In einer Demokratie werben PolitikerInnen und Parteien bei der Wählerschaft um Unterstützung für ihr Programm. Auf Basis des Wahlergebnisses werden parlamentarische Mehrheiten gebildet und Regierungen zusammengesetzt, die in der Zeit bis zur nächsten Wahl ihre politischen Inhalte in die Realität umsetzen. So oder so ähnlich ist zumindest die idealtypische Vorstellung.

Wenn WählerInnen also informierte Entscheidungen abgeben wollen, dann müssen sie sich zum einen über ihre eigenen politischen Vorstellungen im Klaren sein, zum anderen jene der Parteien kennen und dann die Partei auswählen, mit der die Übereinstimmung am größten ist. Eine Studie von David Johann und Christian Glantschnigg (beides Kollegen bei AUTNES, der Austrian National Election Study) hat interessanterweise gezeigt, dass nur etwa ein Drittel aller WählerInnen die inhaltlich am besten passende Partei gewählt hat. Noch interessanter ist, welche Faktoren die Wahrscheinlichkeit „korrekten Wählens“ (so der Fachbegriff) beeinflussen:

  • Politisches Interesse (höhere Wahrscheinlichkeit)
  • Religiosität (niedrigere Wahrscheinlichkeit)
  • Konsum der Kronen Zeitung (niedrigere Wahrscheinlichkeit)
  • Konsum „eindimensionaler“ Medienberichterstattung (niedrigere Wahrscheinlichkeit)
FullSizeRenderLaurenz Ennser-Jedenastik ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Universitätsassistent am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien. Er forscht und lehrt dort zu Parteien und Wahlen in Österreich und im europäischen Ländervergleich.
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Wie schaut es also bei der Wahl zum Wiener Landtag und Gemeinderat aus? Wo stehen die Parteien programmatisch? Eine Möglichkeit, das herauszufinden, bietet www.wahlkabine.at, wo sechs der kandidierenden Parteien ihre Positionen zu 25 Themen bekanntgegeben haben. Gibt man selbst seine Meinung zu diesen Themen ab, dann errechnet die Seite einen Übereinstimmungsgrad für jede Partei.

Das ist auch insofern interessant, als wir aus den 25 Stellungnahmen der Parteien ein Gesamtbild des ideologischen Raumes konstruieren können. Es hat sich in der Politikwissenschaft etabliert, Ideologie und Programmatik räumlich darzustellen. Auch in der Alltagssprache haben sich räumliche Metaphern für programmatische Unterschiede und Gemeinsamkeiten eingebürgert. Man spricht von „links“ und „rechts“, oder davon, dass Parteien einander „nahe stehen“ oder inhaltlich „weit voneinander entfernt“ sind.

Mit den Informationen von www.wahlkabine.at können wir statistische Verfahren anwenden, um die Positionen der Parteien im zweidimensionalen Raum darzustellen. Je öfter zwei Parteien bei den 25 Fragen übereinstimmen desto näher rücken sie zueinander, je öfter sie unterschiedliche Meinungen vertreten desto größer ist zwischen ihnen die Distanz. Ein Variante dieses Verfahrens (hier erklärt) wird seit langem in den USA verwendet, um das Abstimmungsverhalten im Kongress räumlich darzustellen. So lassen sich über lange Zeit ideologische Positionen von Abgeordneten visualisieren (die Website der Erfinder des Verfahrens mit vielen Informationen und grafischen Darstellungen dazu ist hier).

Wichtig zu wissen ist, dass die Dimensionen dieser ideologischen Räume nicht a priori definiert sind, sondern im Nachhinein inhaltlich interpretiert werden müssen. Die Wiener Parteien lassen sich auf Basis der Wahlkabine-Daten so darstellen (die Variante des statistischen Verfahrens, die hier angewendet wird, heißt IDEAL und wurde u. a. von Simon Jackman entwickelt):

wien wahlkabine positionen

SPÖ, Grüne und Wien anders (eine Gruppe bestehend u. a. aus der KPÖ und der Piratenpartei) finden sich links unten in der Darstellung, links oben die Neos, in der rechten Hälfte die ÖVP und die FPÖ. Die horizontale Dimension könnte also einer gesellschaftspolitischen Links-Rechts-Achse entsprechen, wo die FPÖ und ÖVP Positionen am konservativen (rechten) Ende einnehmen, die anderen Parteien auf der liberalen (linken) Seite zu finden sind. Bei der vertikalen Dimension spiegeln sich zum Teil wirtschaftspolitische Ansichten wider: Die Neos sind hier am liberalsten (oben), gefolgt von der ÖVP, danach Grüne, FPÖ und Wien anders, und schließlich die SPÖ. Das sind aber nur alles ex-post Interpretationen der programmatischen Unterschiede, die in der Grafik dargestellt werden (schon bei der vertikalen Dimension passt die Reihenfolge nicht perfekt zum conventional wisdom über die wirtschaftspolitischen Positionen der Parteien). Andere Interpretationen sind also ebenso plausibel.

Natürlich gibt es auch andere Methoden, um zu erfahren, wo etwa WählerInnen sich ideologisch einordnen. Im Vorfeld der Nationalratswahl 2013 haben wir in einer repräsentativen Umfrage österreichweit über 3000 Wahlberechtigte gefragt, wo sie sich auf einer Skala von 0 (links) bis 10 (rechts) einordnen würden. Wenn man die Antworten der Wiener Befragten mit jenen aus den anderen Bundesländern vergleicht, erhält man folgendes Bild:

Selbsteinstufung der Befragten auf einer Skala von 0 (links) bis 10 (rechts). AUTNES pre-selection survey, N=3021
Selbsteinstufung der Befragten auf einer Skala von 0 (links) bis 10 (rechts). AUTNES pre-selection survey, N=3021

Wiener Befragte ordnen sich im Schnitt deutlich weiter links ein als jene in den acht anderen Ländern (Mittelwerte: 3,5 vs. 5,0, Unterschied statistisch signifikant mit p < 0,001). Besonders interessant ist das Bild aber dann, wenn man die Befragten nach Parteipräferenz aufschlüsselt:

Links-Rechts-Selbsteinstufung nach Parteipräferenz, AUTNES pre-election survey, N=2089
Links-Rechts-Selbsteinstufung nach Parteipräferenz, AUTNES pre-election survey, N=2089

Hier fällt auf, dass Wiener WählerInnen aller Parteien mit Ausnahme der FPÖ sich teils deutlich weiter links einordnen als jene in den anderen acht Bundesländern (ein ähnliches Bild ergibt übrigens die AUTNES-Kandidatenbefragung für die Nationalratswahl 2013, auch hier ordnen sich grüne und rote KandidatInnen aus der Bundeshauptstadt im Schnitt links von ihren ParteikollegInnen ein – insofern funktioniert die Repräsentation).

In Wien ist also die Distanz von Rot und Grün zu ÖVP und FPÖ größer als anderswo. Das erklärt auch, warum sich etwa die Wiener Grünen ablehnender gegenüber einer Zusammenarbeit mit der ÖVP zeigen, während Schwarz-Grün in vielen anderen Ländern praktiziert wird. Ebenso erklärt sich dadurch die scharfe Abgrenzung der Wiener SPÖ von der FPÖ – eine Frage, in der sich etwa die burgenländische Landespartei ganz anders verhält.

Das Wien anders ist, zeigt sich auch, wenn man einzelne Sachthemen abfragt. In der folgenden Darstellung sieht man die Einstellungen der WählerInnen in Wien und im Rest Österreichs zum Thema Asyl. Während außerhalb der Hauptstadt restriktive Meinungen klar überwiegen und liberale Haltungen stark in der Minderheit sind, ist die Stimmungslage in Wien ausgeglichener (Achtung: Die Daten stammen aus dem Jahr 2013 – gut möglich, dass sich seither einiges verschoben hat). Man könnte auch sagen, dass bei dieser Frage im Jahr 2013 die Wiener Wahlberechtigten stärker polarisiert waren: Beide Enden des Meinungsspektrums waren ähnlich stark vertreten, während in den acht anderen Bundesländern deutlich größerer Konsens in der Asylfrage bestand.

asyl polarisierung

Das genau umgekehrte Bild zeigt sich bei einer anderen gesellschaftspolitischen Frage: der rechtlichen Gleichstellung homosexueller Paare. Hier tendiert in Wien die große Mehrheit Richtung Gleichstellung, während das Bild in den anderen Bundesländern ausgeglichener ist (natürlich gibt es hier auch Unterschiede zwischen den acht Bundesländern, die hier verdeckt bleiben – WählerInnen im Burgenland sind in Summe etwa liberaler als jene in Vorarlberg). Wien ist in dieser Frage also weniger polarisiert.

homosexuellenrechte wien bdl

Die Tatsache, dass WählerInnen in Wien in der Regel links von jenen in den Bundesländern stehen, führt also dazu, dass es bei manchen Themen in Wien größeren Konsens gibt (z. B. Rechte homosexueller Paare), während es bei anderen größere Polarisierung auftritt (z. B. Zuwanderung und Asyl). Insofern ist es vielleicht auch nicht verwunderlich, dass die Parteien im Wiener Wahlkampf das Flüchtlingsthema stark aufgegriffen haben.

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Laurenz Ennser-Jedenastik ist Politikwissenschaftler am Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien. Er forscht und lehrt dort zu Parteien und Wahlen in Österreich und im europäischen Ländervergleich.

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  • Ich fand die Selbsteinschätzung der Wähler interessant. Woran mag es wohl liegen, dass sich die Menschen in Wien selbst weit linker orientieren?

    Spannend ist auch, dass sich FPÖ Wähler selbst kaum als rechts definieren.