Begonnen hat alles mit einer Gebrauchsinformation für den Planeten Erde. Der daraus entstandene Verein Neongreen Network lockt heute mit den umweltpolitischen Erdgesprächen jedes Jahr mehrere hunderte Leute in die Hofburg. Im innowal-Gespräch haben wir mit den Veranstaltern Angie Rattay und Adam Pawloff nicht nur darüber, sondern auch über Klimaskeptiker und die Chancen auf einen umweltpolitischen Wandel gesprochen.


innowal: Neongreen Network
innowal
Gewinnspiel
Neongreen Network
Angie Rattay und Adam Pawloff
Interview mit Rattay und Pawloff
Fazit

innowalinnowal
Der innowal stellt Organisationen vor, die innovative und neue Konzepte in einem bestimmten Politikfeld realisieren. Nachdem neuwal.com selbst unter dem Motto “Making politics a better place” agiert und so die politische Kultur in Österreich zum Besseren ändern will, liegt es uns nahe, solchen Projekten eine Plattform zu bieten. Vor allem jenen, die noch keine große mediale Aufmerksamkeit genießen.
Nach einer kurzen Vorstellung der Organisation steht dabei ein Interview mit dem jeweiligen Gründer der Organisation im Zentrum. Am Ende stellen wir uns dann die Frage, welche Veränderungen diese innovativen Ideen bewirken können.Wir laden die Leser von neuwal.com auch dazu ein, uns interessante Organisationen vorzuschlagen. Bei Interesse einfach einen Kommentar hinterlassen oder ein E-Mail an: wolfgang.marks [at] neuwal.com senden.

Gewinnspiel
neuwal verlost 1 VIP-Ticket für die ERDgespräche am 28. Mai 2015 in der Wiener Hofburg im Wert von EUR 110,00.

Wie kommst Du zum VIP-Ticket?
Als Kooperationspartner der ERDgespräche freuen wir uns, unter allen Einsendungen an gewinnspiel@neuwal.com 1 VIP-Ticket verlosen zu können. Einsendeschluss ist der 21. Mai 2015, 23:59 Uhr. Der/Die GewinnerIn wird aus allen Einsendungen in einem LIVE-Stram am 22. Mai 2015 gezogen.

» mehr Infos zu den Erdgesprächen


Logo neongreenNeongreen Network sieht sich selbst als Verein, der ökosozial interessierte Menschen und Organisationen vernetzt, Bewusstsein für die Thematik schafft und die Menschen motiviert, sich den drängenden Problemen unserer Zeit zu stellen. Aus einem Diplomarbeitsprojekt entstanden, organisiert der Verein mittlerweile alljährlich die Erdgespräche, die mehrere hundert Personen in die Hofburg locken und als das Vernetzungstreffen in der ökosozialen Szene gelten. Die Gründerin Angie Rattay und Adam Pawloff zeigen dadurch, was durch großes Engagement und den Wunsch zur Veränderung alles möglich ist.

Politikfeld Umweltpolitik
Vision Das NEONGREEN NETWORK vernetzt Gleichgesinnte aus aller Welt und bündelt deren Talente, Fähigkeiten und Ideen, um Kooperationen und Projekte zu initiieren, die die Welt verändern.
Dialog neongreen.net
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Das NEONGREEN NETWORK vernetzt Gleichgesinnte aus aller Welt und bündelt deren Talente, Fähigkeiten und Ideen, um Kooperationen und Projekte zu initiieren, die die Welt verändern.

© M. P. Hempt

Angie Rattay
die bereits in New York für Sagmeister Inc. gearbeitet hat und in ihrer erst kurzen Karriere schon auf eine Reihe von Erfolgen und Auszeichnungen zurückblicken kann, erzielt seit 2007 mit ihrem ökosozialen Projekt Gebrauchsinformation für den Planeten Erde große mediale Resonanz.
Bestätigt in ihrem Gespür für innovative Lösungsansätze, gründete sie im März 2008 – neben dem Verein NEONGREEN NETWORK und den ERDgesprächen – das öko-sozial orientierte Grafik-Design-Studio „Angieneering“, mit dem sie Projekte zu Themen wie Natur- und Umweltschutz, Wissenschaft oder Aktivismus betreut.

© M.P. Hempt

Adam Pawloff
wurde in Großbritannien geboren und lebt seit 2004 in Wien. Er hat an der Universität Politikwissenschaft studiert und ist Experte für Klimapolitik. Seit 2008 ist Adam für NEONGREEN NETWORK aktiv, wo er seit 2009 gemeinsam mit Vereinsgründerin Angie Rattay für die Organisation der ERDgespräche verantwortlich ist. Seit 2010 arbeitet er in den Bereichen Lehre, Forschungskoordination und Green Campus am Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit der BOKU, Wien.


Neuwal (Wolfgang Marks): Es freut mich, dass wir heute Angie Rattay und Adam Pawloff von Neongreen Network im innowal begrüßen dürfen. Ihr seid vor allem für die Ausrichtung der jährlich stattfindenden Erdgespräche bekannt, die mehrere hundert Menschen in die Hofburg locken. Darüber werden wir auch sprechen, aber zunächst bitte ich euch Neongreen kurz vorzustellen. Worum geht es da, was sind die Ziele und wie ist das Ganze entstanden?

Angie Rattay: Entstanden ist Neongreen Network durch meine Diplomarbeit. Ich bin eigentlich Grafikdesignerin und habe in der Diplomarbeit 2006 eine Gebrauchsinformation für den Planeten Erde entwickelt. Dabei habe ich wahnsinnig viele Leute kennengelernt und durch die Verteilung der Gebrauchsinformationsschachteln habe ich einige Designpreise gewonnen. Es sind auch einige Medienartikel über das Projekt bzw. über meine Person erschienen, sodass ich ziemlich bald in die Situation kam, die Gebrauchsinformation zu produzieren bzw. zu finanzieren. Es sollte mehr unter die Menschen kommen. Deswegen habe ich den Verein gegründet, um die Gebrauchsinformation zu finanzieren. Weil genug Spenden vorhanden waren, habe ich weitergedruckt. Es war dann so erfolgreich, dass wir um eine Förderung für eine Kinderedition angesucht haben und gemeinsam mit Schulen ein Pilotprojekt gestartet haben. So war der Grundstein für den Verein gelegt.

Neuwal (Wolfgang Marks): Ganz kurz zu euch, was ist euer Hintergrund, wo kommt ihr her, was habt ihr gemacht? Wie seid ihr zu Neongreen gestoßen? Vor allem Adam, Angie hat es ja ohnehin schon angesprochen?

Adam Pawloff: Ja gerne. Ich bin von der Ausbildung her Politikwissenschafter und mich haben die Themen prinzipiell immer sehr interessiert.

Ich habe auch eine familiäre Affinität, meine Großmutter Freda Meissner-Blau hat die grüne Partei in Österreich gegründet.

Zu Neongreen bin ich ca. ein Jahr nach der Gründung durch gemeinsame Freunde dazugestoßen und für mich war sehr bald klar, dass die Ausrichtung und was der Verein macht, mir sehr gut gefällt. Seither bin ich dabei.

Neuwal (Wolfgang Marks): Vielleicht ganz kurz zur Finanzierung von Neongreen Network. Wie finanziert ihr euch?

Angie Rattay: Das ist schnell beantwortet, nämlich gar nicht.

Adam Pawloff: Vielleicht kann man das differenzieren. Der Verein prinzipiell so gut wie gar nicht, da sind es zwei bis drei Fördermitglieder, die jedes Jahr einen kleinen Betrag bezahlen und ein paar Grundkosten des Vereins übernehmen. Alles andere läuft direkt über die Projekte wie beispielsweise die Erdgespräche. Diese werden durch eine Mischung aus Spenden, Beiträgen, Sponsoren und öffentlichen Förderungen finanziert. Das ist aber immer projektbezogen.

Angie Rattay: Wir haben schon einmal versucht, den Verein zu finanzieren, aber das ist sehr, sehr schwer. Es geht also eigentlich nur über Projektgelder, dass man Projekte finanziert und damit den Verein rückfinanziert. Denn so erfolgreich die Projekte auch sein mögen, bei einem gemeinnützigen Verein ist das sehr, sehr schwer.

Neuwal (Wolfgang Marks): Das heißt, ein großer Aspekt von Neongreen sind die Erdgespräche, worauf wir nun zu sprechen kommen. Was ist da das Ziel der Veranstaltung, was wollt ihr damit erreichen?

Angie Rattay:

Die Erdgespräche sind 2008 ins Leben gerufen worden, weil ich wahnsinnig viele Menschen kennengelernt habe, die alle was bewegen wollten.

Interessanterweise waren diese aber jenseits der NGOs der grünen Bewegung, der klassischen AktivistInnen oder Ökos, wie sie so schön genannt werden, unterwegs. Das waren DurchschnittsbürgerInnen mit ganz verschiedenen Professionen und aus ganz verschiedenen sozialen Schichten. Die haben einfach gesagt, ich will was tun, ich habe eine Vision und will ein Projekt machen. Ich habe dann angefangen, diese Leute miteinander bekannt zu machen und zu vernetzen. Das hat irrsinnig gut funktioniert und zu vielen Projekten geführt. Deswegen habe ich mir im Sommer 2008 gedacht, dass es schön wäre, wenn sich diese Leute einmal im Jahr bei einem Event treffen.

©Babara Maly

Adam Pawloff: Mittlerweile hat es sich zu DEM jährlichen Treff der ökosozialen Szene in Österreich entwickelt, wo die ganzen Umwelt-NGOs, viele Ministerien und die von Angie schon angesprochene interessierte Zivilgesellschaft zusammengebracht werden. Die ersten 5 bzw. 6 Jahre wurde der Fokus sehr stark auf diese Vernetzung gelegt. Dann haben wir gemerkt, dass bei der Veranstaltung eine extreme Energie entsteht und dass hier viele Menschen sind, die das Vernetzen und die Informationen durch unsere Vortragenden schätzen, denen aber noch ein bisschen der Anschluss gefehlt hat. Deswegen werden seit 3 Jahren bei den Erdgesprächen konkrete Projekte/ Start-Ups präsentiert, die eben diese Veränderung, die wir herbeiführen wollen, auch anstreben. Die haben auch konkrete Bedürfnisse, wo die Menschen direkt anknüpfen können.

Neuwal (Wolfgang Marks): Dass man es auch sichtbar macht, welche Organisationen es gibt und man aufzeigt, wie viele sich eigentlich in dem Bereich engagieren…

Angie Rattay: …und denen auch irgendwie weiterhelfen, den Start-Ups und Leuten mit Visionen.

Neuwal (Wolfgang Marks): Eine Sache, die mich interessiert ist, wie eng ihr mit den Grünen zusammenarbeitet. Es fällt auf, dass sich unter den Partnern der Grüne Parlamentsklub und die Grüne Bildungswerkstatt finden. Gibt es da eine klare Trennlinie, arbeitet ihr mit den Grünen zusammen, wie schaut das aus?

Angie Rattay: Eigentlich nur peripher. Es ist halt so, dass wir natürlich nach Parteien suchen, mit denen wir unsere Themen teilen und da liegt es auf der Hand. Das hat weder mit der Geschichte zu tun noch unbedingt mit unserem Wahlverhalten, sondern wirklich mit den Themen der Erdgespräche. Dass sich die natürlich stark mit den Themen der grünen Partei überschneiden und man mit solchen Partnern, und in dem Fall sind es eben die Grünen, zum Beispiel eine Pressekonferenz macht oder dass man eben die Ressourcen der Erdgespräche nutzt, um Interviews mit den Vortragenden im Rahmen der Veranstaltung zu machen, ist klar. Das machen wir mit vielen anderen Partnern auch.

Neuwal (Wolfgang Marks): Um das klarzustellen: Inhaltlich gibt es keine Vorgaben von den Grünen?

Angie Rattay: Nein.

Adam Pawloff:

Als die Partnerschaft begonnen hat, haben wir uns mit Eva Glawischnig zusammengesetzt und es war uns beiden wichtig, dass dies ein zivilgesellschaftlicher Event ist und das soll es auch bleiben.

Sie werden gerne Partner der Veranstaltung, aber wirklich nur am Rande. Das bedeutet völlige Unabhängigkeit für uns und das ist wirklich eine periphere Zusammenarbeit, wie Angie schon gesagt hat.

Angie Rattay: Genauso wie mit allen anderen Partnern. Greenpeace gibt uns auch nichts vor, auch nicht Global, WWF oder The Right Livelihood Award oder viele andere bekannte Partner.

Adam Pawloff: Ich möchte das noch anhand eines Beispiels ausführen. Vor zwei Jahren war die britische Rechtsanwältin Polly Higgins, die Gründerin der Ecocide-Bewegung, zu Gast. Sie tritt dafür ein, dass das römische Statut des Internationalen Gerichtshofs um ein Verbrechen gegen die Umwelt erweitert wird. Da haben wir eine Pressekonferenz mit ihr, mit Freda Meissner-Blau und Alexander Egit [ Anm.: Geschäftsführer von Greenpeace Österreich] gemacht, wo wir auch Ansprüche und Forderungen an die Grünen gestellt haben. Das war kurz vor der Nationalratswahl 2013. Wir haben gesagt, dass die Grünen es bei etwaigen Koalitionsverhandlungen zur Koalitionsbedingung machen müssen, also dass Österreich aktiv für ein solches Gesetz eintritt. Das zeigt die klare Abgrenzung.

Neuwal (Wolfgang Marks): Also die Trennlinie aufzeigt…

Adam Pawloff: …vielleicht noch ein Satz dazu: Wir haben auch immer wieder Kontakte zur SPÖ, Petra Bayr ist eigentlich fast jedes Jahr auf der Veranstaltung. Also da bestehen Kontakte, es hat sich einfach nie eine Partnerschaft in dem Sinne ergeben. Wir laden auch jedes Jahr, bis auf den rechten Rand der parteipolitischen Landschaft, die Umweltsprecher der Parteien ein.

Neuwal (Wolfgang Marks): Das heißt, es ist eine bewusste Entscheidung, dass man gewisse Parteien nicht bei der Veranstaltung haben möchte?

Angie Rattay: Wenn jetzt die Neos oder die SPÖ oder wer auch immer Themen der Erdgespräche pushen sollten, was sie wahrscheinlich nicht machen werden, dann wäre das auch nicht auszuschließen. Wir suchen so neutral wie möglich unsere Partner in der Bewegung.

Adam Pawloff:

Ich würde mich riesig freuen, wenn VertreterInnen von Parteien vom rechten Rand zu den Erdgesprächen kommen würden. Nur gemäß unserer Philosophie laden wir sie nicht dezidiert ein. Da müssen sie selber darauf kommen.
Neuwal (Wolfgang Marks): Kommen wir vielleicht kurz zu den Erdgesprächen 2015. Welche Gäste werdet ihr da begrüßen, was sind die bekanntesten Namen?

Angie Rattay: Ich sage einmal die Ladies.
Das ist zum einen Sarah Wiener, sie ist als TV-Köchin, Autorin und Unternehmerin bzw. mit ihren Restaurants bekannt. Für uns ist es viel interessanter, dass sie eine sehr, sehr laute Stimme gegen Gentechnik ist bzw. auch Patin der Aktion „Save our soils“ ist. Im internationalen Jahr der Böden, wie dies von der UN ausgerufen worden ist, ist sie natürlich eine sehr interessante Sprecherin.

Sie wird auf der Bühne wie ein Wirbelwind sein. Wir haben sie schon einmal gesehen und da blieb kein Auge trocken.
©Luca Abbiento
©Luca Abbiento

Die andere Dame on stage ist die Gudrun Pflüger von der European Wilderness Society. Sie ist eine ehemalige Profisportlerin, Biologin und „Large Carnivore Expert“, wobei wir uns entschlossen haben diese Wörter auf Englisch zu sagen, weil man das nicht ordentlich ins Deutsche übersetzen kann. Sie ist eben Wolfforscherin und nutzt da ihre beträchtlichen Vorteile als ehemalige Profisportlerin aus, um mit den Wolfsrudeln in Kanada, Italien, wo auch immer unterwegs zu sein und um zu forschen. Sie hat eine irrsinnig interessante Vita und ist glaube ich unsere Standing Ovations-verdächtige Sprecherin.

Adam Pawloff: Wenn wir bei der strikten Geschlechtertrennung bleiben, dann stelle ich die Herren vor:
Dr. Robert Bullard ist Soziologie und in den USA als „Father of Environmental Justice“ bekannt. Er hat schon relativ früh in seinen Arbeiten die Zusammenhänge zwischen Umweltproblemen, Stichwort Giftmülldeponien beispielsweise, und der geographischen Verortung solcher Dinge aufgezeigt. Sprich, dass solche Sachen meist in der Nähe von schwarzen oder hispanischen Vierteln zu finden sind. Er war bei über 300 entweder Umwelt- oder Zivilrechtsprozessen in den USA als Experte geladen. Er ist also in den USA wirklich sehr bekannt.

©Dave Brenner
©Dave Brenner

Dann haben wir noch Dr. Harald Frey von der TU Wien. Ich sage einmal, er ist ein relativ radikaler Stadt- und Verkehrsplaner. Er hat auch relativ viel mit der Stadt Wien gemacht, Stichwort Mariahilfer Straße, Stichwort öffentliche Verkehrssysteme. Seine Vision, für die er eintritt, ist die autofreie Stadt.

Neuwal (Wolfgang Marks): Könnt ihr uns noch einen Einblick geben, wie die Auswahl der Gäste stattfindet. Gibt es da ein übergeordnetes Thema, wie funktioniert das, wie kommt ihr zu euren Gästen?

Angie Rattay: Wir haben so etwas wie eine „Speakers Wish List“ und da laden wir einmal die zwei bis drei Personen ein, die uns wirklich am Herzen liegen. Das sind Leute, wo wir sagen, die müssen wir unbedingt einmal nach Wien bringen.

Neuwal (Wolfgang Marks): Wer wäre das beispielsweise, jemand der noch nicht da war?

Angie Rattay: Das kann ich jetzt nicht verraten. Es sind teilweise auch recht berühmte Namen.

Adam Pawloff: Einer wäre Prinz Charles, der steht beispielsweise auf der Liste…

Angie Rattay: …und eine sehr bekannte britische Schauspielerin, wo wir sehr nah dran sind, dass sie uns am 12. Mai 2016, also für die nächsten Erdgespräche, zusagt. Da sind wir wirklich knapp dran. Wir suchen halt immer Leute, die wirklich stark in der Öffentlichkeit stehen. Wir haben sowohl diese auf der Liste als auch Menschen, die in der Wissenschaft einfach großartige Arbeit leisten. Aber auch Menschen, die eher so die Underdogs sind, die man vielleicht nicht kennt. Gerade die bekommen bei den Erdgesprächen Standing Ovations und gerade die sind oft für die ZuhörerInnnen die interessantesten Persönlichkeiten. Weil das eben auch die Personen aus der Zivilgesellschaft sind, die AktivistInnen. Sie setzen oft viel aufs Spiel, gehen ungewöhnliche Wege und haben daher auch eine entsprechende Geschichte zu erzählen. Aus dem ganzen versuchen wir eine gute Kombination zu machen, eben nicht nur WissenschaftlerInnen, nicht nur unbekannte Personen und auch nicht nur bekannte Personen. Wir suchen eine ausgewogene Mischung aus Themen, Professionen und Geschlechtern. Wir versuchen auch, dass die Themen ganz gut korrelieren, also dass die ganz gut zusammenpassen. Die Erdgespräche haben kein Hauptthema, sondern wie wir es nennen, einen Soft-Focus. Es ist schon immer so eine Themencloud, auf die wir uns konzentrieren und dann greifen wir ein Thema raus und machen dazu eine Pressekonferenz oder verstärkte Pressearbeit.

Adam Pawloff: Vielleicht noch ein Satz dazu.

Unser Suchkriterium Nummer eins sind Positivbeispiele, wir wollen eine positive Kommunikation und Menschen inspirieren.

Angie Rattay: Probleme wälzen wollen wir nicht mehr. Wir kennen sie alle, wir wollen einfach Menschen motivieren.

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©AndreasEdler
Neuwal (Wolfgang Marks): Gehen wir vielleicht noch kurz weg von den Erdgesprächen. Was mich interessiert wäre, was ihr als die dringlichsten Problemlagen in Sachen Nachhaltigkeit bzw. im Politikfeld Umwelt wahrnehmt? Also was würdet ihr den politischen Entscheidungsträgern in Österreich mit auf den Weg geben, was wäre das Erste, das getan werden müsste?

Adam Pawloff: Es gibt ja eine ganze Reihe an Problemen. 2009 gab es einen Artikel im Nature mit dem Titel „Planetary Boundaries“, wo die Grenzen des Ökosystems und die verschiedensten Herausforderungen in Verhältnis zu diesen Grenzen aufgezeigt werden. Stehen wir knapp davor oder sind wir schon weit drüber?
Natürlich auch der Klimawandel, das ist natürlich jenes Thema, das immer genannt wird. Es ist aus meiner Sicht auch die größte Herausforderung, der wir gegenüber stehen.

Neuwal (Wolfgang Marks): Darf ich kurz beim Klimawandel einhaken. Da gibt es- das ist natürlich eine provokante These- ja die Leute, die sagen, dass der Klimawandel gar nicht vom Menschen verursacht wurde. So hätte es ja immer wieder Eiszeiten gegeben usw. Was entgegnet man da, wie kann man dem rational entgegen treten?

Adam Pawloff: Ich habe mich beruflich in der Forschung sehr viel mit diesen Themen auseinandergesetzt. Die einfache und kurze Antwort ist, dass dies eine Frage des Vertrauens ist. Ich habe 6000 hochqualifizierte WissenschaftlerInnen, die den normalen Weg des „Peer Reviewed Science“ gehen und die zu 99,9 % alle sozusagen mehr oder weniger übereinstimmen. Auf der anderen Seite habe ich WissenschaftlerInnen, die großteils nicht Meteorologen, Physiker oder eine sonstige relevante Ausbildung haben, nicht über die „Peer Review“-Medien publizieren und ihre Gegenthesen präsentieren. Da ist die Entscheidung eine relativ einfache.

Wir gehen ja mit einem schlechten Zahn auch nicht zu zwanzig Zahnärzten, um den einen zu finden, der sagt, das passt schon.

Das ist das eine. Zum anderen haben wir versucht, die verschiedensten Argumente, die es gegen den Klimawandel gibt, einfach zu klassifizieren bzw. aufzuzeigen. Damit man ein wenig Klarheit reinbringt, um diesen Fragen entgegentreten zu können bzw. sie zu entkräften.

Neuwal (Wolfgang Marks): Das habt ihr von Neongreen Network gemacht?

Adam Pawloff: Nein, dass war ein Projekt der Universität für Bodenkultur mit verschiedensten anderen wissenschaftlichen Partnern.
Sehr oft kommt beispielsweise die These, die globale Erwärmung hat eigentlich 1997/98 aufgehört, was sich anhand der Datenreihen auch sehr schön zeigen lässt. 1997/98 waren aber besondere Ausreißerjahre von der Temperatur her. Also wenn man von diesem sehr hohen Punkt ausgeht, ist sozusagen die Steigerung der Kurve im Nachhinein relativ flach. Tatsächlich zeigt sich selbst von diesen Jahren ausgehend eine Erwärmung, wenn auch eine reduzierte. Wenn man 1996, also ein Jahr früher als Ausgangsbasis nimmt, zeigt sich eine ganz deutliche Steigerung. Das ist also immer eine Frage, wie man Daten einsetzt.

Neuwal (Wolfgang Marks): Wahrscheinlich kann man auch nicht so einen kurzen Zeitraum hernehmen, um schlüssige Schlussfolgerungen zu ziehen.

Adam Pawloff: In der Klimaforschung sind es Minimum drei Dekaden, um eine qualifizierte Aussage zu treffen.

Neuwal (Wolfgang Marks): Bezogen auch auf die erste Frage, dass der Klimawandel nicht vom Menschen gemacht ist, weil es immer Eiszeiten usw. gegeben hat, muss man aus meinem Wissensstand auch ergänzen, dass es diese rasante Entwicklung, diese schnelle Erwärmung noch nie gegeben hat

Angie Rattay: Das war ja früher natürlich über viel größere Zeitspannen als jetzt. Jetzt ist das wie ein Turbo-Boost.

Adam Pawloff: Was sicher auch ein ganz interessanter Parameter ist, den man anschauen kann und der jetzt nicht direkt mit dem Klimawandel in Zusammenhang steht, ist die Ozeanversäuerung. Der ph-Wert des Ozeans ist bei Zeitreihen über 20, 25 Millionen Jahren stabil. Jetzt zeigt sich aufgrund der großen Mengen an CO2, die die Ozeane auch aufnehmen- sie nehmen ja ca. ein Drittel des emittierten CO2s auf- eine ganz deutliche Versäuerung. Das alleine sozusagen als Spiegel des Klimawandels spricht eine eindeutige Sprache.

Neuwal (Wolfgang Marks): Nachdem wir uns jetzt zu 99,9 % einig sind, dass es diesen Klimawandel gibt und dass der vom Menschen mitinitiiert worden ist, stellt sich natürlich die Frage nach Lösungen. 2015 soll jetzt in Paris eine Kyoto-Nachfolgeregelung kommen. Was würdet ihr euch da wünschen, was sind Punkte, die dort unbedingt drinnen sein müssen?

Adam Pawloff: Ich starte einmal von einem anderen Standpunkt aus. Wenn relativ radikale Ziele gefordert werden, dann wird von PolitikerInnen oft entgegnet, dass diese unrealistisch in Hinblick auf Wirtschaftswachstum und die kurzfristig dämpfenden Effekte, das Thema Arbeitslosigkeit, Wettbewerbsfähigkeit usw. seien.

Dazu sage ich immer, jeder der denkt, dass wir mit Business as usual irgendwie weitermachen können, dem fehlt der Realismus ganz eindeutig.

Die wissenschaftlichen Zahlen haben wir, bis 2020 können wir darüber streiten, bis 2030 müssen wir um 40 % verringern, bis 2050 bestenfalls um 95 %.

Neuwal (Wolfgang Marks): Wie soll das realpolitisch möglich sein?

Adam Pawloff: Wir haben jetzt in den letzten Monaten Bewegung von China und den USA gesehen, die deutlich gesteigerte Ziele anvisiert haben. Die USA haben sich jetzt knapp minus 30 % bis 2025 vorgenommen, bei den Chinesen geht es jetzt eher um die Emissionsintensität. Aber sie sind schon einen großen Schritt weiter als beispielsweise bei den letzten Verhandlungen. Wie gesagt, es ist eine Frage, die verschiedensten Anforderungen und Forderungen, die es gibt, irgendwie unter einen Hut zu bringen. Ich glaube aber, das ist gut machbar. Es gibt ein paar wenige, große Player, die sich bislang wenig bewegt haben und wo jetzt langsam ein wenig Bewegung reinkommt. Ich glaube, sofern sich das in dem Sinne weiterentwickelt, ist einiges möglich.

Neuwal (Wolfgang Marks): Das heißt, wenn der politische Wille wirklich da ist, dann ist es möglich.

Angie Rattay: Oder denken wir zum Beispiel an die Divestment-Bewegung. Seit Anfang März haben 350.org und The Guardian eine Divestment-Kampagne laufen. Dabei gibt es die Aufforderung an die zwei größten Stiftungen der Welt, dass sie aus den fossilen Energien aussteigen sollen. Da sind enorme Hebel.
Ich glaube, es gibt keine Allgemeinlösung, es braucht immer eine Bottom-Up-Bewegung. Es braucht die Leute, die dann daheim die banalsten Aktionen machen, die man tausendmal in irgendwelchen Kampagnen hört. Das sind Sachen wie eben Energieeffizienzmaßnahmen, Licht sparen, effizienter mit dem eigenen Auto umgehen oder vielleicht auch Reisen anders zu planen. Damit diese Aktionen gesetzt werden braucht es diese großen Hebel wie beispielsweise die Divestment-Kampagnen. Es braucht natürlich die politischen Aktionen, es muss einfach von vielen, vielen Seiten etwas kommen. Wenn das passiert, kann man echt positive Tipping Points erreichen.

Adam Pawloff: Ein paar kurze Beispiele dazu, die auch Grund zur Hoffnung geben.
Die USA sind aus dem Kyoto-Vertrag ausgestiegen und 1200 US-amerikanische Städte, darunter waren auch nicht unwesentliche wie Los Angeles oder Seattle, haben sich dazu verpflichtet, dennoch die US-Kyoto-Ziele umzusetzen.
Die deutsche Energiewende, die vielleicht vielfach als ineffizient und sehr teuer kritisiert wurde, hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Solar- und Windenergie mehr oder weniger marktreif sind.

Neuwal (Wolfgang Marks): Aber ist wirklich ein politischer Wille in der EU erkennbar, dass man in erneuerbare Energien geht?

Adam Pawloff: Absolut. Es gibt immer ein Hin und Her. Wenn man das Thema erneuerbare Energien in Österreich hernimmt, dann hat es in Bezug auf das Ökostromgesetz in Österreich mehrere Nivellierungen gegeben. 2011/12 haben wir nicht zuletzt durch die gute Vorarbeit der FPÖ und dem Nachlegen der Grünen doch ein relativ gutes und ambitioniertes Ökostromgesetz. Man sieht, dass die erneuerbaren Energien in Österreich gerade durch die Decke gehen und es sich in vielen anderen Ländern auch einiges tut, auch wenn es nach wie vor viele Probleme und Bremser gibt. Aber es tut sich schon einiges.

Neuwal (Wolfgang Marks): Wir könnten noch lange über diese Themen reden, wahrscheinlich die ganze Nacht. Zum Abschluss möchte ich aber trotzdem noch einmal ganz kurz zu den Erdgesprächen kommen. Ihr habt auch vor, dass in andere Länder zu tragen. Jetzt ist noch die Abschlussfrage, eben etwas in die Zukunft gerichtet, wie schaut es da aus und was ist da der Stand der Dinge?

Angie Rattay: Im Moment ist der Plan so, dass wir so eine Art Erdgespräche oder Earth Talks Broadcasting anbieten. Das probieren wir dieses Jahr zum ersten Mal in London. Unser Kooperationspartner sind die Impact HUBs auf der ganzen Welt. Ganz im Sinne von Climate Friendly Conferencing versuchen wir die Erdgespräche in verschiedene Städte der Welt zu übertragen. Sie sind jetzt zweisprachig im Livestream verfügbar und so versuchen wir eine Erweiterung unseres Publikums vorzunehmen. Infolgedessen wollen wir die Erdgespräche ein bisschen wie die TED&TEDx als Social Franchising anbieten. Wenn sich also Menschen finden, die am Anfang wahrscheinlich auch großteils ehrenamtlich Earth Talks in den verschiedenen Heimatstädten abhalten wollen.

Neuwal (Wolfgang Marks): Auf der Homepage habe ich gelesen, dass London im Gespräch ist…

Angie Rattay: …sehr nah dran, ja.

Adam Pawloff: Heuer wird parallel zu den Erdgesprächen im Impact HUB Westminster von unseren Partnern in London ein Event durchgeführt und da ist die Idee, dass sie zwei der Talks aus Wien livestreamen werden. Sie haben einen Vortragenden live vor Ort in London und sozusagen eine kleine, feine Veranstaltung mit ca. 150 TeilnehmerInnen.

Neuwal (Wolfgang Marks): Dann sage ich danke für das Gespräch und wir freuen uns alle auf den 28.Mai, wo die Erdgespräche in Wien stattfinden.

Fazit: Was kann Neongreen Network in der Umweltpolitik verändern?

Neongreen Network lebt von seinen engagierten Akteuren, die wirklich eine Veränderung bewirken wollen und dies auch schon seit Jahren umsetzen. So hat der Verein mit den Erdgesprächen ein jährliches Vernetzungstreffen geschaffen, das die Szene zusammenbringt und der Keim vieler neuer Projekte sein kann. So können Einzelpersonen, kleine Unternehmen oder NGOs gemeinsam etwas Großes stemmen. Auch Angie Rattay hat mit den Gebrauchsanweisungen für den Planeten Erde ganz klein angefangen. Dank ihrem Einsatz gemeinsam mit dem großteils ehrenamtlich tätigem Team kommt sie der ehrgeizigen Vision des Vereins, der nicht weniger als die Veränderung der Welt anstrebt, zumindest ein Stück weit näher. Darauf kann man stolz sein und das kann auch vielen anderen Mut machen.

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Der gebürtige Oberösterreicher Wolfgang Marks lebt seit nunmehr gut 10 Jahren in Wien und hat hier Politikwissenschaften und Internationale Entwicklung studiert. Schon immer sah er in einer richtig verstandenen politischen Bildungsarbeit einen wesentlichen Schlüssel zum Funktionieren einer Demokratie. Nur durch aktive Teilhabe reflektierter, kritischer Menschen kann solch eine Form des Zusammenlebens überhaupt möglich sein. Bei neuwal will er daher aufzeigen, dass jedeR Politik positiv und konstruktiv mitgestalten kann. So holt er als Ressortleiter des innowal innovative Projekte vor den Vorhang, engagiert sich beim LANGEN TAG DER POLITIK und versucht in seinen Artikeln auf oft vergessene Politikfelder wie beispielsweise die Entwicklungspolitik einzugehen.