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Außenminister Sebastian Kurz und der Österreichische Integrationsfonds starteten vor kurzem die Aktion #stolzdrauf, mit dem Slogan: „Egal woher wir kommen, eines verbindet uns alle: Unsere Heimat Österreich.“ Die erwartbare Häme hinterließ eine große Frage: Worauf darf man stolz sein?

Ein Kommentar von Dominik Leitner

„In unserer Heimat Österreich können wir auf vieles stolz sein: unsere Kultur, Bildungschancen, die Religionsfreiheit, die großartige Landschaft und alles, was man bei uns mit eigener Leistung erreichen kann.“ – So steht es auf der Website der Initiative. Für viele Menschen (in der österreichischen Twitterblase) reichte das schon, um sich kollektiv zu echauffieren: Da fordert uns Sebastian Kurz also wirklich zum Nationalstolz auf? Wie kann man stolz darauf sein, in einem Land geboren zu sein – ein Ereignis, für das man persönlich nichts geleistet hat? Warum soll man auf die Landschaft stolz sein – bzw. anders gefragt: müsste man da nicht auch auf den blauen Himmel und die Sonne stolz sein? Der Grundtenor war rasch klar: Kollektiver Stolz sei gefährlich, da damit gefährlicher Nationalstolz herbeigeführt werde. Und so richtig stolz auf die Nation waren die ÖsterreicherInnen das letzte Mal… genau. Damals.

Stolz auf die Nation?

Ist Nationalstolz per se abzulehnen? Oder leidet das Wort einzig an der negativen Belastung, die es durch die österreichische Vergangenheit verliehen bekommen hat? Und: Worauf darf man stolz sein?

Für Oskar Niedermeyer 1 ist es unzulässig, „allgemeinen Nationalstolz heute pauschal als Anzeichen für Nationalismus zu qualifizieren, da die Nationalstolzen in gleichem bzw. sogar etwas stärkerem Ausmaß als die Nicht-Nationalstolzen solche Objekte als Grund für nationales Selbstbewusstsein anführen, die im Allgemeinen als Indikatoren für eine demokratische oder verfassungspatriotische Identität betrachtet werden.“ Arthur Schopenhauer (1788-1860) sah das hingegen anders: „Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. […] Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein.“

Gehe ich nach meiner ganz eigenen Definition von Stolz, so kann und darf man stets stolz sein auf Geleistetes. Wenn man etwas erreicht, etwas erfolgreich abgeschlossen, wenn etwas durch eigene Arbeit gelungen ist. Man kann stolz auf seine Talente sein, auf seine Fähigkeiten. Aber kann man stolz sein auf Österreich, weil das Nationalteam gegen Brasilien nur mit einem Tor Unterschied verloren hat? Man hat nichts dazu geleistet, außer eventuell vor dem Fernsehgerät mitzufiebern. Selbst Hans Rauscher gibt in einem Kommentar zu, dass er manchmal stolz auf Österreich ist. Aber er warnt davor, dass Stolz nicht verordnet werden kann und soll. Und genau das passiert ja mit der #stolzdrauf-Initiative nicht: Vielmehr ruft es dazu auf, sich wieder Gedanken zu machen – inklusive dem integrativen Gedanken, alle ÖsterreicherInnen, egal welcher Herkunft, dabei einbeziehen zu wollen. Menschen mit Migrationshintergrund können stolz sein: Dass sie oder ihre Vorfahren den Weg nach Österreich gewagt haben, dass sie trotz aller Widrigkeiten und Ablehnung die eröffneten Möglichkeiten genutzt haben, dass sie in Österreich eine neue Heimat gefunden haben, ohne ihre Herkunft zu negieren. Und wir Österreicher könnten in Wahrheit auch stolz darauf sein, dass sich Menschen wünschen, dass sie dafür arbeiten, in Österreich Fuß fassen zu dürfen.

Stolz ist zu positiv

Das Problem, dass ich mit der ganzen Initiative habe, ist, dass man natürlich nur Positives hervorhebt. Und das ist das Grunddilemma: Stolz ist ja auch ein sehr positives Gefühl. Dass in Sachen Integration, in Sachen Fremdenrecht und in Sachen „Willkommenskultur“ vieles noch sehr im Argen liegt, kommt da überhaupt nicht an die Oberfläche. Das würde nicht ins „Marketingkonzept“ passen, das würde den erhofften Stolz womöglich abschwächen, aber das schafft eben auch eine sehr große Angriffsfläche für alle KritikerInnen. Zusammen:Österreich, die „Über-Initiative“ zur #stolzdrauf-Kampagne will Integration als Wohlfühlthema etablieren.

Aber allein, dass #stolzdrauf das Thema Integration und Migration auf die Agenda politischer Diskussionen hebt, kann als Erfolg gewertet werden. Jetzt müsste man nur die Gunst der Aufmerksamkeit nutzen, und sich weitere Gedanken machen. Sich mit den Themen unpolemisch auseinandersetzen und einen großen Diskurs starten und führen. Und eventuell auch noch die Gesetze ändern, um die von Kurz bemängelte Willkommenskultur zuerst einmal politisch umzusetzen. Die Gesellschaft würde dann folgen. Oder ist der Politik in manchen Belangen schon längst voraus. Also ja, man kann und soll natürlich stolz sein. Auf persönliche Erfolge und manchmal eben auch auf Erfolge des Heimatlandes.

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von GillyBerlin

Quellen und Fußnoten:

  1. Niedermeyer, Oskar (2005): Bürger und Politik: Politische Orientierungen und Verhaltensweisen der Deutschen, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 120
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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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