Wozu uns die Anschläge von Paris verpflichten und warum unsere Werte nicht bloß zu bewahren sind. Ein Kommentar von Susanne Zöhrer.

Das neue Jahr begann mit einem Schock. Die brutalen Morde in der Redaktion von Charlie Hebdo sowie im koscheren Supermarkt haben uns mitten ins Mark getroffen und uns die Zerbrechlichkeit unserer westlichen Werte drastisch vor Augen geführt.

Heuchler und Apologeten

Die Wortmeldungen zum Pariser Anschlag waren zahlreich, aber die Einmütigkeit über die Grausamkeit und Brutalität dieses Verbrechens war nur von kurzer Dauer. Noch am selben Tag gab es die ersten „es ist tragisch, aber“- Artikel zu lesen, die immer wieder dasselbe Fazit zu ziehen schienen: Ja, die Morde seien durch nichts zu rechtfertigen, aber hätte man bei Charlie Hebdo nicht auch etwas moderater zeichnen können, hätte man wirklich ständig provozieren müssen, hätte…

Diese Rechtfertigungen drehen mir den Magen um und neben diversesten feigen Politikern, die die Anschläge erst recht als Grund sehen, unsere Freiheiten noch weiter einzuschränken (Stichwort mehr Überwachung), verursacht es mir Übelkeit, dass es derart viele gibt, die auch im Angesicht der Morde noch die Frechheit besitzen, ein „selber schuld“-Urteil über die Redakteure von Charlie Hebdo zu fällen.

Aufklärung und Satire

Dass die Satire eines jener Mittel war, das seit Beginn der Aufklärung als zentrales Element im Kampf gegen Rückständigkeit, Borniertheit und Dummheit funktionierte, scheinen viele vergessen zu haben. Ebenso wie die Tatsache, dass die Meinungsfreiheit, neben den anderen Freiheiten, die wir in unserer westlichen Gesellschaft errungen haben, kein statisches Gut ist, das man einmal erkämpft und für immer besitzt.

Im Gegenteil, die Werte der Aufklärung – Freiheit, Menschenrechte, Toleranz – gilt es jeden Tag, aufs Neue zu verteidigen. Das wäre einerseits die Aufgabe unserer Politiker, die aber immer öfter klein beigeben und sich im Namen des Kampfes gegen den Terror einer Beschneidung unserer Privatsphäre verschreiben, die mittlerweile so gigantische Ausmaße angenommen hat, dass sie für den Einzelnen kaum noch vorstellbar ist. Rasterfahndung, Vorratsdatenspeicherung und Co. haben uns alle längst zu gläsernen Menschen gemacht. Es genügt bereits der Anschein, um private Mitteilungen abzuschöpfen. Das Prinzip der Unschuldsvermutung wird immer mehr zu einem Prinzip der Schuldvermutung. Und allen Gegnern kommt man gerne mit dem Argument, dass wer nichts zu verbergen hätte, ohnehin ruhig schlafen könnte.

Lästig bleiben

Was bleibt, ist sich nicht stumm schalten zu lassen. Aktiv zu bleiben und zu kämpfen. Schließlich ist es mit der Aufklärung wie mit allem was uns freier, gerechter, fairer macht: Es handelt sich nicht um einen Zustand, sondern um einen Prozess, der immer wieder auf Erneuerung drängt.

Immanuel Kant meinte dazu „Sapere aude!“ – „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“. Und recht hatte er. Es erfordert Mut, nicht der Bequemlichkeit zu erliegen und sich darauf zu verlassen, dass die anderen schon aufstehen werden, wenn es wirklich ernst wird. In diesem Sinne bedarf es der permanenten Lästigkeit von uns, die wir das, was in Paris passiert ist, nicht als „selber schuld“ werten. Lästigkeit gegenüber jenen, die in unseren Parlamenten sitzen und die unsere Gesetze beschließen. Gesetze, die die Grenzen schließen, die Überwachung legalisieren und der Panikmache durch Radikale, Irre und sonstige Extremisten in die Hände spielen.

Bild: Paris, Winter 2007/2008 – flickr.com, CC

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Susanne Zöhrer

Susanne Zöhrer ist promovierte Soziologin und ist bei knallgrau für Text und digitale Strategie tätig. Derzeit ist sie in Bildungskarenz und treibt ihr Jusstudium weiter. Bei neuwal meldet Sie sich mit politischen Kommentaren zurück. Twitter Blog

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  • Paul

    Den Artikel von Fr. Susanne Zöhrer kann ich großteils unterstreichen.
    Wie ist es jedoch erst zu dieser gefährlichen Situation gekommen, dass auch jetzt sogar die Demonstranten von Pegida mit Mord bedroht werden?
    Der Islam gehört NICHT zur Geschichte Europas.
    Er wurde erst durch Zuwanderung bei uns möglich gemacht.
    Es wäre besser gewesen, wenn wir auf diese Zuwanderer besser geachtet hätten, vor allem auf deren oft mittelalterlichen Gesinnung und Kultur.
    Nur eine (nennenswerte) Partei hat vor diesen Entwicklungen gewarnt.
    Diese Warnungen wurden leider nicht ernst genommen, und die undifferenzierte Zuwanderung fortgesetzt.
    Es wurde bevorzugt, Kritiker ins rechte Eck zu stellen, und mit der Nazikeule zu bekämpfen.

  • byron sully

    @paul: der satz „Der Islam gehört NICHT zur Geschichte Europas“ ist eine glatte unwahrheit. der islam war im mittelalter jahrhundertelang teil spaniens, später jahrhundertelang teil des balkans. und spätestens seit der annexion von bosnien-herzegowina durch österreich-ungarn im jahr 1878 teil österreichs. unser ganzes heutiges zahlensystem kam durch den islam nach europa. der kaffee kam ende des 17.jahrhunderts durch das osmanische reich nach wien. und heutzutage ist das kebab eine nicht mehr wegzudenkende ergänzung der gastronomiekultur. es gibt (selbst wenn man die türkei nicht zu europa zählt) drei europäische länder mit einer muslimischen mehrheitsbevölkerung (nicht in allen drei fällen absolut, aber zumindest relativ): bosnien-herzegowina, albanien, kosovo. und muslimische einwanderung gab es in österreich bereits um 1900 herum.

    die partei, die sie meinen, hat nicht bloß vor islamistischen entwicklungen gewarnt (da wäre ja nichts dagegen zu sagen), sondern führt seit jahren eine menschenverachtende hetze gegen ALLE personen muslimischen glaubens, also auch die moderaten. und bei all meiner abneigung jörg haider gegenüber: im unterschied zu den widerlichen strache-kampagnen hat er beim thema islam durchaus differenzieren können. und PEGIDA macht das selbe. nein, bei PEGIDA geht es nicht um die ablehnung des radikalen islamismus, sondern des islam an sich. und da sich vergleiche mit der ablehnung des judentums in den 1930er jahren durchaus berechtigt. wer den islam mit dem radikalen jihadismus/salafismus gleichsetzt, ist für mich wie jemand, der das patriotische schwenken rot-weiß-roter fahnen im fußballstadion mit nationalsozialismus gleichsetzt.

    und für mittleralterliche gesinnung braucht es keinen islam – das hat grad die homophobe chefin des cafe prückel eindrucksvoll bewiesen. die taliban werden ihr für ihr verhalten großen applaus spenden. so wie generell in nicht wenigen gesellschaftspolitischen fragen v.a. ÖVP und FPÖ selber eine mittelalterliche gesinnung an den tag legen. das gesellschaftspolitische gegenmodell zum radikalen islamismus ist aus meiner sicht am ehesten eines, das den grundwerten der 68er-bewegung nahe ist. aber das wollen ÖVP und FPÖ ja auch nicht. dann haben sie aber meiner meinung nach nicht das recht, den islam als rückschrittlich zu bezeichnen. in ihrer ablehnung der gleichberechtigung von mann und frau sind sich z.b. die FPÖ und die türkische AKP ja überaus einig, genauso in ihrem wunsch nach einem autoritären staat.

    im übrigen: wieder mal dank an susanne zöhrer für einen überaus treffenden kommentar!

  • Paul

    Sie beschreiben die Angriffskriege im 7.JH, die wieder zurückgedrängt wurden.
    Weiters beschreiben sie auch die Türkenkriege, die bis an die Grenze der Türkei zurückgedrängt werden konnten.
    Alles nachlesbar auf Wikipedia:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Islam_in_Europa#Die_Ausbreitung_des_Islam_in_Europa

    Daraus abzuleiten, dass der Islam zu Europa gehöre ist zumindest gewagt.
    Natürlich hätte ich den Satz auch etwas präziser formulieren können.

    Und wo bitte lehnen ÖVP und FPÖ die Gleichberechtigung von Mann und Frau ab?
    Solche Behauptungen sind wirklich eine „glatte Unwahrheit“!

    Wenn sie aus ideologischen Gründen nicht auf die vernünftigen Warnungen der FPÖ vor dem (radikalen) Islam hören wollen, dann sollten sie wenigstens auf die Warnungen von Kritikern mit islamischen Wurzeln hören.
    Davon gibt es viele, hier ein Beispiel:
    http://diepresse.com/home/panorama/welt/3880377/Islamkritiker_Die-Krankheit-ist-im-Herzen-des-Islam-verankert
    Ein weiteres Beispiel wäre der Buchautor Akif Pirincci.
    Aber auch bei den Grünen gibt es einen Islamkritiker mit türkischen Wurzeln:
    http://efganidoenmez.at/tag/politischer-islam/

    Mit freundlichen Grüßen,
    Paul

  • Paul

    Mein Kommentar (19.01.) wartet auf Freischaltung …
    Bin ja gespannt wie lange das noch dauert!

  • Paul

    @byron sully

    Wo bitte lehnen ÖVP und FPÖ die Gleichberechtigung von Mann und Frau ab?
    Solche Behauptungen sind wirklich eine “glatte Unwahrheit”!
    Und woran sehen sie den Wunsch nach einem autoritären Staat???

    Wenn sie aus ideologischen Gründen nicht auf die vernünftigen Warnungen der FPÖ vor dem (radikalen) Islam hören wollen, dann sollten sie wenigstens auf die Warnungen von Kritikern mit islamischen Wurzeln hören.
    Davon gibt es viele, hier ein Beispiel:
    http://diepresse.com/home/panorama/welt/3880377/Islamkritiker_Die-Krankheit-ist-im-Herzen-des-Islam-verankert
    Ein weiteres Beispiel wäre der Buchautor Akif Pirincci.
    Aber auch bei den Grünen gibt es einen Islamkritiker mit türkischen Wurzeln:
    http://efganidoenmez.at/tag/politischer-islam/

    Mit freundlichen Grüßen,
    Paul

  • Paul

    @byron sully

    Wo bitte lehnen ÖVP und FPÖ die Gleichberechtigung von Mann und Frau ab?
    Solche Behauptungen sind wirklich eine “glatte Unwahrheit”!
    Und woran sehen sie den Wunsch nach einem autoritären Staat???

    Wenn sie aus ideologischen Gründen nicht auf die vernünftigen Warnungen der FPÖ vor dem Islamismus hören wollen, dann sollten sie wenigstens auf die Warnungen von Kritikern mit islamischen Wurzeln hören.
    Davon gibt es viele, hier ein Beispiel:
    http://diepresse.com/home/panorama/welt/3880377/Islamkritiker_Die-Krankheit-ist-im-Herzen-des-Islam-verankert
    Ein weiteres Beispiel wäre der Buchautor Akif Pirincci.
    Aber auch bei den Grünen gibt es einen Islamkritiker mit türkischen Wurzeln:
    http://efganidoenmez.at/tag/politischer-islam/

    Mit freundlichen Grüßen,
    Paul