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Transkript zum Interview von Lou Lorenz-Dittlbacher mit Kathrin Nachbaur (TS) im Rahmen der ZIB2 innenpolitischen Interviewserie zum Jahreswechsel vom 29.12.2014.

ZIB2-Interview
Montag, 29. Dezember um 22:10
ORF2
Transkriptstatus: 29. Dezember 2014 um 23:10
Quelle: http://tvthek.orf.at/program/ZIB-2/
Bildquelle: orf.at


Die Idee hinter dem Transkript ist, ein gesprochenes TV-Interview auch in einem zusätzlichen Kanal – und zwar in Textform – zur Verfügung zu stellen. Oft ergeben sich beim Lesen andere und klarere Zusammenhänge. Strukturen werden erkannt und eigentliche Botschaften, Textbausteine werden noch klarer und können weiter recherchiert werden. Wir möchten Politik, politische Ideen und Veränderung und den Weg in ein neues, offenes und mitgestaltbares politisches Zeitalter unterstützen. Und dem Gesagten mit dem Transkript einen ernstzunehmenden anderen Zugang sowie eine möglichst breite Reflektion bieten.

Lou Lorenz-Dittlbacher: Und wir gehen nach Graz zur Klubobfrau des Team Stronach: Kathrin Nachbaur. Guten Abend, Frau Dr. Nachbaur.

Kathrin Nachbaur (Team Stronach): Guten Abend, Danke für die Einladung.

Frau Dr. Nachbaur, kennen Sie eine Partei in Österreich, bei der es im Jahr 2014 schlechter gelaufen wäre als bei Ihnen?

Ich würde das lieber umformulieren: Ich kenne auch keine Regierung, bei der es schlechter gelaufen ist…

Es gibt auch keine andere.

…wenn man sich die ganze Welt anschaut. Wir sind nicht gut durch die Krise gekommen. Sondern wir sind das einzige Land, das bis heute noch nicht die Bankenkrise aufgearbeitet hat und einfach alles nach hinten verschoben hat. Ich würde – anstatt auf einer kleinen Oppositionspartei rumzuhacken, die natürlich viele Fehler begangen hat – lieber die wirklichen Themen in diesem Land mit Ihnen diskutieren. Nämlich die ständig steigende Arbeitslosigkeit und die Tatsache, dass unser Wirtschaftsstandort täglich unattraktiver wird.

Das kann ich natürlich gut verstehen, dass Sie über andere Themen reden wollen. Wir haben alle Chefs der sechs Parlamentsparteien eingeladen. Sie wissen auch, dass wir es so definiert haben, dass wir über die Situation der jeweiligen Parteien sprechen. Und da ist natürlich heute nicht das Thema die ‚Österreichische Bundesregierung‘, sondern die Situation des Team Stronach. Sie waren vor einem Jahr zur Jahresbilanz 2013 hier. Wir haben es vorher im Beitrag gehört, dass Sie damals gesagt haben: „Wir haben keine Fehler ausgelassen“. Sie haben das mehrmals danach wiederholt. Aber können Sie uns sagen, warum es Ihnen nicht gelungen ist, aus diesen Fehlern zu lernen?

Gott sei Dank lernt man nie aus. Und man lernt immer weiter. Es ist wichtig, dass man sich dessen bewusst ist, dass man Fehler gemacht hat. Wir sind sehr, sehr schnell gewachsen. Es sind sehr viele Glücksritter auch zu uns gekommen. Und es hat einfach so und so lang gedauert, bis man die zu einem Großteil ausfiltern konnte. Das ist das Schicksal einer jeden neuen Partei. Man denke daran, wie lange die Grünen gebraucht haben, bis die dann endlich den Machtkampf zwischen Realos und Fundis entschieden haben und wirklich in die Gänge gekommen sind.

Der Vorteil bei uns ist, dass wir immer die Themenführerschaft hatten, wenn ich an den Wahlkampf denke – auch wenn er unkonventionell geführt wurde. Wir hatten tatsächlich recht in Bezug auf den Inhalten bei schlechteren Wirtschaftsdaten, steigender Arbeitslosigkeit, höheren Steuern, riesigen Schuldenberge die noch auf uns zukommen, Desaster mit der Hypo-Alpe-Adria-Bank. Das einzige, wo wir uns getäuscht haben, war die Geschwindigkeit, mit der unsere Prognosen hier alle eingetreten sind. Ich glaube nach wie vor, dass wir mit unserer sachlichen und lösungsorientierten Politik gute Rezepte haben. Ich würde mir wirklich wünschen, dass wir konstruktiv etwas beitragen können, dass es wieder bergauf geht.

Sehr sachlich, Frau Dr. Nachbaur, es läuft einfach in Ihrem Team nicht. Und man hat schon den Eindruck, dass Ihnen selbst auch der Geduldsfaden gerissen ist. Sie haben am 18. November 2014 den Rücktritt aus der Bundespartei bekanntgegeben. Das ist ein einzigartiger Schritt für eine Klubobfrau. Da gab es sogar politische Insider, die nachschlagen mussten, ob das überhaupt möglich ist, dass jemand, der nicht Mitglied einer Partei ist, den Klub dieser Parlamentspartei führen kann. So wirklich verstanden, warum Sie das gemacht haben, hat das aber eigentlich niemand. Können Sie diese Erklärung jetzt nachreichen?

Wie Sie wissen, bin ich in der steirischen Partei Mitglied. Also, so unkonventionell ist das gar nicht. Und selbst das muss es laut Verfassungsrechtlern nicht sein, dass man irgendwo Mitglied ist. Und insbesondere: Gerade wir sind doch angetreten, endlich mit dieser Parteibuchwirtschaft aufzuhören. Mir geht es mehr um die Inhalte als um eine Mitgliedschaft, einer Zugehörigkeit. Ich fühle mich selbstverständlich den Inhalten und dem Programm verpflichtet – ich habe es auch schließlich mitverfasst.

Aber Sie hätten ja nicht eintreten müssen, wenn das wurscht ist. Also, wenn es eh egal ist, ob man Mitglied ist…

Ich war Gründungsmitglied und bin auch deshalb auch per se nicht eingetreten, sondern habe das ganze mitgegründet. Ich habe mich insbesondere aus der Funktion als Vizeparteiobmann zurückgezogen. Wir haben das eh schon mehrfach diskutiert. Frank Stronach hat u.a. gesagt: „Er wünscht sich da einen starken Mann“. Und das ist sein gutes Recht. Soll er natürlich selbst bestimmen, wen er gerne in dieser Position hätte. Ich werde mich lieber auf die inhaltliche, sachliche Arbeit konzentrieren. Insbesondere als Wirtschaftssprecherin, anstatt mich hier mit organisatorischen Themen oder teilweise auch Intrigen herumzuschlagen.

Das heißt übersetzt: Frank Stronach wollte nicht mehr, dass Sie Klubobfrau sind und Sie haben Probleme gehabt, sich in diesem Klub durchzusetzen. Ist das die Antwort?

Das möchte ich überhaupt nicht sagen. Der Klubobmann wird von den Mitgliedern gewählt. Wie Sie wissen, ist Frank Stronach nicht im Klub. Wir hatten unsere Differenzen, wir hatten aber auch eine Aussprache. Für mich ist die inhaltliche Arbeit wichtig und nicht organisatorische Diskussion. Gerade als Wirtschaftssprecherin werde ich in der kommenden Zeit sehr, sehr viel zu tun haben. Denn das sind die dringendsten Themen des Landes: Die gewaltige Arbeitslosigkeit, der Wirtschaftsstandort der ständig schlechter wird, die Überregulierung, die Überbürokratisierung. Gerade in der Steiermark ist jetzt der Fall bekannt geworden, wo eine Dame wegen einem falschen Kochlöffel ins Gefängnis wandert…

Gut, das führt uns jetzt ein bisschen zu weit.

Es gibt Absurditäten.

Ich stelle fest, Sie wollen uns jetzt nicht wirklich ganz genau sagen, warum Sie nicht mehr Klubobfrau sein wollen. Aber vielleicht können Sie uns eines verraten. Es hat geheißen, dass ihre Nachfolge noch in diesem Jahr beschlossen werden. Nun ist das Jahr fast zu Ende – beschlossen ist noch gar nichts; so viel zumindest uns bekannt ist. Können Sie uns da näheres dazu sagen? Wird Waltraud Dietrich jetzt tatsächlich Ihre Nachfolge antreten?

Das wird in der Klubsitzung beschlossen, die wir dann im Laufe Anfang nächsten Jahres abhalten werden. Mir ist es nicht bekannt, dass es dieses Jahr hätte sein sollen. Wir werden nächstes Jahr tagen und ich werde selbst den Zeitpunkt bestimmen, wann ich die Klubobfrau zurücklegen werde. Das werde ich natürlich mit meinen Klubkollegen diskutieren. Dann wird intern besprochen und gewählt und nicht über die Medien diskutiert. Das ist nicht mein Stil. Ich möchte Dinge lieber intern austragen.

Haben Sie ein(e) WunschkandidatIn? Ist Waltraud Dietrich Ihre Wunschkandidatin?

Ja, wir haben immer gut zusammengearbeitet.

Das heißt, sie ist sie. Sie möchten, dass Waltraud Dietrich das macht?

Sie hat politische Erfahrung, sie hat ein gutes politisches Gespür und einen Hausverstand.

Wir möchten jetzt auch noch kurz in die Zukunft schauen. Diese Zukunft bringt vier Landtagswahlen. Nämlich in Wien, im Burgenland, in der Steiermark und in Oberösterreich. Bisher ist nur fixiert, dass das Team Stronach in der Steiermark antreten wird. Wird es dabei bleiben? Werden Sie wirklich auf die drei anderen Länder – so wie auch die Europawahlen und so wie auch die Landtagswahlen in Vorarlberg – verzichten?

Das ist eine Frage für unseren Parteiobmann Frank Stronach. Diese Entscheidung trifft er. Er wird sich die Teams anschauen, die es in den diversen Ländern gibt. Ich bin davon überzeugt, dass wir überall sehr gute Leute haben. Wir haben ein sehr gutes Programm, wie wir wirtschaftlich wieder in die Gänge kommen könnten und wie man endlich diese Überregulierung dämpfen könnte; es sind viel zu viele Gesetze. Und da gibt es sehr viel Arbeit zu tun. Also, letztendlich wird er es entscheiden, wo er antreten möchte.

Ist es schon entschieden? Hat er es schon entschieden?

Meines Wissens nach nicht.

Eine Frage habe ich noch. Steiermark wie gesagt ist fix. Sie haben jetzt mehrmals schon kundgetan, wie sehr Sie sich zum Team Stronach in der Steiermark zugehörig fühlen. Ist es für Sie eine Option – obwohl Sie ein Kind erwarten – Spitzenkandidatin bei der steirischen Landtagswahl zu sein?

Nein, das schließe ich aus.

Frau Dr. Nachbaur, vielen Dank und guten Abend nach Graz!

Danke schön.

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Der Weg zur politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 8 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen - seit einigen Jahren selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Media Strategy, Digitales Marketing, Innovation und Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.