Am 24. September 2015 findet zum ersten Mal der LANGE TAG DER POLITIK an Schulen in Wien statt. Der Lange Tag der Politik ist eine Gemeinschaftsaktion mehrerer politischer Organisationen und Einrichtungen, die ihre Services und Angebote öffnen und diese SchülerInnen, ErstwählerInnen und Lehrlingen zur Verfügung stellen. NEOS Lab unterstützt als eine von sechs Politischen Akademien dieses Projekt. Dieter Zirnig und Wolfgang Marks (neuwal) haben mit Josef Lentsch (Direktor NEOS Lab) über Politische Bildungsarbeit, Politische Akademien, Ideen und Visionen gesprochen.

Das gesamte Interview gibt es auch vollständig im neuwal LONGREAD-Format.

neoslabNEOS Lab
NEOS Lab fungiert als Schnittstelle zwischen Politik und Gesellschaft. Die Parteiakademie vermittelt zwischen Personen mit Fach- und Erfahrungswissen sowie interessierten Bürger_innen. Es geht NEOS Lab darum, einen Beitrag zur politischen Bildung in Österreich zu leisten. Innovative und partizipative Konzepte sollen angewendet, getestet, experimentell weiterentwickelt und erforscht werden. NEOS Lab funktioniert als Laboratorium und Denkwerkstatt: für demokratische Innovationen, für zukunftsweisende Konzepte politischer Partizipation und für Wissensarbeit.

» NEOS Lab

Interviews und Partner vom #LTDP

ri polak fbi gbw team-stronach-akademie neos
bmbf stadtschulratwien
demokratiewerkstatt go meineabgeordneten meinparlamentat sapereaude polis
wahlkabine bjv neuwal
akwien

Interviews werden ab 10. September jeden Tag veröffentlicht.

Guten Tag Herr Lentsch. Das NEOS Lab unterstützt den ersten LANGEN TAG DER POLITIK in Wien und ist mit am Board mit den anderen Politischen Akademien. Ich möchte Sie bitten, sich kurz vorzustellen: Wer sind Sie und was machne Sie?

Josef Lentsch: Mein Name ist Josef Lentsch, ich bin Direktor des NEOS Lab. Das NEOS Lab ist ein offenes Labor für neue Politik und die Parteiakademie von NEOS. Wir machen unserem gesetzlichen Auftrag entsprechend staatsbürgerliche Bildungsarbeit. Das heißt für uns, dass wir Veranstaltungen, Schulungen und Bürgerbeteiligungsprojekte machen, wo sich BürgerInnen einbringen können. Wir machen aber vor allem auch inhaltliche Programmarbeit, wo sich BürgerInnen wirklich auch als Experten oder einfach als Interessierte engagieren und mit uns inhaltliche politische Arbeit machen können.

LANGER TAG DER POLITKlangertagderpolitik
Wir machen Politische Bildung greifbar und tun etwas: Zum ersten Mal findet am Donnerstag, 24. September 2015 der von neuwal.com initiierte „LANGE TAG DER POLITIK – Warum, wie und wen wählen?“ in Wien statt. Der Lange Tag der Politik ist eine Gemeinschaftsaktion mehrerer politischer Organisationen und Einrichtungen, die an einem Aktionstag ihre Services und Angebote öffnen und diese SchülerInnen, ErstwählerInnen und Lehrlingen zur Verfügung stellen. Ziel ist es, mit Services und coolen Angeboten das Demokratieverständnis zu stärken, Politische Bildung in einem neuen, digitalen Format näher zu bringen, politische Partizipation erlebbar und mit konkreten Handlungsanweisungen auch die politischen Forderungen junger Menschen sichtbar zu machen.

» jetzt informieren und anmelden

Was sind denn jetzt die Projekte und Vorhaben vom NEOS Lab?

Einerseits gibt es laufend Veranstaltungsangebote und Schulungsangebote. Als größeres Projekt haben wir derzeit „Nextwien“ laufen. Das ist ein Bürgerbeteiligungsprojekt, wo wir Ideen der BürgerInnen für das Wien von morgen abholen wollen. Die Top-Idee wird dann einer Machbarkeitsstudie unterzogen. All das läuft natürlich auch unter Einbeziehung von BürgerInnen und AktivistInnen auf allen Ebenen. Das entspricht auch unserem Verständnis, nämlich dass es die beste politische Bildung ist, selbst auch Politik mitzugestalten.

Wir sind natürlich auch beim „LANGEN TAG DER POLITIK““ mit an Bord, unterstützen das und finden das auch eine ganz tolle Initiative. Wir glauben, dass es einfach mehr Angebote für BürgerInnen braucht, sich zu informieren, in Kontakt zu kommen und sich an und in der Politik zu beteiligen. Da braucht es auf jeden Fall noch mehr und deshalb unterstützen wir das auch.

Wir haben fast jeden Tag irgendwo in Österreich eine Veranstaltung oder eine Schulung, die offen ist. All unserer Content ist auch nach Creative Commons lizensiert, es ist also auch öffentlich zugänglich, so wie auch unsere Finanzen. Wir verstehen uns dabei als transparenteste Parteiakademie Österreichs. Auch der gesamte Prozess unserer inhaltlichen Arbeit, von der Ideenentwicklung über die Begutachtung bis hin zur Beschlussfassung von inhaltlichen Stellungnahmen und Papieren ist transparent und partizipativ. Es kann sich der oder die BürgerIn eigentlich an jeder Stelle einbringen, bis hin zur Mitgliederversammlung.

Wer entscheidet letzten Endes welche Projekte zustande kommen und gefördert werden?

Wir sind hier zu neunt im Team, wir haben einen Lab-Vorstand, dazu ein Lab-Kuratorium als Art strategischer Beirat. Das heißt, die operative Entscheidung obliegt mir als Geschäftsführer. Wenn es aber um größere, strategische Entscheidungen geht, entscheidet das der Vorstand unter Beiziehung des Kuratoriums.

Was ist denn die Vision vom NEOS Lab – ganz kurz in ein bis zwei Sätzen?

Die Vision ist dieses offene Labor für neue Politik. Matthias Strolz hat schon öfter gesagt, „dass hier der Ort sein soll, wo wir uns ausmachen, wie wir miteinander leben wollen“. Es sollen hier gewissermaßen Formate und Prototypen entwickelt werden, von Projekten, von Plattformen und von Prozessen, die wir dann in ganz Österreich ausrollen können. Wir probieren Dinge aus, deshalb verstehen wir uns auch als ein offenes Labor.

Wie unterscheidet ihr euch von den anderen politischen Akademien?

Also einerseits durch die Transparenz, sowohl was unsere Prozesse als auch unsere Strukturen anbelangt, das ist sicher ein wichtiger Punkt.

Unsere Projekte und Plattformen sind nie fertig, sondern sind in laufender Weiterentwicklung und sind einem ständigen Update ausgesetzt. So wie NEOS selbst sich auch in einem permanenten Beta-Zustand befindet, wir sind nie fertig. Wir machen nicht alle paar Jahre eine Überarbeitung des Programms, sondern arbeiten eigentlich laufend am Programm.

Wir sind damit nicht nur ein „Think Tank“ sind, sondern eben gewissermaßen auch ein „Do Tank“.

Wie arbeitet ihr eigentlichen mit anderen politischen Akademien zusammen? Gibt es da überhaupt eine gemeinsame Zusammenarbeit?

Es gibt einen Austausch der Akademien untereinander, es gibt auch immer wieder Treffen informeller Art. Von unserer Seite aus würden noch viel mehr zusammenarbeiten und machen auch immer wieder Angebote. Das Interesse ist leider von der anderen Seite noch beschränkt. Ich freue mich darauf und hoffe darauf, dass sich das in Zukunft noch weiterentwickelt. Ich freue mich auch, dass mit dem „Langen Tag der Politik“ auch ein Projekt, eine Plattform da ist, wo wir alle gemeinsam zusammenarbeiten und etwas beitragen können.

Wie arbeitet die politische Akademie mit der Partei zusammen?

Wir sind in laufender und enger Abstimmung mit der Partei und auch mit dem parlamentarischen Klub. Natürlich haben wir alle drei unsere spezifischen Aufgaben und unsere gesetzlichen Rahmenbedingungen, innerhalb derer wir uns bewegen.

Josef Lentsch (NEOS Lab) in 3 Minuten
Wir haben jetzt sehr viel über die Organisation NEOS Lab erfahren, nämlich wie ihr arbeitet und welche Projekte ihr vorantreibt. Jetzt wollen wir inhaltlich noch konkreter werden und über politische Bildung sprechen. Das ist ja der Fokus des „Langen Tags der Politik“. Da würde uns zunächst interessieren, wie politische Bildungsarbeit in der heutigen Zeit aus eurer Sicht gestaltet werden soll?

Aus unserer Sicht ist die beste politische Bildung selbst Politik mitzugestalten. Es braucht aus unserer Sicht seitens der bestehenden Institutionen eine Offenheit, auch eine Inklusivität, wo man Leute wirklich einbindet. Damit einher geht auch ein Empowerment, eine Ermächtigung. Man muss den Leuten Skills vermitteln, wie sie sich einbringen können. Egal ob das nun im Rahmen von Petitionen, von Bürgerinitiativen oder anderen dirketdemokratischen Instrumenten passiert. Wir wollen also den BürgerInnen schon von ganz jungen Tagen an vermitteln, was er oder sie tun kann, um sich Gehör gegenüber dem Staat zu verschaffen.

Was glauben Sie damit verändern zu können? Man denke nur an Politik- bzw. Politikerverdrossenheit, ist das ihr Zugang um hier etwas zu verändern?

Ich glaube schon. Ich glaube, wenn die Leute verstehen, was sie selbst tun können und sich nicht machtlos und ausgesetzt fühlen, man die politische Arena öffnet und da auch mit einem anderen Stil herangeht, dann glauben wir, dass tatsächlich mehr Leute bereit sind, sich zu engagieren. Wir glauben, dass Parteiapparate und Institutionen, wo man sich über die Ochsentour hinaufdienen muss und man dann nach 10, 15 oder 20 Jahren vielleicht einmal etwas mitentscheiden kann, der Vergangenheit angehören sollen. Wir glauben, dass solche Strukturen und solche erstarrten Prozesse genau Teil des Problems sind und sich deshalb Leute nicht einbringen wollen.

Gibt es da vielleicht auch Best Practice Beispiele von anderen Organisationen oder Ländern, wo das schon funktioniert hat?

Also ich glaube, dass solche Plattformen und Aktionen wie ‚„Rock the Vote’“ in England sehr viel Aufmerksamkeit erregen. Dabei arbeiten sie viel mit digitalen Medien und unkonventionellen Formaten, die auch bei jungen Leuten funktionieren und man redet auch mit den Leuten dort, wo sie sind. Das ist internationale Best Practice, von der wir uns auch etwas abschauen können. Es geht um Offenheit, es geht darum mit Leuten auf Augenhöhe zu sprechen, egal welcher Altersgruppe und egal welchen Bildungsgrads und es geht darum, die Leute auch wirklich inklusiv und proaktiv einzuladen. Es reicht also nicht bloß offen zu sein, man muss die Leute aufgrund eines gewissen Misstrauens auch proaktiv hereinholen.

Seht ihr in dem Bereich auch irgendwelche Hürden und wenn ja, wie kann man diese überwinden?

Ich glaube die größten Hürden sind die Strukturen und Prozesse, wie sie in vielen Organisationen und Parteien derzeit noch bestehen. Dieses Funktionärstum, dass man erst Mitglied sein muss um mitbestimmen zu dürfen und auch das Misstrauen vieler PolitikerInnen gegenüber den BürgerInnen, das sind die größten Hürden.

Politische Bildung ist dabei natürlich ein wichtiger Hebel, um etwas zu bewegen. Wie steht ihr der Debatte des eigenen Fachs „Politische Bildung“ gegenüber? Was ist da eure Position dazu, gibt es vielleicht auch andere Vorschläge es aufzuziehen?

Ich war mit 15 Schülervertreter und wir haben damals schon über das Fach „Politische Bildung“ diskutiert. Jetzt bin ich 38, das ist 23 Jahre her, und es ist immer noch dieselbe Diskussion. Das ist natürlich ein Jammer und das ist natürlich ein weiteres Symptom einer Bildungspolitik, die von der rot-schwarzen Koalition blockiert wird. Wir würden das gerne weiter fassen. Also, ja natürlich braucht es mehr politische Bildung. Ich glaube, darüber herrscht Einigkeit. Wir glauben aber, dass es noch mehr braucht. Nur mit einem Fach „Politische Bildung“- obwohl dies schon ein großer Fortschritt wäre- ist es noch nicht getan. Wir glauben, dass wir generell eine Diskussion über den Fächerkanon brauchen. Welche Fächer und welches Wissen braucht es denn im 21. Jahrhundert?

Was wären denn ergänzend dazu drei Punkte, wie man die politische Kultur in Österreich verbessern könnte?

Wir glauben, es braucht eine neue Kultur der Werte. Wir glauben, dass PolitikerInnen hier durchaus auch Rollenmodelle sein sollten. Wir glauben, dass es hier mehr Wertschätzung braucht, mehr Respekt und mehr Authentizität. Wir glauben, dass Politiker auch die Menschen sein sollten, die sie sind.

Wir glauben aber auch, dass es für so eine Kultur neue, umfassende rechtliche Rahmenbedingungen braucht. Ich nenne nur das Stichwort Föderalismus. Wir glauben, dass ein großer Teil der politischen Kultur davon geprägt ist, dass einfach die Landeshauptleutekonferenz einfach mächtiger ist als die Regierung.

Zu guter letzt braucht es dann auch die Strukturen in den Parteien selbst. Es braucht Transparenz, mehr Partizipation seitens der BürgerInnen und Inklusion seitens der Parteien, um hier den BürgerInnen die Möglichkeit zu geben, sich effektiv einzubringen.

ltdp_partner

Insights
Die beste politische Bildung ist es, selbst Politik mitzugestalten.
Interviewort: Wien
Datum/Zeit des Interviews: 2015-07-03 11:00:00
Organisation: Dieter Zirnig
InterviewpartnerIn: Josef Lentsch
Interviewer: Dieter Zirnig, Wolfgang Marks
Autor: Dieter Zirnig
Transkript: Wolfgang Marks
Lektorat: Dieter Zirnig, Wolfgang Marks
Format: Dieter Zirnig
The following two tabs change content below.
Der Weg zur politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 8 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen - seit drei Jahren selbständig. Digital Mindshift, Media Strategy, Neue Formate, Journalism, Systemic Coaching, Ideas, Traveling. Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.