Nach über 1.700 toten Flüchtlingen im Mittelmeer allein in diesem Jahr, sollte Europa eigentlich umdenken. Warum dies nicht geschieht und was sich ändern müsste, hat der Journalist Heribert Prantl in einem dünnen Büchlein zu erklären versucht. Mit Gewinnspiel.

Heribert PrantlHeribert Prantl
Jahrgang 1953, hat Rechtswissenschaften, Geschichte und Philosophie studiert. Seit 1995 leitet er das Ressort Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung und seit 2011 ist er dort Mitglied der Chefredaktion. Prantl ist Autor zahlreicher Leitartikel und Kommentare; die Flüchtlingspolitik gehört seit jeher zu seinen großen Themen. Er ist Autor mehrerer politischer Bücher; dafür wurde er unter anderem mit dem Geschwister-Scholl- und mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnet. 1

Auf gerade einmal fünfundzwanzig Seiten versucht Heribert Prantl einen Spannungsbogen zu erzeugen und aufrechtzuerhalten: Warum wird das Mittelmeer vor unseren Augen zu einem Massengrab? Warum verhält sich Europa so? Warum forderte vor allem Deutschland das Dublin-Abkommen, das es für Asylsuchende noch schwieriger machte, nach Europa und dort Asyl zu bekommen? Und wie könnte sie denn aussehen, die gemeinsame europäische Flüchtlingspolitik?

Interview
Im Zuge der Buchrezension haben wir uns um ein Interview mit Heribert Prantl bemüht. Darin erklärt er seine Beweggründe, was seiner Meinung nach statt dem Dublin-System kommen soll und warum er gerne wieder einmal das huminatäre Europa sehen möchte.

Zum neuwal-Interview

Ähnlich wie Margot Kässmann in ihrer Streitschrift „Vergesst die Menschlichkeit nicht!„, zitiert auch Prantl gleich zu Beginn aus der Bibel. Das macht er wohl ganz bewusst, weil es meist jene sind, die lautstark den Schutz des christlich-jüdischen Abenlandes fordern, die zugleich die Werte des zu verteidigenden Glaubens offenbar bereits vergessen haben. Jene Länder, die vergangenes Jahr gefeiert haben, dass die Berliner Mauer nun bereits seit 25 Jahre Geschichte ist, akzeptieren, dass man einen meterhohen Zaun mit Stacheldraht an der Grenze zwischen Marokko und der am afrikanischen Kontinent liegenden spanischen Stadt Melilla (siehe Titelbild) aufstellt. Immer wieder versuchen Menschen auf diesem Weg nach Europa zu kommen, immer wieder sterben manche bei einem solchen Versuch. Aber das ist wohl, so schreibt Prantl, das, was die Europäische Union will:

Der Tod der Flüchtlinge ist Teil der europäischen Abschreckungsstrategie. Europa schützt sich vor Flüchtlingen mit toten Flüchtlingen. Diese Europäische Union tötet. Sie tötet durch Unterlassen, durch unterlassene Hilfeleistung. 2

Es ist eigentlich schon sehr pervers: Der G7-Gipfel am Schloss Elmau in Oberbayern, welcher von 4. bis 5. Juni 2015 stattgefunden hat, kostete zwischen 300 3 und 360 4 Millionen Euro. Prantl erklärte vorrausschauend (das Buch erschien im Mai 2015), dass die Kosten für die zwei Gipfeltage ungefähr ähnlich hoch seien wie die jährlichen Kosten für die erfolgreiche Rettungsmission „Mare Nostrum“ der italienischen Marine und Küstenwache. In Wahrheit hätte man damit „Mare Nostrum“, womit innerhalb eines Jahres 150.000 Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet werden konnten, mehr als zwei Jahre lang 5 durchfinanzieren können.

Es kann also keine Geldfrage sein, es ist ganz einfach eine Frage des Wollens. Der Autor erklärt, dass die Politik seit jeher intelligente Überlegungen und Formulierungen einer neuen Flüchtlingspolitik beiseite schob. So z.B. das „Manifest der 60“ oder die Abschlusserklärung einer EU-Konferenz in Tampere, Finnland im Jahre 1999, als sich die Staats-und Regierungschefs, also der Europäische Rat, zu dieser Aussage hinreißen ließen: „Es stünde im Widerspruch zu den Traditionen Europas, wenn diese Freiheit den Menschen verweigert würde, die wegen ihrer Lebensumstände aus berechtigten Gründen in unser Gebiet einreisen wollen. Dies erfordert wiederum, daß [sic!] die Union gemeinsame Asyl- und Einwanderungspolitiken entwickelt und dabei der Notwendigkeit einer konsequenten Kontrolle der Außengrenzen zur Beendung der illegalen Einwanderung und zur Bekämpfung derjenigen, die diese organisieren und damit zusammenhängende Delikte im Bereich der internationalen Kriminalität begehen, Rechnung trägt.“ 6 Einzig die konsequente Kontrolle der Außengrenzen ist der Europäischen Union seither „gelungen“.

Jetzt muss man wieder über die Konzepte und Vorschläge reden, über die man schon vor 25 Jahren hätte reden können: über die Eröffnung legaler Zugangswege nach Europa; also auch über eine Einwanderung nach einem Punktesystem und über Aufnahmequoten in den einzelnen EU-Staaten, die sich an Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft orientieren. 7

Warum für Prantl das Asylthema zu einem seiner „journalistischen Lebensthemen“ geworden ist, beschreibt er in einem Blogbeitrag auf resonanzboden, dem Blog der Ullstein Buchverlage. Es war der Reformentwurf des deutschen Ausländergesetzes im Jahre 1988, den er zugespielt bekommen hat und welcher ihn entsetzt hat: „Mit einigen Passagen hätte man auch das Parteiprogramm einer rechtsradikalen Partei schreiben können.“ Dass in den vergangenen siebenundzwanzig Jahren seither nichts besser geworden ist, beschreibt er mit seinem Abschlusssatz:

Es begann die Zeit der furchtbaren Ausschreitungen gegen Flüchtlinge. Die Reaktion darauf? Der Artikel 16 Absatz 2 Grundgesetz, der Schutzartikel für Flüchtlinge in der deutschen Verfassung, wurde abgeschafft. Ich habe dagegen angeschrieben. Ich tue es immer noch. 8

Heribert Prantls „Streitschrift“ ist ein Vorwurf. An die Untätigkeit der PoltiikerInnen – und das seit über zwanzig Jahren. An Europa, dass seine Werte mit den Flüchtlingen im Mittelmeer untergehen lässt. An die Festung, die Abwehrmechanismen an Europas Außengrenzen. „Ob uns die Flucht nach Europa, die Migration hierher überhaupt, passt, ist nicht mehr die Frage. Sie ist eine Tatsache in einer Welt, in der die Globalisierung massenhaft Lebensräume zerstört“ 9. Und vielleicht ist das die Quintessenz seines dünnen Buches: Wir können noch so laut schreien „Das Boot ist voll“ – es werden auch weiterhin Menschen versuchen, nach Europa zu gelangen. Aber anstatt zuzusehen, wie manche von ihnen ertrinken, anstatt Titelseiten mit „Flüchtlingswellen“, „Asylstrom“ und „Masseneinwanderung“ zu drucken, anstatt rechten Populisten die politische Macht zu geben, sollte man vielleicht endlich einmal an Lösungen arbeiten. Gemeinsam, als Union. Wie man es selbst 1999 schon erklärt hatte.

Im Namen der Menschlichkeit - Rettet die FlüchtlingeHeribert Prantl

Im Namen der Menschlichkeit
Rettet die Flüchtlinge!

Ullstein Verlag

Seiten: 32 (real: 27)

ISBN: 978-3-550-08126-2

Preis: 3,99 Euro (4,10 in AT) (Taschenbuch), 3,99 Euro(Partnerlink)

 

Transparenz: Wir bedanken uns beim Ullstein Verlag für die Zusendung eines kostenlosen Rezensionsexemplars – sowie eines weiteren Exemplar für das Gewinnspiel

Gewinnspiel

Der Ullstein Verlag hat uns ein Exemplar des Buches „Im Namen der Menschlichkeit – Rettet die Flüchtlinge“ für ein Gewinnspiel zukommen lassen.

Um am Gewinnspiel teilzunehmen, bitte eine E-Mail an dominik.leitner[at]neuwal.com mit dem Betreff „Menschlichkeit“ schicken – zwecks Adresse erkundigen wir uns erst nach der Ziehung beim Gewinner bzw. bei der Gewinnerin. (Der Rechtsweg ist ausgeschlossen und der Preis kann natürlich nicht in bar abgelöst werden) Einsendeschluss: Sonntag, 12. Juli 2015, 23.59 Uhr.

Bildquellen: Autorenfoto – NamensnennungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von blu-news.org, Titelbild –NamensnennungKeine kommerzielle NutzungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von k flo razowsky

 

Quellen und Fußnoten:

  1. Die Autoreninfo wurde direkt aus dem Buch übernommen
  2. Prantl, Heribert (2015): Im Namen der Menschlichkeit – Rettet die Flüchtlinge!, Ausgabe: Taschenbuch, Berlin: Ullstein Verlag, Seite 13
  3. o.V. (2015): Enorme Sicherheitsvorkehrungen durch G7-Gipfel, salzburg.orf.at, Abrufdatum: 21.06.2015
  4. o.V. (2015): Kostenexplosion bei G7-Treffen: 360 Millionen € sind „der Gipfel“, wirtschaftsblatt.at, Abrufdatum: 21.06.2015
  5. Kathpress (2015): Caritas: Hilfe für Bootsflüchtlinge „Frage politischen Wollens“, ots.at, Abrufdatum: 21.06.2015
  6. Europäischer Rat (1999): Schlussfolgerungen des Vorsitzes, europarl.europa.eu, Abrufdatum: 21.06.2015
  7. Prantl, Heribert (2015): Im Namen der Menschlichkeit – Rettet die Flüchtlinge!, Ausgabe: Taschenbuch, Berlin: Ullstein Verlag, Seite 13
  8. Prantl, Heribert (2015): Deutschland, ein Irrgarten:
    Wie Asylpolitik zu einem meiner journalistischen Lebensthemen wurde, resonanzboden.com, Abrufdatum: 21.06.2015
  9. Prantl, Heribert (2015): Im Namen der Menschlichkeit – Rettet die Flüchtlinge!, Ausgabe: Taschenbuch, Berlin: Ullstein Verlag, Seite 14
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