In seiner Streitschrift „Im Namen der Menschlichkeit – Rettet die Flüchtlinge!“ erhebt Heribert Prantl schwere Vorwürfe gegen die europäische Asylpolitik. Im Interview erklärt er, welche Alternativen es zum Dublin-System gibt, warum er manche Sätze nicht mehr hören kann und warum Länder Einwanderer brauchen. Mit Gewinnspiel.

Im Namen der Menschlichkeit - Rettet die FlüchtlingeBooklewal
Im Mai 2015 erschien „Im Namen der Menschlichkeit – Rettet die Flüchtlinge!“, eine Streitschrift von Heribert Prantl, Innenpolitik-Chef und Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung. Dieses Buch war auch die Grundlage für unser Interview mit Herrn Prantl.

Zur neuwal-Buchrezension

Dominik Leitner (neuwal.com): Herr Prantl, in Ihrem Blogbeitrag auf resonanzboden.com beschreiben Sie, wie das Asylthema für über 25 Jahren zu einem Ihrer journalistischen Lebensthemen geworden ist. Provokant gefragt: Warum gibt es die Streitschrift „Im Namen der Menschlichkeit – Rettet die Flüchtlinge!“ erst seit diesem Jahr?

Heribert Prantl: Weil ich in den Jahren davor erst einmal ganz viele streitbare Kommentare und Leitartikel zu diesem Thema geschrieben habe. Mein erstes Buch aus dem Jahr 1998 handelt auch von der Ausländer- und Asylpolitik in einer Zeit ausländerfeindlicher Ausschreitungen. Es heißt: „Deuschland, leicht entflammbar“.

Warum haben Sie sich entschlossen, mit diesem Thema aus dem Bereich des berichtenden Journalisten auszubrechen, um in gewisser Art und Weise ein Aktivist für eine menschliche Asyl- und Flüchtlingspolitik zu werden?

Der berichtende Journalismus ist ja nicht der einzige Journalismus. Ich bin, vor allem, kommentierender Journalist. Ein Leitartikler, ein Kommentator ist kein Aktivist – er ist ein politischer Journalist. Der Kommentar, der Leitartikel, ist das journalistische Feld für Streitkultur. Und die Pressefreiheit gibt es auch und vor allem deswegen, um die demokratische Streitkultur zu befördern. Im Zweifel stehe ich dabei auf der Seite der Schwachen, auf der Seite derjenigen, die die Grundrechte mehr brauchen als alle anderen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar`. Da gilt ja nicht nur für Deutsche und österreichische und europäische Menschen, es gilt für alle Menschen.

Flüchtlinge haben Rechte, sie haben das Recht, Rechte zu haben.

Staaten haben Botschafter mit Schlips und Kragen. Die Menschenrechte haben auch Botschafter, nur kommen die nicht so elegant daher – es sind die Flüchtlinge und Asylbewerber. Sie sind die Botschafter des Hungers, der Verfolgung und des Leids. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ist ihre Depesche.

Sie begleiten das Thema journalistisch nun schon seit vielen Jahren: Gab es Momente, in denen Sie glaubten, es würde sich in Deutschland oder auf europäischer Ebene etwas zum besseren verändern?

Ja, die gibt es immer wieder. Ohne diese Hoffnung würde ich bitter und sarkastisch werden – dann würde ich zu schreiben aufhören. In der Zivilgesellschaft ist die Solidarität mit Flüchtlingen gewachsen. Das vor allem stimmt mich positiv.

Was sagen Sie zu Aussagen wie „Das Boot ist voll“ oder auch „Europa ist eine Festung – und muss das auch bleiben“, wie es der WELT-Journalist Dirk Schümer geschrieben hat?

Das ist ein schändliches Argumentieren, das ich seit gut 25 Jahren höre. Mit solchen Argumenten wurde vor 25 Jahren eine ausländerfeindliche Stimmung angefacht. Das Boot ist nicht voll und Europa darf keine Festung sein. Es ist lächerlich, in einer globalisierten Welt Festung spielen zu wollen.

Könnten Sie für unsere Leser kurz erklären, was sie anstelle des Dublin-System (und der damit einhergehenden Überlastung an Europas Außengrenzen) fordern? Wie soll eine gerechtere Aufteilung von Asylsuchenden gelingen?

Das bisherige EU-Asylsystem gleicht einem gewaltigen Menschen-Verschiebebahnhof. Ein Großteil der Energie von Behörden und Anwälten wird von diesem Verschiebezirkus – wer muss in welchem Land überprüft und versorgt werden – absorbiert.

Dieses Dublin-System ist ersatzlos abzuschaffen.

Stattdessen sollte es in Europa künftig das Prinzip der einmaligen freien Wahl geben: Jeder Flüchtlinge, der nach Europa flieht, kann selbst entscheiden, in welchem Land er Asyl beantragen und Schutz finden will. Das klingt erst einmal utopisch, ist aber praktisch und vernünftig. Im EU-Land der Wahl wird dann geprüft und rasch entschieden, ob er bleiben kann oder nicht. Ein Asylantrag in einem anderen EU-Land kann nicht mehr gestellt werden. Innerhalb Europas muss auf der Basis eines rechnerisschen Quotenmodells ein finanzieller Ausgleich geschaffen werden. Geld kann man leichter verschieben als Menschen – die soziale Kontakte haben, zu Angehörigen, zu anderen Menschen aus ihrer Heimat, aus der sie geflohen sind, oder zu Familienangehörigen, die schon in Europa sind.

Sie erklären in Ihrem Buch, dass es notwendig sei, Geld aus den Staatskassen bzw. dem EU-Budget für die Hilfe, Unterstützung und Integration von Flüchtlingen aufzuwenden: Für mehr Betreuer in Erstaufnahme-Einrichtungen, Schulsozialarbeiter, Dolmetscher… In Zeiten offenbar knapper Staatskassen argumentieren aber viele PolitikerInnen gerne gegen solche Ausgaben. Rechtsnationale wie Heinz-Christian Strache (FPÖ) forderte schon damals, bei der Griechenlandhilfe, dass „Unser Geld für unsere Leut’“ ausgegeben werden solle. Warum lohnen sich die finanziellen Aufwendungen für Flüchtlinge Ihrer Meinung nach?

Erstens: Humanität darf keine Frage des Geldes sein.

Humanität zählt zu den immateriellen großen Werten Europas. Genau deswegen wollen wir stolz auf dieses Europa sein. Ich will stolz sein dürfen auf ein humanes Europa.

Zweitens: Migranten sind zwar arm, aber sie haben Energie, sind mutig, wollen aufbauen. Sie können ein großer Gewinn sein für ein Land – wenn man sie arbeiten lässt, wenn man ihre Fähigkeiten nutzt; in Land erwirbt mir ihrer Aufnahme auch interkulturelle Kompetenz. Viele Flüchtlinge sind gut und sehr gut ausgebildet. Schauen wir doch in die USA: Einwanderer haben Leben und Kraft ins Land gebracht und tun das immer noch. Also: Es gibt zum einen die Menschen, die zunächst einmal uns brauchen, also die Flüchtlinge, die vor Krieg und Verfolgung fliehen. Es gibt zum anderen die Menschen, die wir brauchen – die Migranten, die Einwanderer.

Sie sehen die Migration als „Tatsache in einer Welt, in der die Globalisierung massenhaft Lebensräume zerstört“. Können Sie uns diese Feststellung bitte genauer erklären?

Migration ist auch Folge unserer Art des Wirtschaftens und des Klimawandels. Ganze Lebensräume sind unbewohnbar geworden. Wirtschaftsstrukturen sind zerstört worden – beispielsweise durch EU-Subventionspolitik. Wenn infolgedessen französisches Geflügel in Niger billiger ist als das dortige, wenn europäische Butter in Marokko billiger als die einheimische, wenn schwimmende Fischfabriken aus den USA und aus der EU vor den Küsten Afrikas alles wegfischt was zappelt – dann muss man sich über den Exodus auf Afrika nicht wundern.

Wie ist es Ihnen seit Erscheinen des Buches ergangen? Haben Sie bereits Reaktionen von PolitikerInnen mitbekommen?

Sehr viel Begeisterung, auch viel Kritik. Das ist auch der Sinn einer Streitschrift.

Gewinnspiel

Der Ullstein Verlag hat uns ein Exemplar des Buches „Im Namen der Menschlichkeit – Rettet die Flüchtlinge“ für ein Gewinnspiel zukommen lassen.

Um am Gewinnspiel teilzunehmen, bitte eine E-Mail an dominik.leitner[at]neuwal.com mit dem Betreff „Menschlichkeit“ schicken – zwecks Adresse erkundigen wir uns erst nach der Ziehung beim Gewinner bzw. bei der Gewinnerin. (Der Rechtsweg ist ausgeschlossen und der Preis kann natürlich nicht in bar abgelöst werden) Einsendeschluss: Sonntag, 12. Juli 2015, 23.59 Uhr.

Bildquellen: Autorenfoto – NamensnennungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von blu-news.org,

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