Gedanken zur politischen Kultur Österreichs und dem Problem der fehlenden Distanz zum NS-Gedankengut.
Ein Kommentar von Susanne Zöhrer

Jetzt hat es wieder mal ein paar erwischt. Zwei ÖVP Gemeinderäte fühlten sich im Bezug auf Ausschnitte aus dem jüngsten Film von Ulrich Seidl beim lustigen Zuprosten in einem mit NS-Devotionalien zugekleisterten Keller ein bisschen ungut ertappt. Ihr Mandat haben sie mittlerweile zurückgelegt, ein sehr bitterer Nachgeschmack bleibt.

Stammtischdunst und Schunkelstimmung

Es ist ja nichts Neues in unserem Land und es scheint, als würde die ganze Naziaffinität niemals ein Ende nehmen, auch wenn man sich rein mathematisch ausrechnen kann, dass es bald nicht mehr viele geben wird, die aus erster Hand in Nostalgie schwelgen können, dass damals alles viel besser war. Trotz allem gibt es Vorfälle, wie jene aus der vergangenen Woche, mit beängstigender Regelmäßigkeit.

Denn auch ein gewisser Siegfried Kampl hat von sich reden gemacht. Wieder. Diesmal blieb der FPÖ nichts anderes übrig, als ihn aus der Partei auszuschließen. Die Rechtfertigung von Heinz-Christian Strache dazu, dass jemand, der mit dem Nationalsozialismus liebäugelt, in der FPÖ nichts verloren hätte, klingt dabei wie ein schlechter Witz.

Schließlich ist Siegfried Kampl kein unbeschriebenes Blatt. Bereits vor Jahren kam er ins Gespräch, als man ihn beinahe zum Präsidenten des Bundesrat gewählt hat und man extra ein Gesetz erlassen musste, um das Schlimmste zu verhindern. Bis vor kurzem also blieb er Mitglied der FPÖ, was wiederum zeigt, dass man hierzulande nicht die Gesinnung dieser Leute an sich verteufelt, sondern bloß die Tatsache, dass sie immer wieder dumm genug sind, sich dabei auch vor größerem Publikum erwischen zu lassen.

Da ist der Weg dann auch nicht mehr weit und man schlägt auch schnell den Bogen zur NR-Abgeordneten Barbara Rosenkranz, die, vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bestätigt, als Kellernazi bezeichnet werden durfte. Womit in der FPÖ wohl auch niemand Probleme hat.

Vom Keller ins Sonnenlicht

All diese Leute, egal welcher Partei sie letztlich angehören, arbeiten seit Jahr und Tag in den allerhöchsten Funktionen. Ihre Gesinnung verbreiten sie an den Stammtischen der Nation und sie leben sie in ihren Ämtern.

Die Tatsache, dass es mit schöner Regelmäßigkeit den einen oder die andere erwischt, dass ihnen mal ein markiger Sager vorm Mikro eines Journalisten auskommt, der vermutlich total aus dem Zusammenhang gerissen wurde, und sie blöderweise dann zum Rücktritt zwingt, ändert nichts daran, dass sie seit Jahrzehnten in ihren Parteien und ihren Gemeinden als integrale Bestandteile fungieren.

Und genau hier ist das Problem dieser vermeintlichen Kellerbewohner. Sie haben allesamt kein Problem damit, dass sie die Zeit von 1938 bis 1945 gerne wieder heraufbeschwören möchten, ja, sie finden in unserem Land regelmäßig willige Zuhörer, die gerne das Glas auf diesem nationalen Stammtisch mitergreifen und im Chor bestätigen würden, dass endlich wieder ein starker Mann hergehört.

Solange man also derartige Leute in Parteistrukturen einbindet, solange fast ein Drittel oder mehr der wahlberechtigten Bevölkerung in Österreich bereit ist, die extreme Rechte zu wählen, solange ist es fast schon Makulatur, ob einer von diesen Leuten nun Parteimitglied ist oder nicht.

Foto: Takeaway/Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

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Susanne Zöhrer

Susanne Zöhrer ist promovierte Soziologin und ist bei knallgrau für Text und digitale Strategie tätig. Derzeit ist sie in Bildungskarenz und treibt ihr Jusstudium weiter. Bei neuwal meldet Sie sich mit politischen Kommentaren zurück. Twitter Blog

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