Im Zuge der Fußball-WM hat uns Martin Kainz im innowal die Initiative Nosso Jogo vorgestellt. Jetzt hat er ein sehr spannendes Buch über die Fußballakademie von Red Bull in Ghana geschrieben, das wir euch kurz vorstellen werden.

Worum geht’s?
Interview mit Martin Kainz

KainzMag. Martin Kainz
Studium der Soziologie und Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien und der Universidad de Chile.
Wissenschaftliche Auseinandersetzungen zu den Themen Fußballakademien in Westafrika im Kontext globaler Güterketten sowie Land- und Gewohnheitsrechte in Ghana.
Am VIDC (Vienna Institute for international dialogue and cooperation) bei „FairPlay. Viele Farben. Ein Spiel“ im Bereich Sport und Entwicklung tätig.

Worum geht’s?

Nicht nur die NEOS, auch Red Bull verleiht bekanntlich Flügel. Mit gezielter Instrumentalisierung des Sports wie beispielsweise dem eigens geschaffenen Red Bull Air Race inszeniert man die Marke als innovativ, jung, dynamisch und erfolgreich. Konzentrierte man sich zunächst auf Rand- und Extremsportarten, versucht man seit 2005 auch den Fußball für Marketingzwecke zu nutzen. Hier zeigte sich auch, wie rigoros der Großkonzern seine Interessen umgesetzt wissen will, ganz nach dem Motto: wer zahlt, schafft an. Die Tradition der Fußballklubs spielt keine Rolle, Klubname und auch Klubfarben wurden beispielsweise bei der Übernahme des Klubs aus Salzburg im Interesse des Konzerns geändert.

Die Missachtung zentraler politischer und gesellschaftlicher Strukturen wurde Red Bull aber nicht zuletzt bei einem Fußballprojekt in Ghana zum Verhängnis. Die mittlerweile wieder geschlossene Fußballakademie Red Bull Ghana sollte afrikanische Talente ausbilden, die dann zu den Red Bull-Vereinen in Europa wechseln sollten. Eine Leitungsperson der Akademie wird dazu wie folgt zitiert:

„New York ist Marketing, Leipzig und Salzburg sind kombiniert mit Marketing und Sport, hier [Anm.: in Ghana] ist nur Sport. In Ghana verkaufst du kein Red Bull, vielleicht 0,0001 Prozent. Das hat nichts mit Marketing zu tun. Das hat damit zu tun, dass Afrika billig ist und es viel Talent gibt. Es geht nur darum, Spieler für Leipzig, Salzburg oder New York zu entwickeln oder zu verkaufen.“

Sehr detailliert beschreibt Martin Kainz in seinem Buch, das aus einer Abschlussarbeit an der Uni Wien entstanden ist, dass der Erfolg dieser Akademie äußerst bescheiden geblieben ist. Trotz toller Infrastruktur mit entsprechend hohen Kosten, der Bau soll 5,5 Millionen und der monatliche Betrieb 100.000 Euro gekostet haben, hat es kein Spieler zu einer ersten Mannschaft von Red Bull geschafft. In zahlreichen Interviews und Analysen macht Kainz mögliche Gründe für das Scheitern fest, auch wenn er selbst sein Buch nicht als Ursachenforschung verstanden wissen will. Der Autor zeigt aber sehr wohl auf, dass Red Bull sich viel zu wenig mit den lokalen Gegebenheiten auseinandergesetzt hat und auch lokale Autoritäten wie die nach wie vor mächtigen Chiefs der Region zu wenig einbezogen hat.

Vielmehr sei „das Agieren Red Bulls ebenso vergleichbar mit dem eines Unternehmens in einer produzentInnengesteuerten Güterkette: das Subunternehmen hat seine eigenen Ziele, die konträr zu jenen der lokalen Bevölkerung ausgerichtet sind, und dieser – bei Erreichen ihrer Ziele – nicht den erhofften Nutzen bieten kann.“

Die unterschiedliche Erwartungshaltung der lokalen Bevölkerung und der Akademieleitung wurde auch in den zahlreich geführten Interviews deutlich. So hatte die Bevölkerung durchaus Erwartungen an Red Bull, vor allem weil man das Land beinahe gratis hergegeben hatte und so von einer sozialen Gegenleistung ausging. Dabei handelt es sich hauptsächlich um drei konkrete Forderungen, nämlich um die Aufnahme von lokalen Jugendlichen in die Akademie, den Zugang zu Wasser und der Verbesserung der Straßen. Red Bull hingegen sprach von überzogenen Erwartungen und betonte, dass man kein UNICEF-Projekt durchführe. Red Bull zeigte generell auch wenig Interesse an einer Zusammenarbeit mit lokalen Fußballverbänden oder politischen Vertretern, man beschränkte sich auf das Nötigste. Selbst das sportbezogene Personal bestand hauptsächlich aus Europäern. Die klare Separation der Europäer von der lokalen Bevölkerung kommt auch in der getrennten Unterbringung von lokalen Angestellten und Europäern in der Akademie zum Ausdruck.

„Vor dem Hintergrund dieser Ansichtsweise und den geschilderten Umständen, Dispositionen und Handlungen, erinnern Red Bulls Strukturen innerhalb und außerhalb der Akademie an historische Muster des (ungleichen) Verhältnisses von globalen AkteurInnen zu lokaler Arbeit und lokaler Ressourcen, auf Basis derer ein einvernehmlicher Austausch, eine egalitäre – sich für beide Seiten potentiell lohnende – Interaktion als von vornherein schwer umsetzbar anzunehmen ist.“

Nach dem Rückzug von Red Bull aus Ghana, darf man gespannt sein, ob die neuen Eigentümer gewillt sein werden, diesen egalitären Diskurs mit der lokalen Bevölkerung zu führen. Dann könne man auf eine Einrichtung hoffen,

„die weniger auf sportlichen Drill und Ertrag, dafür mehr auf ein Zusammenwirken der Kräfte ausgerichtet ist, in sportbezogener, schul- und berufsbezogener, wirtschaftlicher gleichsam wie gemeinschafttsorientierter Hinsicht.“

Interview mit Autor Martin Kainz

Wolfgang Marks (neuwal.com): Was hat Sie bei der Recherche zu Red Bull Ghana am meisten überrascht?

Martin Kainz: Zuallererst überraschte und erfreute mich der Umstand, dass ich überhaupt Zugang zur Akademie bekam und über Wochen weitgehend frei recherchieren konnte. Hierfür bin ich Red Bull dankbar. Die Mechanismen und Strukturen in der Akademie betreffend, überraschten mich zwei Dinge: einerseits der Umstand, dass zwischen EuropäerInnen und GhanaerInnen in der Akademie bewusste Distanz herrschte, auch ihre Wohnbereiche innerhalb der Akademie klar voneinander getrennt waren. Andererseits, Bezug nehmend auf die Spielersuche, verwunderte mich der Umstand, dass an den Jugendlichen, die für eine Aufnahme in die Akademie in Frage kamen, Handwurzelröntgen durchgeführt wurden. Um das biologische Alter der Spieler festzustellen, aber auch um die zu erwartende Größe im Erwachsenenalter abschätzen zu können. Sofern die ausgewerteten Daten nicht den Ansprüchen von Red Bull entsprachen, wurden Spieler nicht in die Akademie aufgenommen. Also Ausscheidungsgründe basierend auf biologischen Voraussetzungen. Vorgehensweisen, die nach ethischen Kriterien sehr verwerflich sind.

Der Output war im Vergleich zum Input ja äußerst dürftig. Nach der Lektüre des Buches habe ich den Eindruck, dass Red Bull doch eher naiv an die Sache herangegangen ist. Deckt sich das mit Ihrer Einschatzung und wenn ja: Überrascht es Sie, dass ein Konzern wie Red Bull, der meist wohl überlegt agiert, so gravierende Fehler in der Umsetzung macht?

Zweifelsohne hat Red Bull versucht, erfahrene Leute für das Projekt zu finden. Zumindest was die sportlich-technische Ausbildung anbelangt. Gefehlt hat es Red Bull aber definitiv an ortskundigen, lokal erfahrenen Personen. Auch am Willen, die Strukturen in der Akademie so aufzusetzen, dass europäisches und ghanaisches Personal gleichermaßen, auf gleicher Ebene in das Tagesgeschäft der Akademie eingebunden ist. Zwar versuchte man ab 2010, vor allem für die Spieler mehr Sicherheit zu schaffen, Richtung Vertragsdauer und Ausbildung.

Vordergründig ging es aber trotz allem um den sportlichen Erfolg. Letztlich überrascht es leider nicht, dass ein gewinnorientierter, transnationaler Konzern im ruralen Ghana nicht die entsprechende Expertise und die notwendige Zeit und Sensibilität mitbringt, um auf mehreren notwendigen Ebenen erfolgreich zu sein: das betrifft den sportlichen Output für Red Bull genauso wie die Perspektiven der Spieler als auch den egalitären Austausch mit lokalem Personal und Umfeld.

Red Bull hat von Beginn weg darauf geachtet, die Medienberichte über die Akademie gering zu halten. Welches Kalkül vermuten Sie dahinter?

Allgemein wurde über die Akademien hierzulande, auch über jene in Brasilien, wenig berichtet. Dies liegt sicher auch daran, dass sich der Konzern dessen bewusst war, dass man sich mit Fußball-Niederlassungen in Südamerika und Westafrika auf unbekanntes Terrain begibt, und man vorerst abwarten wollte, wie und vor allem wie schnell sich die jeweiligen Vorhaben entwickeln. Red Bull Ghana tauchte, wenn überhaupt, nur positiv in österreichischen Medien auf. Bis auf ein Radio-Interview 2010 mit dem damaligen Red Bull Salzburg-Sportdirektor Heinz Hochhauser, in dem erstmals von Vereinsseite von Schwierigkeiten berichtet wurde, und einem Statement von Gerard Houllier, dem nunmehrigen Global Sports Director, 2013 zur letztendlichen Schließung der Akademie, wurde stets eine humane Rhetorik zum Vorhaben gepflegt. Vor Ort aber wurde ein anderes Bild gezeichnet.

Red Bull hat in der Akademie sehr stark auf europäische Expertise und Personal gesetzt. Sie beschreiben in Ihrem Buch auch, dass man die afrikanischen Spieler disziplinieren und so auf Europa vorbereiten wollte. Kann man in diesem Zusammenhang von neokolonialistischer Vorgehensweise sprechen oder halten Sie das für überzogen?

Wenn man sich die sportmedizinischen Untersuchungen, die bauliche Trennung von EuropäerInnen und GhanaerInnen, die „Vorbereitungen der Spieler auf Europa“ oder auch die Tatsache vor Augen hält, dass man zu dem umliegenden Umfeld kaum Kontakt hatte, wird man durchaus an koloniale Mechanismen erinnert. Derlei bewusste Absichten möchte ich dem Leitungspersonal der Akademie, auch dem Sitz in Salzburg, nicht unterstellen. Wohl aber hätte es mehr Bewusstsein und Raum gebraucht, um – als Ableger eines europäischen Konzerns in einem peripheren, historisch, von europäischer Seite stark negativ, kolonial geprägtem Gebiet – konsensualer vorzugehen, ohne dabei rein auf den sportlichen Erfolg zu achten. Sondern – mit dem Potenzial des Eigentümers – auch Notwendigkeiten wie Vertrags- und Ausbildungssicherheit für die Spieler, Arbeitsplatzsicherheit für das Personal und die Einbindung der umliegenden Bevölkerung zu berücksichtigen.

In Ihrem Buch machen Sie auch deutlich, dass viele Jugendliche den Fußball als Sprungbrett nach Europa sehen? Warum ist dieser Irrglaube vom heilbringenden Europa so gefährlich?

Nicht nur die Jugendlichen, auch deren Eltern sehen im Fußball oftmals das größte Potenzial zu sozialem Aufstieg und stellen die fußballerische vor die schulische Ausbildung. Dies wird einerseits durch die breite mediale Vermarktung des europäischen Fußballs in Afrika geschürt, auch durch die Idealisierung erfolgreicher afrikanischer Spieler, sowie durch den in vielen Bereichen verbreiteten Irrglauben, dass man es, erstmal in Europa angelangt, „geschafft“ habe. Diese anziehenden Faktoren gepaart mit den Angeboten und Versprechungen der vielen informellen, unprofessionell arbeitenden Spielervermittler oder „Förderern“, europäische wie afrikanische, bieten genügend Nährboden für Trugbilder und Ausbeutung. Da kommt es nicht selten vor, dass die Spieler entweder noch in ihren Herkunftsländern – ohne abgeschlossene oder begonnene Ausbildung – feststellen, dass der Fußball schließlich der falsche Weg war, oder aber, sofern sie den Weg nach Europa finden, vergebens darauf warten, bei dem versprochenem Verein oder auch irgend einem anderen Arbeitgeber aufgenommen zu werden. Akademien, vor allem auch europäische, arbeiten hier oftmals in die entgegengesetzte Richtung. Vielmehr braucht es Einrichtungen, die neben dem sportlichen Weg ausreichend Optionen für Schule und Berufsausbildung ermöglichen.

Wer noch mehr über das Buch erfahren will und den Autor gerne persönlich kennenlernen möchte, dem legen wir noch folgenden Termin ans Herz:

Buchpräsentation: Red Bull Ghana – Eine Akademie auf verlorenem Boden
Mit Werner Zips (Einleitung) und Martin Kainz (Autor)
Ort und Zeit: Montag, 20. Oktober um 19 Uhr im Afro-Asiatischen Institut (AAI), Großer Saal,
Türkenstraße 3, 1090 Wien
Eintritt frei!


Martin Kainz
Red Bull Ghana. Eine Akademie auf verlorenem Boden.
176 Seiten
ISBN 978-3643505965
Preis: 19,90 Euro (broschiert)

 

 

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Der gebürtige Oberösterreicher Wolfgang Marks lebt seit nunmehr gut 10 Jahren in Wien und hat hier Politikwissenschaften und Internationale Entwicklung studiert. Schon immer sah er in einer richtig verstandenen politischen Bildungsarbeit einen wesentlichen Schlüssel zum Funktionieren einer Demokratie. Nur durch aktive Teilhabe reflektierter, kritischer Menschen kann solch eine Form des Zusammenlebens überhaupt möglich sein. Bei neuwal will er daher aufzeigen, dass jedeR Politik positiv und konstruktiv mitgestalten kann. So holt er als Ressortleiter des innowal innovative Projekte vor den Vorhang, engagiert sich beim LANGEN TAG DER POLITIK und versucht in seinen Artikeln auf oft vergessene Politikfelder wie beispielsweise die Entwicklungspolitik einzugehen.