Angebliche Neonazis demonstrieren am „Marsch für die Familie“, geschützt von der Wiener Polizei, Seite an Seite mit, um die Moral und den Fortbestand der „Menschlichen Rasse“, besorgten Christen. Dabei verteilen sie einen neonazistischen Flyer. In die „Mainstream Medien“ hat es diese Nachricht unter anderem wegen der Fotos von neuwal.com „geschafft“. Nicht immer wurde dabei das Urheberrecht des Fotografen geachtet. Grund genug für einen Kommentar von Daniel Weber

Pressefotos

Es gibt halt solche und solche. Und auch wenn ich vom Standard einen, na ja, Spottpreis für das Foto erhalten habe – die haben wenigstens gefragt. Zu blöd zum Fragen? Hmm. Der ÖH und eben dem Standard wars halt nicht zu blöd. Und haben gefragt. Und bezahlt. Dieses „Pressefotograf-Sein“ wird schon langsam mühsam. Vorbei die Zeiten, als ich das alles einfach auf den #‎unibrennt‬ Flickr-Account hochgeladen und mit einer creative commons- Lizenz versehen hab, und aus. Aber egal, mein Problem.

Deppert sein alleine reicht eben nicht

Schwierig ist die Frage, ob die Ansicht der Polizei, es läge kein Tatbestand vor, im Falle des fahnenschwingenden jungen Mannes am Foto, so falsch ist. Bis jetzt hab‘ zumindest ich keinen wirklichen Experten zu der Causa befragt gehört oder gelesen. Deppert sein alleine reicht eben nicht aus. Und dass der Flyer grenzwertig ist und Grenzen bewusst überschreitet, na ja, welche Wahlkampfkampagne der FPÖ, seit Jörg Haider, war das nicht? Aber nationalsozialistisch? Der Neonazi 2014 hat halt nicht „Ich bin ein Neonazi“ auf die Stirn tätowiert. Was ihn nicht weniger gefährlich macht.

Und ohne die zweifellos in einem gedanklich vorvorigen Jahrhundert positionierte, mit teilweise menschenverachtenden Positionen und Aussagen gespickte, Kundgebung sogenannter Christen verteidigen zu wollen: die Leute, die auf einer öffentlichen Kundgebung mitmarschieren, kann man sich als VeranstalterIn der Kundgebung nur schwer aussuchen. KundgebungsanmelderInnen, deren Demos irgendwann in unnötigem Chaos (von wenigen Unbekannten ausgehend) und vielen Anzeigen gegen völlig Unbeteiligte, endeten, werden das glaube ich genau so sehen.

§ 285 StGB Verhinderung oder Störung einer Versammlung

Beunruhigend ist aber dieses „Stören einer Versammlung“ Dingsbums. Der neueste heiße Scheiß, den die Wiener Polizei gegen Demonstrierende, besonders gegen solche, die sich rassistischen, faschistischen oder homophoben, Aufmärschen entgegenstellen, in petto hat. Einerseits Demonstrationen aus Sicherheitsgründen verbieten und andere unbedingt, koste es was es wolle, durchprügeln müssen? Jedenfalls eine seltsame, schon länger andauernde Entwicklung.

Wie auch immer. Als Pressefotograf, mit teuer bezahltem „Presseausweis„, befinde ich mich in einer besonderen Position, nämlich der des neutralen Beobachters. In die Rolle eines politischen Aktivisten möchte ich mich dabei nicht drängen lassen. Das wäre sowohl denen gegenüber, die wirklich aktivistisches Engagement zeigen, bereit sind, für eine Sache zu kämpfen und in Kauf nehmen, dafür Repressalien über sich ergehen zu lassen, nicht fair und auch mit einer, für mich als Journalisten erstrebenswerten, gewissen Objektivität (und ich weiß: so etwas wie Objektivität kann es nicht geben) nicht vereinbar.

Wie wir uns gegenseitig das Geschäft kaputt machen

Und dazu gehört halt auch, dass ich mit den Fotos, die ich mache und veröffentliche, Geld verdiene. Besonders dann, wenn das Medium, das meine Fotos verwendet, selbst damit Geld verdient. Das ist meine Leistung, mein Handwerk. Mein Gewerbe. Und es geht nicht nur um die goldene Nase, die ich mir dabei verdiene, es geht um die gesamte Branche, den professionellen Journalismus. Es geht um das Prinzip. Egal wie knapp bemessen das Budget der Fotoredaktion des jeweiligen Mediums auch immer ist. Und wurscht, ob die Praktikantin, die aus Kostengründen den Wochenenddienst geschoben hat, das nicht weiß: Fotos aus dem Internet sind nie gratis. Zumindest kosten sie die Zeit, die es braucht, zu recherchieren, ob sie denn wirklich gratis sind.

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Daniel Weber, geboren 1980 im weststeirischen Voitsberg, lebt seit 2001 in Wien. Der Behindertenbetreuer studiert Bildungswissenschaften und ist bei neuwal verantwortlich für das Ressort Protest-Aktion-Demonstration.