Die Verlosung des Rederechts im Parlament ist eine Farce. Oder eine kleine, aber feine Chance für alle Künstler und Kulturschaffenden.

Eine Provokation von Susanne Zöhrer

In unserem aktuellen System der Postdemokratie, und damit meine ich nicht die besonders egalitäre Zustellung von Briefen, sind unsere Damen und Herren Politiker gern geneigt, den einen oder anderen radikalen Ansatz zur Stärkung demokratischer Institutionen zu verfolgen.

Ernst Strasser z.B. versuchte sich als aufklärerischer Undercover-Agent und wurde dummerweise von der lästigen Journaille gelinkt, andere wiederum basteln Unterstützungserklärungen, um unsere geschundene Demokratie durch Wahrheit, Transparenz und Fairness zu stärken.

Doch jetzt gibt es für wirklich alle, also fast alle, also um genau zu sein für acht Leute, die einzigartige Chance auch endlich ein bisschen so zu tun, als wäre man mit dabei. Als hätte man was zu sagen.

Neues Spiel, neues Glück

Im Zeitalter von Casting-Shows und Supertalentsuchen hat sich unser Parlament, das den Parlamentarismus schon vor Jahren eingemottet hat, nun endlich aufgerafft und setzt ein kräftiges Zeichen: Auch du kannst es schaffen und kannst mit uns, mit den großen, echten Politikern, mitarbeiten! Eine ganz kurze Zeitlang werden wir dich, den kleinen Mann, wenn’s sein muss auch die kleine Frau (große Töchter), hinter die Kulissen schauen lassen und so tun, als würde deine Stimme zählen.

Man kann sich also nun bewerben und wenn man Glück hat, dann sitzt man als eine von acht in der Enquetekommission zur Stärkung der Demokratie. Und jetzt kommts: Man bekommt sogar ein Rederecht!

Die Demokratie lebt

Nie im Traum hätte ich mir gedacht, dass eine derartige demokratiepolitische Revolution möglich ist. Schließlich wäre es wohl auch zuviel verlangt, wenn man von unseren Damen und Herren Abgeordneten erwarten würde, dass Sie als VolksvertreterInnen die Demokratie in der Weise stärken, in der sie durch ihre Wahl dazu berufen wurden. Also durch faktische Ausübung ihrer Mandate.

Wenn das der Fall wäre, dann hätten wir derartige Publicitystunts gar nicht nötig und es würden Volksbegehren umgesetzt, oder simple Wahlversprechen eingehalten. Ja, man stelle sich vor, unsere Vertreter im Parlament würden tatsächlich Politik machen.

Unvorstellbar. Da gründet man lieber Arbeitskreise und Kommissionen und am Ende veröffentlicht man ein hübsches Papier, macht ein liebes Foto, wo auch alle schön lächeln und trägt weiter wenig dazu bei, dass in unserem Land endlich dringend nötige Reformen umgesetzt werden.

Parlaments-Ferkelei

Nun hat man also beschlossen, acht Bürgerinnen und Bürgern die Chance auf einen Auftritt auf der Starbühne namens Parlament zu gewähren. Ob die Zahl Acht aus einem Rechenfehler unserer Abgeordneten resultiert, ist dabei nicht klar, schließlich verstehe ich nicht, warum gerade diese verschwindend geringe Anzahl ein starkes Signal zur Stärkung der direkten Demokratie darstellen soll. Aber sei’s drum.

Ich habe mir angesichts dieser Inszenierung einfach überlegt, was ich bei diesem „Brot und Spiele“-artigem Spektakel auf der Parlamentsbühne am liebsten sehen bzw. was ich mir von einer postdemokratischen Aktion à la „Österreich sucht den Superdemokraten“ erwarten würde.

Und da ist mir doch glatt eine Kunstströmung aus den 1960ern eingefallen, die als Wiener Aktionismus berühmt wurde und immerhin einige der international bekannteren österreichischen Künstler hervorgebracht hat. Ich kam also zum Schluss, dass nur eine Wiederbelebung des Kathederscheißens ein angemessenes Zum-Ausdruck-Bringen des verlosten Rederechts darstellen würde.

Anstatt mit einer „Uni-Ferkelei“ wie damals, könnte man demnach heute, mitten im Parlament, unseren reformunwilligen, demokratiepolitisch bewegungsunfähigen Staat kritisieren. Mit einer einzigen, aussagekräftigen Geste.

Kleiner Einsatz, großer Gewinn

Bewerbt euch also, ihr vom Staat vergessenen Künstler, ihr unterfinanzierten Kulturschaffenden, ihr durch lederhosenbevorzugende Musikantenstadlförderung am Hungertuch nagenden Kreativen und nutzt eure Chance. Es könnte eure letzte sein.

Und verzweifelt nicht an der geringen Gewinnwahrscheinlichkeit, denn wie heißt’s so schön im Demokratie-Lotto: Alles ist möglich!

Foto: Horst Sturm/wikimedia (CC BY-SA 3.0)

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Susanne Zöhrer

Susanne Zöhrer ist promovierte Soziologin und ist bei knallgrau für Text und digitale Strategie tätig. Derzeit ist sie in Bildungskarenz und treibt ihr Jusstudium weiter. Bei neuwal meldet Sie sich mit politischen Kommentaren zurück. Twitter Blog

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