Schimmel, miserables Essen und schlechte Behandlung durch die BetreiberInnen. Die Dossier-Recherche von 2013 deckte schreckliche Zustände in Österreichs Asylquartieren auf. David Zistl und das Team der Organisation „Flüchtlinge Willkommen“ wollten dabei nicht länger zusehen und haben selbst die Initiative ergriffen. Wie sie Flüchtlinge in die Gesellschaft integrieren wollen und was sie der Politik vorwerfen, erfahrt ihr im neuen innowal.


innowal: Flüchtlinge Willkommen
innowal
Flüchtlinge Willkommen
David Zistl
Interview mit David Zistl
Fazit

innowalinnowal
Der innowal stellt Organisationen vor, die innovative und neue Konzepte in einem bestimmten Politikfeld realisieren. Nachdem neuwal.com selbst unter dem Motto “Making politics a better place” agiert und so die politische Kultur in Österreich zum Besseren ändern will, liegt es uns nahe, solchen Projekten eine Plattform zu bieten. Vor allem jenen, die noch keine große mediale Aufmerksamkeit genießen.
Nach einer kurzen Vorstellung der Organisation steht dabei ein Interview mit dem jeweiligen Gründer der Organisation im Zentrum. Am Ende stellen wir uns dann die Frage, welche Veränderungen diese innovativen Ideen bewirken können.Wir laden die Leser von neuwal.com auch dazu ein, uns interessante Organisationen vorzuschlagen. Bei Interesse einfach einen Kommentar hinterlassen oder ein E-Mail an: wolfgang.marks [at] neuwal.com senden.


logo-fluechtlinge-willkommenDie Initiative „Flüchtlinge Willkommen“ ist der Meinung, dass „geflüchtete Menschen nicht durch Massenunterkünfte stigmatisiert und ausgegrenzt werden sollten, sondern dass wir ihnen einen warmen Empfang bieten sollten.“ Flüchtlinge sollten deshalb in privaten WGs unterkommen und so die Möglichkeit bekommen, Anschluss an die Gesellschaft zu haben und sich zu integrieren. Deshalb können sich all jene WGs, die ein Zimmer frei haben, bei der Plattform anmelden. Diese setzen sich dann mit NGOs in Verbindung und stellen den Kontakt zu einem geflüchteten Menschen her, der zur WG passt.

Politikfeld Asylpolitik
Gründungsjahr 2015
Vision Geflüchtete Menschen sollten nicht durch Massenunterkünfte stigmatisiert und ausgegrenzt werden, sondern wir sollten ihnen einen warmen Empfang bieten. Wir sind der Meinung, dass wir gemeinsam eine andere Willkommenskultur in Österreich etablieren sollten.
Dialog fluechtlinge-willkomen.at
Facebook

Team
Bildquelle: Alexander Gotter

Geflüchtete Menschen sollten nicht durch Massenunterkünfte stigmatisiert und ausgegrenzt werden, sondern wir sollten ihnen einen warmen Empfang bieten. Wir sind der Meinung, dass wir gemeinsam eine andere Willkommenskultur in Österreich etablieren sollten.

David Zistl
David studiert Politikwissenschaften in Wien und arbeitet seit zwei Jahren bei PROSA-Projekt Schule für ALLE ehrenamtlich mit. Dieses Projekt bereitet AsylwerberInnen, denen der Zugang zur Bildung strukturell erschwert bzw. verunmöglicht wird, extern auf dem Pflichtschulabschluss vor. Neben dem Fußballtraining mit den SchülerInnen, stellt er zusammen mit Anderen die Langen Nächte der Menschenrechte, deren Einnahmen PROSA zugute kommen, zweimal im Jahr auf die Beine.

Wolfgang Marks (neuwal.com): Im heutigen innowal begrüßen wir den Politikwissenschaftsstudent David Zistl. Er ist einer der Initiatoren der Initiative „Flüchtlinge Willkommen“. Kannst du uns kurz erklären worum es bei diesem Projekt geht und was für Ziele ihr damit verfolgt?

David Zistl: Die Idee kommt prinzipiell aus Deutschland und wir haben das für Österreich übernommen.

Es geht dabei um das politische Statement, dass man mit Flüchtlingen anders umgehen soll. Wir wollen eine neue Willkommenskultur schaffen und das tun wir, indem wir Flüchtlingen ein WG-Zimmer vermitteln. So kommen sie auch in Kontakt mit der hier lebenden Gesellschaft, was ja oft schwierig ist.

Dabei melden sich WGs bei uns, die ein Zimmer frei haben und wir klären dann zunächst die Frage der Finanzierung. Wenn das erledigt ist, kontaktieren wir NGOs und versuchen so einen passenden Mitbewohner oder Mitbewohnerin zu finden. Wir stehen dabei mit zahlreichen Organisationen in Kontakt. In Wien sind das zum Beispiel das „Projekt Schule für alle“ (PROSA), wo ich selbst mitarbeite, das Integrationshaus Wien, das Don Bosco Flüchtlingsheim, die Diakonie und die Caritas. Aber auch in den anderen Bundesländern bauen wir gerade den Kontakt auf. Diese NGOs teilen uns dann mit, wenn jemand auf der Suche ist. Wir sind sozusagen die Schnittstelle und übernehmen die Vermittlerrolle.

Arbeitet ihr neben diesen NGOs auch mit Behörden, mit öffentlichen Stellen zusammen?

Bis jetzt noch nicht, aber wir arbeiten daran. Das Absurde an der Sache ist, dass der Staat mehr Geld an Flüchtlinge auszahlt, wenn sie in einer öffentlichen Unterkunft leben. Da bekommt der Betreiber der Unterkunft 19 Euro als Tagessatz pro Flüchtling, also 570 Euro im Monat. Wenn Flüchtlinge privat wohnen, bekommen sie nur 320 Euro zugesprochen.

Der Staat will also offensichtlich nicht, dass Leute, die sich im Asylverfahren befinden, privat wohnen und sich so integrieren können.
Seit Jänner läuft nun das Projekt. Wie ist die Resonanz bisher? Wie viele Menschen haben sich denn bisher gemeldet, die ein WG-Zimmer zur Verfügung stellen würden?

Bis jetzt haben wir 40 Anmeldungen aus 7 Bundesländern.

Habt ihr da auch schon eine Vermittlung durchführen können?

Die erste Vermittlung wird in den nächsten Tagen abgeschlossen sein. Das sind zwei junge Frauen aus Wien, die ein Zimmer frei hatten und dies weitergegeben haben. Die müssen sich jetzt einmal einleben und dann kann man über erste Erfahrungen sprechen.

Du hast die Finanzierung des WG-Zimmers schon angesprochen. Flüchtlinge haben in der Regel wenig Geld, wie sollen die das Zimmer bezahlen? Welche Möglichkeiten gibt es da?

Zum einen gibt es die Möglichkeit des Crowdfunding oder ansonsten geht es auch über den Freundes- oder und Bekanntenkreis. Bei der ersten WG hat das jetzt auch über diesen Weg geklappt. Es kommt auch darauf an, welchen rechtlichen Status die Flüchtlinge haben. Wenn man anerkannter Flüchtling oder subsidiär Schutzberechtigter ist, dann bekommt man die Mindestsicherung und hat die Möglichkeit, sich ein WG-Zimmer zu leisten. Für die Miete haben die Leute dabei 300 Euro zur Verfügung.

Wenn man im Asylverfahren ist, haben die Leute aber nur 120 Euro für die Miete übrig. Damit kann man sich keine private Unterkunft leisten und deswegen braucht es externe Finanzierung.
Wie finanziert ihr euch als Projekt? Bekommt ihr Spenden, Förderungen oder macht ihr das alles ehrenamtlich?

Bis jetzt machen wir es ehrenamtlich. Es stellt sich aber natürlich die Frage, wie lange wir das ehrenamtlich machen können. Deshalb bemühen wir uns auch um Förderungen und denken auch an die Möglichkeit des Crowdfunding. Dann kann man das Ganze einfach noch professioneller machen.

Auf eurer Homepage ruft ihr auch dazu auf, illegal in Österreich lebende Menschen in den WGs aufzunehmen. Das ist rechtlich wohl nicht ganz unbedenklich?

Illegale Flüchtlinge leben sowieso „illegal“ in Österreich. Es macht also keinen Unterschied, ob sie illegal auf der Straße oder in einer WG wohnen. Bei AsylwerberInnen ist es oft so, dass sie ein Privatbegehren beim Land stellen müssen, wenn sie privat wohnen wollen. Zwei Wochen bevor man in der öffentlichen Stelle auszieht, kann man diesen Antrag stellen. Dieser wir derzeit eigentlich immer positiv bewertet, weil für die AsylwerberInnen ohnehin zu wenig Platz da ist.

Habt ihr auch eine Hoffnung, dass euer Tun etwas in der österreichischen Asylpolitik verändern kann? Was würdet ihr euch hier von der Politik wünschen?

Es wäre sehr wichtig, dass man es den Leuten erleichtert privat zu wohnen. Das ist sicher sehr ausschlaggebend. Warum Leute in öffentlichen Unterkünften 250 Euro mehr bekommen, ist nicht zu erklären. Es kann ja nicht sein, dass man 250 Euro mehr ausgibt, nur weil man in einem Heim wohnt und dabei offensichtlich oft auch noch sehr schlecht untergebracht ist. Wo diese Differenz herkommt, kann ich mir also beim besten Willen nicht erklären. Da muss es ja offensichtlich ein politisches Kalkül geben, dass man Integration verhindern will.

Und dann sprechen selbst sich als links verstehende PolitikerInnen von Integrationsunwilligkeit…

Man müsste zunächst einmal klarstellen, was Integrationsunwilligkeit heißt. Integration ist immer ein zweischneidiges Schwert.

Es ist ja nicht so, dass sich auf der einen Seite die Zugewanderten nicht integrieren wollen und auf der anderen Seite die Gesellschaft total offen ist.

Vielmehr schaffen wir vor allem Asylwerbern keine gute Wohn- und Bildungssituation und dann ist Integration auch nur schwer zu schaffen.

Fazit: Was kann die Initiative in der Asylpolitik verändern?

In Österreich war die Stimmung gegenüber Flüchtlingen schon in den letzten Jahren nicht unbedingt positiv. Das zeigen nicht zuletzt die Wahlerfolge der Freiheitlichen, die eine sehr strikte Haltung in Sachen Asylpolitik vertreten. Mit den Entwicklungen rund um den Islamischen Staat hat sich die ablehnende Haltung gegenüber dem Fremden und vor allem gegenüber dem Islam aber noch verschärft. Durch Bewegungen wie Pegida wurde Feindlichkeit gegenüber Flüchtlingen massentauglich und selbst linke Kräfte schlagen rauere Töne in Sachen Asyl-und Migrationspolitik an. Zuletzt forderte der sozialdemokratische Landeshauptmann des Burgenlands beispielsweise Strafen für Integrationsunwillige. Weil immer mehr politische Kräfte also das Trennende vor das Einende stellen, braucht es Organisationen wie „Flüchtlinge Willkommen“. Sie zeigen auf, wie Asylpolitik auch funktionieren kann. Mit einer neuen Willkommenskultur wollen sie Flüchtlinge nicht an den Rand der Gesellschaft drängen, sondern sie in die Gesellschaft integrieren. Nur so können Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut und ein Miteinander ermöglicht werden.

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Der gebürtige Oberösterreicher Wolfgang Marks lebt seit nunmehr gut 10 Jahren in Wien und hat hier Politikwissenschaften und Internationale Entwicklung studiert. Schon immer sah er in einer richtig verstandenen politischen Bildungsarbeit einen wesentlichen Schlüssel zum Funktionieren einer Demokratie. Nur durch aktive Teilhabe reflektierter, kritischer Menschen kann solch eine Form des Zusammenlebens überhaupt möglich sein. Bei neuwal will er daher aufzeigen, dass jedeR Politik positiv und konstruktiv mitgestalten kann. So holt er als Ressortleiter des innowal innovative Projekte vor den Vorhang, engagiert sich beim LANGEN TAG DER POLITIK und versucht in seinen Artikeln auf oft vergessene Politikfelder wie beispielsweise die Entwicklungspolitik einzugehen.