Ipek unterstütze durch Finanzleistungen an eine terroristische Vereinigung den Umsturz des Staates. Die Berichterstattung wirkte überzeugend, und man kann sich sicher sein, dass viele Menschen, vor allem jene in ländlichen Gebieten und natürlich die AKP-Anhänger, ihr Glauben schenkten. All jene jedoch, die der Regierung kritisch gegenüberstehen, glaubten dieser Mär nicht. Sie konsumieren aber ohnehin nicht die regierungsfreundliche Presse. Für sie ist die Polizeiaktion gegen die betroffenen regierungskritischen Medien eine Zäsur, die Schlimmes befürchten lässt, sollte die AKP die Wahl mit großer Mehrheit gewinnen. Denn so brutal und dreist hat die Regierung noch nie ein Presseorgan zum Schweigen gebracht.

Istanbul erlebt ebenfalls große Veränderungen. Wie wird sich Istanbul und die Türkei in den nächsten fünf Jahren verändern? Wird sich die Spaltung der Gesellschaft weiter fortsetzen?

Esser: Die Lebensqualität in Istanbul wird wahrscheinlich weiter sinken, hier zeigt sich besonders, wie teuer Lebensmittel, Mieten, Nahverkehr geworden sind. Die Menschen müssen für den gleichen Lebensstandard inzwischen sehr viel mehr arbeiten als früher. Eine Prognose zu stellen ist in der Türkei sehr schwierig, weil sie immer für Überraschungen gut ist. Aber ich nehme an, dass sich die Spaltung noch so lange weiter fortsetzen wird, solange es den meisten finanziell noch einigermaßen gut geht. Was passiert, wenn sich die wirtschaftliche Lage vehement verschlechtert, das will ich mir nicht ausmalen.

Krüger: Alles hängt davon ab, wie es politisch in der Türkei weitergeht. Die AKP hält nicht von Umweltschutz, er ist ein lästiges Hindernis für die Energie- und Bauwirtschaft. Sie möchte, dass die Religion im Alltag der Menschen noch bedeutender wird. Gesellschaftliche Gräben sind ihr ziemlich egal, so lange ihre Wählerschaft zufrieden ist. Ein weiterhin allein von der AKP regiertes Land würde deshalb beduten: weniger Lebensqualität, verstärkte Islamisierung des Alltags, verschärfte gesellschaftliche Gräben. Sollte es den Oppositionsparteien gelingen, die Alleinherrschaft der AKP zu brechen, ist der Weg hingegen offen für eine positive Entwicklung. Vor allem was die Demokratie angeht.

Welche Auswirkungen wird die Wahl Ihrer Meinung nach haben? Wird Erdogan mit seinem Ziel der institutionellen Umbildung Erfolg haben?

Esser: Ich hoffe nicht. Ich hoffe, dass das Wahlergebnis ähnlich wie das im Juni ausfallen wird und dass anschließend glaubwürdige und fruchtbare Koalitionsgespräche aufgenommen werden.

 

Esser_Borsporus_U1-4.inddBosporus Reloaded. Die Türkei im Umbruch

Verlag: Aufbau Verlag

Seiten: 335

ISBN: 978-3-351-03622-5

Preis: Buch 17,50 €, E-Book 13,99 €

Quellen und Fußnoten:

  1. Die Autoreninfo wurde vom Aufbau Verlag übernommen http://www.aufbau-verlag.de/index.php/autoren/anna-esserhtml
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Sandra Barthel

Autorin, Politikwissenschafterin und Geographin. Sandra (*1984) lebt in Wien und arbeitet an der Schnittstelle zwischen Politik, Gesellschaft und Medien. Sandra hat in diesem Feld als Consultant, sowie bei internationalen Organisationen und politischen Institutionen gearbeitet. Momentan widmet sie sich dem Thema Journalismus und Neue Medien mit einem Masterstudium an der Fachhochschule Wien. Für neuwal.com rezensiert Sandra die neusten politischen Sachbücher und führt Interviews mit den Autoren.