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Am 24. September 2015 findet zum ersten Mal der LANGE TAG DER POLITIK an Schulen in Wien statt. Der Lange Tag der Politik ist eine Gemeinschaftsaktion mehrerer politischer Organisationen und Einrichtungen, die ihre Services und Angebote öffnen und diese SchülerInnen, ErstwählerInnen und Lehrlingen zur Verfügung stellen. meineabgeordneten.at sind als Partner im Bereich Politischer Bildung mit einem Modul mit an Board. Dieter Zirnig hat mit Marion Breitschopf über Politische Bildungsarbeit, Veränderung, Ideen und Visionen gesprochen.

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„Meine Abgeordneten“ ist die erste privat finanzierte Transparenzplattform, die öffentliche Daten zu allen österreichischen Nationalratsabgeordneten, der Bundesregierung Mitgliedern des Bundesrats, EU-Abgeordneten und des Wiener Landtages bzw. der Stadtregierung beinhaltet. Die Betreiber glauben, dass Transparenz in der Politik einen Wert an sich darstellt und zudem eine wichtige Vorbeugemaßnahme gegen Korruption ist. Die Plattform entstand aus einer privaten Initiative auf der Projektbörse www.respekt.net und wurde ohne öffentliche Fördergelder realisiert.

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Interviews werden ab 10. September jeden Tag veröffentlicht.

Heute treffen wir Marion Breitschopf, die am LANGEN TAG DER POLITIK mit meineabgeordneten.at mit dabei ist. Marion, wer bist Du und was genau ist meineabgeordneten.at?

Marion Breitschopf (meineabgeordneten.at): Mein Name ist Marion Breitschopf und ich bin verantwortlich für meineabgeordneten.at. Dies ist eine Transparenzplattform für Österreichs PolitikerInnen und die Eigentümerin dieser Plattform ist der Verein respekt.net. Es ist eine Transparenzplattform für österreichische SpitzenpolitikerInnen. Man findet dort nicht nur die klassischen Lebensläufe mit Schule und Beruf, sondern man kann sich auch informieren, in welchen Firmen und Netzwerken die Menschen aktiv sind, in welchen Ausschüssen sie sitzen und welche Funktionen sie in ihren Parteien innehaben.

Was ist das Ziel und die Vision von meineabgeordneten.at?

Das Ziel von meineabgeordneten.at ist es, PolitikerInnen in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Das soll mit gut recherchierten, sichtbaren Quellen passieren. Es soll dabei nicht Wahlwerbung betrieben werden und wir wollen uns auch nicht auf platte Aussagen beschränken, sondern es geht einfach darum, die Person darzustellen. Das machen wir in Form von Dossiers. JedeR PolitikerIn hat so etwas bei uns und da sind die ganzen Punkte zum Lebenslauf enthalten.

Wer steckt hinter dem Dossier? Wer macht das?

Hinter dem Dossier steckt eine kleine Redaktion, die nach dem Vieraugenprinzip arbeitet. Es wird vorrecherchiert und dann wird es noch einmal kontrolliert. Es liegt uns sehr viel an der Richtigkeit der Daten. Jedes Datenbit, das wir online haben, ist auch extra mit Quellen versehen. Das heißt, die UserIn kann sich ansehen, woher wir diese Information beziehen.

Wer entscheidet bei euch über diese Projekte, über diese Dossiers?

Über diese Dossiers wird bei uns sehr kameradschaftlich entschieden. Eine Information stimmt oder stimmt eben nicht. Wir haben auch ein Regelwerk, ab wann eine Quelle verlässlich ist. Wenn es beispielsweise nur einen Wikipedia-Eintrag und sonst nichts gibt, dann fragen wir entweder nach oder suchen eine zweite verlässliche Quelle dazu. Nur Wikipedia alleine haben wir nicht als Quelle.

Gibt es vergleichbare Projekte in Österreich, Deutschland oder im weiteren Umfeld?

In Deutschland gibt es zum Beispiel abgeordnetenwatch.de, die sich auch sehr stark auf die Nebeneinkünfte der deutschen PolitikerInnen spezialisiert haben. Es gibt auch in Amerika und in Großbritannien vereinzelt genau solche Plattformen, die sich eben aus der Zivilgesellschaft entwickelt haben. Das sind nicht offizielle Stellen. Auch wir werden beispielsweise sehr oft mit der offiziellen Parlamentsseite verwechselt. Wir kriegen auch oft Mails, als ob wir das Backoffice der PolitikerInnen wären. Das sind wir nicht. Wir leiten die Mails dann meistens weiter, weil wir ja auch nicht blockieren wollen. Aber wir sind ein rein zivilgesellschaftliches Projekt. Wir sind keine offizielle Einrichtung und haben auch keinen Druck von irgendeiner politischen Stelle. Das halte ich auch für sehr wichtig. Denn sehr viele von diesen Projekten werden halt von einer Partei oder eine Partei-Bildungsorganisation finanziert und je nachdem wird dann natürlich auch politischer Druck ausgeübt. Dem sind wir nicht ausgesetzt.

Wie könnt ihr mit eurer Plattform die Welt bzw. Österreich verändern?

Wir sind davon überzeugt, dass die Transparenz und die Sichtbarmachung von PolitikerInnen ein Schritt in die richtige Richtung ist, um das politische System in Österreich zu öffnen. Unter Öffnen verstehen wir, dass mehr Leute an diesem Bereich teilhaben, dass es mehr Quellen zur Information gibt und dass diese Quellen auch unabhängig sind. Wir sind jetzt nicht wie eine Parteiseite, die Informationen über ihre Leute online gibt und das werbetechnisch macht, sondern wir sind eine Informationsseite, die außer der Wahrheit und der Transparenz niemandem verpflichtet ist. Wir glauben, dass diese Art von Informationsaufbereitung ein ganz wichtiger Beitrag zum politischen Diskurs in Österreich ist.

Wie kann man dieser Zielgruppe weiterhelfen, wie kann man eure Plattform zum Beispiel auch im Unterricht einsetzen?

Unsere Plattform hilft SchülerInnen oder auch Lehrlingen dabei, sich über Personen, über PolitikerInnen zu informieren. Man kennt diese ein wenig aus dem Fernsehen, aber das ist ja wieder zusammengeschnitten und da wird alles sehr kurz und zum Teil auch in Allgemeinplätzen präsentiert.

Bei uns können sich die SchülerInnen wirklich anschauen, wer das ist, wofür die Person steht, woher sie kommt, welche Schulbildung und welche Interessen sie hat. Auch wenn wir Hobbies nicht explizit auf der Seite haben, kann man dennoch herauslesen, wie dieser Mensch tickt beziehungsweise was ihn antreibt überhaupt Politik zu machen. Einerseits soll es zeigen, dass man vielleicht auch die Möglichkeit hat in die Politik zu gehen und auf der anderen Seite kann es bei Wahlentscheidungen helfen. In Österreich werden zwar Parteien gewählt, aber diese persönlichen Vorlieben treten in den letzten Jahren schon mehr und mehr in den Vordergrund. Der Personenwahlkampf wird heute einfach mehr geführt als früher und bei uns kann man sich da sehr gut informieren. Wer tritt zum Beispiel jetzt bei der Wien-Wahl an, auf welchem Listenplatz kandidieren die Personen? Kommen sie eher aus der Gewerkschaft oder aus der Industriellenvereinigung? Das sind Sachen, über die man sich bei uns ein Bild machen kann.

Im politischen Bildungskontext ist es natürlich auch wichtig zu wissen, wie unser Staat überhaupt funktioniert. Was sind politische Organisationen, was sind Interessensvertretungen und wie spielt das alles zusammen und welche Machtfaktoren ergeben sich dadurch. Das sind wahnsinnig spannende Fragen, nur wird es im Moment halt viel zu fad aufbereitet. Dann steigen 14-Jährige einfach aus. Anstatt es ihnen wirklich näher zu bringen- denn auch so komplexe Dinge kann man jungen Leuten interessant vermitteln, ohne dass es superfad wird- gehen diese dann einfach verloren. Das finde ich wahnsinnig schade. Die Politik, die jetzt gemacht wird, wird nämlich die Zukunft der Jungen gestalten. Was jetzt im Bildungsbereich gemacht wird, wird dann, wenn die heute Jugendlichen erwachsen sind, diese und ihre Kinder voll treffen. Deswegen halte ich es für ganz wichtig, dass junge Leute wissen, wie die Republik funktioniert und sie sich informieren können. Das sollen sie aber so können, dass es ihren Lebenswelten entspricht.

Wie kann politische Bildungsarbeit heutzutage aussehen?

Politische Bildungsarbeit ist ein sehr schwieriges Thema. Auf der einen Seite darf man die jungen Leute nicht überfordern mit faden Geschichten, aber auf der anderen Seite soll man sie auch nicht für dumm verkaufen. Sehr oft versuchen dann Omis wie ich, die Sprache der Jugend zu sprechen und wir scheitern dann teilweise daran. Wir sollten uns eher darauf zurückziehen, Information anzubieten und dann den jungen Leuten die Entscheidung zu überlassen, worüber sie sich informieren. Wir sollten sie nur anleiten, wo sie Informationen bekommen und wie sich selber Informationen beschaffen können. Das ist ganz wichtig. Es geht also darum, dass sich die Jugendlichen die Informationen beschaffen, von denen sie glauben, dass es wichtig für sie ist. Und da muss man das Interesse wecken, weil von alleine kommen sie nicht darauf. Das stimmt schon. Man muss also schon das Interesse wecken, aber man muss ihnen auch das Werkzeug in die Hand geben, damit sie sich ihre Informationen selber beschaffen können. Das ist ja dann auch viel interessanter. Da gibt es dann ein Erfolgserlebnis. Ich habe das selber recherchiert, das ist doch für eineN 14-JährigeN super.

Was kann mit politischer Bildungsarbeit verändert werden?

Ich glaube, dass politische Bildungsarbeit ein ganz wichtiges Gegenmittel gegen Intoleranz, Dummheit und antidemokratische Tendenzen ist. Es wird immer die Zeit beziehungsweise die Jugend schlecht geredet, das ist schon alte Tradition. Aber ich glaube einfach, dass politische Bildung überhaupt eines der wichtigsten Fächer in der Schule ist. Nichts bestimmt das Leben von jungen Erwachsenen so wie Politik. Wenn die nicht lernen, das mitzugestalten, sich einzubringen und die Ideen zu verwirklichen oder zumindest den Eindruck zu haben, dass sie etwas beitragen können, dann haben wir als Gesellschaft verloren. Deshalb halte ich das für ganz essentiell und da gehört dringend etwas gemacht.

meineabgeordneten.at sehe ich als Tool im Bereich politische Bildung etc. Jetzt würde mich interessieren, ob es Best Practice Beispiele aus anderen Ländern gibt?

In Deutschland gibt es abgeordnetenwatch.de. Das ist eine riesengroße und sehr gute Plattform, die auch immer wieder durch einzelne Aktionen auffällt. So streben sie auch Gerichtsprozesse an und bringen Bewegung rein. Das würde ich mir auf jeden Fall anschauen, wenn ich über Österreichs Grenzen hinausgehen will.

Welche Herausforderungen gibt es für euch und wie kann man diese überwinden?

Eine der großen Herausforderungen in Österreich ist es, sich als zivilgesellschaftliches Projekt zu organisieren. Damit meine ich auch, dass man mit anderen Projekten gemeinsam Dinge macht, damit man eine Stärke bekommt. So wie der „LANGE TAG DER POLITIK“. Da gibt es viele verschiedene Projekte, die da mitmachen. Auch wenn die Projekt zwar verschieden sind und auch verschiedene Ausrichtungen haben, segelt man dabei unter einer Flagge. Es ist sozusagen ein großes Schiff, das man mit lauter kleinen Schiffen aufbereitet wird. Das passiert in Österreich leider viel zu selten, weil hier jeder lieber seine eigene Suppe kocht. Das Zusammenarbeiten ist in Österreich noch nicht so verbreitet. Es kommt jetzt langsam und es gibt auch schon einige gute Initiativen diesbezüglich und das ist auch ganz wichtig. Dieses Zusammenarbeiten sollen auch die Jugendlichen lernen, weil nur durch Zusammenarbeit bekommt man eine relevante Stärke zusammen. Das ist auch ein Lernprozess, weil man nie zu 100 % mit anderen Projekten übereinstimmt. Aber man muss einfach einen gemeinsamen Nenner suchen. Dann funktioniert das auch und dann ist die Stimme auch lauter.

In Österreich ist der politische Bereich auch sehr stark von der öffentlichen Hand geprägt. Die Zivilgesellschaft in Österreich ist zwar sehr stark ausgeprägt, aber nicht so, dass es das auch finanziell trägt. Die klassischen NGOs hängen eigentlich alle an öffentlichen Förderungen. Bei den Projekten gibt es auch nur ganz wenige, die das nicht haben und wirklich privat aus der Zivilgesellschaft finanziert werden. Da gibt es auch noch Aufholbedarf. Da macht der Verein respekt.net eigentlich relativ viel, um da ein Bewusstsein zu bilden.

Unter politischen Projekten wird in Österreich auch zumeist etwas Parteipolitisches verstanden. Das ist mir sehr stark aufgefallen, als wir an den Start gegangen sind. Wir sind sofort irgendwelchen Parteien zugeordnet worden, weil sich 2011 niemand vorstellen konnte, dass es so ein Projekt wirklich überparteilich gibt. Wir haben überspitzt formuliert alle Parteien gleich schlecht behandelt und das machen wir nach wie vor. Wir behandeln alle gleich gut oder gleich schlecht. Seine eigene politische Meinung muss man dabei sehr stark ausblenden. Das ist klassische journalistische Arbeit.

Das Thema „Politische Bildung“ an der Schule ist schon durchgeklungen. Das sollte auf jeden Fall mehr forciert werden und da gibt es ja verschiedene Möglichkeiten. Hast du da konkrete Vorstellungen, wie das aussehen soll? Was wäre eine Empfehlung oder ein Wunsch?

In meiner Schulzeit war politische Bildung stark vom Engagement der Lehrkraft abhängig. Ich hatte das Glück, einige sehr gute ProfessorInnen zu haben, die schon sehr früh mein Interesse an Politik geweckt haben. Nun sind nicht alle Lehrkräfte so, das muss man einfach so sagen. Den Schulen würde es aber helfen, wenn man immer wieder unabhängige Leute in die Schule holen würde, die das Ganze dann nach spezifischen Themen aufbereiten. Das wäre natürlich abhängig von der Schulstufe und der Schulart. Man kann jetzt nicht für alle Schulen das Gleiche anbieten, das müsste man schon anpassen. Aber vielleicht würde es helfen, wenn man auch Leute von außen als Unterstützung reinholt. Die LehrerInnen sind ohnehin den ganzen Tag in diesem Schulbetrieb und haben auch nicht mehr so den Blick darauf.

Auf jeden Fall braucht es aber auch mehr Ausbildung in Sachen politischer Bildung für LehramtskandidatInnen. Das ist glaube ich ganz wichtig. Es soll meiner Meinung nach auch wirklich ein eigenes Fach geben und nicht bei Geschichte oder Geographie dabei sein. Das macht halt dann irgendwer und das stelle ich mir auch für die LehrerInnen sehr frustrierend vor.

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Insights
Die beste politische Bildung ist es, selbst Politik mitzugestalten.
Interviewort: Wien
Datum/Zeit des Interviews: Juli 2015
Organisation: Dieter Zirnig
InterviewpartnerIn: Marion Breitschopf
Interviewer: Dieter Zirnig
Autor: Dieter Zirnig
Transkript: Wolfgang Marks
Lektorat: Dieter Zirnig, Wolfgang Marks
Format: Dieter Zirnig

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Digitaler und Politischer Entrepreneur - Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen - seit einigen Jahren selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Media Strategy, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.
  • Franz R.

    da würde dann keiner mehr rot wählen =)