Sie nennen sich Bundesbrüder, andere nennen sie Neonazis. Sie sehen sich als Verein zur Pflege studentischer Traditionen, andere sehen sie als Verbreitungsmaschinerie nationalsozialistischen Gedankenguts. Am 10. Januar 2015 beginnt in Linz die Saison der umstrittenen Burschenbundbälle. Das Bündnis Linz gegen Rechts ruft daher zu „einer breiten, antifaschistischen Demonstration“ gegen die Veranstaltung auf. Im Vorfeld des Burschenbundballs begab sich neuwal-Redakteur Jürgen Klatzer ins Bajuvarenhaus der Linzer Burschenschaft Bajuvaria. Füchse und Burschen waren nicht anwesend, dafür drei Alte Herren.

Interviewpartner
Hannes Schneiderbauer ist 34 Jahre und als Versicherungskaufmann in Linz tätig. Bei der Burschenschaft Bajuvaria Linz ist er seit 1997 Mitglied.
Walther Hiebl ist 74 Jahre und Pensionist. Seit 1956 ist Hiebl Mitglied bei der Burschenschaft Bajuvaria Linz und fungiert auch als dessen Obmann.
Gerald Zauner ist 53 Jahre und als Rechtsanwalt in Linz tätig. Mit 16 Jahren trat Zauner 1977 zur Burschenschaft Bajuvaria Linz bei.

Jürgen Klatzer (neuwal.com): Wir befinden uns heute im Bajuvarenhaus und mir gegenüber sitzen drei Mitglieder der Burschenschaft Bajuvaria. Können sie sich bitte kurz vorstellen.

Walter Hiebl: Mein Name ist Walther Hiebl. Ich bin 74 Jahre alt, aufgrund meines Alters klarerweise Pensionist, habe drei Kinder, zehn Enkelkinder und demnächst ein Urenkelkind. Ich bin noch immer sportlich unterwegs. Ich klettere, ich laufe, ich turne. Ein anderes Hobby von mir ist das Singen. Ich bin bei drei Chören als Sänger tätig. Ja und die Bajuvaren natürlich, deren Obmann ich bin.

Gerald Zauner: Mein Name ist Gerald Zauner. Ich bin im Jahr 1977 im zarten Alter von 16 Jahren durch freundschaftliche Kontakte zur Verbindung gekommen. Rückblickend bin ich sehr froh, dass ich damals beigetreten bin, weil es eine sehr schöne Freundschaftsrunde ist und ich von mir sagen kann, ich habe bei der Verbindung die besten Freunde. Bin selber 53 Jahre alt, vom Beruf Rechtsanwalt, habe zwei körperlich erwachsene Söhne, einen Enkel und verbringe einen erheblichen Teil meiner Freizeit gerne im Kreise meiner Bundesbrüder.

Hannes Schneiderbauer: Mein Name ist Hannes Schneiderbauer. Ich bin 34 und Versicherungskaufmann in Linz. Seit 1997 bin ich Mitglied der Bajuvaren und bis heute gerne dabei.

Könnten sie mir kurz erklären, was die Bajuvaria Linz eigentlich ist?

Walther Hiebl: Die Bajuvaria ist eine Studentenverbindung. Das ist eine Gemeinschaft von Mittelschülern, die aber einen Lebensbund schließen, einen Lebensfreundschaftsbund schließen, der eigentlich für das ganze Leben halten soll. Das ist ähnlich wie in der Ehe, das Lebenslänglich funktioniert nicht immer, aber es ist jedenfalls angestrebt. Ich bin 1956 beigetreten und damals 16 Jahre alt gewesen und was mich fasziniert hat, war das Prinzip des Freidenkens, das hier geherrscht hat. Ich war vorher bei einigen anderen Jugendorganisationen.

Ich war kurz bei der Kommunistischen Jugend, bei den Roten Falken, ich war bei den Pfadfindern, ich war bei der Evangelischen Jugend. Ich kenne demnach alles von innen und nicht nur von außen. Und dort hat mich immer gestört, dass es gewisse Dogmen und Vorschriften gegeben hat, was man zu glauben und zu denken hat und das war mir unsympathisch. Dann habe ich die Bajuvaria kennengelernt und diese Denkfreiheit, die da geherrscht hat, war für mich ein Schlüsselerlebnis. Es war eine Diskussionskultur, es wurde hart diskutiert, aber immer offen. Und natürlich kommt dazu das Sportliche.

Ich war schon immer sportlich. Ich bin geklettert, berggestiegen und das Fechten war für mich ein Erlebnis. Auch dieser Zweikampf, sich zu messen, was ja in der Jugend eigentlich natürlich ist, das hat mich sehr fasziniert.

Bevor wir jedoch zum Thema Fechten kommen, hätte ich eine Frage zum erwähnten Freidenken, denn es gibt ja trotzdem gewisse Regeln und Organisationsstrukturen. Wie sehen diese genau aus?

Gerald Zauner: Wir sind ein Verein. Sind als solcher natürlich so organisiert wie andere Vereine. Es gibt einen Obmann, einen Vorstand und Funktionäre, Amtswalter, die den Verein nach außen hin vertreten und eine Jahreshauptversammlung, wie es eben üblich oder gesetzlich vorgeschrieben ist. Die Mitglieder, die zu uns kommen oder die wir uns aussuchen, müssen Mittelschüler sein, ab der Oberstufe. Das kann sowohl eine berufsbildende als auch eine allgemeinbildende höhere Schule sein; aber immer mit dem Ziel Matura.

Wenn es heute in Kombination mit einer Lehre ist, ist es auch möglich. Aber das Ziel Matura ist, neben der Tatsache, dass wir nur Burschen aufnehmen, wiewohl Mädels und Frauen in unserem Vereinsleben stark integriert sind, also bei den meisten Veranstaltungen dabei sind, eine unser wesentlichen Zugangsvoraussetzungen. Freidenken, weil sie es angesprochen haben. Bei uns kann jeder seine Meinung äußern. Die beratenden Gremien heißen Konvente, aus dem Lateinischen.

Dort wird diskutiert, gesprochen und auch beschlossen und ab einer gewissen Phase hat der junge Beigetretene dasselbe Recht zu sprechen, seine Meinung zu äußern und abzustimmen wie der Alte Herr und der Pensionist. Also hier wird kein Unterschied gemacht. Jeder kann seine Meinung äußern., Wie es in solch einer Vereinigung der Fall ist, haben wir natürlich auch unterschiedliche Meinungen. Es wird oft kontroversiell diskutiert, aber wir halten es also mit dem bekannten Lied ‚Die Gedanken sind frei‘ [Anm.: Deutsches Volkslied aus dem späten 18. Jahrhundert].

Auf ihrer Homepage habe ich drei wesentliche Schlagwörter entdeckt: Ehre – Freiheit – Vaterland. Was hat es damit auf sich?

Gerald Zauner: Die Ehre steht für uns als Obergriff für Schlagwörter wie Paktfähigkeit, zum Wort stehen, Verlässlichkeit, Geradlinigkeit, keine krummen Dinge machen, Handschlagqualität. Es sind alles Werte, die unserer Meinung nach wichtig sind, auch für einen beruflichen Erfolg, nicht nur im privaten Leben. Die Freiheit ist die Fähigkeit ohne Zwang zwischen den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auswählen und sich dann frei entscheiden zu können. Und diese Freiheit ist für uns auch ein ganz wichtiges Gut und ist unserer Meinung nach, wiewohl sich die EU [Anm.: Europäische Union] mit den Grundfreiheiten den Begriff der Freiheit auf die Fahnen geheftet hat, in großer Gefahr. Vor allem durch die Reglementierungswut und durch die Einschränkungen, die wir heute durch die EU erleben.

Wir fordern die Freiheit in allen möglichen Facetten: Das ist natürlich die Berufsausübungsfreiheit, die Gedankenfreiheit, die Meinungsfreiheit, die Versammlungsfreiheit, die ja unter der Federführung der Burschenschaften im Jahr 1848 [Anm.: Revolution 1848/49; gegen den Absolutismus in Europa; Forderung nach Freiheitsrechten und nationale Einheit Deutschlands] erkämpft wurden. Da haben unsere Vorfahren einen ganz wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass die Freiheit heute in verschiedensten Formen, wie wir sie erleben können, den Staatsbürgern zur Verfügung steht. Mit Vaterland bezeichne ich oder bezeichnen wir jenes Land, aus dem man selbst oder die Vorfahren stammen, in dem man sich verwurzelt fühlt, wo man verwandtschaftliche und emotionale Bindungen hat.

Das ist für jeden ein bisschen etwas anderes. Für uns ist es eben Österreich. Hier sind wir geboren, hier haben wir unsere Freunde, unsere Bekannten, unsere Verbindungen.

Wir verstehen uns aber trotzdem, obwohl wir Österreich als unsere Heimat, als unser Vaterland sehen, als Teil der großen deutschen Kultur und Wertegemeinschaft.
Müssen Schüler demnach Österreicher sein, damit sie zur Bajuvaria kommen dürfen?

Gerald Zauner: Nein, die Staatsbürgerschaft ist keine Voraussetzung. Wir sind auch konfessionell ungebunden. Es ist weder die Zugehörigkeit zu einer gewissen Konfession eine Voraussetzung noch ein Ausschließungsgrund. Wir interessieren uns für die religiöse Ausrichtung unserer Mitglieder nicht. Ob jemand religiös orientiert ist, einmal in der Woche oder gar nicht in die Kirche geht, ist für uns nicht wesentlich. Wenngleich ich schon sagen muss, dass für uns die Kirche irgendwie ein Eckpfeilder der abendländischen Kultur ist, sozusagen als Bollwerk gegen die Gefahr des Islamismus. Grundsätzlich sind wir konfessionell ungebunden und ganz neutral, wie wir auch parteipolitisch neutral sind. Wir sind keine parteipolitische Organisation, keine Vorfeldorganisation irgendeiner politischen Partei [Anm.: Natürlich steht es jedem frei sich parteipolitisch zu engagieren (off the records)].

Dennoch werden Burschenschaften mit der rechten Gesinnung in Verbindung gebracht.

Gerald Zauner: Die Gesinnung ist, würde ich sagen, wertkonservativ-nationalliberal. Wobei den Begriff der Gesinnung kann man ja nicht mit einem Verein in Verbindung bringen. Gesinnung hat ja immer etwas mit einer Person zu tun. Die Leute haben wahrscheinlich unterschiedliche Gesinnungen. Bei uns finden Sie, wie auch in anderen Vereinigungen, eine Bandbreite von Gesinnungen und Einstellungen zu verschiedensten Problemen. Das ist für uns auch Ausdruck unserer Gedankenfreiheit.

Die Einteilung links und rechts ist insofern problematisch, weil es in beiden Bereichen Inhalte gibt, die sich überschneiden. Und irgendein gescheiter Mensch hat einmal gesagt, wenn man lange genug nach links geht, kommt man rechts heraus. Und das hat schon einen Wahrheitsgehalt.

Walther Hiebl: Was wir ablehnen, ist alles was extrem ist, ob links oder rechts, oder sonst wie, oder religiös. Wir sind der Meinung man kann über alles reden, man soll auch über alles reden, man soll diskutieren, man soll Meinungen austauschen, auch gegensätzliche. Denn nur in der Auseinandersetzung mit gegensätzlichen Meinungen kommt man selber mit seinen Erkenntnissen weiter. Das pflegen und schätzen wir sehr.

Warum sollen Jugendliche ihrem Verein beitreten?

Hannes Schneiderbauer: Ich glaube, dass viele Mittelschulverbindungen Werte und Inhalte vermitteln können wie wir. Ein Grund ist wahrscheinlich die örtliche Gegebenheit Linz. Es werden vermutlich nur Linzer Schüler bei uns aktiv. Und jeder Schüler soll zu einer Mittelschulverbindung gehen, wenn er darauf Wert legt, in jungen Jahren Verantwortung zu übernehmen, mit Rechten und Pflichten lernt umzugehen. Das Vereinsleben ist eine spielerische Vorstufe des öffentlichen Lebens und wenn er Freunde treffen will, wenn er Unterstützung für die Schule haben will, wenn er eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung haben will, von Sport bis Kultur, aber halt auch Traditionspflege – bezüglich der Frage zur Staatsbürgerschaft.

Also jeder, der die studentische Tradition pflegen [Anm.: Die Bajuvaria bekennt sich zur Tradition der Urburschenschaft in Jena, 1814] kann, kann bei uns Mitglied werden. Aber es wird jetzt zum Beispiel kein Schwede bei uns Mitglied werden, weil er hier nicht in die Schule gehen und keine Anknüpfungspunkte haben wird, auch nicht zur gemeinsamen Geschichte. Vermutlich werden es im Ergebnis überwiegend Österreicher sein, aber es ist kein Ausschließungsgrund. Und wenn der Jugendliche das alles machen will, soll er zu uns kommen. Wir kümmern uns um ihn und helfen ihm.

Das klingt alles ziemlich offen. Trotzdem wird es gewisse Richtlinien geben, an die sich Mitglieder halten sollen, oder?

Gerald Zauner: Wir haben neben unsere Satzung auch eine sogenannte Couleur-Ordnung, wo unser Vereinsleben reglementiert und geordnet wird. Für die internen Abläufe sind in der Ordnung Rechte und Pflichten der unterschiedlichsten Mitglieder normiert. Die Jungen, die zu uns kommen, werden einerseits gefördert, lernen Sachen, auf die in der Schule vielleicht zu wenig Wert gelegt wird, wie etwa das Lernen der freien Rede. Sie müssen aber auch Funktionen und Verantwortung übernehmen. Es ist für uns wichtig, dass sie es für das spätere Leben erlernen.

Es gibt bei uns verschiedene Ämter und Stufen, die die Jungen durchmachen. Es gibt auch Prüfungen, die sie machen müssen. Der junge Beitretende ist bei uns der Fuchs. Nach einer gewissen Zeit wird er zum sogenannten Brandfuchs. Und wenn er die Prüfung gemacht und zumindest eine Mensur gefochten hat, kann er Bursch werden und später wird er dann inaktiv [Anm.: Wenn das Mitglied studiert] oder Alter Herr [Anm.: Wenn das Mitglied ins Berufsleben einsteigt]. Es gibt schon ein Regelwerk, welches unser internes Zusammenleben ordnet.

Walther Hiebl: Ab Burschen ist man gleichberechtigt.

Und vorher?

Walther Hiebl: Vorher hat man eingeschränkte Rechte, weil man eben Prüfungen machen muss. Man könnte es mit dem Lenken eines Fahrzeuges vergleichen. Ich muss zunächst eine Prüfung machen und wenn ich diese bestanden habe, kann ich das Auto lenken. Es müssen gewisse Prüfungen gemacht werden. Zuerst die Branderprüfung, um Brandfuchs zu werden, und dann die Burschenprüfung, um Bursche zu werden. Erst dann ist man gleichberechtigtes Mitglied.

Gerald Zauner: Die eingeschränkten Rechte müssen Sie sich so vorstellen, dass zum Beispiel auf unseren Konventen, also den beschlussfassenden Gremien, ein junger Fuchs noch keinen Sitz und keine Stimme hat- Erst als Brandfuchs oder Bursch wurde eine Gleichberechtigung vollzogen. Er muss erst in den Betrieb hineinwachsen und alles kennenlernen.

Er kann sich auch einen sogenannten Leibbursch aussuchen. Das ist ein Verbindungsmitglied, aktiv oder alter Herr, der den Betrieb bereits kennt und dem Fuchs dabei hilft, in den Bund hineinzuwachsen. Man sucht sich natürlich immer jemanden aus, mit dem man auch eine gewisse freundschaftliche Verbindung hat. Die Freundschaft wird bei uns schon sehr groß geschrieben. Wir sind ein Lebensbund, wo wir in freundschaftlicher Verbindung ein Leben lang zueinanderstehen und uns auch gegenseitig unterstützen.

Hannes Schneiderbauer: Vielleicht noch kurz zur Erklärung: Es geht relativ schnell. Ein Fuchs kann bereits nach einem Semester Brandfuchs werden und nach einem weiteren Semester bereits Bursche sein. Üblicherweise, wenn er mit 15 Jahren zu uns kommt, ist er mit 16 vollwertiges und vollhandlungsfähiges Mitglied. Es ist eben eine Art Probezeit, damit man nicht am Anfang alle Rechte hat. Weil wir vorher vom Autofahren gesprochen haben, es ist wie der L17, die ersten 3.000 Kilometer muss ich eben mit dem Papa fahren und dann irgendwann darf ich alleine fahren.

Es ist keine klassische Hierarchie in Form von er darf jetzt etwas nicht und wird unterdrückt [Anm.: Ein Fuchs hat kein Stimmrecht und keinen Sitz bei den beschlussfassenden Gremien]. Er benötigt aber eine Vorlaufzeit und erst dann ist er vollwertiges Mitglied. Wir legen Wert auf das. Denn der Normalbetrieb unseres Vereinslebens wird von den Jungen gestaltet und ausgeführt.

Also auch hier, Selbstständigkeit. Selbst versuchen und sich selber bewähren. Das ist ganz was Wichtiges.

Gerald Zauner: Was bei uns auch eine große Rolle spielt und worauf wir Wert legen, ist das gute Benehmen, das wir versuchen den Jungen anzuerziehen, soweit sie es nicht bereits vom Elternhaus mitbekommen haben. Es beginnt bei der Kleidung, insbesondere dann, wenn wir in Farben auftreten. Sie sehen, wir tragen Kappe und Band. Das wird Ihnen bei Burschenschaften wahrscheinlich bekannt gewesen sein.

Wenn wir in der Öffentlichkeit oder auch im Haus in Farben auftreten, gibt es bei uns immer eine sogenannte couleurfähige Kleidung, das ist ein gewisser Mindeststandard. Aber auch sonst lernen die Jungen bei uns Umgangsformen, wie man sich anderen Menschen gegenüber höflich, geziemend benimmt, insbesondere älteren Personen oder auch den Frauen gegenüber; dass man zum Beispiel aufsteht, wenn man einer Dame die Hand gibt. Dass man diszipliniert ist, auch wenn man Alkohol zu sich nimmt. Bei uns wird gelegentlich Bier getrunken. Dass die Jungen aber auch hier eine gewisse Disziplin lernen. Wir möchten ihnen das mitgeben, weil es unserer Meinung nach, heute leider zu wenig vermittelt wird.

Was mich nun interessiert, welche Prüfungen müssen absolviert werden, um vom Fuchs zum Burschen aufzusteigen?

Hannes Schneiderbauer: Die Prüfung ist in erster Linie theoretischer Natur. Wir vermitteln unseren jungen Mitgliedern geschichtliches Wissen über unseren Verein aber auch über die Entwicklung der studentischen Bewegungen und der Burschenschaften. Beispielsweise auch gewisse theoretische Sachen in unserem Vereinsregelwerk: Wie haben sie sich zu benehmen? Welche Pflichten und Rechte haben sie? Üblicherweise dauert die Prüfung eine Stunde, aber die Jungen werden begleitet und darauf vorbereitet.

Es ist nicht so, er kommt nach einem Semester und sagt Ich möchte geprüft werden und wird von einer Mauer empfangen und muss da durch. Sondern es wird ihnen regelmäßig, in wöchentlichen Stunden, das Wichtigste beigebracht, sie werden informiert, es wird gelehrt, gemeinsam diskutiert, besprochen und anschließend wird es überprüft. Und durch diese erste Prüfung wird der Fuchs zum Brandfuchs.

Dann gibt es zwei weitere Regeln, damit man Bursch werden kann: Man muss bei einer Veranstaltung pro Semester eine Rede halten. Das ist etwas, das wenige wirklich können. Sie müssen sich erstens mit einem Thema wirklich auseinandersetzen, wo sie sagen Hey, da hab ich eine Meinung und das interessiert mich oder ich recherchiere und bringe Fakten auf den Tisch. Und zweitens den Mut haben, sich hinzustellen und vor bis zu vierzig Leuten die eigene Meinung zu präsentieren.

Um Bursch zu werden, nachdem wir auch Fechten, ist eine Voraussetzung die Mensur, wobei das Ergebnis irrelevant ist. Wir erwarten nicht den sportlichen Erfolg, sondern wir erwarten nur, dass er es macht. Und wenn er diese drei Sachen erledigt hat, ist er Bursch.

Walther Hiebl: Ganz wichtig sind mir die Fächer Staatsbürgerkunde und Europarecht, die auch gelehrt und geprüft werden. Also nicht nur unsere internen, traditionellen Regeln, sondern wir legen auch sehr großen Wert darauf, dass sich die Jungen einmal mit dem Weltgeschehen auseinandersetzen. Was passiert in der Politik? Was geschieht denn da? Wie bewertet man denn das? Und dann auch im größeren Rahmen, in Europa.

Nochmals zur freien Rede. Ist es egal, welches Thema das Mitglied präsentiert und welche Meinung er dabei vertritt?

Hannes Schneiderbauer: Es ist ganz egal. Das Thema kann frei gewählt werden. Das Ganze hat eher einen spielerischen Gedanken. Es ist bei vielen so, dass die erste Rede für die Zuhörer gar nicht attraktiv ist. Aber dafür sind auch der Verein und die Bundesbrüder da, damit er das erlernt.

Gerald Zauner: Wichtig ist, dass er seine Meinung vertritt.

Hannes Schneiderbauer: Genau. Wichtig ist, dass er seine Meinung vertritt. Und auch das Reden lernt.

Sie haben es bereits angesprochen, der Fechtsport ist ein wichtiges Thema in der Burschenschaft. Können sie uns etwas davon erzählen?

Hannes Schneiderbauer: Wir fechten deswegen, weil es Tradition ist. Wie Sie sicherlich wissen, waren die Studenten immer schon berechtigt Waffen zu tragen und daraus hat sich auch das studentische Fechten entwickelt. Nur das Recht zu haben, Waffen zu tragen, ist natürlich zu wenig. Man muss es auch üben, können und beherrschen.

Und dazumal war es eben der Säbel und mit dem fechten wir bis heute. Der sportliche Wettkampf ist für jeden jungen Burschen gut. Jeder sucht seine Grenzen, sucht Dinge, die er kann und die er vielleicht noch nicht kann. Und so versuchen wir, dass unsere Mitglieder lernen, dass sie mit der Waffe umgehen können, dass sie soweit wie möglich verletzungsfrei und genauso diszipliniert und nach strengen Regeln das auch abwickeln. Bewegung und Sport schadet keinem. Ganz im Gegenteil, es fördert die eigene Entwicklung.

Gerald Zauner: Die Mensur selber ist, wie wir oben besprochen haben, ein streng reglementierter Vorgang. Es ist vergleichbar mit einem Boxkampf, wo es einen Ablauf dergestalt gibt, dass verschiedene zeitliche Einheiten gefochten werden und dann Pause ist. Auch bei diesem sportlichen Messen der beiden Paukanten [Anm.: Fechter] ist Disziplin gefragt, nicht nur was die Hiebe anlangt, die gefochten werden müssen oder dürfen, sondern überhaupt die gesamte Stellung auf der Mensur. Das Ziel ist, die Mensur diszipliniert durch Beenden durchzustehen. Und die Bundesbrüder sind anwesend und stehen dem Paukanten durch ihre Anwesenheit bei und bringen auch die Verbundenheit zum Ausdruck. Nachdem wir auf den Oberkörper mit stumpfen Klingen fechten, entstehen dort kaum blutende Wunden.

Was bedeutet kaum? Es kann vorkommen?

Gerald Zauner: Es kann einmal passieren, ja.

Vor kurzem las ich, dass der sogenannte Schmiss [Anm.: Beim Fechten zugezogene Schnittverletzung; hauptsächlich im Gesicht] ein Erkennungsmerkmal der Burschenschaften war. Ist eine Narbe heute noch angesehen?

Walther Hiebl: Das gibt es bei uns nicht.

Gerald Zauner: Wir sind eine Mittelschulverbindung. Es gibt neben Mittelschulverbindungen auch Hochschulverbindungen. Der Unterschied liegt darin, dass bei uns die Mitglieder Mittelschüler in der Oberstufe sind, in der Hochschulverbindung Absolventen einer Hochschule oder einer Universität [Anm.: Auch Studierende]. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Und in Oberösterreich ist es so, dass die Mittelschulverbindungen auf eine Art und Weise fechten: nur auf dem Oberkörper mit stumpfen Klingen [Anm.: Linzer Pauk- und Ehrenordnung LPO 2071 (1958)].

Daher ist es bei uns schon einmal technisch gar nicht möglich, dass man einen Schmiss im Gesicht bekommt. Das was Sie ansprechen, kann am Hochschulboden passieren, die eine andere Fechttechnik haben, nämlich mit geschliffenen Klingen auf den ungeschützten Kopf. Das kann bei uns nicht vorkommen, weil wir eben eine andere Fechttechnik haben.

Walther Hiebl: Die Mensur war für mich, wie ich noch jung war, eine im Nachhinein als positiv empfundene Probe meiner Angstüberwindung. Ich hatte vor der ersten Mensur wirklich Angst gehabt. Bisher war man immer geschützt und jetzt muss ich einmal hingehen und bin ungeschützt. Wie wird das werden? Mut heißt ja nicht, keine Angst zu haben, sondern Mut bedeutet, Angst zu haben und es trotzdem zu tun. Und insofern war es für mich ganz wichtig, einen Mut zu entwickeln. Es hat mir sehr viel gegeben. Ich habe insgesamt drei Mensuren in meinem aktiven Leben gefochten und bin sehr froh, dass ich es getan habe. Es hat mir sehr viel geholfen, weil ich mir später gedacht habe, das habe ich durchgestanden und deswegen werde ich das auch durchstehen.

Hannes Schneiderbauer: Vielleicht für Sie und die Leser noch zur Erklärung: Diese eine Mensur, die man bei uns fechten muss, heißt nicht, dass das junge Mitglied auf sich alleine gestellt ist und wir sagen: Viel Spaß und viel Erfolg, hoffentlich geht’s gut. Sondern er wird erstens vorbereitet und zweitens tragen wir die Verantwortung für unsere jungen Aktiven [Anm.: Mittelschüler in der Verbindung].

Das heißt, wenn ich einen Aktiven habe, der vielleicht nicht ganz so geschickt ist, benötigt er vielleicht ein wenig länger bis wir sagen, er ist soweit, dass er fechten kann. Und umgekehrt muss auch ein möglicher Gegenpaukant aus einem anderen Bund passen. Wir sprechen uns mit dem anderen Bund ab und suchen zwei, die ungefähr die gleiche Statur und gleiche Größe haben. Wenn der gegnerische Bund sagt: Das ist ein super Fechter, dann sag ich schon, dass unserer nicht besonders gut passen wird. Wir haben schon eine Verantwortung und gehen auch bewusst damit um, dass wir halbwegs zwei gleiche Aktiven gegeneinander fechten lässt.

Das ist der eine Punkt. Der zweite Punkt, wie sie bereits gehört haben, die meisten fechten mehr Mensuren. Einfach deswegen, weil es den jungen Burschen einfach Spaß macht. Es wird ein Bekannter, ein Freund aus einer anderen Verbindung gefragt: Du möchten wir einmal miteinander fechten? Es gibt keinen Druck, der auf Seiten des Vereins ausgeübt wird, sondern die jungen Aktiven, wenn sie dementsprechend vorbereitet sind und auch dementsprechend trainiert haben, wollen sich messen.

Ist es für sie nicht bedenklich, wenn 15- bis 16-Jährige bei einer Mensur, auch wenn es stumpfe Säbel sind, teilnehmen?

Hannes Schneiderbauer: Überhaupt nicht.

Walther Hiebl: Wenn sie ordentlich vorbereitet sind, nein. Es ist auch noch nie etwas passiert. Also Verletzungen wie sie beim Fußball und Skifahren gang und gäbe sind, gibt es bei uns gar nicht. Das Äußerste ist eine Hautabschürfung, die man davontragen kann.

Gerald Zauner: Im Übrigen wäre auch vorgesorgt. Für den Fall, dass doch eine ärztliche Versorgung notwendig sein sollte, sind bei Mensuren Ärzte entweder anwesend oder kurzfristig in Rufbereitschaft. Aber soweit ich mich an meine langjährige Aktivzeit erinnern kann, war das bei der Mittelschule kaum der Fall.

Walther Hiebl: Ich weiß allerdings schon einen Fall. Es war einmal ein Aktiver, der unvorbereitet zu einer Mensur gegangen ist – das war jedoch in den Fünfzigerjahren. Er hatte eine Wunde davongetragen, die eigentlich genäht hätte werden sollen. Das hat er aber abgelehnt und ist dann klettern gegangen. Dann hat sich die Wunde natürlich noch weiter auseinandergezogen und übrig blieb eine fürchterliche Narbe am Bauch.

Das gibt es aber heutzutage nicht mehr. Wie gesagt, wir haben uns hoffentlich in diesen 120 Jahren, die wir bereits hinter uns haben, weiterentwickelt. Es hat sich manches, das nicht so zweckmäßig war, ins Positive verändert.

Hannes Schneiderbauer: Weil Sie vorher nochmals wegen der Verletzungsgefahr oder wegen einer echten Wunde oder der Verantwortung gegenüber Minderjährigen nachgefragt haben.

Sehen Sie es wie mit einem Brotmesser. 30 Mal schneidet man sich eine Scheibe Brot herunter und es passiert nichts. Und einmal rutscht man ab und schneidet sich in die Fingerkuppen. Ähnlich ist es beim Fechten.

Hannes Schneiderbauer: Unter Umständen kann natürlich etwas passieren, wenn man gerade ungeschickt ist oder nicht aufpasst. Aber es ist genauso wie über die Stiege hinunterfallen oder sonst stürzen. Grundsätzlich passiert nichts, die Leute sind dementsprechend geschützt und vorbereitet und ausgebildet. Wenn Horrorbilder durch das Internet kursieren, dann ist es eben einer, der sich zufälligerweise mit dem Messer in die Fingerkuppe geschnitten hat.

Walther Hiebl: Es wäre so, wenn man sagen würde, ich lasse einen Menschen, der eine Woche einen Schikurs gemacht hat, die Hahnenkammabfahrt fahren. Er ist tot. Klarerweise. Und so ist es auch hier. Vielleicht zur Erklärung, fechten heißt bei uns pauken, der Fechter ist der Paukant und der Fechtwart ist der Paukwart, der das Pauken betreut und das Training leitet. Und wenn dieser Paukwart der Meinung ist, das Mitglied ist reif für eine Mensur, dann findet sie statt und sonst nicht. Wir lassen keinen einwöchigen Schikursteilnehmer über die Hahnenkammabfahrt runter. Das mit Sicherheit nicht.

Zu einem anderen Thema: Anfang Jänner findet in Linz der alljährliche Burschenbundball statt [Anm.: 10. Jänner 2015]. Wie wird die Bajuvaria dort vertreten sein?

Gerald Zauner: Die Bajuvaria ist dort immer vertreten. Einerseits mit jungen Aktiven, die an der Eröffnungszeremonie teilnehmen. Andererseits durch Alte Herren, die gerne tanzen oder mit ihren Frauen Bälle besuchen. Der Burschenbundball des Burschenbundes als Dachorganisation der oberösterreichischen Pennalien und akademischen Verbindungen ist eine sehr schöne Veranstaltung, die wir auch immer bewerben. Wir hoffen, dass es den Burschenbundball trotz der Anfeindungen, die hier unberechtigterweise stattfinden, noch lange geben wird. Wenn Sie diese Demonstrationen ansprechen oder gemeint haben, grundsätzlich soll jeder das Recht haben zu demonstrieren.

Wir haben auch die Versammlungsfreiheiten und die Freiheiten, die wir uns selbst an die Fahnen heften. Wo aber diese Demonstrationen so ausarten, dass Leib und Leben gefährdet oder Sachen beschädigt werden, wie es auch in Wien beim Ball [Anm.: Wiener Akademikerball 2014] geschehen ist, wo eine ordnungsgemäß angemeldete Veranstaltung einer demokratischen Vereinigung gefährdet ist, hört sich unserer Meinung nach die Versammlungsfreiheit oder die Demonstrationsfreiheit auf. Also es muss gewährleistet sein, dass eine ordnungsgemäß angemeldete und abgewickelte Veranstaltung auch weiterhin durchgeführt werden kann, auch wenn es gewissen Gruppierungen in Österreich nicht passt.

Hannes Schneiderbauer: Vielleicht noch interessant, weil Sie gefragt haben, wie die Bajuvaria vertreten sein wird: Die Teilnahme ist immer Sache des einzelnen Mitglieds. Es gibt keine Verpflichtung oder keinen Auftrag den Ball zu besuchen. Es gibt eben viele Mitglieder, die ganz gerne hingehen. Die Demonstrationsexzesse, die in den letzten Jahre passiert sind, werden von uns verurteilt, aber nicht weil demonstriert wird, sondern wie demonstriert wurde. Wenn Menschen verletzt und Geschäfte zerstört werden, entspricht das nicht unserem Demokratieverständnis. Ich für meinen Teil werde den Burschenbundball sicherlich wieder besuchen.

Walther Hiebl: Rosa Luxemburg hat ja schon formuliert: Die Freiheit ist immer die Freiheit des anderen [Sic! Anm.: „Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden“; Die Bedeutung des Zitats ist im öffentlichen Diskurs auch wegen der inflationären Verwendung aller Gruppierungen umstritten]. Wenn behauptet wird, die Linzer Demonstrationen wären gewaltfrei, dann ist es meiner Meinung nach nicht der Fall. Es mag sein, dass sie physisch gewaltfrei sein, es gibt aber auch eine verbale Gewalt. Wenn Teilnehmer eines Balles, ich besuche den Ball aufgrund meines Alters nicht mehr, mit Transparenten und Sprechchören als Nazis und Schweine bezeichnet werden, dann ist es meiner Meinung nach verbale Gewalt. Dass die Demonstrationen gewaltfrei sind, sehe ich nicht. Es ist gewalttätig, auch wenn es keine physische Gewalt ist.

Die Kritik am Burschenbundball ist…

Gerald Zauner: …ja wie lautet die Kritik? Was wird denn kritisiert? Dass wir tanzen? Dass wir gemeinsam einen Ball besuchen? Was wird denn kritisiert? [Anm.: Rechtsextremismus, siehe weiter unten]

Hannes Schneiderbauer: Ich glaube auch, dass hier zwei Dinge vermischt werden. Es gibt sicherlich Organisationen, die den Studentenverbindungen nicht wohlgesonnen sind, aber einen Ball zu kritisieren, ist aus unserer Sicht nicht passend. Es ist eine gesellschaftliche Veranstaltung. In Linz werden von zweihundert Vereinen zweihundert Bälle veranstaltet. Es wird hingegangen, um sich zu treffen, zu tanzen, sich zu unterhalten und um sich zu amüsieren.

Der Ball an sich ist ja nichts Schlechtes. Dabei ist es völlig egal, ob es nun der Kaufmännische Verein [Anm.: Der Linzer Burschenbundball findet im Kaufmännischen Vereinshaus statt] veranstaltet oder der CV [Anm.: Cartellverband] oder die katholische Jungschar. Warum dieser Ball so kritisiert wird, ist für uns überhaupt nicht nachvollziehbar.

Gerald Zauner: Wir lehnen die Kritik am Burschenbundball in dieser Form ab, weil die Veranstalter dieser Gegendemonstrationen uns ja eigentlich die Existenzberechtigung überhaupt absprechen. Das ist undemokratisch im höchsten Ausmaß. Wir als Bajuvaria, aber auch die verschiedenen Dachorganisationen, sind eine demokratische Vereinigung. Für uns gibt es keinen nachvollziehbaren Grund, warum diese Organisationen keinen Ball veranstalten sollen.

Walther Hiebl: Es wird immer von den Rechtsradikalen gesprochen. Ich bin kein Rechtsradikaler, das traue ich von mir zu behaupten, weil ich mich 74 Jahre lang kenne. Und ich kenne auch keinen einzigen Bajuvaren, für den das Prädikat rechtsradikal zutreffen würde. Kenne ich nicht. Auch von anderen Verbindungen nicht. Ich habe den Eindruck, für die linken Antifaschisten ein Feindbild konstruiert wird. Das braucht man anscheinend. Die Antifaschisten haben eine stark faschistische Schlagseite.

Gerald Zauner: Es wurde die rechte Gesinnung angesprochen. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft und man muss unterschiedliche Meinungen zulassen. Alles was sich im Rahmen unseres Verfassungsbogens befindet, müssen wir einfach aushalten. Wiewohl nicht genau geklärt haben, was man unter einer rechten Gesinnung verstehen, aber soweit eine rechte Gesinnung sich im Rahmen unserer Rechtsordnung befindet, ist sie wie eine linke Gesinnung zu tolerieren.

Walther Hiebl: Wenn ich aber jemanden grundsätzlich verurteile, weil er irgendwo dazugehört, dann ist es für mich der Keim des Faschismus. Denn was tun die Faschisten? Sie sagen, ich beurteile einen Menschen nicht als Mensch, sondern nach seiner Zugehörigkeit. Sei es die Hautfarbe, die Rasse, die Religion oder was auch immer. Dort beginnt der Faschismus. Das machen eigentlich die Antifaschisten, denn sie sagen, alles was eine Kappe oder ein Band hat, ist rechtsradikal und daher zu bekämpfen und zu verhindern. Wehret den Anfängen [Anm.: Geht auf den römischen Dichter Ovid zurück] heißt es immer. Das wäre ein Anfang zu sagen: Moment ich sehe mir zuerst den Menschen an. Ich weiß nicht, ob Sie es verfolgt haben, aber es gibt doch immer wieder diese Burschitour in Linz. Menschen gehen von einem Verbindungshaus zum anderen und dabei wird manches richtig und mancher Blödsinn erzählt.

Vor zwei Jahren macht die Tour auch vor unserem Haus Halt. Damals hatte eine Frau Kartnig [Anm.: Marie-Edwige Hartig], so heißt sie glaube ich, gesprochen. Sie ist eine Abgeordnete des Linzer Gemeinderats [Anm.: Seit 2009 für Die Grünen] und sie hat sich sehr abfällig und beleidigend über die Burschenschaften geäußert. Sie wurde von einem Privatfernsehen [Anm.: LT1 Privatfernsehen 2012] interviewt. Am Nachhauseweg habe ich mir die Zeitung Kupfermucken [Anm.: Oberösterreichische Straßenzeitung] gekauft und da stand:

Vorurteile lassen sich ändern. Ich dachte mir, das wäre doch ein Anknüpfungspunkt und habe der Frau Kartnig [Anm.: Hartig] einen Brief geschrieben. Ich schrieb, dass wir beide an dieser Burschitour, allerdings auf unterschiedlichen Seiten, teilgenommen haben. Sie bei den Demonstranten, ich im Bajuvarenhaus. Aufgrund ihrer Äußerungen vermute ich, dass sie gewisse Vorurteile hat und ich halte es für durchaus möglich, dass auch ich Vorurteile habe. Dann erwähnte ich die Schlagzeile der Kupfermucken und fragte, ob wir nicht unsere Vorurteile bearbeiten könnten. Einstein sagte bereits, dass sich Atome leichter zertrümmern lassen als Vorurteile [Anm.: ‚Welch triste Epoche, in der es leichter ist, ein Atom zu zertrümmern als ein Vorurteil!‘], aber ich würde trotzdem vorschlagen, wir sollten es versuchen. Ich bat sie um einen Gesprächstermin. Ich habe nie eine Antwort bekommen. So sieht die Demokratie aus.

Hannes Schneiderbauer: Die Toleranz der, ich sag bewusst Linksextremen oder der Gruppen, die so unsachlich gegen uns vorgehen, ist ganz gering. Das ist für uns ironisch, dass sie mit zweierlei Maß messen. Sie fordern Dinge, von Toleranz bis Freiheit, bis gewisse Rechte, und nehmen diese gerne in Anspruch, gestehen sie aber anderen Gruppierungen nicht zu. Das ist etwas, das für uns schwer zu greifen und verstehen ist, weil es sich jeder Grundlage entbehrt.

Es klingt fast so, als würden sie sich in der Opferrolle sehen. Fühlen sie sich als Opfer?

Gerald Zauner: In der Opferrolle kann man sich dann fühlen, wenn aus Folge einer Burschitour Verbindungshäuser beschmiert werden, Sachbeschädigungen als strafbare Handlung betrieben wird, dann gibt es Täter und ein Opfer.

Ansonsten sehen wir uns nicht als Opfer, weil wir unsere Meinung auch deutlich artikulieren und wenn wir eine Kritik als unsachlich und unberechtigt feststellen, weisen wir sie auch zurück.
Ich hätte noch zwei Fragen. Zur ersten Frage: Gibt es bei der Bajuvaria Linz Ausschlussgründe?

Hannes Schneiderbauer: Natürlich. Wie in jedem Verein gibt es Regelungen, wie eine Mitgliedschaft beendet werden kann. Das kann der freiwillige Austritt oder der zwanghafte Ausschluss sein. Sie sind vereinsrechtlich im Großen und Ganzen vorgegeben. Wenn jemand gröblich seine Pflichten als Mitglied verletzt, ein Beispiel, das für jeden greifbar ist: Einer, der in seiner Funktion als Kassier das Vermögen nicht im Sinne des Vereins verwaltet, sondern selbst mal hineingreift. Das wäre vermutlich ein Grund, warum wir ein Mitglied ausschließen würden. Ist aber, glaube ich, keine Spezialität der Studentenverbindung.

Eine Kritik an Burschenschaft ist die Wiederbetätigung, also zum Beispiel die Verbreitung von nationalsozialistischem Gedankengut. Falls sich ein Mitglied diesem Verbot [Anm.: Verbotsgesetz 1947] widersetzt, wäre das ein Ausschlussgrund?

Gerald Zauner: Ja, selbstverständlich.

Hannes Schneiderbauer: Ja, selbstverständlich. Die Wiederbetätigung ist zu Recht in Österreich verboten und wir haben keinerlei Anknüpfungspunkte zum Nationalsozialismus. Uns hat es vorher gegeben, uns gibt es jetzt noch immer. Wir pflegen eben gewisse Traditionen, ob es nun ein Liedgut ist oder ob es geschichtliche Entwicklungen sind oder beispielsweise das studentische Fechten, die teilweise im Nationalsozialismus kopiert und verwendet wurden. Aber diese Elemente uns nun als Verknüpfungspunkte zum Nationalsozialismus vorzuwerfen, ist doch sehr primitiv. Wenn jemand nationalsozialistisches Gedankengut verbreiten möchte, hat er bei uns definitiv nichts verloren.

Gerald Zauner: Ich würde es überhaupt allgemeiner fassen. Wenn sich heute herausstellt, dass jemand verurteilt wird, in welcher Hinsicht auch immer, muss ja nicht nach dem Verbotsgesetz sein, ist es etwas, das mit unseren Richtlinien und mit unserer Grundhaltung nicht vereinbar ist. Wir wollen ordentliche Mitglieder, die die Spielregeln, die sich unsere Gesellschaft gegeben hat, auch einhalten und auf das legen wir auch Wert.

Zur letzten Frage: Ist der Beitritt zur Bajuvaria karrierefördernd?

Walter Hiebl: Ja, insofern als man lernt frei zu reden, als man lernt Verantwortung zu übernehmen und zu üben und als man lernt im Rahmen des Vereinsgeschehens demokratische Regeln zu akzeptieren und zu leben. Insofern ja.

Gerald Zauner: Als man sich auch den Zugang zu einem Freundeskreis erschließt.

Hannes Schneiderbauer: Wenn Sie auf die strukturellen Netzwerke der CV-Verbindungen anspielen, das gibt es bei uns nicht.

Gerald Zauner: Nicht in diesem Ausmaß.

Hannes Schneiderbauer: Nicht in diesem Ausmaß. Das muss man ganz offen sagen. Aber ja, es ist insofern karrierefördernd, weil jeder junge Bursch, der neben der Schule und der Familie, eine Möglichkeit hat, sich zu entwickeln und weiterzubilden, sich Talente und Fähigkeiten anzueignen… das wird er persönlich für sich nutzen können. Aber Netzwerke oder wirtschaftliche Verflechtungen gibt es weder innerhalb unseres Vereins noch zwischen anderen Burschenschaften.

Insights
Ort des Interviews: Bajuvarenhaus in Linz
Datum und Uhrzeit: 11.12.2014, von 9 bis 12 Uhr
Interviewer: Jürgen Klatzer
Bilder: privat, Bajuvaria