Über die österreichische Tendenz zur Verharmlosung und wohin uns das politisch führt. Ein Kommentar von Susanne Zöhrer.

Mitte dieser Woche ließ mich ein Facebook-Kommentar von Robert Misik aufhorchen. In einem sonderbar apologetischen Geschwurbel sah sich der Autor genötigt, Jörg Haider zu entlasten. Im  Münchner Hypo-Prozess hatte der Ex-BayernLB-Chef gestanden, Haider damals bestochen zu haben. Misik sah den Tatbestand – der auch von der bayrischen Justiz bestätigt wurde – jedoch nicht als Bestechung im „landläufigen“ Sinne:

„Es fällt mir schwer, Jörg Haider zu verteidigen. Aber es ist nicht ‚Bestechung‘, wenn man für einen Deal ein Sponsoring für einen Fußballklub fordert. Das ist Nepotismus, Gutsherrenmentalität, illegale Suche eines politischen Vorteils eben mit rechtswidrigen Mitteln. Aber Bestechung im landläufigen Sinn heißt natürlich, das Geld für sich selbst zu fordern. Und dass etwas in seine eigenen Taschen floss (oder in die Parteikassen), ist ja mit dem Geständnis des Bankers überhaupt nicht erwiesen. Muss man der Wahrheit willen schon auch sagen.“ (Robert Misik)

Wie jämmerlich.

Grauzonen, Landläufe und sonstige Bagatellen

Misik, den man wohl oder übel zu den linken Intellektuellen in diesem Land zählen muss, hat sich damit selbst ein Ei gelegt. In der nachfolgenden Debatte wurde er zwar vom Journalisten Kurt Kuch schnellstens berichtigt, zugeben, dass seine Aussage – landläufig gesehen – ein fester Blödsinn war, wollte er aber nicht. Es wurde also weiter geschwurbelt.

Die Verwässerung von Begrifflichkeiten und Tatbeständen (im genannten Fall handelt es sich natürlich um eine Bestechung) hat eine langjährige Tradition in Österreich.

Egal, ob es sich bei diversen Aussagen um Verstöße gegen das Verbotsgesetz handelt oder um die Frage, wer was wusste (besonders beliebt bei Erörterung der Schuld im NS-Regime) – gerne zieht sich der gemeine Österreicher auf die Position der beleidigten Leberwurst zurück, die im Grunde genommen, landläufig also, nichts Falsches getan hat.

Damit war Haider erfolgreich, weil er für seine kleinen Mildtätigkeit in Kärnten noch immer fast Heiligenstatus genießt. Damit sind auch aktuelle Politiker erfolgreich. Man hat, – landläufig – nie Böses gewollt und sich immer anständig verhalten.

So sieht das die AUVA Obfrau, die ihrem Lebensgefährten Aufträge verschafft hat. So sehen das viel zu viele Bürgermeister, die sich die Umwidmung von Grundstücken ein bisschen schmackhafter machen lassen und so sah und sieht das eine Reihe von Ministern und Ministerinnen, die für die Missstände in ihrem Arbeitsbereich zwar die viel zitierte „Verantwortung“ übernehmen, dies aber immer fest im Sattel ihrer Dienstposten, bis man sie – wenn sie völlig untragbar geworden sind – auf einen anderen Posten befördert. In der Regel auch noch besser bezahlt als zuvor.

Milliardenkosten für Landläufigkeit

Diese Landläufigkeit der Beurteilung von Recht und Ethik, die Österreichs Öffentlichkeit und Regierung durchtränkt, hat uns bis heute viele Milliarden gekostet. Man kann die diversen Skandale der letzten Jahrzehnte zusammenrechnen. Und man kann sicher sein, dass der allergrößte Finanzskandal von heute, in wenigen Jahren ganz sicher vom nächsten noch größeren Finanzskandal in den Schatten gestellt wird.

Das, wie ich meine, liegt einzig und allein an der Biegsamkeit des österreichischen Werteverständnisses. Das nämlich lässt auch noch so streng definierte Begriffe ganz plötzlich irgendwie harmlos wirken. Landläufig gesehen, natürlich.

Foto: Giacomo1970/wikimedia commons (CC BY-SA-3.0)

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Susanne Zöhrer

Susanne Zöhrer ist promovierte Soziologin und ist bei knallgrau für Text und digitale Strategie tätig. Derzeit ist sie in Bildungskarenz und treibt ihr Jusstudium weiter. Bei neuwal meldet Sie sich mit politischen Kommentaren zurück. Twitter Blog

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