Sätze wie, „Wir können nicht jeden Flüchtling aufnehmen“ oder „Wer ein Kopftuch trägt will sich nicht integrieren“, hören wir nicht erst seit dem Sommer. Der Zeitpunkt für die aktualisierte Version des Handbuchs gegen Vorurteile könnte nicht richtiger gewählt sein. Die aktuellen Entwicklungen der Flüchtlingskrise führen in Österreich zu zahlreichen Diskussionen. Sei es in den Medien, in der U-Bahn oder am Schulhof. Mit Gewinnspiel.

Autorenfoto zu: Gegen VorurteileAutorenfoto zu: Gegen VorurteileNina Horaczek, Politologin, Buchautorin und Politikredakteurin der Wiener Wochenzeitung „Falter“. Preise u. a.: Prälat-Leopold-Ungar-Preis (2006), Publikationen u. a.: „HC Strache. Sein Aufstieg. Seine Hintermänner. Seine Feinde“ (Wien 2009). Sebastian Wiese, auf Wirtschaftsrecht spezialisierter Rechtsanwalt in Niederösterreich und promovierter Rechtsanthropologe. Weise publiziert in juristischen Fachmedien sowie Publikationen zu Indigenenrechten. Lehrbeauftragter an der FH St. Pölten. 1
Bildquelle: © Katherina Roßboth
Im Gespräch mit Nina Horaczek
Worum geht es in Ihrem neuen Buch „Gegen Vorurteile“?

In diesem Buch behandeln der Jurist Sebastian Wiese und ich 22 verschiedene Vorurteile. Wir haben uns diese Vorurteile genommen (z.B. „Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“) und haben dann an Hand von Studien, Statistiken es einfach überprüft. Und das Ergebnis diese Prüfung ist so zu sagen dieses Buch.

Gab es einen bestimmten Auslöser oder einen bestimmten Grund, der Sie veranlasst hat, das Buch zu schreiben?

Wir haben schon 2011 ein ähnliches Buch geschrieben. Es war viel detaillierter, mit über 3.000 Fußnoten. In diesem Buch haben wir auch Vorurteile durchleuchtet. Und es war eigentlich ein ziemlich großer Erfolg. Wir haben gemerkt, dass es da einen Bedarf gibt. Wir haben für junge Menschen oder Menschen, die jetzt nicht so wahnsinnig viel Zeit haben, sich jetzt intensiv damit zu beschäftigen, aber die auch gerne mehr wissen würden, ein aktualisiertes Buch mit neuen Vorurteilen gemacht. Diese Version ist auch leichter zu lesen. Vom Anspruch waren wir genauso genau, allerdings ist es leichter zum reinlesen.

Was ist genau die Zielgruppe für Ihr Buch?

Die Zielgruppe sind alle Menschen ab dem Alter von 14, 15 aufwärts, die einfach auf der Basis von Fakten argumentieren wollen und die einfach objektivierbare Informationen, Zahlen, Daten und Fakten zu sehr vielen politischen Themen haben möchten.

Sie gehen in diesem Buch 22 Vorurteilen nach. Jetzt interessiert mich, wie Sie dabei die Auswahl getroffen haben.>

Wir haben überlegt, was die Sachen sind, die man immer wieder hört. Ich bin ja Politikjournalistin beim FALTER und verfolge auch die aktuelle politische Debatte. Und da ist das Thema Ausländer und Arbeitsplätze immer ein Thema. Dann gibt es das Flüchtlingsthema in Österreich. In Österreich kommt man auch nicht herum, sich mit der Nazi-Zeit zu beschäftigen. Was wir dann auch noch gemacht haben – was gerade auch noch für junge Leute interessant ist -, Kinder von Bekannten gefragt, was die Themen am Schulhof sind. Und danach haben wir die Themen ausgesucht.

Ein großes Thema ist momentan die Flüchtlingsdebatte. Dazu gibt es auch ein Vorurteil. Nämlich, dass wir in Österreich nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen können…

Es wird ja oft in der Politik so getan, als würden wir alle Flüchtlinge auf der Welt aufnehmen müssen. Es heißt immer: Wir helfen ja. Es geht einfach nicht, dass alle zu uns kommen. Und das stimmt einfach nicht. Es kommen nicht alle zu uns. Also 80 Prozent der Menschen auf der Flucht – es sind mittlerweile mehr als 50 Millionen weltweit -, bleiben ohnehin in schon sehr armen Entwicklungsländern hängen. Teilweise unter katastrophalen Bedingungen. Ein geringer Teil der weltweiten Flüchtlinge schaffen es überhaupt bis nach Europa. Sehr viele verlieren auch ihr Leben auf dieser Reise. Und von denen ist auch Österreich nicht das Land, das die meisten aufnimmt. Das ist einfach nicht korrekt. Nur zum Vergleich, eine Zahl von 2014: Da hat der Libanon pro 1.000 Einwohner 178 Flüchtlinge aufgenommen. In Österreich sind es auf 1.000 Einwohner 2. Ich glaube, das zeigt, dass nicht alle bei uns sind und auch nicht alle kommen werden.

Welche Vorurteile haben es denn nicht ins Buch geschafft?

Es sind nur politische Vorurteile. Also irgendetwas mit Blondinen („Blondinen sind blöd“ oder so“)… Das wäre mir auch zu blöd eigentlich das zu beantworten. „Den Juden gehört die Welt“ war auch etwas, wo wir sagen… Die fünf Verrückten, die das glauben, sind eh nicht unsere Zielgruppe. Ansonsten fällt mir eigentlich nichts ein.

Und was möchten Sie mit dem Buch verändern?

Verändern ist ein großes Wort. Was mich freuen würde ist, wenn es zum Nachdenken anregt. Und, wenn die Menschen, die das lesen, einmal ein bisschen so in sich reinhören. Jeder Mensch hat Vorurteile. Ohne Vorurteile würden wir auch nicht existieren. Also, wenn ich alles, was ich tue, erst nach einer langen Prüfung entscheide, dann verhungere ich. Aber man muss sich auch immer wieder selbst fragen: „Wie ist das, was ich denke. Stimmt das, ist das richtig?“ Und gerade bei politischen Themen, die oft sehr emotional diskutiert werden, würde es mich freuen, wenn wir ein paar Fakten in die Debatte werfen können.

Was ist eigentlich ein Vorurteil?

Ein Vorurteil ist ein Urteil, das nicht auf Fakten basiert. Es ist eine schnelle Einschätzung. Wenn es sich verhärtet, wird es gefährlich. Schnelle Urteile sind wichtig im Leben. Man kann nicht Dinge tausendmal abwägen, bevor man zum Kühlschrank geht und sich ein Mittagessen macht. Ein Vorurteil hat die Gefahr, dass es nicht auf Grund ausreichender Fakten getroffen wurde, sondern vorschnell. Beispiel: Ich sehe, wie ein Migrantenkind im Park einem anderen Kind das Handy wegnimmt und damit davonrennt. Dann heißt es: Ein Kind mit Migrationshintergrund hat einem anderen Kind ein Handy gestohlen. Das ist nicht in Ordnung, das geht nicht. Aber, daraus abzuleiten, weil ich das gesehen habe, weiß ich, dass alle Migrantenkinder so sind… Dann habe ich ein Vorurteil und habe alle auf Grund einer einzelnen Beobachtung in einen Topf geworfen. Und das ist das gefährliche.

Wird es nach dem Buch eine Fortsetzung geben?

Weiß ich noch nicht. Ich bin jetzt schon sehr froh, dass das Buch sehr gut ankommt. Ich bin mir sicher, nach dem Buch wird es sicherlich keine Welt ohne Vorurteile geben. Vielleicht machen wir noch eines. Keine Ahnung. Jetzt bin ich mal sehr froh, dass das so schön geworden ist.

Interview: Sandra Barthel
Fragen, Transkript: Dieter Zirnig

Vorurteile erleichtern das Leben, heißt es. Aber sicher nicht das Zusammenleben. Vorurteile haben Konjunktur, denn es gibt viele Vorurteile und ständig kommen neue hinzu. Viele Probleme entstünden nur durch Ausländer, eine undemokratische EU schröpfe fleißige Österreicher und der Nationalsozialismus habe viele dieser Probleme ohnehin viel besser gelöst. Zu diesen Themen hat jeder eine Meinung. Gerade junge Menschen sind im Bezug auf die aktuellen Diskussionen verunsichert. Das Handbuch von Nina Horaczek und Sebastian Wiese soll es jungen Menschen ermöglichen sich mit „guten Argumenten gegen dumme Behauptungen zu wehren“. Ihrer Leserschaft liefern die Autoren in verständlicher Form objektive Daten und Fakten zu über 20 Vorurteilen.

 

Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg

Ein weit verbreitetes Vorurteil ist jenes, dass Ausländer uns die Arbeitsplätze wegnehmen würden. Es wird immer wieder vorgebracht, dass wenn es keine Ausländer im Land gäbe, dann alle Einheimische Arbeitsplätze finden würden. Gerade in Zeit hoher Arbeitslosigkeit sind solche Aussagen daher besonders wirksam, da viele Menschen selbst von Arbeitslosigkeit betroffen sind oder jemanden kennen, der keine Arbeit findet. Horaczek und Wiese zeigen mit dem Verweis auf die tatsächlichen Zahlen, dass diese Argumentation nicht stimmt.

 

„Wenn Ausländer uns die Arbeitsplätze wegnehmen, müsste Deutschland das Land mit der höchsten Arbeitslosigkeit sein. Schließlich kamen im Jahr 2013 etwa 437.000 Migranten nach Deutschland.“ 2

 

An Hand von Statistiken und weiteren Informationen zum so genannten Inländerprinzip argumentieren die Autoren, dass überwiegend die mangelnde Ausbildung der Arbeitssuchenden dazu führt, dass diese keine Arbeit finden.

 

„Ausländer nehmen keine Arbeitsplätze weg. Sie haben in der Vergangenheit Jobs übernommen, für die keine einheimischen Arbeitskräfte gefunden wurden, und trugen dadurch zur Schaffung und Vermehrung unseres Wohlstands bei.“ 3

 

Wer sich mit weiteren Vorurteilen argumentativ auseinandersetzen will, dem sei das Vorgängerbuch von Horazcek und Wiese empfohlen. In dem „Handbuch gegen Vorurteile. Von Auschwitzlüge bis Zuwanderungstsunami“ untersuchten die Autoren bereits insgesamt 50 gängige Vorurteile und Geschichtsverharmlosungen auf ihren Wahrheitsgehalt.

 

Fazit

Gerade in Zeiten wie diesen und vor zwei Landtagswahlen in Oberösterreich und Wien ist das Buch ein wichtiger Beitrag zur politischen Bildung. Mit guten Argumenten kann man sich und andere vor unqualifizierten Vorurteilen schützen. Die eigene Wahlentscheidung soll schließlich gut überlegt sein. Getreu dem Motto: wer nichts weiß, muss alles glauben.

Gegen Vorurteile BuchcoverNina Horaczek und Sebastian Wiese
Gegen Vorurteile
Verlag: Czernin Verlag
Seiten: 192
ISBN: 978-3-7076-0493-1

Preis Buch: 17,90 Euro  (Taschenbuch) , 14,99 Euro (E-Book) (Partnerlinks)

Transparenz

Wir bedanken uns beim Czernin Verlag für die Zusendung eines kostenlosen Rezensionsexemplars. Zwei weitere Exemplare sind uns für das Gewinnspiel zur Verfügung gestellt worden.

Gewinnspiel
Wir verlosen zwei Exemplare des Buches „Gegen Vorurteile. Wie du dich mit guten Argumenten gegen dumme Behauptungen wehrst“.Um am Gewinnspiel teilzunehmen, schicke bitte eine Mail an sandra.barthel[at]neuwal.com mit dem Betreff „Vorurteile“ – zwecks Adresse erkundigen wir uns erst nach der Ziehung beim Gewinner. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen und der Preis kann natürlich nicht in bar abgelöst werden. Einsendeschluss: 18. Oktober, 23:59 Uhr.

Quellen und Fußnoten:

  1. Die Autoreninfo wurde direkt aus dem Buch übernommen
  2. Nina Horaczek und Sebastian Wiese: Gegen Vorurteile. Seite 24
  3. Nina Horaczek und Sebastian Wiese: Gegen Vorurteile. Seite 23
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Sandra Barthel

Autorin, Politikwissenschafterin und Geographin. Sandra (*1984) lebt in Wien und arbeitet an der Schnittstelle zwischen Politik, Gesellschaft und Medien. Sandra hat in diesem Feld als Consultant, sowie bei internationalen Organisationen und politischen Institutionen gearbeitet. Momentan widmet sie sich dem Thema Journalismus und Neue Medien mit einem Masterstudium an der Fachhochschule Wien. Für neuwal.com rezensiert Sandra die neusten politischen Sachbücher und führt Interviews mit den Autoren.