Mit der Veröffentlichung des vierten Bandes ist das mit insgesamt 4623 Seiten umfangreiche Projekt „Geschichte des Westens“ von Professor Heinrich August Winkler nach fünf Jahren abgeschlossen. Der letzte Band Winklers widmet sich dem vergangen Vierteljahrhundert. Mit Gewinnspiel.

14309281100_b0908ee331_z Professor Heinrich August Winkler Professor Heinrich August Winkler, geb. 1938, studierte Geschichte, Philosophie und öffentliches Recht in Tübingen, Münster und Heidelberg, habilitierte sich 1970 in Berlin an der Freien Universität, von 1972 bis 1991 Professor in Freiburg, seit 1991 bis zu seiner Emeritierung war er Professor für Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Bildquelle: boellstiftung auf flickr.com, Creative Commons

Das Buchcover der Zeit der Gegenwart wird geschmückt mit dem deutschen Reichstag, Sitz des Bundestages, auf dem die deutschen und die europäischen Fahne gehisst sind, sowie der amerikanischen Botschaft in Berlin mit der Fahne der Vereinigten Staaten. Diese Bild symbolisiert treffend den Inhalt des Buches, geht es doch im Speziellen um die Betrachtung des transatlantischen Verhältnisses und der globalen Entwicklungen im Allgemeinen. Der zentrale Begriff in allen vier Bänden ist jener des „Westens“. Der Westen wird für Winkler bestimmt über die gemeinsamen Werte und Ideale, die zurück gehen auf die Amerikanische Revolution 1776 und die französischen Revolution von 1789. Doch innerhalb der Staaten des Westens gibt es einen unterschiedlichen Umgang mit den aktuellen Herausforderungen, die die ungleichen Betrachtungen der eigenen Werte widerspiegelt. Diese Unterschiede führen bis heute zu Differenzen zwischen den transatlantischen Partner. Winkler befasst sich in diesem letzten Band mit den Herausforderungen des Westens in der Zeit der Gegenwart. Immer öfter wird der Westen mit seiner schrumpfenden Bevölkerung und dem Verlust an wirtschaftlicher Bedeutung nur mehr eine Nebenrolle zugeschrieben. Winkler ist der Meinung, dass der transatlantische Westen im 21. Jahrhundert seine frühere Vorbildwirkung verloren hat. Denn:

Vieles von dem, was er hervorgebracht hatte, war von anderen Kulturen rezipiert worden: seine Moden, seine Technik, seine Alltagskultur, der Massenkonsum, die kapitalistische Produktionsweise, das Internet, die digitale Revolution und der Glaube an die Notwendigkeit eines immerwährenden Wirtschaftwachstums, (…) und die Ermittlung des Mehrheitswillens in allgemeinen Wahlen… 1

Die neuen global player wie China, Indien und Brasilien gewinnen in einer multipolaren Welt immer mehr an Gewicht und wirtschaftlicher Relevanz. Die Vorbildrolle des transatlantischen Westens wird durch die zahlreichen Verstöße des Westens gegen die eigenen Werte und Errungenschaften in Frage gestellt. Diese Widersprüchlichkeit des Westens wird immer stärker Thema des globalen Diskurses. Winkler liefert in dem vorliegenden Band eine Momentaufnahme über die Entwicklungen seit dem Jahr 1991 auf beiden Seiten des Atlantiks. Dabei unterscheidet er drei Phasen. Winkler Betrachtungen für den vierten Band setzten nach der Epochenwende der Jahre 1989 – 1991 ein. Zunächst das Jahrzehnt von 1991 bis zum Jahr 2001. Er stellt dabei die vertragsrechtliche Entwicklung der Europäischen Union und die amerikanische Politik unter dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton dar. Winkler führt aus, dass schon Clinton jene wirtschaftspolitischen Entscheidungen traf, die 2007 und 2008 erst die Subprime- und später die Wirtschaftskrise bedingten.

Die Zäsur erfolgt mit den Anschlägen auf das World Trade Center und 9/11. Der „war on terror“ von Georg W. Bush und die durch den Irakkrieg entstehende Spaltung in das neue und alte Europa sind die prägendsten Ereignisse in den Jahren von 2001 bis 2008. Die zweite Zäsur sieht Winkler in der beginnenden Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahr 2008. In der letzten Phase setzt sich Winkler mit dem Ende aller Sicherheit auseinander und zeigt auf, dass beim Kampf für die Sicherheit die Freiheit auf der Strecke blieb. Im letzten Teil seiner Analyse wird Winkler breiter und geht auch auf Entwicklungen außerhalb des Westens ein. Der Entstehung des arabischen Frühlings ist genauso Thema, wie die jüngsten Entwicklungen der außenpolitischen Schwergewichten Iran, Russland und China, denen Winkler jeweils eigene Kapitel widmet. Besonders gelungen ist Winkler die Darstellung der Wechsel der Polarität, die charakteristisch ist für die zeitgeschichtlichen Entwicklungen nach dem Überwinden des Kalten Kriegs und dem Untergang der Sowjetunion.

Die bipolare Welt des Kalten Kriegs wandelte sich für eine kurze Zeit in eine unipolare Welt. Unsere multipolare Gegenwart ist geprägt von den flexiblen Zusammenschlüssen der Staaten, wie die Etablierung der G20-Staaten deutlich macht. Das Buch endet im November 2014, dem Zeitpunkt des Druckes. Dieses Jahr 2014 ist für Winkler durch drei Ereignisse ein besonderes Jahr, ein Jahr der Zäsur: „Die völkerrechtswidrige Einverleibung der Krim durch Russland“ 2, wie Winkler es nennt, aber auch das Vorstoß des selbst ernannten Islamistischen Staates und expansive Ausgreifen Chinas im Ost- und Südchinesischen Meer.

Fazit

Die tatsächliche Bedeutung des Westens in der heutigen Zeit liegt in der Verwirklichung des normativen Prozesses, so Heinrich August Winkler. Sein Resümee ist geprägt vom Aufruf, trotz der zahlreichen inneren und äußeren Herausforderungen, mit denen der Westen konfrontiert ist, die Umsetzung der westlichen normativen Ideen, der Menschenrechte, des Rechtstaates und der Demokratie, weiter anzustreben. Wenn die Nationen des Westens mit ihrem Abweichungen von den eigenen Werten in Geschichte und Gegenwart schonungslos ins Gericht gehen, können sie auch gegenüber nichtwestlichen Gesellschaften glaubwürdig für ihre größte Errungenschaft eintreten und an dem festhalten, was den Kern des normativen Projekts des Westens ausmacht: dem universellen Charakter der unveräußerlichen Menschenrechte.

Solange diese Rechte nicht weltweit umfassend verwirklicht sind, bleiben die Ideen von 1776 und 1789 ein unvollendetes Projekt. Der Westen gäbe sich selbst auf, wenn er sich mit diesem Zustand abfinden würde. 3 Winklers Plädoyer für die westlichen Werte und Ideen liest sich sehr gut. Seine Darstellungen sind sehr detailreich mit Informationen unterfüttert. Durch die vielen thematischen Kapiteln und dem flüssigen Schreibstils des Autors, kann man dieses umfassende Buch auch ohne chronologische Leserichtung lesen. Dieser Band ist daher Pflichtlektüre für alle, die die Zusammenhänge unsere aktuellen globalen Entwicklungen besser verstehen wollen.

Veranstaltung

Der Autor Heinrich August Winkler war am Sonntag, 26. April 2015 in Wien und hat an der Diskussion „Der Wiener Kongress und die Folgen“ am Burgtheater teilgenommen. Unter der Moderation der Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid („DER STANDARD“) diskutierten außerdem Hazel Rosenstrauch, Sebastian Kurz, Johannes Hahn und Adam Krzeminski. Informationen zur Veranstaltung: iwm.at

winklerGeschichte des Westens
Heinrich August Winkler
Die Zeit der Gegenwart
C.H. Beck
Seiten: 687
ISBN: 978-3406669866
Preis: 29,95 Euro (Hardcover), 24,99 Euro (eBook)

Transparenz: Wir bedanken uns beim C.H. Beck Verlag für die Zusendung eines kostenlosen Rezensionsexemplars – sowie eines weiteren Exemplar für das Gewinnspiel

Gewinnspiel Der C.H.Beck Verlag hat uns ein Exemplar des Buches „Geschichte des Westens: Die Zeit der Gegenwart” für ein Gewinnspiel zukommen lassen. Um am Gewinnspiel teilzunehmen, muss man eine Mail an sandra.barthel[at]neuwal.com mit dem Betreff “Westen” schicken – zwecks Adresse erkundigen wir uns erst nach der Ziehung beim Gewinner. (Der Rechtsweg ist ausgeschlossen und der Preis kann natürlich nicht in bar abgelöst werden) Einsendeschluss: 31. Mai, 23.59 Uhr.

Quellen und Fußnoten:

  1. Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens . Die Zeit der Gegenwart. Seite 605f
  2. Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens . Die Zeit der Gegenwart. Seite 11
  3. Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens . Die Zeit der Gegenwart. Seite 18
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Sandra Barthel

Autorin, Politikwissenschafterin und Geographin. Sandra (*1984) lebt in Wien und arbeitet an der Schnittstelle zwischen Politik, Gesellschaft und Medien. Sandra hat in diesem Feld als Consultant, sowie bei internationalen Organisationen und politischen Institutionen gearbeitet. Momentan widmet sie sich dem Thema Journalismus und Neue Medien mit einem Masterstudium an der Fachhochschule Wien. Für neuwal.com rezensiert Sandra die neusten politischen Sachbücher und führt Interviews mit den Autoren.