Das Deserteursdenkmal wurde vor dem Nationalfeiertag eröffnet, doch sollte man nicht gerade das Nein zum Nationalsozialismus feiern?

Ein Kommentar zum Nationalfeiertag von Thomas Knapp

Die Deserteure, also Menschen, die sich weigerten, der NS-Diktatur zu folgen, verdienen es, dass die Republik stolz auf sie ist und sie feiert. Sie saßen lange zwischen allen Stühlen – von den Altnazis gehasst, von der neuen Republik trotzdem als Kriminelle betrachtet, von den meisten nicht als Teil des antifaschistischen Widerstands erkannt.

Heute ist die Situation besser. Das offizielle Österreich hat sich, viel zu spät, auf die richtige Seite geschlagen. 2009 haben SPÖ, ÖVP und Grüne im Nationalrat das „Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz“, beschlossen, das die Urteile gegen Wehrmachtsdeserteure und die anderen Opfer der NS-Militärjustiz pauschal aufhebt. Nun folgte mit dem Denkmal der nächste Schritt. Auf der falschen Seite der Geschichte steht dabei einmal mehr die FPÖ, was aber ungefähr so überraschend ist, wie der nächste „Einzelfall“ von Rechtsextremen in der Partei.

Die Deserteure, die ihre späte Anerkennung noch erleben, bekommen von rechts altbekannte Kritik zu hören. Sie seien doch keine Helden und Widerstandskämpfer, sondern Feiglinge gewesen. Das Argument lautet im Kern „Zum totalitären Terrorregime des Nationalsozialismus Nein zu sagen und mit einem mit der Todesstrafe bedrohten Vergehen aus der Masse herauszustechen ist Feigheit, angepasst Befehle zu befolgen ist Mut“. Dieser Argumentationsstrang richtet sich offensichtlich selbst.

Eine andere Kritik lautet, dass jeder Staat „Fahnenflucht“ nun einmal bestrafen müsse, da sonst kein Militär funktionieren würde. Das ist selbstverständlich schon allein deshalb nicht anwendbar, da es hier um keinen normalen Rechtstaat, wie wir ihn heute kennen, geht, sondern um das „3. Reich“. Es weist aber auch auf eine größere Fragestellung hin – warum soll der Staat jemand dafür bestrafen dürfen, dass er nicht töten und verletzten und verletzt und getötet werden möchte?

Diese Frage stellt sich beim aktuellen Gedenken nicht, die konkreten Fälle sind klar. Wer zum Nationalsozialismus Nein sagt, während er von seinem Terror umzingelt ist, verdient Anerkennung. Aber es stellen sich andere Fragen, etwa ob die Gründe dafür, dass die Anerkennung so spät erfolgt, nun überwunden sind? Oder ob das jetzt reicht, um die Sache gut sein zu lassen? Leider ist die Antwort in beiden Fällen Nein.

Österreichs Umgang mit seiner Geschichte ist besser geworden. Es gibt genug Probleme, aber man darf durchaus anerkennen, dass die Republik an sich weit gekommen ist. Das offizielle Österreich hat keine Anwandlungen von Opferrolle mehr und bemüht sich an vielen Stellen, vergessene Ungerechtigkeiten zu erinnern. Der vielgescholtene Norbert Darabos etwa hat als Verteidigungsminister beim Bundesheer ordentlich Tempo in dieser Frage gemacht. Aber es hat scheinbar ewig gedauert bis im Nationalrat ein Gesetz beschlossen werden konnte, dass der simplen Tatsache, dass die Opfer der NS-Justiz tatsächlich Opfer waren, Rechnung trägt. Das „Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz“ wurde 2009 nicht einstimmig beschlossen, das allein ist peinlich und beunruhigend. Niemand kann mit guten Gründen gegen dieses Gesetz sein, nur mit schlechten (entweder inhaltlich schlecht oder moralisch schlecht, jedenfalls schlecht).

Mit dem Gesetz und dem Denkmal wurden zwar Schritte vorwärts getan, aber der Weg ist weit. Die Deserteurdenkmäler (in Bregenz ist für 2015 eines geplant) werden langsam Normalität werden, so wie das Verständnis dafür, dass es besser und schwieriger ist, zu einer Diktatur des Bösen Nein zu sagen, als mit dem Strom zu schwimmen. Die kritische Masse ist erreicht, nun gehören auch in dieser Frage alte und neue Nazis zur „Verliererseite“ des Arguments.

Was hier aber abgearbeitet wird, ist die Schuld der Überlebenden an den Überlebenden. Für das späte, vielfach zu späte, Gedenken, die fehlende Anerkennung, dafür, dass VerbrecherInnen in die Gesellschaft integriert und HeldInnen ausgeschlossen und beschimpft wurden. Diese zahlreichen schweren Verfehlungen sind möglicherweise irgendwann aufgearbeitet, aber nichts wird jemals die Notwendigkeit der Beschäftigung mit dem Terror des Nationalsozialismus beenden. Die Schuld die nicht weggeht, auch wenn die direkt Schuldigen lange tot sind, die Schuld die nicht gesühnt, nicht getilgt, nicht vergeben werden kann. Das nationalsozialistische Regime und seine unbeschreiblichen Schrecken müssen immer da sein, sie dürfen nicht vergessen werden.

Österreich begeht am 26. Oktober seinen Nationalfeiertag, da an diesem Tag 1955 das Gesetz zur Österreichischen Neutralität beschlossen wurde. Ein Gesetz, das langsam zur Folklore verkommt und nur eine Folge jenes Ereignisses ist, in dessen Schatten Freiheit und Demokratie in Österreich stehen: der totalen Niederlage des nationalsozialistischen Regimes. Am 8. Mai 1945 trat die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Kraft. Das wäre ein Nationalfeiertag.

Foto: BKA/Georg Stefanik

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Jahrgang 1986, lebt in Graz, bloggt und twittert politisch und schreibt auch sonst gerne.
  • Es zeigt sich auch an dieser Diskussion, dass gewisse Differenzierungen ausbleiben und Vereinnahmungen erfolgen. Dass jemand desertiert, ist angesichts der Schrecken eines Kriegs menschlich. Welche Motive einer Desertion zu Grunde liegen, ist im Einzelfall kaum feststellbar (das kann die Verweigerung einer Diktatur gegenüber sein, wie bloße Angst und anderes mehr). Fakt ist aber auch, dass jemand der desertiert, das Regime in der oben geäußerten Logik („Die Deserteure, also Menschen, die sich weigerten, der NS-Diktatur zu folgen, verdienen es, dass die Republik stolz auf sie ist und sie feiert.“) einige Zeit oder sogar lange mitgetragen hat.

    Deserteure sollten als Individuen begriffen werden, ebenso ihre Motive; ich sehe wenig Sinn darin, aus ihnen Helden des Widerstands zu machen, wie sie als Zersetzer zu verurteilen: Sie sind meiner Einschätzung nach zuallererst Menschen, die die Totalität (und Sinnlosigkeit) dieses Kriegs nicht mehr ertrugen (natürlich haben sie dadurch das Regime in einem gewissen Maß destabilisiert, ob das [immer] die primäre Absicht war, bezweifle ich).

    Nein, der 8. Mai sollte nicht Nationalfeiertag sein, schon alleine deswegen weil er mit der zweiten Republik nichts (im Sinne einer Gründung, einer Abkehr oder eines Neuanfangs) zu tun hat.

    Eine Schuld, die nicht weggeht ist Religion, Erbsünde. Das hat in diesem Diskurs, bei aller Richtigkeit des Erinnerns und der Beschäftigung mit dieser Zeit, nichts verloren.

  • byron sully

    @metepsilonema: das seh ich teils ähnlich, teils anders.

    ja, die gründe für die desertion waren individuell unterschiedlich – manche motive waren „edler“ als andere bzw. sind nicht alle deserteure automatisch helden. aber die desertion aus der wehrmacht an sich ist aus meiner sicht sehr wohl eine heldentat. denn jedes vielleicht nicht ganz so edle motiv ist immer noch ein viel akzeptableres motiv als die motive des NS-terrorregimes, den zweiten weltkrieg zu beginnen und darin die schlimmsten verbrechen gegen die menschlichkeit zu begehen. auch unter den anderen opfergruppen des nationalsozialismus hatten sicher nicht alle einen „sauberen“ lebenslauf oder edle überzeugungen. das ändert aber nichts daran, dass aus meiner sicht für deserteure und wehrdienstverweigerer genauso wie für andere opfergruppen eine pauschalrehabilitation der moralisch und politisch einzig richtige weg ist. insofern ist auch dieses denkmal ganz klar zu begrüßen. jede fehlleistung, die manche einzelne deserteure begangen haben, ist nichts im vergleich mit den untaten der NS-tyrannei.

    das heißt klarerweise nicht, dass alle, die nicht desertiert sind, dafür zu verurteilen sind. wer aus angst vor seiner ansonsten sehr wahrscheinlichen hinrichtung a) dem einberufungsbefehl folgte und b) „nur“ an „normalen“ kriegshandlungen und nicht freiwillig an kriegsverbrechen teilnahm, ist sicher kein verbrecher (im unterschied zu mitgliedern von SS, SA usw., die von der zweiten republik schändlicherweise jahrzehntelang besser behandelt wurden als deserteure).

    für mich ist wehrdienstverweigerung bzw. desertion an sich generell nichts moralisch verurteilenswertes, sondern das freie recht eines jedes menschen. insofern sollten solche handlungen auch in demokratien straffrei sein (am besten fände ich es freilich, wenn es weltweit nur mehr berufs-/freiwilligenheere anstatt von zwangsdiensten geben würde). wobei andererseits bundespräsident fischer in seiner ansprache bei der denkmalsenthüllung sehr wohl auch recht hatte, wenn er meinte, desertionen in anderen heeren seien etwas völlig anderes als desertionen im NS-terrorregime.

  • Der Begriff Held ist zurecht kritisiert worden, er etabliert bloß neue Mythen, er verwisch mehr, als er zu erkennen hilft. Einzelne mögen Helden gewesen sein oder Heldentaten vollbracht haben, aber wenn wir diese Kategorie schon anwenden wollen, dann an Einzelnen und begründet (das gilt für Soldaten wie Deserteure). Das Motiv einer Desertion ist nur in der Betrachtung des Einzelfalls aufschlüsselbar und zu bewerten, die Rehabilitation ist selbstverständlich richtig (ich vermute, dass viele aus menschlichen Gründen desertiert sind, dass sie den Irrsinn des Kriegs nicht mehr aushielten und es ihnen weniger um die Unterstützung des Regimes ging, kann aber auch sein, dass ich mich irre; dass das Davonzulaufen im Vergleich zu Unterstützung das edlere Motiv ist, bleibt unbestritten, aber macht das schon einen Helden? Ich habe bisweilen den Eindruck, dass wir im Rückblick gerne interpretieren, wo wir das nicht sollten.).

    In unseren Demokratien kann man sich gegen den Dienst mit der Waffe entscheiden, man hat ohnehin die Wahl. Die Thematik eines Berufsheeres wird bei uns nicht seriös diskutiert, deswegen bin ich für die Beibehaltung des Status quo (man spricht gerne über den Zwang und wenig oder nicht über Geopolitik, Bündnisse und Sicherheitspolitik). Es schadet vielleicht auch nicht, einmal einen Gedanken daran zu verschwenden, ob man bereit sein würde (sein könnte) Staat und Staatsform im Notfall zu verteidigen.

    Da ich das Denkmal noch nicht kenne, kann ich nichts dazu sagen.

  • Könnte man bitte meinen vorangegangenen Kommentar freischalten (und diesen hier löschen)? Danke.