Pannen bei der Zentralmatura, Kritik an der Neuen Mittelschule und tiefe ideologische Grabenkämpfe um die Gesamtschule charakterisieren den Bildungsdiskurs in Österreich. Trotz ausführlicher Debatten rund um PISA-Ergebnisse und Lehrer_innenausbildung rückt ein gesellschaftsrelevantes Thema in den Hintergrund der öffentlichen Wahrnehmung: Die Bildungsungleichheit. 

Im neuwal.com-Interview spricht Jürgen Klatzer mit dem deutschen Bildungsforscher Roman Langer über die Ursachen und Auswirkungen der Bildungsungleichheit.

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Dr. Roman Langer
Roman Langer (*1968 in Hamburg) ist Assistenzprofessor an der Johannes Kepler Universität Linz. Sein Studium der Soziologie mit den Nebenfächern Psychologie, Philosophie und Politikwissenschaft schloss er in Hamburg ab.Seit 2006 arbeitet und lehrt er am Institut für Pädagogik und Psychologie an der JKU. Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten gehören unter anderem Bildungsungleichheit (unterbewusste Reproduktion und Bildungskarrieren der Eliten), Bildungsreformen und Steuerungsmechanismen wie PISA (Was steckt dahinter? Was sind die Ziele? Was sind wirtschaftspolitische Strategien?), Schüler_innenforschung und kollektive Lernprozesse. Des Weiteren setzt sich Roman Langer mit der Educational Governance, das sich mit der Modernisierung und Steuerung sozialer System beschäftigt, auseinander. Langer selbst hat ein Gymnasium absolviert und kommt aus einem Haushalt sozialer Aufsteiger: „Ohne deren Aufstiegsorientierung hätte ich auch keine gehabt. Das ist so typisch, das ist nicht mein eigner Verdienst.“
Jürgen Klatzer (neuwal.com): Der französische Sozialphilosoph Pierre Bourdieu sagte einst: ‚Indem das Schulsystem alle Schüler, wie ungleich sie auch in Wirklichkeit sein mögen, in ihren Rechten wie Pflichten gleich behandelt, sanktioniert es faktisch die ursprüngliche Ungleichheit gegenüber der Kultur‘. Herr Langer, stimmen Sie Bourdieu zu? Reproduziert unser Schulsystem Bildungsungleichheit?

Ja, dem kann ich im Großen und Ganzen zustimmen. Pierre Bourdieu sagt, man behandelt alle Schüler und Schülerinnen gleich, egal mit welchen Voraussetzungen sie in die Schule kommen. Kinder aus einem akademischen Elternhaus haben dann aber bessere Chancen, im Unterricht mitzukommen als Schüler_innen aus der sogenannten Unterschicht. Alle Kinder müssen zwar dieselben Leistungen vollbringen und stehen vor denselben Herausforderungen, haben aber unterschiedliche Ausgangspositionen.

Jürgen Klatzer (neuwal.com): Leistung ist Leistung, unabhängig des sozialen und kulturellen Hintergrundes?

Genau. Wenn Lehrer_innen eine Klausur korrigieren, sind sie verpflichtet, die Leistung unabhängig von der Person zu bewerten. Unter welchen Bedingungen Kinder gelernt haben, spielt in der Regel keine Rolle. Es gibt zwar Schulen, die diesen Faktor bereits berücksichtigen, de facto ist es aber so, dass schwierige oder förderliche Verhältnisse bei der Leistungsbewertung ausgeblendet werden. Was natürlich zu einer starken Bildungsungleichheit führt.

Jürgen Klatzer (neuwal.com): Trotzdem machen immer mehr Jugendliche aus bildungsfernen oder nicht-privilegierten Schichten die Matura und fangen mit einem Studium an. Sind das bloß Ausnahmen?

Das stimmt. Insgesamt studieren immer mehr Menschen und alle bekommen bessere Abschlüsse als noch vor 20 Jahren. Aber das Verhältnis zwischen Kindern aus der Unter- und Arbeiterschicht und Kindern aus der akademischen Mittelschicht ändert sich nicht, es bleibt konstant. Der deutsche Soziologe Ulrich Beck hat dieses Phänomen als ‚Fahrstuhl-Effekt‘ bezeichnet. Es kommt zwar zu einem Qualifikationsschub in der Gesamtbevölkerung, allerdings stagniert die Bildungsungleichheit zwischen den Schichten am selben Fleck. Arm bleibt arm und reich bleibt reich, nur auf einer anderen Etage.

Jürgen Klatzer (neuwal.com): In Ihrer wissenschaftlichen Publikation ‚Ungewollt unfairer Unterricht‘ schreiben Sie, dass die Bildungsungleichheit auch unterrichtsbezogene Ursachen hat. Unter anderem gehört das sogenannte Mittelschicht-Bias dazu. Was genau können wir darunter verstehen?

Bias ist grob gesagt eine systematische Verzerrung. Mittelschicht-Bias bedeutet, dass Schulen ein bestimmtes Verhalten von den Schüler_innen erwarten. Zum Beispiel eine bestimmte Art sich adrett zu kleiden, oder eine bestimmte Art des kommunikativen Auftretens. Schüler_innen, die nicht aus dieser akademischen Mittelschicht kommen, sind gegenüber diesen Erwartungen im Nachteil, weil sie ein komplett anderes Verhalten gelernt haben. Insgesamt lernen Kinder aus der Arbeiterschicht ein ganz anderes Verhaltensset, das in der Schule nicht gut ankommt. Deshalb müssen sich Kinder anpassen. Die Mittelschichtkinder hingegen benötigen diese Anpassungsphase nicht. Sie haben die erwünschten Normen bereits im Elternhaus gelernt. Mittelschicht-Bias heißt demnach, die Schule erwartet sich Verhalten und Gewohnheiten, die hauptsächlich in der Mittelschicht gelten. Und wer das nicht mitbringt, muss es eben erlernen.

Jürgen Klatzer (neuwal.com): Was sind die Folgen für jene Kinder, die nicht diesen Erwartungen entsprechen?

Zunächst verstehen Kinder nicht, was in einer bestimmten Situation eigentlich abgeht. Es gibt Studien, insbesondere von Rahel Jünger, die sagen, dass Schüler_innen die Schulregeln gerne beherrschen möchten. Sie wissen nur nicht, wie sie es machen sollen. Ein plattes Beispiel: Kinder aus der Unterschicht lachen, weil sie dadurch soziale Kontakte knüpfen. Im Unterricht wird es nicht gerne gesehen und die Schüler_innen werden ermahnt. Das Problem ist, Kinder verstehen nicht warum das Lachen plötzlich negativ besetzt wird. Dann kommt noch hinzu, dass ihnen häufig die Mittel fehlen, um mit der Lehrperson zu kommunizieren. Vielleicht fürchten sie sich sogar, weil sie aus den Erfahrungen der Eltern mitbekommen haben, dass die Schule gefährlich sei. Während Kinder aus der akademischen Mittelschicht gerne mit den Lehrer_innen reden, schrecken Schülerinnen und Schüler aus der Unterschicht davor zurück und distanzieren sich von der Schule.

Jürgen Klatzer (neuwal.com): Laut nationalem Bildungsbericht 2012 hängt die Bildung des Kindes auch von der Familie ab. Welche Rolle spielt der familiäre Hintergrund bei der Bildungsungleichheit?

Die Familie ist entscheidend. Es geht aber nicht nur um Gewohnheiten und Verhaltensweisen, die eingeübt werden. Sondern es geht auch darum, wie viel mit dem Kind kommuniziert wird. In Mittelschichtelternhäusern redet man bereits viel mit dem Säugling. Das passiert in Unterschichtelternhäusern eher weniger. Während die Umgebung in Unterschichtelternhäusern tendenziell eher einfacher ist, bieten Eltern der Mittelschicht ihren Kindern, auch dank finanzieller Hilfe, Entfaltungsmöglichkeiten, wie ein eigenes Kinderzimmer oder Nachhilfeunterricht. Nun könnte man sagen, dass es der Selbstverantwortung der Familien überlassen ist, ob sie das Kind fördern wollen oder nicht. Inzwischen hat sich der Glaube, nur mit Bildung komme man voran, auch durchgesetzt. Deshalb versuchen Familien ihren Kindern Bildung zu ermöglichen. Eltern aus bildungsfernen Milieus müssen allerdings zwei Hindernisse überwinden: Erstens, sie wissen nicht wie sie ihre Kinder fördern sollen. Meistens haben diese Eltern ja weder ein Gymnasium noch eine Universität je von innen gesehen. Zweitens, sie besitzen kaum Kapitalien. Das bedeutet, es mangelt ihnen an einflussreichen Beziehungen und Allgemeinwissen, zum Beispiel über Theater oder Weine. Sie haben zudem weniger Geld, der politische Einfluss hält sich in Grenzen, sie sitzen nicht als Vorstand in der örtlichen Sparkasse, sie engagieren sich in der Regel auch nicht in der Elternvertretung.

Jürgen Klatzer (neuwal.com): Den Familien fehlen also sogenannte Kapitalien. Sie können ihre Kinder doch trotzdem fördern, oder?

Natürlich, aber nicht in dem Ausmaß wie Eltern aus der Mittel- oder Oberschicht. Dabei kommt nämlich etwas ganz Perfides raus: Wenn alle Eltern ihre Kinder nach Kräften fördern, dann wird die Bildungsungleichheit immer größer. Der Grund liegt auf der Hand: Die Einen können einfach viel mehr für ihre Kinder tun als die Anderen. Deshalb ist es meiner Ansicht nach falsch zu sagen, die Förderung des Kindes liegt allein in der Selbstverantwortung der Familien. Nicht einmal der härteste Neoliberale kann behaupten, dass ein Kind, das ohne eigenes Kinderzimmer aufwächst, dieselben Chancen wie ein Kind hat, dem viele Förderungsmöglichkeiten qua Geburt in die Wiege gelegt worden sind.

Jürgen Klatzer (neuwal.com): Also, egal wie sehr man sich anstrengt um in elitäre Kreise zu kommen, durch Bildung alleine ist es unmöglich.

Nein, es ist schon möglich. Aber der mögliche Aufstieg ist mit einem extrem hohen Aufwand verbunden. Trotzdem ist die Chance relativ gering und es bedeutet auch ein Auswechseln der eigenen Persönlichkeit. Menschen, die den sozialen Aufstieg geschafft haben, berichten wie schwierig die Umstellung für sie war. Sie mussten praktisch das, was sie als Kind mitbekommen und was sie für natürlich, wertvoll und erstrebenswert gehalten haben, ändern. Aber eine Identität kann man nicht so einfach wechseln wie ein Hemd. Zum Beispiel werden bei Jobeinstellungen tendenziell Leute ausgewählt, die aus derselben Schicht oder demselben Milieu kommen. Was noch dazu kommt, ist eine Distinktion durch Eliten, also ein aktives Abgrenzungsverhalten. Durch neue Zertifikate und elitäre Schulen versuchen sich Familien aus der Mittel- oder Oberschicht von der Masse abzuschotten. Auf vielfältigen Wegen können sie bestimmen, was für eine Art von Bildung im Bildungssystem gefordert wird – und das ist die Art von Bildung, die eben in ihren Kreisen wichtig ist, sodass Kinder aus anderen Milieus im Bildungssystem praktisch ein ständiges Auswärtsspiel spielen. All diese Gründe machen es ziemlich schwierig, alleine durch Bildung sozial aufzusteigen.

Wer gehört zur „goldenen“ Mitte?
Auf diese Frage geben Soziolog_innen und Ökonom_innen unterschiedliche Antworten. Beispielsweise definiert Statistik Austria das „mittlere Einkommen“ in einem Bereich zwischen 60 bis 180% des Jahresäquivalenzeinkommens (bedarfsgewichtete Pro-Kopf-Einkommen). Nach dieser einkommensorientierten Definition, die im Tabellenband „Einkommen, Armut und Lebensbedingungen“ erörtert wird, gehören 76 Prozent der Österreicher_innen zur Mittelschicht (14 Prozent zur Unter- und 9 Prozent zur Oberschicht). Für das Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) zählt jede_r zur Mittelschicht, der_die zwischen 70 und 150 Prozent des Median-Nettoeinkommens verdient, also rund 60 Prozent der Erwerbstätigen. Viele Soziolog_innen kritisieren diese enge Fassung und beziehen in ihren Definitionen der Mittelschicht auch das „kulturelle Kapital“ ein. Dazu gehören zum Beispiel der Besitz von Gemälden, Bildungstitel und auch die durch die Sozialisation und Bildungsinstitutionen verinnerlichten intellektuellen Fähigkeiten und Kompetenzen. Während die Mittelschicht zur Oberschicht aufsteigen will, konzentrieren sich die unteren Klassen eher darauf, ihre Lage nicht weiter zu verschlechtern. Die Oberschicht hingegen würde sich von den anderen Schichten grundsätzlich abgrenzen, erklärt Stephan Moebius, Professor für Soziologische Theorien und Ideengeschichte an der Karl-Franzens-Universität Graz.
Jürgen Klatzer (neuwal.com): Ihren Ausführungen zufolge wird Bildung vererbt. Kritiker_innen werfen Ihnen entgegen, dass eine Arbeiterschicht in der Gesellschaft notwendig ist.

Die funktionalistische Schichtungstheorie von Davis und Moore besagt, dass es unterschiedliche Funktionen, die wir natürlich benötigen, gibt. Wir müssen aber die verschiedenen Arten von Arbeit im gleichen Maße anerkennen. Nicht zu zu Unrecht wird sich in Österreich gerne darüber beklagt, dass Handwerk negativer angesehen wird als ein studierter Beruf. Es müsste eigentlich nicht so sein. Die härteste gesellschaftliche Anerkennung ist nun mal Geld, und das wird sehr ungleich für unterschiedliche Tätigkeiten verteilt. Es ist im Grunde genommen nicht selbstverständlich, dass beispielsweise Möbelpacker, die sich den Rücken krumm schuften, viel schlechter verdienen als ein Universitätspräsident. Oder denken Sie an die Arbeit im Haushalt oder der Kindererziehung, die finanziell vergleichsweise sehr gering anerkannt wird. Die Wertunterschiede sind sehr groß und nicht immer besonders gut gerechtfertigt. Deshalb hat diese Kritik auch gewisse Mängel.

Jürgen Klatzer (neuwal.com): Sie haben bereits Rahel Jünger angesprochen. In einer ihrer Studien untersuchte Sie Bildungsungleichheit an Schulen in Zürich. Dabei kommt sie unter anderem zum Schluss, dass die residentielle Segregation, zum Beispiel wenn in Schulklassen ausschließlich Kinder nicht-deutscher Muttersprache sitzen, die Ungleichheit verstärkt. Wie wichtig ist eine sinnvolle Durchmischung von Kindern unterschiedlicher sozialer Herkunft?

Komischerweise sieht man in privilegierten Schichten sogenannte International Schools ganz gerne. Sie glauben, wenn Leute aus unterschiedlichen Kulturen zusammenkommen, sei es für alle förderlich. Vollkommen zu Recht. Auch in der Wissenschaft macht man neue Entdeckungen, wenn man Disziplingrenzen überschreitet. Wieso meint man, dass es bei Kindern nicht so wäre? Ich bin der Auffassung, dass eine gut durchmischte Schulklasse Bildungsungleichheit reduzieren und ein wechselseitiges Verständnis füreinander fördern kann. Um aber mit der Heterogenität in Klassen umgehen zu können, benötigt man geeignete Methoden. Das Gegenargument, die Schlechten würden die Guten runterziehen, ist richtig, wenn man kurzsichtig denkt. Aber genauer betrachtet muss man sich fragen, was ‚gut‘ daran ist, wenn Arbeiterkinder bei gleicher Leistung eine drei- bis vierfach geringere Chance auf eine Gymnasialempfehlung als Mittelschichtkinder erhalten. Und man muss anerkennen, dass eine abgehobene, sozial geschlossene Elite großen Schaden anrichten kann. In der Finanzkrise haben wir das erlebt, und die Nachwirkungen in Form enormer Staatschulden erleben wir bis heute.

Quelle: democracyranking.org
Quelle: democracyranking.org
Jürgen Klatzer (neuwal.com): Würde eine Umstellung auf die Gesamtschule, wie jene in Schweden, die Bildungsungleichheit reduzieren?

Ich frage mal andersrum: Ob irgendjemand wohl der Meinung ist, dass in Schweden lauter Dummköpfe rumlaufen? Ein wirtschaftlich erfolgreiches Land. Ein Land mit großem Ausmaß von sozialen Frieden. Ein Land, das laut Demokratie-Index auf Platz zwei rangiert. Ich würde mal sagen, die Gemeinschaftsschule hat die Schweden sicher nicht verdorben. Aber neben der anderen Struktur im Bildungssystem, haben die Schweden auch ein anderes kollektives Verständnis von Zusammenhalt. In Schweden waren früher viele Gebiete dünn besiedelt und man benötigte jeden Kopf und jede Hand. Man konnte es sich nicht leisten, jemanden zurückzulassen. Eine Art Alltagsgesetz in Schweden besagt, jeder Mensch ist gleich viel wert. Diese Kultur kann man nicht einfach auf das österreichische Schulsystem übertragen.

Vergleich Selektion: Österreich und Schweden
Vergleich Selektion: Österreich und Schweden
Quelle: EACEA
Jürgen Klatzer (neuwal.com): In Schweden müssen sich Kinder nach der vierten Volksschule nicht entscheiden, welche Schule sie machen wollen, können oder müssen.

Das stimmt. Wenn man Kinder nach vier Schuljahren selektiert, dann selektiert man sie zu einem Zeitpunkt, wo nicht klar ist, welche Talente, Fähigkeiten und Interessen sie entwickeln können. Deswegen wäre eine Abschaffung der frühen Selektion sicher wichtig. Ob ein Gesamtschulsystem die Bildungsungleichheit reduzieren könnte, ist trotz der Vorteile schwierig zu beantworten.

Jürgen Klatzer (neuwal.com): Okay, die Frage mal anders gestellt: Ist ein ausdifferenziertes Schulsystem, also unterschiedliche Schultypen, fördernd für die Bildungsungleichheit?

So wie es nun läuft, ja. Ein ausdifferenziertes Schulsystem nach Inhalten, und nicht nach Hierarchien, hat auch Vorteile. Österreich kann etwa auf sein ausdifferenziertes Wirtschaftsschulsystem stolz sein. Diese Art von Differenzierung, dass man auf unterschiedliche Berufssparten vorbereiten kann, ist sinnvoll. Aber eine Differenzierung, die darauf hinausläuft, dass höhere Schulen eher von privilegierten Kindern besucht werden, ist für die soziale Ausgeglichenheit und den sozialen Frieden nicht förderlich.

Jürgen Klatzer (neuwal.com): Würden Sie sagen, dass unser derzeitiges Schulsystem gerecht ist?

Gerechtigkeit ist eine schwierige Sache. Der Soziologe Niklas Luhmann hat einmal gesagt, es sei eine Kontingenzformel: Alle streben es an, aber keiner kann es mit handfesten Eigenschaften füllen. Wenn ein gerechtes Schulsystem die Förderung der Kinder hinsichtlich ihrer Talente und ihrer Entwicklungschancen ist, dann NEIN. Wenn ich soziale Gerechtigkeit mit ‚unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen haben dieselben Chancen auf eine gute Ausbildung bei gleicher Leistung‘ definiere, dann ist unser Schulsystem nicht gerecht. Formal mag das Schulsystem gerecht sein, aber eben nur auf dem Papier.

Jürgen Klatzer (neuwal.com): Wie könnte die Bildungsungleichheit in ihrem derzeitigen Ausmaß reduziert werden?

Eine zweigeteilte Antwort. In Bezug auf bildungsferne Schichten brauchen wir Mentoring-System, wir benötigen Initiativen, die auf die Familien und Schüler_innen, die sich in einer sozial sehr schwierigen Lage befinden, zugehen. Wir können nicht einen Zettel mit einem Hilfsangebot aushängen und hoffen, dass sie von selbst kommen. Es gibt auch bereits viele gute Initiativen, die sich damit beschäftigen. Die müssen forciert werden. In Bezug auf die privilegierte Schicht muss eine Aufklärung stattfinden. Es gibt nämlich nicht nur die Schule und die Universität, sondern auch eine informelle Ausbildung. Die wird durch das Elternhaus, Verwandtschaft oder Vereine vermittelt. Was muss man tun, um erfolgreich zu sein? Was muss man tun, wenn man in einer Führungsposition ist? Dieser informelle Ausbildungszweig, der ausschließlich für Kinder aus der Mittel- oder Oberschicht zugänglich ist, scheint zu einer Form gesellschaftlicher Rücksichtslosigkeit zu führen.

Die Schlussanmerkung über die politische Gestaltung des Bildungssystems erfolgte off-the-records:

Roman Langer: Wer Bildung und Gesellschaft politisch gestalten will, muss sich fragen, ob das Setzen auf Wettbewerb, Profilierung, Privatfinanzierung, Standardisierung, Test und Kontrolle wirklich die Wirkungen erzeugt, die man sich davon verspricht. Oder ob es stattdessen inzwischen nicht einen Gedanken wert wäre, zu fragen, wie eine an sozialem Frieden und Ausgleich, an demokratischen Haltungen, an humanisierenden Entwicklungen, an gesellschaftlicher Selbstreflexion interessierte Initiative aussehen könnte.