Nachhaltig statt kapitalismuskritisch, bio statt vegan. Das Gesicht der Grünen hat sich geändert. Absichtlich.

Ein Kommentar von Thomas Knapp

Wofür steht ein Verein, der ein Kampagne startet, die das Ziel hat, „es den Leuten [zu] erleichtern, regional und bio einzukaufen“, und zu diesem Zweck einen Stadtplan mit Einkaufstipps herausgibt, Rezepttipps sammelt und mit Unternehmen kooperiert? Wie immer man auch antwortet, man käme wohl nicht leicht auf die Idee, von Politik zu sprechen.

Aber es geht um keinen einfachen Verein, sondern um eine politische Partei. Die Grazer Grünen starteten die Kampagne „Graz isst Graz“. Kann man bei dieser, möglicherweise mit Steuergeldern finanzierten 1, Werbung für einzelne Unternehmen auch nur in Ansätzen von „Politik“ sprechen? Können zumindest wohlgesonnene BeobachterInnen eine politische Botschaft aus der „Feel good“-Kampagne der Grünen destillieren? Und wenn ja, wie lautet sie und was hat sie mit progressiver Politik zu tun?

Ich gestehe – das sind im Wesentlichen Scheinfragen. Die ganze Kampagne hat nur insofern mit Politik zu tun, als sie politisches Marketing ist. Die Botschaft ist wohl, dass man sich gut fühlen und dieses Gefühl mit den Grünen assoziieren soll. Und progressive Politik? Damit hat das Ganze natürlich nichts zu tun. Aber viel mit dem neuen Stil der Grünen. Den haben nicht die Grazer Grünen erfunden.

Marketing statt Politik

Die Grünen wollen wachsen, das heißt: Stimmen dazugewinnen. Dazu haben sie sich entschlossen, die Verwässerung ihrer ursprünglichen Positionen mit Vollgas zu betreiben. Vom „Bürgerschreck“ bleibt nichts mehr übrig. Statt Kapitalismuskritik spricht man lieber von nachhaltigem und regionalem Wirtschaften. Statt Veganismus oder Vegetarismus sagt man lieber Bio. Das tut alles niemandem weh, wie auch? Es bedeutet ja keinerlei Veränderung, sondern Systemerhalt.

Ein Symptom dieser Entwicklung ist das berühmte „EVA-Magazin“, das im Kern aussagt, dass die Grünen 16jährige für komplette VollidiotInnen halten, denen man Inhalte auf die dümmstmögliche Art vorkauen muss. Wenig überraschend reagierten die Jungen Grünen nicht gerade glücklich.

Ob die Marketingstrategie aufgeht, ist eine interessante Frage. Man könnte auf den ersten Blick meinen, die Antwort sei ja. Aber bei genauerer Betrachtung wird man unsicher. Möglicherweise sind die Ergebnisse die grünen Limits, und sie werden nur durch geschicktes Marketing ausgereizt. Aber dass in einem Umfeld der implodierenden etablierten Parteienlandschaft die andere Oppositionspartei FPÖ so viel leichter so viel mehr dazugewinnt, und die NEOS aus dem Nichts kommend in einem ähnlichen WählerInnenpool fischend wie die Grünen größere Zugewinne einfahren, könnte auch ein Indiz dafür sein, dass das Fokussieren von Marketing zulasten von Politik für die Grünen nicht funktioniert.

Wofür stehen die Grünen? Ihr Marketing steht dafür, dass die Leute, denen es in unserer Gesellschaft besser geht, sich deshalb nicht schlechter fühlen müssen. Weil sie ja eh bio einkaufen und grün wählen. Placebos gegen Schuldgefühle und Unbehagen quasi.

Foto: Bestimmte Rechte vorbehalten von Die Grünen OÖ/Flickr, Bearbeitung neuwal.com

Quellen und Fußnoten:

  1. Parteienförderung