Die Eroberung der nördlichen Provinzhauptstadt Kundus Ende September durch die Taliban brachte Afghanistan, das Land am Hindukusch, wieder in die internationalen Medien. Im vierzehnten Jahr nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen und nach dem Ende des internationalen Stabilisierungseinsatzes (ISAF) ist Afghanistan noch immer nicht zur Ruhe gekommen. Die aktuelle Ausgabe der Edition Le Monde diplomatique ist die passende Literatur, wenn man sich mit den Entwicklungen in Afghanistan und den Nachbarstaaten auseinandersetzen möchte. 

Die jüngsten Entwicklungen verdeutlichen auf schmerzliche Art und Weise, dass die Auseinandersetzungen um Afghanistan, das strategisch wichtige Binnenland, noch immer andauern. Die tagtäglichen Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht dauern auch unter dem seit 2014 amtierenden Präsidenten Ascharf Ghani an. Die Zerstörung des Krankenhauses von Ärzte ohne Grenzen am 3. Oktober 2015, durch Bombardierung der US-amerikanische Streitkraft, bei dem 22 Menschen getötet wurden, ist nur der jüngste Beweis dieser verheerenden Situation.

Sven Hansen
Sven Hansen, Jahrgang 1961, ist seit 1997 Asien-Redakteur der taz seit und hat in dieser Funktion den vorliegenden Sammelband zusammengestellt. Er hat Politologie an der FU Berlin und Communication for Development in Malmö studiert und zunächst in NGOs und als freier Journalist gearbeitet. Hansen engagiert sich in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit zu Asien mit dem Schwerpunkt auf zivilgesellschaftliche Gruppen sowie in der Fortbildung des journalistischen Nachwuchses. 1
Bildquelle: © Kathrin Windhorst

Der Sammelband „Die große Unruhe“ bietet eine große Auswahl an thematischen Artikeln, die zwischen 2002 und 2015 meist in der Le Monde diplomatique publiziert worden sind. Der Sammelband enthält Beiträge von unterschiedlichen AutorInnen, die eine besonderere Verbindung zu Afghanistan haben.

Hochkarätige Analysten, wie der Historiker William Dalrymple und der ehemalige stellvertretende EU-Botschafter in Afghanistan Michael Semple, aber auch Reporter, wie der britisch-pakistanische Journalist Ahmed Rashid, der BBC-Korrespondent Owen Bennett-Jones und Jamie Doran, ehemaliger BBC-Mitarbeiter, garantieren eine gehaltvolle Auseinandersetzung mit Afghanistan und seinen Nachbarn. Besonders lesenswert wird der Band durch Beiträge afghanischer und iranischer Autorinnen, wie zum Beispiel von Saghar Chopan-Daud, der deutsch-afghanischen Sozial- und Politikwissenschafterin, da nicht ausschließlich über Afghanistan geschrieben wird, sondern afghanisch-stämmige AutorInnen selbst zu Wort kommen. Der 2011 ermordete pakistanische Journalist Syed Saleem Shahzad ist im Band mit seinem im Juli 2007 veröffentlichten Artikel über das „Feinbild Takfiristen“ verewigt.

Afghanistan

Die Taliban, Osama bin Laden und ein gescheiterter Krieg. Dies sind die ersten Assoziationen, wenn man an Afghanistan denkt. Das Themenheft greift alle diese für das Land wichtige Themen auf. Die zum Teil aktualisierten Artikel ermöglichen den Lesenden aber auch unbekannte Einblicke in die afghanische Gesellschaft. „In Kabul meldet sich die junge Generation lauter denn je zu Wort“ 2, schreibt die Islamwissenschafterin Lisa Akbary über die afghanische Jugend im Aufbruch.

Ein Krieg, dem kein Frieden folgte

Ein weiterer Schwerpunkt der Zusammenstellung sind die Analysen über den langjährigen Einsatz der Nato und der internationaler Streitkräfte. Der jahrelange Einsatz wurde mit humanitärer Notwendigkeit und dem Aufbau einer funktionierenden Demokratie begründet. Der Einsatz hat hohe Kosten und viele, insbesondere zivile, Opfer gefordert.  Thomas Ruttig zieht Bilanz über die Jahre der „Militarisierte Entwicklungshilfe“: „Viele Erfolgsmeldungen im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau  waren übertrieben. Oft handelt es sich um qualitative Veränderungen, deren Qualität zu wünschen übrig lässt (…)“ 3

Geopolitisches Gerangel der Nachbarstaaten

Lesenswert sind auch die Berichte über die Zusammenhänge zu den Nachbarstaaten Afghanistans. Bedeutende Staaten, wie Pakistan und Indien, grenzen an die islamische Republik und lassen die geopolitische Bedeutung Afghanistans erahnen. Georges Lefeuvres Artikel (S. 84) über die pakistanische Strategie, die Instabilität in Afghanistan für die eigenen Interessen zu nutzen, macht die engen Verflechtungen zwischen den Staaten am Hindukusch begreifbar: „Der Prozess der nationalen Versöhnung in Afghanistan setzt zuallererst voraus, dass der Flächenbrand an der Grenze zu Pakistan [Kaschmir] gelöscht wird.“ 4

Kurzportraits

Die Ausgabe wird ergänzt durch eine Chronologie der Ereignisse vom Kurator Sven Hansen. Darüberhinaus liefern die zwölf Kurzporträts, von wichtigen Persönlichkeiten Afghanistans eine interessanten Überblick über die handelnden Akteure in Politik und Zivilgesellschaft, u.a. König Amanullah und der ehemalige Präsident Hamed Karzai. Wenig bekannte aber für Afghanistan wichtige Frauen, wie die nicht unumstrittene Parlamentarierin Malalai Dschoja und Sima Samar, die bereits mehrfach für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, werden von Sven Hansen ebenfalls vorgestellt. Auch der ehemalige Finanzminister und seit 2014 amtierende Präsident Aschraf Ghani wird porträtiert.

 

Fazit

Der Sammelband „Die große Unruhe“ bietet mit seiner umfangreichen Zusammenstellung lesenswerte Beiträge über das Land, dessen weitere Entwicklung ungewiss ist. Der sehr textlastige Band ist sicherlich nichts für zwischendurch. Einige Artikel werden durch Grafiken aufbereitet und machen so zum Beispiel die Ausmaße des Opiumanbaus in Afghanistan leichter fassbar. Grundsätzlich wäre eine verstärkte Nutzung von, für den Verlag Le Monde so typische Verwendung von Karten, für die Leserschaft wünschenswert gewesen,  um u.a. die Heterogenität Afghanistans auch visuell erfahrbar zu machen. Dennoch wird eine Unmenge an packendem Lesestoff geboten, der Einblicke in geopolitischen Zusammenhänge Asiens ermöglicht und die bisherigen Entwicklungen in Afghanistan mit klaren Worten analysiert.

Die große Unruhe. Afghanistan und seine Nachbarn.Edition Le Monde diplomatique No.17

Verlag: Le Monde diplomatique

Seiten: 112

ISBN: 978-3-937683-49-2

Preis: 8,50 €

Transparenz

Wir bedanken uns bei der Le Monde diplomatique für die Zusendung eines kostenlosen Rezensionsexemplars.

Quellen und Fußnoten:

  1. Die Autoreninfo wurde von der taz übernommen https://www.taz.de/programm/2015/Gedoens/de/speakers/393.html
  2. Lisa Akbary IN: Edition Le Monde diplomatique (2015): Die große Unruhe. Afghanistan und seine Nachbarn. S. 29
  3. Thomas Ruttig IN: Edition Le Monde diplomatique (2015): Die große Unruhe. Afghanistan und seine Nachbarn. S. 19
  4.  Georges Lefeuvre IN: Edition Le Monde diplomatique (2015): Die große Unruhe. Afghanistan und seine Nachbarn. S.89 
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Sandra Barthel

Autorin, Politikwissenschafterin und Geographin. Sandra (*1984) lebt in Wien und arbeitet an der Schnittstelle zwischen Politik, Gesellschaft und Medien. Sandra hat in diesem Feld als Consultant, sowie bei internationalen Organisationen und politischen Institutionen gearbeitet. Momentan widmet sie sich dem Thema Journalismus und Neue Medien mit einem Masterstudium an der Fachhochschule Wien. Für neuwal.com rezensiert Sandra die neusten politischen Sachbücher und führt Interviews mit den Autoren.