Letzte Woche haben wir die aktuelle Edition Le Monde zu Afghanistan vorgestellt. Wir haben mit Sven Hansen, dem Kurator der Ausgabe, über die aktuelle Entwicklungen im Land und der Hindukusch-Region gesprochen.

Sven Hansen
Sven Hansen, Jahrgang 1961, ist seit 1997 Asien-Redakteur der taz seit und hat in dieser Funktion den Sammelband zusammengestellt. Er hat Politologie an der FU Berlin und Communication for Development in Malmö studiert und zunächst in NGOs und als freier Journalist gearbeitet. Hansen engagiert sich in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit zu Asien mit dem Schwerpunkt auf zivilgesellschaftliche Gruppen sowie in der Fortbildung des journalistischen Nachwuchses. 1
Bildquelle: © Kathrin Windhorst

 

Sandra Barthel (neuwal.com): Herr Hansen, der Band trägt den Titel „Die große Unruhe“. Wodurch ist diese Unruhe in Afghanistan begründet?

Sven Hansen: Afghanistan war in den vergangenen 150 Jahren nie völlig ruhig, sondern immer irgendwo unruhig, von gewaltsam bis offen kriegerisch. Oft intervenierten fremde Mächte und oft haben die Afghanen zumindest teilweise auch mit diesen Mächten paktiert, hinzu kam ein bis heute ungelöster Modernisierungskonflikt. Neben der großen Unruhe gab es auch meist eine große Uneinigkeit, unter beidem leidet das Land bis heute.

Wonach haben Sie die Beiträge für die Ausgabe ausgewählt?

Die Idee war erstens, einen fundierten landeskundlichen Überblick zu geben und dabei historische und internationale Zusammenhänge und künftige Perspektiven zu beleuchten. Und zweitens Themen abzudecken, wie etwa die Jugend, die sonst kaum beachtet werden, und dies möglichst durch Autoren und Autorinnen aus dem Land, was eine sehr große Herausforderung ist. Und drittens zu versuchen, hinter die militärischen Konflikte zu schauen, also sich in der Betrachtung nicht von diesen dominieren zu lassen, zugleich aber auch die strategischen Interessen der Nachbarländer, wie etwa den Iran samt deren eigenen Widersprüchen, im Blick zu haben.

Welche Rolle spielt Afghanistan in der Hindukusch-Region?

Afghanistan ist traditionell ein Transit- oder Brückenland, dass verschiedene Kontinente und Kulturen verbindet, eben Südasien mit Westasien und Zentralasien. Es könnte ein wichtiger Marktplatz sein, doch in den vergangenen Jahrzehnten war es ein Pufferstaat für die konkurrierenden Interessen der Nachbarn. So wie früher dort die Interessen des zaristischen Russlands und des britischen Empire zusammengestoßen sind, später der Sowjetunion und der von Pakistan aus agierenden USA, spielt Afghanistan heute im indo-pakistanischen Konflikt eine wichtige Rolle, weil Pakistan in seinem „Rücken“ unbedingt ein im freundlich gesinntes Regime haben will. Ebenso haben der Iran und Saudi-Arabien Interesse in Afghanistan und auch China möchte verhindern, dass dort Uiguren Unterschlupf finden, die Chinas Westen destabilisieren könnten.

Wie würden Sie die Taliban charakterisieren und welche Ziele haben sie in Afghanistan?

Die Taliban haben viele Gesichter. Sie sind überwiegend paschtunisch und vertreten einen fundamentalistischen Islam, der sich aus konservativen ländlichen afghanischen Traditionen speist wie etwa die Burka, der Ganzkörperschleier für Frauen. Die Taliban tauchten als an klaren islamischen Werten orientierte Alternative auf, als nach dem Abzug der Sowjets die Mudschaheddin zu rivalisierenden Warlords verkamen und das Land mit ihrer Gewalt überzogen.

Zugleich waren und sind die Taliban, deren politischer Anspruch sich anders als etwas von al-Qaida nur auf Afghanistan beschränkt und vielleicht noch auf Paschtunistan, also einschließlich der paschtunischen Gebiete in Pakistan, stets auch ein Instrument des pakistanischen Geheimdienstes. Dies gilt insbesondere für das Haqqani-Netzwerk, dem brutalsten Zweig der Taliban. Pakistan war zentral bei der Geburt der Taliban und instrumentalisiert sie bis heute. Das Ziel der Taliban ist ein islamischer Staat auf der Grundlage ihrer fundamentalistischen Islam-Interpretation, das Ziel Pakistans ist in Afghanistan ein Regime zu haben, das möglichst eng an Pakistan gebunden ist und den Einfluss Indiens, Irans und der zentralasiatischen Nachbarn einschließlich Russlands gering hält.

Warum war der Einsatz der Nato in Afghanistan nicht erfolgreich?

Mit der US-Intervention 2001 kamen die diskreditierten Warlords wieder zurück und in einflussreiche, zum Teil „demokratisch“ gewählte Ämter, die das Land in den 1990er Jahren mit Gewalt übersät hatten und dann von den Taliban vertrieben worden waren. Diese Warlords, die eigentlich vor Gericht gehört hätten, bildeten mit ihren Milizen Bodentruppen für die US-Intervention und wurden mit der Demokratisierung des Landes dann noch weiter legitimiert. Zugleich wurden die schwachen demokratischen Kräfte marginalisiert und der gesamte Transformationsprozess diskreditiert. Es wurde auch nicht versucht, die besiegten Taliban einzubinden. Sie zogen sich nach Pakistan zurück und stellten sich dort neu auf, denn Pakistans Doppelspiel konnte nie beendet werden. Die Nato ist in Afghanistan aber nicht nur militärisch gescheitert, sondern auch politisch. Die politischen Institutionen in Afghanistan blieben sehr schwach, Parteien spielen keine Rolle, sondern nur starke Persönlichkeiten, die sich in erster Linie durch korrupte Praktiken bereichern und oft gegenseitig blockieren und damit das ganze Land oder einzelne Regionen in Geiselhaft nehmen. Afghanistans politisches System funktioniert heute nicht, dortige Wahlen sind nicht glaubwürdig und es mangelt in dem stark zentralisierten System an funktionierenden „checks and balances“. So haben Afghanen die Demokratie nie als positiv erfahren, sondern nur als zynisches Spiel, das die ohnehin Mächtigen weiter legitimiert, aber nie die Schwachen schützt. Warum sollten sie für so ein System ihr Leben riskieren?

Braucht Afghanistan Unterstützung und wenn ja, welche Unterstützung?

Die Menschen brauchen angesichts der erschreckenden Entwicklungsdaten unbedingt Unterstützung, und sie brauchen Perspektiven. Sonst sehen Bauern ihre einzige Überlebenschance im Opiumanbau, lassen sich junge Leute als Milizen für Warlords oder islamistische Terrorgruppen anheuern oder machen sie sich als Flüchtlinge in andere Länder auf.

Welche Rolle sollte die internationale Staatengemeinschaft dabei einnehmen?

Die internationale Gemeinschaft hat kaum demokratische und zivilgesellschaftliche Kräfte in Afghanistan unterstützt, sondern lieber mit Warlords gekungelt und diese gestärkt statt sie zu schwächen. Die internationale Staatengemeinschaft sollte weiter Hilfe leisten und sich dabei um Ehrlichkeit bemühen. Den Afghanen ist nicht verborgen geblieben, dass es nach 2001 vor allem um geostrategische Interessen der USA ging und weniger um afghanische Interessen. Heute werden in Afghanistan viele Menschen mit Waffen getötet, die erst nach 2001 geliefert wurden. Die Demobilisierung und Demilitarisierung wurden recht bald nach 2001 aufgegeben und in ihr Gegenteil verkehrt. Andererseits sind Afghanen auch schnell dabei Hilfe zu verlangen und sofort ausländische Kräfte verantwortlich zu machen, wenn etwas schief läuft. Eigene Fehler werden nur selten thematisiert.

Viele Afghanen wollen scheinbar ihr Land verlassen und beantragen Pässe zur Ausreise des Landes. Wieviele Afghanen werden ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren ihre Heimat verlassen?

Wieviele Afghanen ihr Land verlassen, hängt natürlich von den weiteren militärischen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen am Hindukusch ab. Die zeitweilige Einnahme der Stadt Kundus durch die Taliban ist hierfür ein verheerendes Signal. Momentan heißt es, dass täglich mehrere tausend Afghanen einen Pass beantragen und bereits eine Million Menschen das Land verlassen haben sollen. 2001 lebten mindestens 3,5 Millionen Afghanen im Ausland, manche Schätzungen sprachen von bis zu fünf Millionen. Diese Größenordnungen könnten auch künftig wieder erreicht werden, wenn die Gewalt weiter eskaliert und wirtschaftliche Perspektiven ausbleiben.

Deutschland hat nach dem Ende des Isaf-Einsatzes im Jahr 2013 einige Afghanen, die im Einsatz für die Deutschen tätigen warne, aufgenommen. Ist Deutschland seiner Verantwortung damit gerecht geworden?

Deutschland hat meines Wissens nach etwa ein Viertel bis ein Drittel der Personen aufgenommen, die dies als frühere Mitarbeiter der Bundeswehr und von deutschen Entwicklungshilfeorganisationen beantragt hatten. Ich denke, Deutschland hätte großzügiger und vor allem weniger bürokratisch sein sollen. Andererseits ist das aber natürlich auch ein „Brain Drain“, der Afghanistan letztlich schadet.

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung Afghanistans in den nächsten fünf Jahren ein?

Es sieht nicht gut aus. Mittlerweile herrscht Einigkeit, dass ein politischer Kompromiss mit den Taliban gefunden werden muss und eine militärische Befriedung nicht funktionieren kann. Doch angesichts ihrer militärischen Erfolge nimmt die Motivation für einen Kompromiss für die Taliban eher ab. Es ist deshalb mit einem weiter hohen Gewaltniveau zu rechnen. Darüber hinaus fehlt auch nach einem wie auch immer gearteten Kriegsende eine wirtschaftliche Perspektive für das Land. Afghanistan hat bisher dem Weltmarkt nichts zu bieten außer Opium und kann selbst seine wachsende Bevölkerung unter den klimatisch schwierigen Bedingungen nicht allein ernähren. Es gibt zwar angeblich große Mineralienvorkommen, aber für deren Abbau braucht es große Investitionen, die wiederum eine stabile Sicherheitslage voraussetzen. Und aus anderen Ländern wissen wir zudem, dass die Ausbeutung von Rohstoffvorkommen selbst zu großen Konflikten führt. Die Voraussetzungen für fortgesetzte Instabilität und anhaltende Fluchtbewegungen sind also größer als für ihr Gegenteil.

Welche Aspekte werden ihrer Meinung nach im Zusammenhang mit Afghanistan zu selten beleuchtet?

Die Afghanen kommen meiner Meinung nach zu selten selbst zu Wort, wir schauen zu wenig auf die dortige Zivilgesellschaft. Unsere Aufmerksamkeit ist zu sehr auf den militärischen Konflikt fokussiert.


Header-Bild: twitter.com/shansenberlin

Quellen und Fußnoten:

  1. Die Autoreninfo wurde von der taz übernommen https://www.taz.de/programm/2015/Gedoens/de/speakers/393.html
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Sandra Barthel

Autorin, Politikwissenschafterin und Geographin. Sandra (*1984) lebt in Wien und arbeitet an der Schnittstelle zwischen Politik, Gesellschaft und Medien. Sandra hat in diesem Feld als Consultant, sowie bei internationalen Organisationen und politischen Institutionen gearbeitet. Momentan widmet sie sich dem Thema Journalismus und Neue Medien mit einem Masterstudium an der Fachhochschule Wien. Für neuwal.com rezensiert Sandra die neusten politischen Sachbücher und führt Interviews mit den Autoren.