Das Bild des Journalisten hat sich gewandelt, die Aufgaben sind um ein Vielfaches gewachsen. Heute ist man Kameramann, Ton- und Lichttechniker, Fotograf, Innenarchitekt, Stilberater und zuständig für sämtliche Social Media-Kanäle – zumindest, wenn man keinem etablierten Medienunternehmen angehört.

Zwei Tage lang waren  und  unterwegs, um die sieben SpitzenkandidatInnen der anstehenden Landtagswahl in Oberösterreich zu interviewen. Dabei konnten sie diese sieben Erkenntnisse sammeln:

1. Sitze nie 50 Zentimeter neben einem Scheinwerfer

Leo Furtlehner sitzt uns gegenüber. Die Videokamera läuft, das Aufnahmegerät nimmt auf, das Klickgeräusch der Fotokamera übertönt ein wenig die Stimme des Spitzenkandidaten der Kommunistischen Partei Oberösterreich und die Scheinwerfer… und ja, es ist unfassbar heiß, weil die Scheinwerfer nicht nur leuchten, sondern auch heizen. Der kleine Raum in der Zentrale der KPOÖ lässt uns keine andere Möglichkeit, als 50 Zentimeter neben dem Hitze-Hotspot zu sitzen.

Leo Furthlehner

Nach einer Minute perlen bereits die ersten Schweißtropfen über die Stirn, die salzige Flüssigkeit tropft ins Auge, es brennt fürchterlich. Doch Furtlehner bleibt ruhig, er sitzt am anderen Ende des Tisches, nimmt einen Schluck Kaffee und beantwortet die Fragen. Er scheint gar nicht zu merken, dass sich die zwei Personen von neuwal.com langsam zu einer mittelgroßen Schweißpfütze transformieren.

Das Gespräch endet nach etwa 20 Minuten, wir sind noch fleischige Menschen geblieben. Und trotzdem: Sitze nie 50 Zentimeter neben einem Scheinwerfer.

2. Vergiss nie das Stromkabel im Auto

Zwei Stricherl sind es noch. Das wird reichen. Wir lassen das Stromkabel der Videokamera im Auto und spazieren rund 850 Meter in die Stadt zum nächsten Interview. Judith Raab, Spitzenkandidatin der NEOS Oberösterreich, hat im Oberösterreichischen Presseclub Platz genommen und erzählt, wie sie der Politikerverdrossenheit Paroli bieten möchte.

Judith Raab (NEOS)

Nach etwa 15 Minuten fängt ein rotes Lämpchen bei der Kamera zu blinken an. Das erste Anzeichen, dass sich der Saft langsam zu Ende neigt. Es wird gehofft, gebangt, gezittert. Verwirrung herrscht im Raum, aber Judith Raab bekommt davon nicht das Geringste mit. Auch nicht, als sich mitten im Interview die NEOS-Spitzenkandidatin nicht mehr am Display befindet: „Low Battery“.

„Es tut uns leid, Frau Raab, aber…“, versuchen wir zu beruhigen. Es trifft Kollegen Marks, der bei rund 30 Grad das Kabel aus dem Auto holen muss und dann aussieht, als wäre er den schnellsten Marathon seines Lebens gelaufen.

3. Vergewissere dich, ob das Aufnahmegerät auch aufnimmt

Die Videokamera läuft, das rote Lämpchen hat aufgehört zu blinken und das Interview mit Reinhold Entholzer von den Oberösterreichischen Sozialdemokraten kann beginnen. Nur noch das Aufnahmegerät einschalten, “Record”. Wir stellen unsere Fragen, hören zu, wiederholen und fassen zusammen. Entholzer glaubt fest daran, dass die SPOÖ ein gutes Wahlergebnis erzielen wird, auch wenn die Situation nicht so prickelnd sei.

Reinhold Entholzer SPÖ)


Nach rund einer Viertelstunde ist das Gespräch zu Ende. Wir packen zusammen, tauschen noch ein paar Wahlkampffloskeln aus, wünschen ihm und seinem Team noch viel Glück für die kommenden Tage und verabschieden uns.

Acht Uhr am Tag danach, wir befinden uns im Büro von Landesrat Manfred Haimbuchner (FPÖ) und hören kurz in die anderen Audioaufnahmen rein. Eins check, zwei check, drei check, vier check, fünf nicht check. Die Aufnahme fehlt. Wie kann das sein? „Na, einmal drücken reicht eben nicht. Erst beim zweiten Mal nimmt das Ding auf.“

4. Platziere deinen Interviewpartner immer gewissenhaft

„Wie wär es mit…? Oder doch…?“ Das Licht und der Hintergrund können jedes Kamerateam in eine pure Situation der Verzweiflung treiben, vor allem jene Teams, deren Erfahrung von gar nicht bis ein weniger mehr als gar nicht reicht. Umso hilfreicher ist es, wenn ein kompetenter Pressesprecher mit Rat und Tat zur Seite steht. Seine Empfehlung an uns: „Hier sitzt für gewöhnlich der Herr Landesrat.“

Manfred Haimbuchner

Wir drehen uns um: „Aber wir denken, dass es womöglich hier besser wäre.“ Manfred Haimbuchner, Frontmann der FPÖ Oberösterreich, sitzt noch hinter seinem Schreibtisch und lässt seine Finger über die Tastatur gleiten. Er sieht auf:  „Ich muss noch schnell ein paar E-Mail beantworten, aber sie können mich hinsetzen, wo auch immer sie wollen.“

Kurz darauf lassen wir den Absolventen der Johannes Kepler Universität an seinem angestammten Sitz Platz nehmen. Schließlich ist das Büro für ihn auch ein wenig sein Zuhause und dort hat in vielen Familien auch jeder seinen Platz am Esstisch. Nur da fühlt man sich auch wohl.

5. Erkläre dem Gegenüber, wie lange 30 Sekunden dauern

Es ist 11 Uhr vormittags. Das neuwal-Duo hat bereits alles vorbereitet, um Rudi Anschober, den Spitzenkandidat der Grünen in Oberösterreich, in der heißen Phase des Wahlkampfs nicht zu lange in Anspruch zu nehmen. Beim Eintreffen weist uns Anschober daraufhin, dass er um 12 Uhr einen anderen Termin habe. Das geht sich auf jeden Fall aus, garantieren wir.

IMG_20150902_110926

Unsere Fragen sind knapp und deutlich, keine Phrasendrescherei wird vom Interviewpartner abverlangt. Doch irgendwie schaffen es Politiker und Politikerinnen immer wieder aus einem „Ja“ einen Roman zu machen – beinahe zaubern sie ihre gesamte Lebensgeschichte aus dem Hut.

„Sie haben 30 Sekunden, um ihre Antwort zu begründen“, erklären wir. Das Interview ist für 20 Minuten angelegt, als wir fertig sind, sagt der Spitzenkandidat der Grünen: „Ich glaube, wir kommen zu spät.“ Nur gut, dass der nächste Termin gleich am anderen Ufer der Donau stattfindet. Und wir wissen, beim nächsten Mal installieren wir einen Leuchtsignal.

6. Dränge dich stets vor ein renommiertes Medium

Unter Journalisten kennt man sich, die einen mehr, die anderen weniger. Als wir im Büro vom amtierenden Landeshauptmann Josef Pühringer (ÖVP) erscheinen, sitzt bereits ein Wiener Kollege im Wartebereich und wartet auf sein Gespräch mit dem Spitzenkandidaten der ÖVP Oberösterreich.

Josef Pühringer

Wir marschieren schnurstracks an ihm vorbei, keine Zeit für einen Plausch, wir haben es ein wenig eilig. Der sitzende Kollege sieht auf, erkennt, dass wir eine Kamera und Licht bei uns haben, und entert das Büro des Landeshauptmannes. „Wer sind Sie?“, fragt uns der Pressesprecher. „neuwal.com, der Politik-Blog aus Wien.“

Er sieht uns an, dreht sich zum Kollegen einer renommierten Zeitung um und sagt: „Gut, Sie warten bitte draußen. Die Herren von neuwal.com bleiben hier.“ Es ist vielleicht nur ein Satz, aber für einen Verein, der aus ehrenamtlich arbeitenden Mitgliedern besteht, eine überaus große Genugtuung. Mittlerweile kennt man den Wal eben.

7. Bedanke dich immer für ein kleines Geschenk

Ortswechsel: Atzbach, eine Stunde außerhalb von Linz. Das Gras ist saftig grün, große Blumenbeete markieren den Anfang eines jeden Privatgrundstückes, Enten marschieren gemütlich über eine schmalen Feldweg und Kühe begrüßen uns mit einem lauten „Grias eich“ – bildlich gesprochen. Eine oberösterreichische Idylle, wie sie nicht besser im Bilderbuch stehen könnte. Hier wohnt unser nächster Gesprächspartner: Daniel Dragomir, Spitzenkandidat der Christlichen Partei Oberösterreich.

Daniel Dragomir

Der gebürtige Rumäne möchte sein angeschlagenes Image wieder ins rechte Licht rücken.  Bei seinem bisher ersten und sogleich letzten Interview (Anm.: 2009) wurde er missverstanden, erzählt uns Dragomir.  Seine damaligen Aussagen seien aus dem Kontext gerissen worden. Er habe absolut nichts gegen… (weitere Informationen erfährt ihr im #walmanach #ooe15).

Wir starten mit dem Interview, unterbrechen, wenn er eine Frage nicht versteht und beenden das Gespräch nach rund 40 Minuten. „Ich habe noch etwas für sie“, er lächelt uns an, steht auf und verschwindet in einen kleinen Raum hinter der Küche. Wirre Spekulationen füllen das Dragomir-leeren Zimmer: „Was denkst du? A Brettljausn oder ein Bier?“ Weder noch: „Für jeden einen Energy-Drink für die Heimfahrt. Danke, dass sie mir die Chance gegeben haben.“

Vorbei an den Kühen und Enten, das saftige Grün verschwindet hinter dem Horizont, aber diese sieben Erkenntnisse bleiben uns. Das war ein Vorgeschmack auf #walmanach #ooe15.

The following two tabs change content below.

Jürgen Klatzer

Redakteur bei KURIER
Seit Oktober 2014 für neuwal.com als Redakteur tätig. Beschäftigt sich vor allem mit Tagespolitik, Politischer Bildung und politischer Philosophie. Sein Interesse gilt dem Nahen und Mittleren Osten. Arbeitet als Redakteur im Medienhaus KURIER. Hat Kommunikation, Kultur und Medien an der Alpen Adria Universität Klagenfurt und Politische Bildung an der Johannes Kepler Universität Linz studiert.