Warum es in Österreich an investigativem Journalismus mangelt. Ein Kommentar von Susanne Zöhrer

Vor nicht allzu langer Zeit wurde im Forum des Standard eine Frage gestellt, die bei mir auf fruchtbarem Boden fiel: Warum gibt es keine Mitglieder aus Österreich beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ)?

Zur Lage der Nation

Österreich ist traditionell ein Land, in dem die Medienkonzentration eine Sonderstellung im internationalen Vergleich einnimmt. Die Kronen Zeitung dominierte viele Jahrzehnte die Berichterstattung, gewaltige Abonnentenzahlen und Reichweiten ließen Medienmacher in anderen Ländern vor Neid erblassen. In Anbetracht dieser Tatsachen schüttelten hiesige Intellektuelle deprimiert die Köpfe und meinten, es könne kaum schlimmer werden. Dann kamen ‚Heute‘ und ‚Österreich‘.

Trotz des gewaltigen Medienmonopols in Österreich, war bis vor kurzem eine kleine Zelle an investigativen JournalistInnen aktiv, die sich dafür einsetzten, die inzestuösen Verflechtungen und korrupten Machenschaften von Medien, Politik und Wirtschaft offenzulegen.

ICIJ Partner in Österreich ist NEWS – eine entsprechende Vereinbarung zur Zusammenarbeit wurde 2013 von Kurt Kuch unterzeichnet [1], welcher gemeinsame Projekte folgten. Der Status Quo in Sachen investigativem Journalismus in Österreich ist meiner Meinung nach trotzdem besorgniserregend.

Wer zahlt schafft an

Es gibt sie ja im Einzelnen noch. Doch man hört immer weniger von ihnen. Von diesen beinharten Journalisten alter Schule, die sich durch Berge von Dokumenten wühlen, die einen Killerinstinkt besitzen und die sich, der wohl wesentlichste Punkt, nicht kaufen lassen. Aber es handelt sich offenbar um eine aussterbende Art. Und ich frage mich: Warum ist das so?

Kurt Kuch gehörte zur seltenen Aufdeckerspezies. Er ist leider zu Beginn des Jahres an Krebs verstorben. Florian Klenk war auch so einer, von ihm hab ich schon lang nichts mehr gehört. Und sonst? Kann es sein, dass ich mich zu wenig für die österreichische Journalistenlandschaft interessiere, oder liegt es wirklich daran, dass die aktuellen Bedingungen für qualitativ hochwertige Arbeit in diesem Feld schlicht und einfach miserabel sind?

Die Indizien sprechen für Letzteres. Datum berichtete vor nicht allzu langer Zeit über gekaufte Jubelpostings, in Auftrag gegeben von der ÖBB, der Bank Austria, der ÖVP Wien und vielen weiteren hochkarätigen öffentlichen und privaten Playern. Das Resultat: Gestrichene Werbung im Blatt. Auch Dossier, das sich in beeindruckender Manier den Verflechtungen der Politik mit „Heute“ widmete, sah sich mit Klagsdrohungen konfrontiert.

Das alles betrifft jedoch lediglich Publikationen, die derlei Widerlichkeiten überhaupt veröffentlichen.

Medien und Werbung eine unheilige Allianz

Es ist kein Geheimnis, dass Österreichs Medienlandschaft hochkonzentriert ist. Konzentriert bis zu einem Grad, der in anderen Ländern berechtigterweise kartellrechtliche Fragen aufwerfen würde. Und es ist auch kein Geheimnis, dass die österreichische Politik massivste Werbeeinschaltungen in diversen Publikationen betreibt. Beides sind optimale Voraussetzungen für Selbstzensur, Korruption und Wunschberichterstattung.

Wer also hierzulande noch ein paar Hirnzellen zum Rechnen zur Verfügung hat, der wird auch in der Lage sein, daraus die logischen Schlüsse zu ziehen.

Warum wird hierzulande nicht konsequent aufgedeckt?

Es gibt Länder, die haben eine lange Tradition aufklärerischer Berichterstattung. England oder die USA zum Beispiel. Doch selbst dort steht die freie Presse mittlerweile massiv unter Druck. Erst jüngst veröffentlichte ein Journalist des Telegraph seine Gründe warum er dort gekündigt hat (Berichterstattung über HSBC wurde unterdrückt aus Angst Werbeeinnahmen zu verlieren), in den USA zensieren sich die Medien seit 9/11 konsequent selbst (zumeist aus vorgeblich patriotischen Gründen).

In Österreich steht unabhängiger Journalismus ebenfalls seit langem unter Druck und die herrschenden Bedingungen für Jungjournalisten sind alles andere als investigationsfreundlich. Prekäre Arbeitsverträge, der Druck „quotenträchtige Artikel“ zu schreiben um Online möglichst viele Klicks zu generieren, un- oder schlecht bezahlte Praktika, schaffen eine Atmosphäre, die es so gut wie unmöglich macht, sich intensiv in ein Spezialgebiet einzuarbeiten, sich abgesichert und geschützt zu fühlen.

Dass Nachwuchsjournalistinnen weder die Zeit noch das Geld für die mühselige Erarbeitung von Quellen und Informanten haben, ist die logische Folge dieser Arbeitsbedingungen: Niemand, der nebenbei einem Brotberuf nachgehen muss, oder wer sich am Ende des Monats ernsthaft Gedanken drüber machen muss, wie er seine Miete zahlen soll, hat die Nerven oder die Geduld sich in seiner Freizeit mit jenen Leuten anzulegen, die möglicherweise seine nächsten Arbeitgeber sein könnten. Oder quasi ihren Arbeitsplatz finanzieren.

Alles in allem Bedingungen, die wie eine Brutstätte für das hiesige Schmieren und Lenken und Dirigieren wirken. Denn während es anderswo vielleicht noch idealistische Gönner gibt, die sich dafür einsetzen, dass Journalisten genügend Zeit und Geld und rechtliche Absicherung für die Recherche bekommen, so beschränkt sich das investigative Kapital hierzulande auf einige wenige, die mutig genug sind, Zeit und (vermutlich eigenes) Geld in die langwierige Aufdeckung der Missstände in unserem Land zu investieren.

Hopfen und Malz

Was macht man also in einem Land, in dem Politik und Wirtschaft scheinbar freie Hand haben, sich die gewünschte Berichterstattung einfach zu erkaufen? Und was sagen die sogenannten Qualitätsmedien dazu? Was für eine Berichterstattung ist denn überhaupt möglich, wenn die wenigen qualitativ hochwertigen Blätter am Tropf der Presseförderung hängen, die wiederum von jenen verteilt wird, die in unserer Regierung sitzen. Oder abhängig sind von den Werbeschaltungen jener Konzerne sind, die es eigentlich genauer zu durchleuchten gilt?

Ich weiß es nicht. Aber die geringe Anzahl an Enthüllungsreportagen, die hierzulande veröffentlicht wird, stützt meine These, dass möglicherweise nicht besonders hartnäckig nachgefragt wird. Möglicherweise. Weil dieser oder jener Opinionleader einfach mal in den Raum stellt, dass die Werbeeinschaltungen eben ein bisschen nachlassen werden, wenn da oder dort noch mehr nachgebohrt wird. Oder weil es vielleicht bereits sowas wie vorauseilenden Gehorsam gibt? Weil es eben nicht gut ankommt, wenn man den Hauptsponsor seines Blattes intensiver recherchiert und weil man es dann eben vielleicht, auch um seinen prekären Posten einfach mal abzusichern, doch lieber bleiben lässt.

Hut ab vor mutigen Nachfragen

Eben wegen dieser Umstände – besser gesagt Zustände – gebührt mein allerhöchster Respekt jenen Journalisten und Journalistinnen, die sich trotz bescheidenem Einkommen, trotz befristeter Dienstverträge oder völlig unbezahlter Arbeit, noch immer berufen fühlen, gnadenlos zu recherchieren. Ohne Rücksicht darauf, welche Ergebnisse ihre Recherche zeitigt oder wer möglicherweise dadurch kompromittiert wird. Und ohne Rücksicht darauf, durch Klagen ihre finanzielle Existenz aufs Spiel zu setzen.

Das sind die Leute, die unseren Respekt verdienen. Das sind diejenigen, die der Garant für Qualität im Journalismus sind. Sie muss man fördern und fordern. Denn wenn wir das nicht tun, dann werden wir bald nur noch dröge Home-Stories, einfältige Listicles und billige Meinungsmache lesen.

Update: 04.03.2015
[1] Diese Ergänzung im Artikel basieren auf einen Twitter-Diskurs mit Chris Neuhold und Stefan Melichar (beide NEWS) vom 3. März 2015. Hintergrund dabei ist, dass in dem Kommentar die einleitende These „Warum gibt es keine Mitglieder aus Österreich beim International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ)“ ursprünglich nicht beantwortet wurde und offen blieb, was auch den neuwal Redaktionsrichtlinien nicht entsprochen ist.

Foto: Caroline/Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

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Susanne Zöhrer

Susanne Zöhrer ist promovierte Soziologin und ist bei knallgrau für Text und digitale Strategie tätig. Derzeit ist sie in Bildungskarenz und treibt ihr Jusstudium weiter. Bei neuwal meldet Sie sich mit politischen Kommentaren zurück. Twitter Blog

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