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Mit mehr als einer Billion Euro wird der europäische Geldmarkt seit dieser Woche von der Europäischen Zentralbank unterstützt. Dazu habe ich Nikolaus Jilch, Wirtschaftsredakteur bei DiePresse.com, acht Fragen gestellt, die mir beim Verständnis des Themas weitergeholfen haben.

nikolaus.jilchNikolaus Jilch
Nikolaus Jilch (31) ist seit 2011 Wirtschaftsredakteur bei der Tageszeitung „Die Presse“ und betreibt auf DiePresse.com auch einen Blog, das „Goldjournal„.

  1. Die EZB hat ja mit mehr als einer Billion Euro den europäischen Geldmarkt “geschwemmt”. Wieso das?
  2. Welche Auswirkung hat es, wenn zusätzliches Geld in den Finanzmarkt geschickt wird? Wer profitiert davon? Wie merke ich etwas davon?
  3. Ist es tatsächlich so, dass man den Geldmarkt durch zusätzlich gedrucktes Geld steuern kann? Passiert das öfter?
  4. Was wird mit dem Geld gemacht?
  5. Was würde passieren, wenn das die EZB zu dem jetzigen Zeitpunkt nicht gemacht hätte?
  6. Das Geld dafür wurde ja “extra” gedruckt. Geht das so einfach und – wieso geht das so “einfach”?
  7. Kann dabei etwas “in die Hose” gehen oder druckt man dann einfach wieder frisches Geld?
  8. Nowotny meint, “Haben unser letztes Pulver verschossen” und, dass er lieber noch etwas gewartet hätte. Was meint er damit?

1. Die EZB hat ja mit mehr als einer Billion Euro den europäischen Geldmarkt „geschwemmt“. Wieso das?
Das ist so nicht richtig. Sie wird ab März 60 Mrd. pro Monat in den Markt pumpen, was auf rund 1,1 Billionen bis September 2016 rausläuft. Die EZB begründet die Aktion mit ihrem Mandat der “Preisstabilität” – und will die Inflationsrate in der Eurozone wieder auf knapp unter zwei Prozent heben, denn so hat sie für sich selbst “Preisstabilität” definiert. Es ist auch durchaus begrüßenswert, dass die EZB nur auf Preisstabilität achten muss und nicht etwa auf den Arbeitsmarkt wie die US-Notenbank Federal Reserve. Denn Geldpolitik kann nicht wirklich Jobs schaffen – ihre Aufgabe ist die Erhaltung der Stabilität einer Währung.

2. Welche Auswirkung hat es, wenn zusätzliches Geld in den Finanzmarkt geschickt wird? Wer profitiert davon? Wie merke ich etwas davon?
Eine Notenbank steuert die Geldmenge normalerweise über den Leitzins. Ist der hoch, wird Geld für Banken teurer und dementsprechend auch für die Kunden der Banken (bei der Kreditaufnahme). Aber die Zinsen sind jetzt schon seit Jahren super-niedrig – und trotzdem kommt die Kreditvergabe nicht in Gang. Zu groß sind die Unsicherheiten in der Wirtschaft und die Risikoscheu bei den Banken. Deswegen versucht die EZB jetzt die Banken aus dem als sicher geltenden Markt für Staatsanleihen stückweise “herauszukaufen” um sie dazu zu zwingen, doch Kredite zu vergeben und so die Wirtschaft anzukurbeln. Deswegen hat die EZB auch den “Einlagezinssatz” ins Negative Territorium bewegt, damit die Banken das Geld nicht ohne Verluste bei der Zentralbank “parken” können.

3. Ist es tatsächlich so, dass man den Geldmarkt durch zusätzlich gedrucktes Geld steuern kann? Passiert das öfter?
Die Geldmenge wird in erster Linie durch die Kreditvergabe der Banken gesteuert, die selbst Geld “aus dem Nichts” schaffen können. In Zeiten niedriger Zinsen sollten eigentlich viele Kredite vergeben werden. Weil die Erholung der Wirtschaft bisher aber blutleer ist, geschieht das nicht. Deswegen versucht die EZB durch solche großen Aktionen, die “Inflationserwartungen” der Menschen zu wecken. Wir sollen wieder konsumieren, Kredite aufnehmen und “investieren”. Nur eines sollen wir nicht: Sparen.

4. Was wird mit dem Geld gemacht?
Die Geschichte von “Quantitative Easing” zeigt meiner Meinung nach ziemlich eindeutig, dass das Geld direkt in die Kapitalmärkte (sprich Börsen) fließt und nebenbei die Finanzierung von Staaten erleichtert. Das hat einerseits Blasen an den Börsen zufolge (die bis zu ihrem Platzen als “Aufschwung” interpretiert werden können – und andererseits werden von der Politik notwendige Reformen verschleppt, weil das Geld ohnehin nicht rar ist. Der gewünschte Effekt von “QE”, nämlich die Ankurbelung der Wirtschaft, ist entweder nur vorgeschoben oder ernst gemeint – wird in keinem Fall jedoch erreicht.

5. Was würde passieren, wenn das die EZB zu dem jetzigen Zeitpunkt nicht gemacht hätte?
Der Euro hätte ein bisschen aufgewertet, das war’s dann aber auch schon.

6. Das Geld dafür wurde ja „extra“ gedruckt. Geht das so einfach und – wieso geht das so „einfach“?
Das geht super einfach. Unser Geldsystem hat heute keinen Bezug mehr zur realen Welt, es besteht nur in der virtuellen. Geld wird in dem Fall gar nicht gedruckt sondern durch den Computer geschaffen. Das macht übrigens auch die Reichen immer reicher und schadet den “kleinen Leuten”, weil die Reichen viel früher Zugang zu diesem billigen Geld haben, es ausgeben, was die Preise steigen lässt – und erst viel später werden die Gehälter der Masse erhöht. In der Zwischenzeit wird Vermögen/Kaufkraft von unten nach oben umverteilt. Die “Reichen” verstehen das auch und kaufen jede Form von Sachwert, den es gibt. Die Märkte für Kunst, Immobilien und Luxusautos boomen.

Ein schönes Beispiel war die “Bindung” des Franken an den Euro. Die Schweizerische Nationalbank hat gesagt, sie verteidigt die Kursgrenze. Um das zu tun, musste sie Unmengen an Euros aufkaufen – mit frisch “gedruckten” Franken. Diese Euros hat sie dann in Dollars gewechselt – und ist auf den Börsen auf Einkaufstour gegangen. Anders gesagt: Die SNB hat mit “Geld aus dem Nichts” Aktien von Apple und Co. gekauft, was deren Kurse verteuert hat. Das ist Inflation.

7. Kann dabei etwas „in die Hose“ gehen oder druckt man dann einfach wieder frisches Geld?
Es kann sogar extrem “in die Hose” gehen. Bricht der Euro auseinander, verschwindet auch die EU und Europa kann wieder mal von vorne anfangen. Ökonomisch reichen die Konsequenzen der Geldpolitik von einem Deflationären Kollaps bis zu einem operinflationären Kollaps (was lustigerweise im Prinzip dasselbe ist – mit einem wichtigen Unterschied. In der Deflation bricht die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen zusammen und die Nachfrage nach Cash steigt – in einer Hyperinflation ist es das genaue Gegenteil: die Nachfrage nach der Währung bricht zusammen während Güter und Dienstleistungen unendlich im Preis steigen – bis zur Währungsreform). Die Gefahr des Deflationären Kollapses stammt aber nicht von der aktuellen Geldpolitik sondern von der Wirtschaftskrise per se.

8. Nowotny meint, „Haben unser letztes Pulver verschossen“ und, dass er lieber noch etwas gewartet hätte. Was meint er damit?
Nur wenige Tage vor der Entscheidung hat Nowotny gesagt, man “dürfe nicht zu lange warten” mit der “Bekämpfung der Deflation”. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wo er wirklich steht oder was er meint.
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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.