Am 24. September ging der erste LANGE TAG DER POLITIK über die Bühne. Im Vorfeld haben wir mit dem Filmemacher Sebastian Brameshuber über Jugendliche und ihr Interesse an Politik gesprochen, um auch mehr über die Lebenswelt der Jugendlichen zu erfahren. Brameshuber hat für seinen Film „Und in der Mitte, da sind wir“ drei Jugendliche aus Ebensee über ein Jahr lang begleitet und dabei viel über das Jugendlichsein und über den Umgang mit der problematischen politischen Vergangenheit ihrer Heimat gelernt.

Sebastian Brameshuber
Sebastian Brameshuber wurde 1981 in Gmunden, Oberösterreich geboren. 2011 schloss er sein Studium der Bühnen- und Filmgestaltung an der Universität für angewandte Kunst Wien ab, die Zeit von Herbst 2013 bis Sommer 2015 verbrachte er für eine Residency am renommierten Le Fresnoy – Studio National des Arts Contemporains in Frankreich.
Sein Kinodokumentarfilm UND IN DER MITTE, DA SIND WIR feiert seine Weltpremiere im Forum der Berlinale 2014, startete im Juni 2014 in den österreichischen Kinos und wurde für den Österreichischen Filmpreis 2015 nominiert. Sebastian Brameshuber lebt und arbeitet in Wien.
Neuwal (Wolfgang Marks): Es freut uns, dass wir Sebastian Brameshuber heute im Interview begrüßen dürfen. Anlass ist sein Film „Und in der Mitte, da sind wir“, der die Vorfälle von Ebensee aufarbeitet und sich intensiv mit dem Jugendlichsein beschäftigt. Auch die politische Verortung spielt dabei eine wichtige Rolle, eine entscheidende Frage auch bei unserem LANGEN TAG DER POLITIK. Diese Erkenntnisse aus dem Film in Bezug auf die politische Bildungsarbeit sollen in diesem Gespräch diskutiert werden. Vielleicht können sie uns ganz kurz schildern, worum es in dem Film eigentlich geht?

Sebastian Brameshuber: Es geht um drei Jugendliche zwischen 14 und 17, die in Ebensee, einem kleinen Ort in Oberösterreich leben. Ich habe sie ein Jahr mit der Kamera begleitet und das Ganze passiert vor dem Hintergrund der sogenannten berühmt-berüchtigten Störaktion, die anlässlich der Befreiungsfeier im KZ Ebensee 2009 stattgefunden hat. In dem Film geht es also einerseits darum, aber auch um das ganz normale Jugendlichsein und die Gestaltung ihrer Zukunft.

Es geht also um die Ambivalenz zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Ignorieren der Vergangenheit und dem Versuch, die Zukunft zu gestalten. Das wollte ich zur Diskussion stellen.

Wieso hast du gerade diese 3 ProtagonistInnen ausgewählt und welchen Eindruck hattest du von ihnen?

Wir haben zunächst ein Casting veranstaltet, das aber wenig erfolgreich war. Wir sind dann auf die Leute zugegangen und haben auch mit den Schulen kooperiert. Wir haben dort das Projekt vorgestellt und dann gefragt, wer denn gerne mitmachen möchte. Dann haben wir mit einigen Jugendlichen Interviews geführt und kurze Szenen durchgespielt. So haben wir ungefähr fünfzig Jugendliche kennengelernt, wovon letztlich drei übriggeblieben sind.

Das ist zunächst der Michi, der sich auch schon beim Castinginterview als sehr brauchtumsaffin vorgestellt hat und uns darüber viel erzählt hat. Das fand ich spannend. Außerdem habe ich allen die Frage gestellt, wo sie denn hinfahren würden, wenn sie könnten und Michi hat mir geantwortet, dass er nirgends hinfahren will, sondern in Ebensee bleiben will. Hier sei es am schönsten.

Dann gibt es den Andi, der sich eigentlich als Musiker vorgestellt hat und in einer Band war. Die Idee war, dass wir sie über ein Jahr begleiten, weil sie bei einem Festival spielen wollten. Die Band hat sich dann aber aufgelöst und es konzentrierte sich dann auf seine zweite Faszination, nämlich Waffen. Aber was mich an ihm auch interessiert hat, war sein Ehrgeiz. Er war sehr schnell von etwas unglaublich begeistert, auch wenn es bald wieder etwas anderes war.

Er steht stellvertretend für eine Generation, die das neoliberale Selbstverständnis schon mit der Muttermilch eingesogen hat, die ganz hart auf Eigen- und Selbstoptimierung schaut.

Die Ramona war für mich spannend, weil sie in der Siedlung wohnt, die auf dem ehemaligen KZ-Gelände errichtet wurde, wo sich der Störfall in unmittelbarer Nähe ereignet hat und das Leben ohnehin nicht ganz unkompliziert ist mit dem Wissen, auf welch belastetem Boden man lebt.

Im Film gibt es eine bezeichnende Szene, wo ein Jugendlicher erzählt, dass er früher Nazi war und jetzt Punk ist, wobei er nicht einmal genau definieren kann was jetzt eigentlich ein Punk und ein Nazi ist. Zeigt das nicht auch auf, wie sehr unser Bildungssystem es verabsäumt, Jugendlichen das Werkzeug mitzugeben, sich selbst gesellschaftlich und politisch zu verorten und basierend auf dieser Position Visionen zu entwickeln? Was könnte man da aus deiner Sicht machen, wie könnte man Jugendliche für Politik interessieren?
Aus meiner Erfahrung mit diesen Jugendlichen kann ich sagen, dass diese politisch nicht uninteressiert sind. Sie sind sich oft nur nicht bewusst, dass ihr Interesse ein politisches Interesse ist.

Man muss den Jugendlichen zeigen, wo Politik für sie direkte Auswirkungen hat. Den Vorwurf, dass die Jugendlichen faul und weniger interessiert sind, halte ich jedenfalls für übertrieben. Es gibt vielmehr in Österreich keine wirkliche Diskussionskultur, sondern eher eine gewisse Sprachlosigkeit oder gewisse Scheu, etwas öffentlich zu sagen. Auch weil man vielleicht die Angst hat, es ist das Falsche.

Auffallend ist in Österreich auch, dass die Rolle der Familie so verhältnismäßig groß ist. Man hört von Lehrern immer wieder, dass viele Eltern ihren Kindern eine Exkursion ins KZ untersagen. Die wollen das nicht.

Generell ist das Thema des Nationalsozialismus tatsächlich eines der letzten Tabuthemen, die es gibt – vor allem in Ebensee – und Jugendliche lieben es, Tabus zu brechen. Das spielt sicher auch eine wichtige Rolle, wenn man nach Erklärungen für den Vorfall sucht.
In Ebensee selbst gab es auch keine ernsthafte Auseinandersetzung, also Aufarbeitung des Vorfalls, weder in den Schulen noch seitens anderer Institutionen im Ort. Man hat sich natürlich öffentlichkeitswirksam von der Tat distanziert, aber nie aktiv das Gespräch mit den Jugendlichen gesucht.

Es gab also nie wirklich eine Aufarbeitung von diesem Vorfall?

Es gab halt so die PR-Veranstaltung des Ortes, wo man gesagt hat, dass eh nicht alle im Ort so sind. OK, das ist ja auch in Ordnung. Es sind ja wirklich nicht alle so.

Aber ich finde es schon seltsam, dass nicht genauer geschaut wird, aus welcher Atmosphäre heraus sich sowas entwickelt.

Die Schulen haben dann auch wieder gesagt, es ist nicht in der Schule, sondern im privaten Bereich passiert und jetzt wollen wir da keinen Staub mehr aufwirbeln. Im konkreten Fall wurde im Ort auch diskutiert, ob es richtig war, dass der ältere Herr, der die Vorfälle beobachtet hat, die Polizei gerufen hat. Einige haben gemeint, er hätte die Goschen halten sollen, schließlich hätte auch sein Enkel unter den Jugendlichen sein können. Derjenige ist sogar bedroht worden. Es war damals wirklich eine schwierige Stimmung im Ort, weil einige gesagt haben, dass er ein Verräter sei. In einem kleinen Ort, wo jeder jeden kennt, entwickelt das eine ganz spezielle Dynamik, mit der nicht leicht umzugehen ist.

Hast du in Ebensee auch Anfeindungen erlebt?

Nicht über die Maße, aber es war schon ein viel diskutiertes Thema im Ort und zwar nicht unbedingt wohlwollend. Auch gewisse Lehrer haben kurzzeitig zum Boykott des Films aufgerufen, noch bevor ihn überhaupt jemand gesehen hat. Aber es war dann trotzdem so, dass fast alle gekommen sind, inklusive dem Bürgermeister, der ein sehr aufgeschlossener junger Typ ist. Es ist aber schon die Frage gekommen, warum ich nur das Negative gezeigt habe. Man hat irgendwie den Eindruck gehabt, dass ich den Ort negativ darstellen will. Das empfinde ich überhaupt nicht so. Es ist interessant, wie gewisse Schlüsselreize im Film einem Teil des Ebenseer Publikums den Blick auf die viel wesentlicheren Zwischentöne des Films verstellt haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Der gebürtige Oberösterreicher Wolfgang Marks lebt seit nunmehr gut 10 Jahren in Wien und hat hier Politikwissenschaften und Internationale Entwicklung studiert. Schon immer sah er in einer richtig verstandenen politischen Bildungsarbeit einen wesentlichen Schlüssel zum Funktionieren einer Demokratie. Nur durch aktive Teilhabe reflektierter, kritischer Menschen kann solch eine Form des Zusammenlebens überhaupt möglich sein. Bei neuwal will er daher aufzeigen, dass jedeR Politik positiv und konstruktiv mitgestalten kann. So holt er als Ressortleiter des innowal innovative Projekte vor den Vorhang, engagiert sich beim LANGEN TAG DER POLITIK und versucht in seinen Artikeln auf oft vergessene Politikfelder wie beispielsweise die Entwicklungspolitik einzugehen.
  • byron sully

    ja, da sind wohl einige wichtige punkte dabei:

    es ist heutzutage unter jugendlichen sehr „in“, sich als unpolitisch zu sehen. weil halt politik „out“ ist. aber da wird politik mit parteipolitik verwechselt. nur weil man bei einem thema eine politische meinung hat, muß man deswegen nicht gleich einer partei nahestehen. vieles, was jugendliche in ihrem alltag bewegt, ist politisch, nur wird es nicht als solches erkannt. da braucht es ganz klar mehr politische bildung.

    und das andere ist sicher die rolle der familie. im „normalfall“ werden politische ansichten der eltern an die kinder weitergegeben. natürlich gab/gibt es ausnahmen, aber tendenziell bestimmt doch eher das elternhaus die politische richtung der kinder. ist ja beim beruf oft auch so. irgendwie traurig, daß die herkunft eine derart starke rolle spielt. für mich z.b. wäre die lieblingspartei meiner eltern schon bei meiner ersten wahl nicht in frage gekommen – und kommt für mich auch jetzt (auf die 40 zugehend) genausowenig in frage.

    ich stell mir aber das ganze in einem kleinen ort noch viel schwieriger vor als in wien.

    was aber sehr klar der fall ist, ist „eine Generation, die das neoliberale Selbstverständnis schon mit der Muttermilch eingesogen hat, die ganz hart auf Eigen- und Selbstoptimierung schaut“. ich hatte es als in den 1970ern geborener sicher noch um einiges einfacher als jugendliche von heute, die außer dem brachial-neoliberalismus, der jegliche zwischenmenschliche solidarität ablehnt, nicht wirklich was anderes mitgekriegt haben. daß der neoliberalismus eine ganz zentrale hauptursache für das aufkommen des modernen rechtsradikalismus ist, steht für mich sonnenklar fest. wer zum kampf gegen die sozial schwachen erzogen wurde, wird sich für den kampf gegen andere religionen/“rassen“ leichter verleiten lassen. vor allem jene, die selber aus einer sozial benachteiligten schicht stammen.