Menschen sterben im Mittelmeer. Und niemand will verantwortlich sein.

Ein Kommentar von Dominik Leitner.

Eintausendsiebenhundertdreißig Menschen sollen seit Beginn des Jahres 2015 im Mittelmeer ertrunken sein. Die Boulevardmedien ändern ihre „Das Boot ist voll!“-Titelseiten und schreiben plötzlich von den tödlichen Booten zwischen Afrika und Europa – aber keine Sorge, das dauert meist nur ganz wenige Tage. Tote Flüchtlinge haben schließlich eine niedrigere Halbwertszeit als die Angst, von lebendigen Flüchtlingen „überrollt“ zu werden. Aber in diesem Kommentar geht es nicht darum, warum Menschen aus ihren afrikanischen Staaten flüchten oder ob die europäischen Länder alle aufnehmen sollen oder können. Es geht um die Rettung oder eben Nicht-Rettung dieser Menschen.

Es geht um jene, die es mit einem Boot und Hunderten Mitflüchtlingen auf das Mittelmeer geschafft haben und kentern. Es geht um jene, die sterben, weil „wir ja nicht alle aufnehmen können“. Es geht um die, „die ja auch von den Libyern gerettet werden könnten“. Es geht um sie, weil sie ganz offensichtlich keine Menschen sind, die es wert sind, sie zu retten. Weil Rettungsoperationen wie Mare Nostrum (110 Mio. Euro pro Jahr) eingestellt werden, weil das Retten zu teuer ist. Und die EU seither nur mehr 30 Mio. Euro pro Jahr investiert, um mit Frontex stärker die EU-Außengrenzen zu schützen. Die Grenzen – und nicht die Menschen im Meer.

Die Menschen sterben, während Europa darauf wartet, dass die afrikanischen Mittelmeerstaaten zu retten beginnen. Die Menschen sterben, während man darüber sinniert, dass man ja genau solche Menschen bereits in Afrika in Lager stecken könnte – dann könnte man diese Menschen schon vorab ihre Hoffnung zerstören. Das hört sich brutal an, ist aber besser, als wenn sie sich auf den Weg machen würden. Die Menschen sterben und die europäischen PolitikerInnen diskutieren und werden sich nicht einig.

Die Sache ist die: Ja, es ist notwendig, darüber zu diskutieren, man soll sich gerne auch dafür Zeit nehmen. Ja, die Medien werden weiterhin von Flüchtlingswellen schreiben und Menschen werden sich auch in Zukunft vor der steigenden Migrantenzahlen fürchten. Aber durch das Nichteingreifen Europas sterben diese Menschen. Vom afrikanischen Kontinent eine Reaktion, eine Hilfe zu fordern, ist da schon fast lächerlich: Würde den Regierungen so viel an den Menschen liegen, hätten die Menschen wohl auch keinen Grund, den Kontinent zu verlassen. Europa bietet den afrikanischen Flüchtlingen keine legale Möglichkeit, Asyl zu beantragen – somit ist der Wasserweg die einzige Möglichkeit einzuwandern. Illegal, aber immerhin.

Die EU soll offen diskutieren, man sollte das Thema Flucht zu einem großen Thema machen, man sollte nach Ursachen forschen, sollte progressive Ideen zumindest überlegen. Aber während man darüber diskutiert, sollte man von nun an wieder den Fokus aufs Retten legen.

Denn … und das ist vielleicht das Eingängigste an all dem: Hier sterben Menschen. Hunderte, Tausende.

 Bildquelle: NamensnennungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von campact

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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