Bis vor einigen Monaten war mein Freundes- und Bekanntenkreis in ihrem Wahlverhalten noch recht gut einzuschätzen. H. wählt wie immer Grün. Wählt die Grünen ja schon seit mehr als zehn Jahren bei jeder Wahl und erhofft sich wegen der Politik in Wien der letzten Jahre doch ein großes Plus am Wahltag. M. schwankt wie bei jeder Wahl zwischen Schwarz und Pink. Vielleicht wird er diesmal doch Pink wählen, weil Schwarz in Wien… Sagt er zumindestens. F. ist mit der aktuellen politischen Situation schon seit Jahrzehnten überfordert, sieht ihre Alternative in Blau und untermauert es mit den altbekannten Argumenten. Neben F. habe ich in den letzten Tagen beim LTDP noch einige andere Leute kennengelernt, die ähnliche Motivationen teilen. Dann haben wir noch C., der seit der letzten EU-Wahl anders wählt. T. und D. sind unentschlossen, wollen Veränderung und haben so ihre großen – auch altbekannten – Kritikpunkte an Rot.

Das wäre auch so „Daumen mal Pi“ das Szenario am Wahltag am 11. Oktober in Wien. Eine bunte Mischung, bei der diese WählerInnen auf Grund ihrer Überzeugung und Ideologie ihre Entscheidung treffen. Bis vor einigen Monaten keine Überraschungen bei Argumentationen im Gespräch oder gar eine wirkliche Hinterfragung seiner/ihrer Stimme.

Nun rückt die Wien Wahl mit großen Schritten näher. Der Wahlkampf läuft, Wahlumfragen werden publiziert, Diskussionsrunden laufen, Wahlprogramme werden verglichen und nebenbei läuft das politische Tagesgeschehen. Oder umgekehrt. Und irgendwie, wenn ich den Leuten zuhöre, dann scheint sich die Stimmungslage, was Wahlentscheidung betrifft, gedreht zu haben.

H. überlegt sich, diesmal Rot statt Grün zu wählen. Hat sie noch nie gemacht, aber sie glaubt, es sei diesmal notwendig. M. beginnt nach der Oberösterreich-Wahl zu zweifeln, ob sich für seine Wahlidee überhaupt genügend WählerInnen finden und überlegt. F. fühlt sich in ihrer Entscheidung dreifach bestärkt. T. und D. – die in den letzten Jahren ach-so-großen SPÖ-KritikerInnen waren/sind – fühlen einen Drang Rot zu wählen. Beide teilen ihr Wahlmotiv mit R., die seit Jahren Schwarz wählt. Aber diesmal mit Rot liebäugelt. Um eben „Blau zu verhindern“.

Wo treffen sich nun F., H., M., T., D. oder R. und vermutlich auch viele andere derzeit? Sie überlegen sich, bei dieser Wahl ihre Stimme entweder Rot oder Blau zu geben. Blau aus Überzeugung. Und Rot um eben „Blau zu verhindern“. Sie überlegen und diskutieren. Denn sie hinterfragen, ob ihre bisherige Wahlentscheidung so stark sein kann, um ihr scheinbar „einziges Wahlziel“ zu erreichen. Neue Töne.

Und so spitzt sich das „Duell“ um den Gemeinderat auf scheinbar zwei Parteien und auf zwei Bürgermeisterkandidaten zu. Auf Blau und das scheinbar „bessere“ Grün, Pink, Schwarz, etc. in Form von „Rot“. Die Frage, die sich dabei stellt ist, ob eine taktische Wahl wirklich notwendig ist. Und damit halte ich es mit der Überschrift von diesem Kommentar: „Wählst Du noch oder taktierst Du schon?“.