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Der bestialische Mord an der 20jährigen Psychologiestudenten Özgecan Aslan in der Türkei ist leider kein Einzelfall. Seit die Erdogan-Partei an der Macht ist, werden ihre islamischen Werte von einem großen Teil der Bevölkerung als „Ehrenmorde“ missverstanden. Laut einer Studie befürworten sogar 62 Prozent der türkischen Männer Gewalt gegen Frauen.

Ein Minibus wird zu einem traurigen Symbol einer schrecklichen Tat. Der „Dolmuş“ (was übersetzt so viel bedeutet wie „angeblich voll“) ist ein beliebtes Verkehrsmittel in der Türkei. Diese öffentlichen Sammeltaxis haben ihre festen Routen, übernehmen einen beträchtlichen Teil des Nahverkehrs und sind aus dem Stadtbild der großen Metropolen kaum wegzudenken. In den meisten Fällen werden sie von Männern gesteuert. Nun richtet sich die Wut zahlreicher Menschen in der Metropole Istanbul, der Hauptstadt Ankara und der westtürkischen Izmir gegen einen dieser Busfahrer, der die junge Studentin Özgecan brutal ermordet hat. Die 20jährige Studentin war der letzte Fahrgast in dem Bus. Der Lenker fuhr daraufhin in eine entlegene Gegend, um sie zu vergewaltigen. Weil sich Özgecan gegen ihre Vergewaltigung wehrte, wurde sie mit einer Eisenstange niedergerichtet.

Nun kommt der verstörende Teil dieser Tat, was in diesem Land jedoch keine Seltenheit ist. Der 26jährige Fahrer fuhr mit der Leiche nach Hause und bat seinen Vater sowie einen Freund um Hilfe, die Tote verschwinden zu lassen.

Zahl der ermordeten Frauen um 1400 Prozent gestiegen

Diese Tat lässt die Emotionen hochkochen. Doch leider handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Das ist trauriger Alltag in der Türkei. Zwischen 2002 (Regierungsantritt der AKP) und 2009 hat sich die Zahl der ermordeten Frauen um sage und schreibe 1400 Prozent erhöht! Experten führen diesen dramatischen Anstieg auf die konservative Politik der islamischen AKP-Regierung und die mit ihr einhergehenden Stellenwertsteigerung von religiösen Werten auf das Alltagsleben der Bürger zurück. Täglich werden fünf Frauen zu Mordopfern. Die Täter stammen häufig aus dem familiären Umfeld: Ehemänner oder Freunde, Verlobte, Väter und Brüder, ja sogar Cousins führen diese sogenannte „Ehrenmorde“ aus. Die Regierung gibt vor, diese Probleme in den Griff bekommen zu wollen. So sagte die türkische Familienministerin Fatma Sahin (die einzige Frau im Regierungskabinett) vor einiger Zeit, die Regierung arbeite daran, Gewalt gegen Ehefrauen durch ihre Männer nicht nur besser in den Griff zu bekommen, sondern komplett zu beseitigen. Doch diese Aussagen wirken zynisch, wenn man an die sexistischen Aussagen denkt, die aus den höchsten Ebenen stammen. Erst im Januar hatte der türkische Präsident und „Neo-Sultan“ Recep Tayyip Erdogan erklärt, dass Männer und Frauen von Natur aus ungleichberechtigt seien. Aber auch andere fragwürdige Statements vergiften das Klima zwischen den Geschlechtern. So äußerte sich Vizepremier Bülent Arinc über lachende Frauen: „Frauen sollten in der Öffentlichkeit nicht laut lachen.“

Schon in Grundschulen bedecken die Mädchen ihr Haar

Es ist kein Geheimnis, dass die Erdogan-Partei eine offen frauenfeindliche Linie einnimmt. Sowohl Regierungsmitglieder, als auch die regierungsfreundliche Presse unterstellen Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung wurden, selbst für die Tat verantwortlich zu sein, da sie zu freizügig bekleidet seien. Stattdessen sollen sie Kopftücher tragen. Nicht wenige folgen diesem Aufruf. Seit dem das Kopftuchverbot an öffentlichen Instituten gefallen ist, sind kopftuchlose Frauen in Behörden, Krankenhäusern, Schulen und an Universitäten in der Minderheit. Ja sogar in Grundschulen bedecken  kleine Mädchen ihr Haar, weil ihnen vermittelt wird, dass freizügige Frauen als Unrein gelten.

Sinnvoll Ehefrauen zu „disziplinieren“

Ob man von einer institutionellen Unterdrückung von Frauen sprechen kann, ist fraglich. Denn die türkische Verfassung garantiert die Gleichheit zwischen den Geschlechtern. Weil es zahlreiche Defizite in der rechtlichen Umsetzung gibt und der Wille dazu nicht existiert, wird diese Willkür nicht unterbunden. Gesellschaftlich ist die tatsächlich vorhandene Unterdrückung in einer breiten Schicht akzeptiert. Die Universität Kirikkale und die Organisation „Glückliche Kinder“ befragten in ihrer Studie über Gewalt an Frauen 3500 Männer. Demnach finden es die meisten Männer für völlig normal, sinnvoll und praktisch, wenn sie ihre Ehefrauen „disziplinieren“. 28 Prozent halten Gewalt gegen Frauen für unerlässlich. 34 Prozent geben an, hin und wieder ihre Frauen zu schlagen. 18 Prozent sind der Grundansicht, dass Männer die Herrscher im Haus seien. 30,9 Prozent schlagen zu, wenn es einen „guten Grund“ dazu gibt. Und 37,9 Prozent halten Gewalt für legitim, wenn es um die Durchsetzung von Prinzipien wie Ehre, Anstand und Disziplin geht.

Um diese schamhafte Situation deutlich vor Augen zu führen: Von 134 Ländern nimmt die Türkei in dem Bericht des Weltwirtschaftsforums über den Stand der Gleichberechtigung von Frauen den 126. Platz ein.

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Onur Kas

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  • Paul

    Bald wird es bei uns auch so sein, wenn wir nicht gegensteuern.
    Denn wer vor solchen Entwicklungen warnt (Fpö oder Pegida) wird als Fremdenfeindlich abgestempelt, oder von Gegendemonstranten offen als Nazi beschimpft.
    Ich hoffe nur, dass immer mehr mutige Bürger gegen den Strom schwimmen, und sich gegen diese Zustände wehren.

  • Simon G

    @Paul:
    Wenn nun durch islamische Einwanderer gewisse Gefahren für unsere Gesellschaft und deren Werte entstanden sind – welche konkreten Lösungsmöglichkeiten sehen Sie? Denken Sie nicht, dass ein permanenter Teil der Gefahr sein kann, wenn islamische Geistliche zwangsweise im Ausland ausgebildet werden müssen? Ist es denn kein konstruktiver Lösungsweg wenn hier bei uns islamische Theologie eingeführt wird, wo mitteleuropäische Ausbildung und mitteleuropäische Werte auf islamische Philosophie stoßen? Oder haben Sie andere konstruktive Lösungsvorschläge?

  • Paul

    @Simon G.

    Das wäre schon mal ein guter Ansatz.
    Ich würde überhaupt gesetzlich vorschreiben, dass ein Imam, der in Europa lehrt, auch in Europa die Ausbildung dazu gemacht haben muss.

  • byron sully

    @paul: sie haben offenbar nur einen teil des problems verstanden. der grundlegende kern ist die strukturelle patriarchale gewalt frauen gegenüber in so ziemlich allen gesellschaften, religionen und kulturkreisen (nur halt in unterschiedlicher qualtität und quantität). und wenn sich z.b. die FPÖ amstetten gegen frauenhäuser ausspricht bzw. diese wüstest beschimpft, dann seh ich da echt keinen unterschied zum radikalen islamismus. mir geht z.b. auch die mediale berichterstattung zu vergewaltigungen in indien schon ein wenig am wecker. für mich liest sich die so: DORT (und nur dort) werden frauen vergewaltigt, während so etwas in UNSEREM kulturkreis ja nie passiert. wie gesagt, die reine zahl der fälle mag eine andere sein, die reaktionen der bevölkerung ebenfalls, aber vergewaltigungen, beziehungsmorde etc. passieren auch unter ethnischen österreichern massenhaft. und die FPÖ ist da mit ihrer reaktionären frauenpolitik ganz gewiß keine hilfe. grad den fall FPÖ amstetten („frauenhäuser zerstören ehen“) fand ich einfach nur ekelhaft.

    und zu ihrem imam-vorschlag: so eine regelung extra für den islam wäre rechtsstaatswidrig. insofern konsequenterweise auch keine in israel ausgebildeten rabbis, keine in den USA ausgebildeten mormonischen oder baptistischen geistlichen, keine in china ausgebildeten buddhistischen lehrmeister etc… und wenn sie mit europa die EU meinen (das wäre die wohl einzige klar definierte grenzziehung), dann würde sich selbst bei der katholischen kirche die frage stellen, inwiefern der vatikan als teil der EU begriffen werden kann.

    jedenfalls seh ich in der frauenpolitik bei FPÖ und pegida überhaupt keine gegenrichtung zum radikalen islamismus, sondern eigentlich die gleiche richtung, nur um einiges gemäßigter. auch bei FPÖ und pegida steht der mann eindeutig über der frau.

  • Simon G

    @Paul ganz kurz:
    Es ist halt leider so, dass die FPÖ sich gegen die Einrichtung islamischer Theologie bei uns stellt. Und ich sehe das öfters, dass die FPÖ zwar gelegentlich gewisse Probleme anspricht, die andere nicht ansprechen, wahrnehmen oder zugeben wollen und somit oft eine Monopolstellung hat. Gleichzeitig scheint mir aber oft, dass die FPÖ es dann im nächsten Schritt nicht schafft die erkannten Probleme sachlich und konstruktiv zu lösen, den Dialog des gegenseitigen Respekts nicht findet.
    Dass islamische Theologie bei uns im Aufbau ist, ist ein Projekt von Integrationsstaatssekretär Kurz. Ganz still und heimlich.

  • Chris

    Vers 4:34* bietet Legitimation für Gewalt gegen Frauen, da er den Männern rät ihre Frauen u.a. zu schlagen, wenn sie deren Ungehorsam fürchten (es reicht also ein subjektives des Mannes als Rechtfertigung)

    Ich denke auch eine europäische Imamausbildung wird diesen und andere nicht tolerierbare Inhalte nicht aus dem Koran löschen können. Auch Pierre Vogel ist ein in Europa entstandenes islamisches Phänomen.

    *Wörtliches Zitat aus http://www.islam.de: „Die Männer stehen den Frauen in Verantwortung vor, weil Allah die einen vor den anderen ausgezeichnet hat und weil sie von ihrem Vermögen hingeben. Darum sind tugendhafte Frauen die Gehorsamen und diejenigen, die (ihrer Gatten) Geheimnisse mit Allahs Hilfe wahren. Und jene, deren Widerspenstigkeit ihr befürchtet: ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie euch dann gehorchen, so sucht gegen sie keine Ausrede. Wahrlich, Allah ist Erhaben und Groß.“

  • Paul

    @byron sully
    Dass Frauenhäuser Ehen zerstören können, haben wir sogar an der eigenen Familie erlebt.
    Denn diese leben davon, viele Frauen aufzunehmen, und empfehlen diesen oft gleich von Beginn an, z.B.: den Mann auf Unterhalt zu klagen, statt vordergründig eine Versöhnung anzustreben.
    Natürlich ist der Grundgedanke von Frauenhäusern wichtig und unumstritten.
    PS.: Was hat sachliche Kritik mit Unterdrückung von Frauen, oder Gewalt an Frauen zu tun?
    Trotz ihrem grenzenlosen Hass zur FPÖ sollten sie wenigstens versuchen, sachlich zu bleiben.

    @Simon G
    Natürlich gibt es sehr wohl von anderen Parteien, wie auch von den Freiheitlichen viele Vorschläge.
    Aber wem nützt es, wenn diese dann von der Regierung abgeschmettert werden.
    Zur Problemlösung ein neues Studienfach wird jedenfalls nicht reichen.

  • Simon G

    @Paul:
    Jedenfalls ist eine Europäisierung des Islam eine konstruktive Gegenstrategie zur Islamisierung Europas.

    Aber rollen wir die Angelegenheit vielleicht aus historischer Sicht aus. Zu Lebzeiten Mohameds war der Nahost von einer kriegerischen Bipolarität geprägt: Nämlich zwischen Byzanz und Persien. Keine der beiden nahmen irgendeine andere Macht im Umfeld ernst. Byzanz hatte gerade ein paar Städte zurückerobert die etwa 10 Jahre lang Persien für sich eingenommen hatte. Und politisch nicht ganz weise forderte Byzanz von den zurückeroberten Städten die „entgangenen Steuergelder“ der Zeit unter Persien ein, und zwar kumuliert sofort. Und quasi aus dem Nichts stand plötzlich eine dritte Macht vor den Toren dieser Städte: Der Islam. Und auf dessen Seite sind entsprechend der Umstände viele Städter übergelaufen, sodass diese Städte verhältnismäßig gewaltlos übernommen wurden. Sowohl die steuerlichen Forderungen der neuen Herrscher waren moderat, als auch übten sie in anderen Belangen vergleichsweise hohe Toleranz. Sie zwangen damals niemanden gewaltsam ihre Religion auf, es hatte halt einige Vorteile Moslem zu sein. Dieser Kulturraum war kulturell und wissenschaftlich Europa weit überlegen. Die Kreuzzüge hatten nur einen Zweck: Nämlich sie 1.000 Jahre zurückzuwerfen um nicht soweit dahinter zu sein. Was da an Massakern an Frauen und Kindern verübt worden sind, das wussten die nicht mehr, dass das sein kann. Und ganz nebenbei bemerkt haben diese christlichen Krezzügler am Heimweg dann noch das christliche Byzanz dermaßen geplündert und demoliert, dass es sich davon nicht mehr erholt hat, bis es die Osmanen übernommen und ihm unter dem Namen Istanbul eine neue Blüte verschafft haben. Ein Glück für das Europäische Erbe wie beispielsweise die Griechische Mythologie, weil heidnische Schriften aus dem vorchristlichen Europa haben alle nur in islamischen Bibliotheken überleben können – aufgrund der damals höheren Toleranz. In christlichen Bibliotheken ist sowas verbrannt und auf keinen Fall abgeschrieben worden.

    Und heute? Heute fühlen sich halt manche Menschen aus den Ländern wo die Kreuzzügler herkamen von ihren Zurückgeworfenen belästigt.

    Ich bin überzeugt, ein Mitteleuropäer der sich wirklich fest sauber von den Kreuzzüglern losgesagt hat, der kann subjektiv vom Islam gar nicht beengt werden, weil er außerhalb der Polarisierung steht und das nur ein Konflikt zwischen Außenwelten ist, die nichts mit ihm zu tun haben. Versuchen Sie’s doch einfach mal.

    Vielleicht finden Sie auch einen Schlüssel wie der Islam in die Gegenwart zurückfinden könnte?

  • der Riese Ullala

    @byron sully

    „beziehungsmorde etc. passieren auch unter ethnischen österreichern massenhaft.“

    Dafür haben Sie sicher einen Beleg, oder doch nicht?

    Interessant wäre auch, wie sich derartige Gewalttaten unter den ethnischen Gruppen verteilt. Zu Recht ist das ein gut gehütetes Geheimnis, damit nicht so manche rosarote Brille einen Sprung bekommt.

  • C. Grey

    @byron sully

    Wenn die innerösterreichische Imam-Ausbildung rechtsstaatswidrig wäre, dann würde sie legitim, wenn das Gesetz dementsprechend angepasst wird. Sie haben vergessen, dass Österreich das Souverän über Österreich hat.

    Und wenn es die Muslime nicht hinkriegen, ihren Glauben legal zu praktizieren, dann sehe ich nicht das geringste Problem darin das Gesetz, speziell für sie, zu ändern.