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Am 15. Juli fand in Rostock/Deutschland eine Diskussion unter SchülerInnen zum Thema „Gut Leben in Deutschland statt“. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde dabei mit Hoffnungen, Wünschen und Ängsten von Reem, einem palästinensischen Mädchen konfrontiert, die seit vier Jahren in Rostock lebt. Hier das gesamte Transkript der Diskussion zwischen Angela Merkel und Reem, die auf Twitter unter dem Hashtag #merkelsteichelt diskutiert und im TV auszugsweise gezeigt wurde.


NDR-Moderator der Nachrichtensendung: Menschen auf der Flucht – auf der Suche nach Asyl. Und überforderte Behörden und Politiker. Das ganze Dilemma zeigte sich heute (Anm.: 15.07.2015) expemplarisch bei einem Gespräch von Schülern mit der Bundeskanzlerin in Rostock, als sich ein palästinensisches Mädchen an Angela Merkel wandte. Aus dem Libanon geflüchtet, seit vier Jahren in Rostock. Jetzt soll Reem – so heißt das Mädchen – mit der Familie abgeschoben werden. Das muss man einem hoffnungsvollen, jungen Menschen erst einmal erklären.

Moderator der Diskussion: Reem, da hattest Du ja auch noch eine Geschichte dazu. Vielleicht möchtest Du die auch mal erzählen. Weil es war ja auch ein wichtiger Punkt, den du da angesprochen hast. Das Thema Integration ist schon durchgeklungen.

Reem: Hallo, ich heiße Sie erstmal herzlich Willkommen. Ich bin Reem und bin seit vier Jahren hier in der Schule – neu dazugekommen. Ich bin Palästinenserin und komme aus dem Libanon. Ich bin dazugekommen und habe mich sehr schnell integriert. Es war ziemlich leicht, sich zu integrieren, weil die Lehrer und Schüler ziemlich nett zu mir waren. Ich mag das halt hier. Aber mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass es nicht allen Schülern so geht. Dass es auch viele Schüler gibt – an manchen Schulen – die ziemliche Probleme damit haben, sich zu integrieren und hier zu leben.

Angela Merkel: Was glaubst du: Liegt es an den anderen Schülern dann oder an den Lehrern oder liegt es an den Schülern selbst, die sich integrieren müssen? Was glaubst Du, müsste man da anders machen?

Reem: Genau, also. Mein Wunsch wäre, dass die Lehrer und Schuleiter, sich damit mehr beschäftigen und gucken, was wir machen können, damit sich der Schüler oder die Schülerin wohl fühlt. Weil, ich hatte eine Freundin, sie ist aus einem anderen Land und hat die Schule gewechselt. Und ihr geht es überhaupt nicht gut, weil sie nicht akzeptiert wird.

Angela Merkel: Sie wird nicht akzeptiert? Aber Du wirst hier akzeptiert?

Reem: Ja, darüber bin ich auch froh. Und das andere Gefühl möchte ich nicht erleben.

Angela Merkel: Ich glaube, dass es bei Dir schon sehr gut gegangen ist. Es gibt ja – Du hast ja wahrscheinlich auch Deutsch sehr schnell gelernt, oder?

Reem: Ja, auf jeden Fall. Es fiel mir leicht.

Angela Merkel: Ein Wahnsinn. Vier Jahre bist du hier? Wer hat Dir da geholfen? Deine Eltern oder Schüler?

Reem: Die Lehrer und auch ich selbst. Ich liebe Sprachen, Englisch. Ich kann auch Arabisch sprechen.

Angela Merkel: Das habe ich mir gedacht. Irgendwas musstest Du ja gesprochen haben, bevor Du hierher kamst.

Reem: Deutsch, Schwedisch kann ich auch ein bisschen. Und nächstes Jahr Französisch.

Angela Merkel: Gut. Nun ist nicht jeder so begabt, würde ich mal sagen. Mit der Sprache ist es das A und O. Zweitens ist es die Frage, wieviele Kinder sind jetzt dazugekommen. Und ich war neulich gerade in Berlin in einer Schule, wo 95 % der Schüler den Hintergrund haben, dass sie aus einem anderen Land kommen – 5 % sind deutsche Kinder. Dann ist das für die Lehrer noch sehr viel anstrengender. Und im Augenblick kommen auch sehr viele Flüchtlinge und sehr viele können gar kein Wort Deutsch. Und da die Integration zu schaffen ist nicht ganz einfach. Aber was man sagen muss, ist, dass jeder erstmals gucken sollte, nicht so eine… – hat sie noch etwas vergessen?

Moderator der Diskussion: Aber erzähle ruhig noch etwas von Deinem familiären Background. Du hast noch etwas von Deinem Dad erzählt…

Reem: Also, mein Vater. Ich bin mit meiner ganzen Familie hergekommen. Mein Vater hat früher als Schweißer gearbeitet. Und jetzt in Deutschland – weil wir noch immer nicht die Aufenthaltsbestätigung haben – kann er nicht arbeiten. Und gestern haben zu Hause ganz viele gefragt, warum das eigentlich so ist, dass Ausländer nicht so schnell Arbeit bekommen wie Deutsche. Dann war ich zwei Minuten weg und habe selber überlegt, warum das eigentlich so ist. Ich habe dazu keine Antwort gefunden.

Angela Merkel: Also, ihr habt keinen genehmigten Asylantrag.

Reem: Wir haben jetzt gerade in letzter Zeit eine schwere Zeit gehabt, weil wir kurz davor waren, abgeschoben zu werden. Und mir ging es in der Schule auch richtig schlecht. Das haben die Lehrer und Schüler mitgekriegt.

Angela Merkel: Ihr solltet wieder zurück in den Libanon?

Reem: Ja, genau. Und dann ging es mir halt richtig schlecht.

Angela Merkel: Was genau ist jetzt passiert?

Reem: Jetzt ist erstmals eine Genehmigung da. Aber wir waren in Berlin bei der Botschaft, haben die libanesischen Pässe geholt. Jetzt warten wir in der Ausländerbehörde, bis eine Antwort kommt.

Angela Merkel: Mhm.

Reem: Ich möchte ehrlich gesagt meine Familie wieder sehen, weil es sehr heftig ist, dass ich seit vier Jahren meine Familie nicht gesehen habe. Meine Tante, Oma und Opa. Das ist wirklich eine der Dinge, die mich bedrücken.

Angela Merkel: Mhm. Wir müssen ja bei den Asylanträgen gucken, ob es einen Grund gibt, wofür Asly beantragt wurde. Und was eine Sache ist, die wir jetzt verändern wollen – das haben wir jetzt auch mit den Bundesländern diskutiert: Wenn jemand vier Jahre hier ist, dann ist es halt sehr schwer zu sagen: „Jetzt hast du halt schön Deutsch gelernt, du hast dich integriert“ und jetzt stellen wir fest, nach vier Jahren, dass das eigentlich gar kein richtiger Asylantrag ist. Auf der anderen Seite ist es so, dass viele auch – kommst du direkt aus dem Libanon oder eigentlich aus Syrien vorher?

Reem: Libanon.

Angela Merkel: Libanon gilt jetzt nicht als ein Land, was nun, sagen wir einmal, direkten Bürgerkrieg hat. Dort leben sehr viele Menschen, die in Flüchtlingslagern sind. Das sind keine sehr guten Umstände, in denen man lebt. Das wissen wir. Auf der anderen Seite haben wir Menschen, die sind in noch größerer Not, weil sie vor dem Bürgerkrieg fliehen. Und da müssen wir zunächst den Asylantrag genehmigen. Was aber nicht gut ist, wenn es so lange dauert. Und das müssen wir ändern. Und da haben wir jetzt mit den Ländern auch darüber geredet. Und dann werden wir mal überlegen, wie wir mit denen umgehen, die schon viele Jahre hier sind und in einem Zwischenzustand sind. Da wollen wir jetzt ein beschleunigtes Verfahren machen – da könntest du vielleicht auch profitieren. Und da sagt man: Ja oder Nein. Wir werden nicht alle Menschen – das muss ich auch sagen -, die im Libanon in Flüchtlingslager seit 25 Jahren leben, in Deutschland aufnehmen können, weil wir noch sehr, sehr viele haben, die aus dem Kriegsgebiet kommen.

Reem: Ja. Mich beschäftigt die Frage: Ich bin ja jetzt hier, lebe hier und weiß nicht, wie meine Zukunft aussieht. So lange ich nicht weiß, wie lange ich hier bleiben kann…

Angela Merkel: Ja, das ist klar… Da muss das jetzt einer Entscheidung zugeführt werden.

Reem: Genau.

Angela Merkel: Und das, was wir uns vorgenommen haben – wenn wir sagen, was sich ändern soll -, dass ein Mensch wie Du nicht einfach vier Jahre hier ist und erst dann entscheidet. Das muss sich ändern.

Reem: Ja. Weil ich habe auch Ziele wie…

Angela Merkel: …jeder andere, ja…

Reem:…jeder andere, genau. Also, ich möchte studieren. Es ist wirklich ein Wunsch und ein Ziel, das ich gerne schaffen möchte. Es ist wirklich sehr unangenehm, zuzusehen, wie andere das Leben wirklich genießen können. Und man selber halt nicht mitgenießen kann.

Angela Merkel: Mmh. Ich verstehe das. Und dennoch muss ich jetzt auch, ähm, das ist manchmal auch hart, Politik. So, wenn du jetzt vor mir stehst und dann – bist ja ein unheimlich sympatischer Mensch. Aber, du weißt auch, in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon gibt es noch tausende und tausende. Und wenn wir jetzt sagen: Ich könnt alle kommen. Und ihr könnt alle aus Afrika kommen. Und ihr könnt alle kommen. Das können wir auch nicht schaffen. Und da sind wir jetzt in diesem Zwiespalt. Und die einzige Antwort, die wir sagen ist: Bloß nicht so lange, dass es so lange dauert, bis die Sachen entschieden sind. Aber, es werden manche auch wieder zurückgehen müssen.

Moderator der Diskussion: Wäre doch schön, wenn Sie das Gesicht von Reem dann mitnehmen können in Zukunft. Immer wenn Sie über das beschleunigte Verfahren reden, rufen Sie sich doch das nette Gesicht ins Gedächtnis. Das spornt dann an, Frau Bundeskanzlerin.

Angela Merkel: Ja. Wozu. Schneller zu handeln oder…

Moderator der Diskussion: Es aktiv auf den Weg zu bringen…

Angela Merkel: Da sind wir gerade dabei. Da sind wir jetzt wild entschlossen, dass das so nicht geht. Wir haben so viele Familien, wo die Kinder dann in die Schule gehen. Und das müssen wir verändern.

Moderator der Diskussion: Kann man da einen Zeitraum abstecken? „Wild entschlossen“ bedeutet?

Angela Merkel: Ich denke, dass wir innerhalb eines Jahres jetzt all die Fälle…

Angela Merkel: Och, komm. Du hast das doch prima gemacht.

Moderator der Diskussion: Ich glaube nicht, Frau Bundeskanzlerin, dass es da ums „Prima-Machen“ geht. Sondern, dass es natürlich eine sehr belastende Situation ist.

Angela Merkel: Das weiß ich, dass es eine belastende Situation ist. Und deswegen möchte ich sie trotzdem einmal streicheln. Weil wir euch nicht in solche Situation bringen wollen. Und weil du es ja auch schwer hast und weil du ganz toll aber dargestellt hast für viele, viele andere, in welche Situation man kommen kann. Ja?

Moderator der Diskussion: Diesen Wunsch wollten wir mit auf den Weg geben.

Angela Merkel: Sie ist leider nicht die einzige, die in einer solchen Situation ist. Auf der anderen Seite haben wir heute zum Beispiel gerade im Kabinett – als wir uns als Regierung getroffen haben – darüber gesprochen: Wir haben inzwischen fast 6.000 oder 7.000 junge Menschen, die noch nicht 18 sind und die ganz alleine als Flüchtlinge kommen. Wo sich dann auch der Staat darum kümmern muss – und sich natürlich auch kümmert – und die verschiedenen Bundesländer miteinbeziehen.

Das tun wir schon und wollen wir auch und trotzdem ist es auch so, dass es uns auch nocheinmal bewußt macht, dass es wo anders auf der Welt längst nicht so schön ist wie bei uns. Und, dass es so viele Menschen gibt, die unter so schrecklichen Bedingungen leben müssen. Ich meine, es gehört schon dazu – und das muss man auch sagen -, dass der Konflikt zwischen Israel, Palästina und den arabischen Staaten bis heute nicht gelöst ist. Darunter leiden sie und viele anderen. Weil über Jahre, Jahrzehnte praktisch Familien und über Familien dort in Flüchtlingslagern leben.

Im Augenblick leben auch noch so viele – das wisst ihr ja auch -, die aus Syrien kommen. Millionen in Jordanien, im Libanon. Und wir wollen eigentlich auch, dass eure Länder wieder eine gute Heimat für euch werden. Daran helfen wir übrigens auch mit. Wir können ja nicht alle in Deutschland willkommen heißen. Sondern, unsere politische Aufgabe heißt auch in den anderen Ländern wieder gute Bedingungen zu schaffen. Und da hilft Deutschland auch.

Moderator der Diskussion: Darf ich Sie dann abschließend um diesen Zeitraum bitten? Das ist gerade etwas aus dem Ruder gelaufen.

Angela Merkel: Ich denke, dass wir innerhalb eines Jahres die allerallermeisten Fälle, die älter als zwei Jahre sind, abgearbeitet haben.

Moderator der Diskussion: Beschleunigt bedeutet dann: Wie lange dauert dann so ein Verfahren in der Regel? Oder was ist da der angepeilte Zeitraum?

Angela Merkel: Wir müssen im Grunde… Also, wir haben jetzt ungefährt 200.000 Fälle, die nicht entschieden sind. Davon sind einige neue und viele alte. Die alten werden ungefähr die Hälfte sein. Wenn wir die dann innerhalb eines Jahres dann wirklich abgearbeitet und eine Entscheidung gefällt haben, dass wir dann die neuen innerhalb – jetzt im Augenblick brauchen wir fünf Monate durschnittlich -, dass wir das dann innerhalb von drei bis vier Monaten…
Ich muss allerdings auch sagen: Manchmal kommen Menschen auch ohne jeden Pass. Du sagst ja, wo Du her kommst, das weiß man. Aber manchmal kommen sie auch ohne jeden Pass.

Moderator der Diskussion: Erschwert das ganze dann natürlich…

Angela Merkel: …und da ist natürlich nicht so ganz einfach, wie mann dann entscheidet. Wenn man sagt: „Ich komme aus Somalia“ und dann kommt man aus Senegal.

Egal, ist trotzdem toll, dass Du uns Dein Schicksal gesagt hast.

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Digitaler und Politischer Entrepreneur - Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen - seit einigen Jahren selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Media Strategy, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.
  • Sehr interessantes Interview. Toll, dass auch mal die „Kleinen“ zu kommen und vondie Möglichkeit haben, die Situation aus ihrer Sicht aus schildern können.